Rund um den Königssee im Berchtesgadener Land

Regen fällt. Wolken hängen tief. Der Jenner verschwindet im grauen Nebel, genauso wie alles andere um uns herum. Bestenfalls Erzgebirgsfeeling kommt auf. Von majestätischen Gipfeln keine Spur.
Mein Blick schweift über den Parkplatz in Schönau am Nordufer des Königssees. Dessen enorme Ausmaße lassen Schlimmes befürchten, wie das hier alles im Juli bei strahlendem Sonnenschein sein muss. Nun aber ist es Anfang Oktober, der Herbst zeigt sich von seiner grauen Seite. Im Windschatten einiger Japaner schlendern wir durch den noch verschlafenen Shopping-Boulevard, welcher den Parkplatz mit dem See verbindet. Neben Souvenirshops, Hotels, Restaurants und Brotzeitstuben gibt es auf dem Weg zum See hinab noch einen großen Laden für Sportequipment, vermutlich um letzte Wanderausstattung zu erstehen, denn ist der See einmal erreicht, hat es nur noch Wald und Berge. Es scheint, als wolle man auf diesen fünfzig Metern Einkaufsstraße sämtliche Klischees und Fantasien über Bayern bedienen. Brezeln, Filzhüte, Kräuterschnaps, Bierkrüge, dazu der übliche Souvenirkram: vom T-Shirt über Tassen, Taschen und Kuscheltieren bis hin zu Postkarten, Blechschildern mit Sprüchen in Mundart und Süßigkeiten gibt es alles, was man sich in seinen bayerischsten Träumen nur erdenken kann.

Am Seeufer wird geheiratet. Unter weißen Pavillonzelten, geschützt vor den himmlischen Fluten, die nur schlecht Gesonnene als böses Omen deuten können, wird ein Buffet hergerichtet. Die Herberge am Platze, das Hotel „Schiffmeister“, thront mit seiner Giebelfront vor dem See. Drei Etagen mit Balkonen in uriger Holzbauweise schütten Fontänen von leuchtend roten Geranien ins Panorama. Ja, so stellt man sich Bayern vor!
Überhaupt ist hier am Seeufer alles wirklich, wirklich malerisch. Das Wasser leuchtet am Ufer blaugrün wie am Mittelmeer, etwas weiter draußen dann blau, so blau wie ein Saphir, selbst jetzt bei nebelgrauem Himmel! Ringsum ragen die bewaldeten Berghänge steil hinauf, verschwinden in der Wolkendecke und geben ihr Geheimnis nicht preis, wie hoch sie tatsächlich sind. Nur der Grünstein ragt mit seinen 1300 Metern über dem See auf.

Seelände am Königssee
Am Schönauer Ufer des Königssees – Anlegestelle Seelände

Der Abfluss des Königssees erfolgt über ein mittelalterlich anmutendes Wehr am nördlichen Seeufer. Dort bildet der See eine kleine, flache Bucht mit glasklarem Wasser. Dahinter beginnt die Königsseer Ache, die sich in Berchtesgaden mit der Ramsauer Ache vereint. Das Wehr diente früher der Holztrift. Wie an vielen anderen Orten in der Umgebung wurden die Gebirgsflüsse zum Transport des in den Wäldern geschlagenen Holzes genutzt. Mancherorts, wie in der Wimbachklamm bei Ramsau, dienen die alten Holzstege der Flösser an den Schluchtwänden heute den Besuchern als Wanderwege.

Unweit des Wehrs entdecken wir eine ästhetische Katastrophe. Hinter einem winzigen Gestüt mit zwei schwarzen Pferden auf einer kleinen Koppel zieht sich die Eisarena Königssee den Hang zum Fuße des Grünsteins hinauf. Unzählige gelbe Postfahnen reihen sich davor auf. Der silberne Stahlkoloss mag sicherlich regionalen Stolz symbolisieren – immerhin wurde die Bahn bereits 1959 gebaut und war seitdem immer wieder Austragungsort für Welt- und Europameisterschaften – aber er passt einfach ganz und gar nicht in die Landschaft, unmittelbar im Schatten eines Nationalparks. Das Bauwerk zerreißt die malerische Idylle am See, aber das mögen vielleicht nur wir als Außentstehende so empfinden.

Wir kehren zurück zum Pier vor dem Hotel und folgen dann dem Wanderweg zum Malerwinkel, einem Aussichtspunkt am östlichen Seeufer, von wo aus der Blick über die Weite des Sees bis nach St. Bartholomä geht. Vorbei an den Bootsschuppen und der Werft geht der Weg recht steil bergan.
Der zehnminütige Fußmarsch führt durch Laubwald. Regen prasselt auf uns nieder, es wird zunehmend ungemütlich. Der Aussichtspunkt liegt einige Meter unterhalb des gut dreieinhalb Kilometer langen Rundweges. Der See verschmilzt mit dem Grau der Wolken und dem niedergehenden Regen. Die kleine Kirche am Ende der Sichtachse ist nicht zu erkennen. Der nasskalte Herbst scheint uns heute um den Ausblick betrogen zu haben. Das Verweilen fällt schwer. Erst daheim merke ich beim Betrachten des Fotos, dass auch dieser Anblick, eine Komposition aus Grau und Sepia, einen Zauber hat, den ich nie erahnte, solange ich mich von den tiefblauen Schönwetterfotos des Sees blenden ließ.

Malerwinkel Königsee
Der Blick über den Königssee am Malerwinkel

Ich schließe ein wenig Frieden mit der Oktobertrübsal und erwarte gespannt unseren zweiten Ausflug zum See. 48 Stunden später ist der riesige Parkplatz noch leerer. Nur die Japaner sind immer noch da. Was sie ausgerechnet hierher verschlägt, bleibt mir ein Rätsel. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele von ihnen in anderen Teilen Deutschlands gesehen zu haben. Die fernöstlichen Vorstellungen von unserem Land scheinen äußerst einseitig zu sein…

Wir lösen Tickets am Pier. Der Platz ist gähnend leer, ebenso wie die Verkaufsschalter. Trotzdem weist mich eine ältere Dame auf der anderen Seite der Scheibe darauf hin, ich möge doch zu ihrer Kollegin gehen, weil sie nur für Gruppen zuständig sei. Ordnung muss eben sein. Immerhin, das Glück ist uns am Nebenschalter hold und wir bekommen unser Familienticket. Einmal nach Salet und zurück.

Luitpold
Luitpold Prinzregent von Bayern

Als Letzte besteigen wir das Schiff und schon geht die Fahrt los. Lautlos schnürt der Ausflugskahn durchs Wasser. Auf den Elektroantrieb der Schiffe ist man hier sehr stolz, zumal es so umweltschonend schon seit dem Jahr 1919 zugeht. Der damalige Prinzregent Luitpold von Bayern, welcher diese geräuschlose Art der See-Fahrt erdachte, hatte aber mit der Ökologie nichts am Hut. Ihm ging es dabei vor allem um die ungestörte Jagd und den Fischbestand im See. Luitpold ist im Berchtesgadener Land allgegenwärtig. Im Stadtpark von Berchtesgaden, gleich neben der Minigolfanlage, steht eine übergroße Bronzestatue mit einer Widmung aus herzlichen Worten der Stadt anlässlich des 90. Geburtstages des Regenten. Sein Ebenbild wirkt sympathisch und irgendwie auch modern, wenn man mal von der Flinte in seinem Arm absieht. Er trägt einen Hut, Lederhosen und wollige Kniestrümpfe, den Bart äußerst trendig (ich glaube man nennt es einen Ducktail), raucht eine Zigarre und entspricht so ganz und gar dem, was man vor einiger Zeit als lumbersexuell bezeichnete, eine Art gestählter Hipster mit Vollbart und (zumindest optisch) einer Affinität für die wirklich harte Seite der Natur. Das alles soll nun überhaupt keine Beleidigung des Prinzregenten sein. Im Gegenteil, ich glaube, er käme in der heutigen Zeit gut zurecht – und die heutige Zeit mit ihm. Da gab es in Berchtesgaden schon ganz andere…

Neben dem Kapitän besteht die Besatzung aus einem weiteren Mitarbeiter der Königsseer Schifffahrt. Letzterer übernimmt während der Fahrt das Entertainment. Es geht zunächst an der einzigen Insel des Königssees vorbei. Das winzige Eiland heißt Christlieger oder Johannisinsel. Der nördliche Bereich des Sees rund um den Pier nennt sich Seelände. Hier stehen die dunkelbraunen Bootsschuppen und hier befindet sich auch die Werft, in welcher die Hobbykapitäne – allesamt sind beruflich im Handwerk tätig – in der kühlen Jahreszeit die Schiffe reparieren oder auch mal ein neues bauen. Unser nebenberuflicher Unterhaltungskapitän wirkt ein wenig gelangweilt. Vielleicht liegt es am Wetter, das dem Gemüt tatsächlich zusetzt. Vielleicht ist es aber auch eine Form urbayerischen Temperaments, welche ich schlichtweg nicht gewohnt bin. Für die Japaner übersetzt er jedenfalls sein Programm auf Englisch, was ich wesentlich unterhaltsamer finde als die deutsche Version. Während wir an der Johannisinsel vorbeischippern, beginnt er mit den Schauergeschichten: die unsägliche Tiefe (190m) und Kälte des Sees, die Artenarmut an Fischen (im Prinzip gibt es nur Forellen, aber davon wächst in den unerreichbaren Tiefen manch stattliches Exemplar heran), das tückische Wetter, Stürme und menschliche Tragödien darin…

Am Malerwinkel windet sich der See nach Südwesten. In einer scharfen Rechtskurve um die Felswände herum nähern wir uns der berühmten Echowand. Hier kommt das Schiff zum Stehen und der Kapitän packt seine Trompete aus. Er spielt eine Melodie, das Echo ist artig und folgt den physikalischen Gesetzen. Anschließend gibt es Applaus und dann geht er reihum und sammelt Klimpergeld ein. Ja, ich gebe zu, ich war in diesem Moment entsetzt. Mir kam ein Ausspruch von Friedemann Sonntag in den Sinn: „Das ist kein Ausflugsdampfer, das ist ein Piratenschiff…“ (wer mag, bei youtube: SOKO Stuttgart, Staffel 3, Folge 21)
Unserem Obolus folgt ein weiterer Kalauer – vermutlich zum tausendsten Male vorgetragen: Er habe diese Melodie, ein Brautlied, aus einem ganz bestimmten Grund ausgewählt (ein Pause formuliert den Spannungsbogen), er könne nämlich kein anderes. Am Ende stimmt das sogar…

Wir erreichen den Anleger Kessel, von wo aus ein steiler Wanderweg zur Gotzenalm hinauf führt. Der Almabtrieb ist dieser Tage in vollem Gange, aber von den hochgelegenen Almen wie dieser, ist das Vieh längst verschwunden. Dort oben liegt bereits Schnee. Das Wetter klart tatsächlich auf und im Laufe des Tages geben sich hier und da zwischen Wolkenfetzen die Gipfelzüge zu erkennen. Der Nadelwald tausend Meter weiter oben ist mit Frost überzogen und sieht wie mit Puderzucker bestäubt aus. Zwei Wanderer verlassen das Schiff. Der Kapitän wird ernst, mahnt zur Vorsicht.

Frostige Baumwipfel

Das Schiff legt ab. Schweigend schauen alle den beiden nach, wohlwissend, dass die Berge weit mehr Tragödien hervorbrachten, als der See. Und auch am Nachmittag ist der Helikopter über dem See wieder unterwegs, umrundet den Watzmann, kehrt zurück mit einem Bündel am Langseil. Das geht einige Male so. Ob es die Bergwacht war, oder die Gebirgsjäger, welche bei Berchtesgaden stationiert sind, bleibt unklar.

Das Schiff nähert sich St. Bartholomä. Die weiße Kirche mit dem aus roten Holzschindeln gedeckten Dach ist das Wahrzeichen des Königssees. Im Schatten des Watzmann lockt es nicht nur Touristen an, sondern auch Pilger. Und Feinschmecker. Dazu hält unser Kapitän eine neuerliche Anekdote bereit. Nachdem er das Restaurant nebst Räucherstube in den höchsten Tönen gelobt hat, fügt er fast schon entschuldigend hinzu: „Ich muss das so betonen, denn der Besitzer ist mein Schwager…“

St Bartholomä mit Watzmann
Durch Wolken verhüllt gibt der Watzmann seine Schönheit nicht preis – hier der Blick über St. Bartholomä zur Ostwand

Die Wallfahrtskirche geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Ihren barocken Touch bekam sie aber erst fünfhundert Jahre später. Sie steht unmittelbar am Wasser. In einem Bootsschuppen der Königssee-Fischerei wird fangfrischer Fisch geräuchert. Der würzige Duft vermischt sich mit dem eisigen Wind und macht schlagartig Heißhunger. Hinter der Kapelle befindet sich das ehemalige Jagdschloss, heute also eine Gastwirtschaft unter der kulinarischen Herrschaft eines Schwagers. Hinter dem Gebäudeensemble fällt ein kleiner Park zum Seeufer hin ab. Eine Promenade führt am Wasser entlang und nimmt am Waldrand die Gestalt eines Wanderweges an. Von St. Bartholomä starten die hochalpinen Routen zum Watzmann, unter anderem auch über die berühmt-berüchtigte Ostwand, welche sich an diesem Vormittag hinter Wolkenschleiern verbirgt.

Abseits der Kirche am Seeufer wirkt das 360°-Bergpanorama auf mich ein. Der See liegt tief im Tal, umzingelt von hunderte Meter hohen Felswänden und dicht bewaldeten Steilhängen. Jeder Weg hierher, der nicht über den See führt, bedeutet stundenlanges, schweißtreibendes Wandern und Klettern. Die einstige Unzugänglichkeit und die Gefahren der Anreise lassen mich die ursprüngliche Bedeutung dieses Pilgerortes erahnen. Je tiefer wir in das Tal vordringen, bis an sein Ende beim Röthbachfall, umso deutlicher ist es zu spüren. Die Einsamkeit lastet schwer, hängt wie der dichte Wolkenhimmel tief über dem See, umzingelt ihn wie die umliegende Bergwelt. Man kommt hier nicht so ohne weiteres weg. Kann nicht ins Auto steigen und fahren. Es braucht immer jemanden, der einem hilft, vor allem wenn es gefährlich wird. Wetterumschwünge, Stürme, Steinschläge, manchmal reicht schon ein falscher Schritt, ein verknackster Fuß…
All das spüre ich sehr deutlich, obwohl ich umgeben bin von Kapitänen, Senioren, Familien und Japanern.

Im Zehnminutentakt verkehren die Schiffe auf dem See. Wir nehmen das nächste und schippern gen Süden zum Endpunkt der Route: Salet.
Am Pier ist Toilettenpause. Ein Phänomen. Eine Stunde lang waren die Menschen auf dem Schiff gefangen, abgesehen vom kurzen Abstecher nach St. Bartholomä, wo zu so früher Stunde noch kein halbwegs ziviles Klo auffindbar war. Das dortige „Wanderer-Örtchen“ hinterm Kiosk ist manchem Seniorenpopo eben zu rustikal, aber hier in Salet spielen solche Zimperlichkeiten keine Rolle mehr. Schließlich möchte keiner auf dem weiten Weg zur Fischunkelalm auf der anderen Seite des Obersees die Contenance verlieren. Der Sehnsuchtsort Damentoilette ist erfüllt mit Seufzern, erleichterten aus den Kabinen und verzweifelten aus dem hinteren Teil der Warteschlange. Woher ich das weiß? Als Begleitperson eines minderjährigen Kindes… nun ja, und wo ich schon mal hier bin.

Der Obersee liegt einen knappen Kilometer vom Pier entfernt am Talende. Der Weg führt unmittelbar an der Saletalm vorbei. Zur Alm gehören eine Selbstbedienungsgaststätte, ein Souvenirladen und ein direkt am Südufer gelegener Almkaser. Vor der bis zu neunhundert Meter hohen Sagereckwand wirkt die Kaserhütte winzig klein.
Auch die Geschichte der Saletalm hat einen Bezug zu Prinzregent Luitpold. Dank einer Konzession, einem Hochzeitsgeschenk für das junge Almbauernpaar, aus dem Jahr 1912 zum Betrieb eines Kiosk entwickelte sich die Alm zu ihrer heutigen Gestalt. Hinter der Alm führt der Weg durch Buschland. Kalksteinblöcke übersäen die Landschaft. Moos überzieht hier jeden Stein, jeden Baumstumpf.
Der Wald wirkt magisch, verzaubert und unberührt. Eine unbehelligte Wildnis gleich neben dem gut ausgebauten Wanderweg, von dem sich niemand zu entfernen wagt. Die Feuchtigkeit im Tal kann man förmlich einatmen. Sie tränkt den Boden wie einen Schwamm, frisst sich in morsches Totholz, tropft von den Blättern, rinnt von den Steinen, sammelt sich in Pfützen, Rinnsalen und schließlich im Überlauf, dem Saletbach, der vom Obersee zum Königssee fließt.

Die Schiffe am Pier spucken immer neue Besucher aus. Mittendrin die Japaner. Jetzt, wo der Kapitän nicht länger für Unterhaltung sorgt, konzentriere ich mich auf die Asiaten. Sie scheinen keine Zeit zu haben. Ihre Mobiltelefone, mit denen sie eine Art kybernetische Symbiose bilden, laufen auf Hochtouren. Es vergeht kaum eine Minute, in denen sie nicht ein Selfie machen. Ich vermute, dass dieses Verhalten in ihrer Heimat absolut normal ist, und versuche, mich nicht zu wundern.
Trotzdem habe ich so etwas wie Mitleid mit ihnen. An Tagen, an denen ich viel fotografiere, frage ich mich abends, wie viel ich eigentlich wirklich gesehen habe und wie viel mir nur „vor die Linse“ gekommen ist, ohne dass ich es auch gesehen habe. Zu verweilen und etwas eine Zeit lang einfach zu betrachten, bis ich mich sattgesehen habe, ist mir beim Reisen inzwischen sehr wichtig. Die Dynamik und Beschaffenheit eines Ortes zu erspüren, die Menschen zu sehen, die kommen und gehen, vielleicht mit ihnen ein Gespräch zu führen, die Veränderungen wahrzunehmen, die ein Ort im Laufe von Stunden oder Tagen vollzieht.
Das Phänomen Selfie ist mir ein einziges Rätsel: die fast schon exzessive Wiederholung des eigenen Konterfei vor einer beliebig austauschbaren Kulisse, gepaart mit der mangelnden Ehrfurcht vor dem Ort, an dem sich diese Szene abspielt – was ist es? Die Sehnsucht nach Erinnerung, eitle Selbstverliebtheit oder schnöde Angeberei?

Obwohl es nun mehr Menschen sind, die uns umgeben, gebündelt auf einer Linie, die der Weg zeichnet, wird es stiller in mir drin. Auf der Homepage von Berchtesgaden wird sinngemäß gesagt: „Wenn der Königsee die Perle des Nationalparks ist, dann ist der Obersee ein Diamant.“ Diese Aussage macht mich neugierig und ich bin gespannt auf die Ankunft am See.

Obersee
Blick über den Obersee Richtung Talende mit Röthbachfall und Fischunkelalm

Schon bald wird der Wald licht und der Weg führt auf ein Bootshaus zu. Der See leuchtet blau, umschlossen von dem Talkessel. Am anderen Seeufer liegt in einem sattgrünen Tupfen Weideland die Fischunkelalm. Dahinter stürzt der Röthbachfall von der Felswand hinab. Die weiße Wolkendecke hüllt das Tal ein, als wäre es ein Geheimnis. Der Ort ist perfekte Schönheit, ein Farbspektakel, und der Vergleich mit einem Diamanten wahrlich keine Übertreibung. Ich gehe etwas abseits an dem Bootshaus vorbei in den Wald. Das steinige Ufer ist glitschig, aber der Ausblick lohnt sich.
Der See ist so glatt und still und die gewaltige Bergwelt um mich herum verschlägt mir den Atem. Meine Winzigkeit fühlt sich gut an zwischen den Riesen um mich herum, die seit Jahrtausenden von Kleinigkeiten wie mir keine Notiz nehmen. Ich werde mich wohl unbehelligt von ihnen zur Fischunkelalm schleichen können.

Der Weg führt am Südufer weiter um den Obersee und bietet zahllose Ausblicke. Am Nordufer ragt nahezu senkrecht die Talwand auf. Im Allgemeinen findet man die Aussage, sie sei tausend Meter hoch. Ob man allerdings vom Seeufer aus die gesamte Höhe der Wand überblickt, lässt sich schwer sagen, zumal Nebel da oben. Überhaupt verlieren Höhe, Breite und Distanz in dieser Gegend an Bedeutung. Man taucht ein in eine Welt der Superlative, ob tausend Meter oder fünfhundert – was macht das schon?

Kurz vor der Fischunkelalm verläuft der Weg über einen recht leicht zu begehenden Steig. Der Regen macht das Gestein rutschig und es braucht schon etwas Trittsicherheit. Gut fünfzig Meter über dem Seespiegel bietet sich uns ein grandioser Ausblick auf die Almhütte, die Talwand und den Talkessel. Danach führt der Steig wieder hinunter ans Seeufer und nach wenigen Minuten erreichen wir die Alm. Von Ferne schon hören wir den dumpfen, blechernen Klang der Kuhglocken. Die Luft ist würzig von Dung. Sie stinkt nicht, nein, sie riecht nach feuchter Erde, kühlem Gras und warmen Tieren. Überhaupt umgibt die Alm ein Geruch, dessen Ursprung ich erst einige Minuten später kennen lerne und der mich den ganzen restlichen Tag begleiten soll.

Die Hütte wartet mit Brotzeit auf. Das kulinarische Erlebnis ist eher ein touristisches Muss als die Notwendigkeit sich zu ernähren. Das frische Brot belegt mit Almkäse (hier eine Art Frischkäse) oder Schinken kostet 2,50€ pro Scheibe. Wenn es tatsächlich diese Preise braucht, um eine touristisch hochfrequentierte Alm wie diese am Laufen zu halten, dann läuft grundsätzlich etwas schief. Also vermute ich, dass an einem strategisch so günstigen Ort wie der Fischunkelalm beinahe jeder Preis möglich wäre. Wir packen unsere belegten Brote aus und bekommen aus dem Hintergrund ein Lob für diese „anständige Brotzeit“. Trotzdem, die Kinder sind recht durchgefroren, und so reihe ich mich in die Schlange am Verkaufstürchen und bestelle schließlich zwei Gläser warme Rohmilch, das Risiko möglicher infantiler Darmverstimmungen einkalkulierend. Ich warte lange auf die Milch. Durch das Verkaufsfenster kann ich in die dämmrige Stube aus dunklem Holz schauen. In einem großen Spülbecken werden die Gläser gereinigt. Im Hinterzimmer flackert Feuer. Ein alter Mann hockt auf einem Schemel und beobachtet schweigend das Treiben der jungen Frau, vielleicht seine Enkeltochter. Sie macht alles ohne Hast, ohne große Leidenschaft, wie mechanisch. Den ganzen Sommer über immer dergleiche Trott. Jetzt im Oktober nur noch die Nachwehen der Hochsaison. In ein paar Tagen schließt der Almbetrieb.

Zwischendurch fragt eine Dame neugierig: „Was dauert denn hier so lange?“, und sucht mit flinken Augen in der Stube nach Antworten. Sie will wohl nicht den gleichen Fehler machen wie ich und bestellt Radler. Aber wie das so ist, die Warterei lohnt sich und ich ärgere mich, dass ich nicht gleich zwei Gläser mehr geordert habe. Die Milch schmeckt lecker. Dick und cremig, mild und warm. Sie erinnert mich ein bisschen an den Duft von Muttermilch, süß und weich. Der Geruch ist so intensiv und einzigartig, dass ich ihn den ganzen Tag nicht mehr loswerde.

Am Nachmittag klart es etwas auf. Wolken ziehen schwer durch die Täler oder hängen über den Berggipfeln. Auf der Rückfahrt zur Seelände fahren wir wieder an St. Bartholomä und dem Watzmann vorbei. Ein bisschen nur hat sich der Berg enthüllt. Die Ostwand schimmert hier und da durch den Wolkenschleier. Zurück in der Ferienwohnung im „Haus Waldrast“ in Ramsau gelingt dann immerhin ein Fernblick nach Osten zum Hohen Göll und hinauf zum kahlen, grauen Gipfel des Hochkalter. Doch der König über dem Berchtesgadener Land, der große, schöne Watzmann, der gestattet uns für dieses Mal keine Audienz.

Linksammlung

Unterkunft
„Haus Waldrast“ – Ferienwohnung in Ramsau (bestfewo.de)

Reiseführer (Thalia.de-Portal)
DuMont Bildatlas Chiemgau/Berchtesgadener Land
ADAC Wandern mit Kindern Chiemgau & Berchtesgadener Land

Webseiten mit weiteren Informationen zur Region
Schifffahrt am Königssee
Informationen rund um Schönau und den Königssee
Informations- und Besucherzentrum des Nationalparks „Haus der Berge“ in Berchtesgaden

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