Allgäuer Impressionen

Die enge Kabine der Seilbahn schaukelt über die nahen Wipfel der Nadelbäume. Auf halber Strecke ist erst einmal Schluss. Die blaue Gondel wankt und hüpft leicht im Wind. Auf einem Schild an der nächsten Stütze steht vorsorglich der Hinweis, dass der Halt im Nirgendwo zum Fahrplan dazu gehört. Wer kann, genießt die schöne Aussicht über Oberammergau, das Ammergebirge und das Alpenvorland. Ich kann nicht. Ich stelle mir ununterbrochen vor, was passiert, wenn die Seile den Geist aufgeben. Ein unsinniges Gedankenspiel, aber mein Verstand verweigert die Kooperation. Mir wird schlecht und mein einziger Trost bleibt die Erleichterung, nicht auf die Zugspitze hinauf unterwegs zu sein.

Die Laberbergbahn ist seit 1967 in Betrieb und versprüht pure Nostalgie mit alter Mechanik, knarzenden Rädern und Seilwinden, Metallnieten und mattem Lack. Hightech sucht man vergeblich. Dafür wird die ganze Anlage zu 100 Prozent mit Wasserkraftenergie betrieben. Gleich neben der Talstation fließt die Große Laine. Im Zuge des Hochwasserschutzes wurde das Flussbett aufwendig umstrukturiert. Das Wasser fällt nun bereits weiter oben über viele Stufen, vorbei an Wehrmauern und Geschieberechen in ein Auffangbecken und fließt von dort im verbreiterten und befestigten Flussbett der Ammer entgegen, jenem Fluss, dem Oberammergau seinen Namen verdankt.

Der Ort befindet sich am nördlichen Alpenrand der Zugspitz-Region, eingebettet zwischen den ersten Ausläufern des Ammergebirges. Ein paar Täler weiter folgen Garmisch-Partenkirchen und das Wettersteingebirge mit der Zugspitze. Der Hausberg Oberammergaus ist der 1683 Meter hohe Laber. Und hinauf geht es nun einmal am schnellsten in einer der blauen Gondeln der Seilbahn.

Auf der Aussichtsterrasse des Bergrestaurants bekomme ich den ersten Sonnenbrand des Jahres. Es ist Anfang Oktober. Hier oben ist Sommer. Der Himmel ist blau und klar, die Sicht geht Richtung Norden über den Ammersee und den Starnberger See bis nach München. Im Osten ist das Kaisergebirge zu sehen und im Süden, ganz nah, das Wettersteingebirge mit dem höchsten Gipfel Deutschlands, der Zugspitze.

Kurzentschlossen versetzen wir unser Rückfahrticket und machen uns zu Fuß auf den Weg ins Tal. Vor uns liegt ein vierstündiger Marsch. Zunächst führt der Weg im Zickzack auf steilen, schmalen Pfaden vorbei an jähen Abgründen, aber mit tollen Ausblicken hinter jeder Wegbiegung, bis hinunter zum Soilasee. Statt stillem Wasser erwartet uns verdorrtes Gras. In dem weiten, sonnigen Tal lässt sich der flache See nur erahnen. Außer glitzerndem Matsch hat der trockene Herbst nichts von dem Gewässer übrig gelassen. Doch es fällt nicht schwer sich auszumalen, wie im Frühjahr das Schmelzwasser von den Steilhängen ringsum in den flachen Talkessel strömt und den See wieder füllt.

Wir stoßen auf eine Schotterpiste, der wir noch ein kurzes Stück bis zur Soila-Alm folgen.

In der Almhütte gibt es frischen Kuchen, Kaffee, Bier und Fassbrause. Die Flaschen stehen in einer Viehtränke mit kaltem Bachwasser, der Kaffee duftet und der Kuchen schmeckt herrlich. So gestärkt packen wir den zweiten, deutlich längeren Wegabschnitt an, der über eine Forststraße von der Alm zur Talstation zurückführt. Der Wald verändert sich mit jedem Kilometer, den wir hinabsteigen. Säuselt und pfeift der Wind oben noch durch die Nadelholzwipfel, rauscht er hier unten durch das herbstlich gefärbte Blätterdach. Immer wieder ertönt das kehlige Scheppern von Kuhglocken. Die Tiere können hier frei umher laufen, doch sie stehen meist nachdenklich zwischen den Bäumen. Sie starren uns an, fragend oder gleichgültig, und käuen bedächtig das duftende Waldgrün wieder.

Soila-Alm
Die Soila-Alm.

Die Wegstrecke – insgesamt etwa acht Kilometer vom Gipfel zur Talstation – zieht sich hin. Erst als wir den Abzweig zur Großen Laine nehmen und ihrem Lauf folgen, wird die Wanderung wieder abwechslungsreicher. Der Fluss rauscht laut neben uns her, wie er die hohen Kaskaden herabfällt. Das Wasser zerstäubt hier und da im Sonnenlicht und malt kleine Regenbogen.

Die Bilder, die für gewöhnlich über das Allgäu verbreitet werden, sehen in etwa so aus:  blauer Himmel, Alpenpanorama, Häuser mit Holzbalkonen, von denen Fontänen glühender Geranien fallen, in jedem Dorf eine dieser Kirchen mit den kleinen Kuppeldächern auf den Türmen und natürlich glückliche Kühe auf irrsinnig grünen Wiesen… Sie stimmen alle, diese Bilder!

Allgaeu

Die Schönheit der Landschaft wusste besonders einer auf unnachahmliche Weise in Szene zu setzen: Der bayerische König Ludwig II.

Er wurde nur 41 Jahre alt, doch war er lange genug König, um seine fantastischen (und fantastisch teuren) Ideen in die Tat umzusetzen. Die ganze tragisch-schöne Lebensgeschichte des jungen Prinzen und Königs wurde an anderen Stellen schon ausgiebig erforscht und erzählt. Ein wenig eintauchen in die verklärte Welt des Regenten kann man aber noch immer. Zum Beispiel in Hohenschwangau.  Der kleine Ort bei Füssen liegt an der westlichen Flanke des Ammergebirges und wird überragt von der „Neuen Burg Hohenschwangau“ – wie Ludwig II. sie nannte – Neuschwanstein. In manchen Winkeln der Welt scheint dieses Schloss so sehr mit Deutschland verbunden wie der Schnee mit der Antarktis. Ein Synonym für alles Deutsche quasi. So kommt es, dass wenige Kilometer vor Schwangau ein touristisches Hinweisschild das nahe Ziel Neuschwanstein auf Japanisch verkündet. Nicht Englisch, nicht Spanisch, nicht Französisch. Nur Japanisch, das reicht schon, um die Zielgruppe zu erreichen.

Und damit ist man auch als deutscher Tourist hinlänglich gewarnt, denn in Hohenschwangau vergeht uns ziemlich flott die Lust am Verweilen. Natürlich kann man nicht erwarten, an einem solchen Ort allein zu sein. Zumal man ja, indem man vor Ort ist, nur betont, dass man auch einer von unzähligen Schaulustigen ist. Doch hier herrscht geradezu Pilgerstimmung und Jahrmarktsatmosphäre. Dazu der latente Stress, den die Japaner verströmen. Verständlich, weil sie in den paar Stunden eben doch neben Hunderten von zu schießenden Selfies noch zwei Schlösser besichtigen, Hochzeitsfotos anfertigen lassen, eine Kutschfahrt durch den Ort machen, den Alpsee zumindest kurz angeschaut und Souvenirs gekauft haben müssen und das alles unter enormem Konkurrenzdruck inmitten zahlloser Landsleute. Da zuckt mancher schon mal mit dem Ellbogen oder rennt das eine oder andere meiner Kinder über den Haufen.

Wir fliehen zum Alpsee und machen uns zu einer Totalumrundung auf. Es dauert nur fünf Minuten, dann ist von den Menschenmassen nichts mehr zu sehen. Nach ein paar hundert Metern sind wir tatsächlich allein mit einer unglaublichen Herbstlandschaft. Da denke ich wieder an König Ludwig und seinen unfehlbaren Sinn für Schönheit. Egal von wo aus man sich dem Schloss nähert, es wirkt immer perfekt ins Bild gerückt. Die Spiegelungen auf dem stillen Alpsee geben ein Postkartenmotiv nach dem anderen her. Auf der gegenüberliegenden Seeseite öffnet sich das Panorama dann in seiner vollen Pracht. Ich erinnere mich an einen nicht umgesetzten Plan Ludwigs, eine Art Zipline über den See zu bauen. In seiner Vorstellung sollte man vom Schloss aus in einer Gondel über den See gleiten können. Nicht auszudenken, was hier heute los wäre, hätte er seine Idee in die Tat umgesetzt!

Der Alpsee-Rundweg ist etwa fünf Kilometer lang und dauert ohne größere Pausen gemütliche zwei Stunden. Wer mehr Zeit und Kondition hat, kann von Hohenschwangau aus die deutlich größere Königschlösser-Runde (14km/5h) nach Füssen starten, welche den Alpsee-Rundweg allerdings nicht mit einschließt.

Zurück auf der Ostseite des Ammergebirges und ein Stück weiter nach Süden befindet sich auf dem Weg zwischen Oberammergau und Garmisch-Partenkirchen das beschauliche Ettal. Das Benediktinerkloster am Fuße des Laber ist der Touristenmagnet des Städtchens und ein Besuch der Anlage lohnt sich in jedem Fall.

Das Kloster war seit seiner Gründung 1330 ein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Region. Daran hat sich bis heut nichts geändert. Neben der Klosterbrauerei und –destillerie betreibt die Abtei im Zuge der touristischen Arbeit einen Souvenir- und Buchshop sowie ein 4-Sterne-Klosterhotel und das Restaurant „Bräustüberl“, widmet sich aber auch Land- und Forstwirtschaft. Es gibt eine Käserei, einen Klostermarkt und einen Kräuterschaugarten. Auch wenn die Abtei sich der Tradition verschreibt, man geht hier durchaus mit der Zeit: neben der Nutzung von Wasserkraft und Solarenergie zur Stromerzeugung  betreibt sie seit 2007 eine Biomasse-Heizanlage für alle ihre Einrichtungen.

Von alldem sieht und hört man erst einmal gar nichts, wenn man die stille Klosteranlage betritt. Die morgendliche Herbstsonne glitzert im Tau. Durch den Torbogen gelangt man in den großen, quadratischen Innenhof und steht der strahlend weißen Basilika gegenüber. Die Kirche ist ganzjährig geöffnet. Nur zu Gottesdiensten ist eine Besichtigung, wie überall auch, nicht möglich. Ab Mai kann die tägliche kostenfreie Führung genutzt werden.

Die prächtige Barockkirche verschlägt mir die Sprache. Sogar die Kinder halten mal einen Moment lang den Mund, aber vermutlich nicht aus Ehrfurcht, sondern weil sie in der Kirche nichts hören, außer dem leisen Widerhall behutsam gesetzter Schritte. Sie schleichen also auch ein bisschen wie kleine Diebe zwischen den Kirchenbänken umher, bis sie zu der Ansicht gelangen, die Inneneinrichtung eigne sich perfekt für Versteckspiele.

Das zwölfeckige Mittelschiff ragt wie ein dicker Turm auf. Im oberen Drittel lassen hohe Fenster das Licht förmlich „vom Himmel“ hinunter fallen. Darüber spannt sich die mit Fresken übersäte Kuppel – Darstellungen des Heiligen Benedikts vor dem Gottesthron – von deren Zentrum ein prächtiger Kronleuchter ins Kirchenschiff herab hängt. Ringsum sind sechs Altäre, welche in der Mitte einen Durchgang zum Hochaltar bilden. Das Innere des Mittelschiffs ist weiß und bunt und golden, während das Presbyterium in schummriges Licht getaucht wirkt, ferne (auch durch die samtene Kordel, die den Bereich absperrt) und geheimnisvoll. In einem Tabernakel unter dem Hochaltar, dessen Altarbild die Aufnahme Marias in den Himmel darstellt, befindet sich die aus Pisa stammende Ettaler Madonna. Der Klostergründer, Kaiser Ludwig von Bayern, soll in einer Erscheinung dem Heiligen Benedikt begegnet sein, welcher ihm die Madonna übergab.

Ob Kaiser Ludwig eine solche Begegnung hatte, bleibt sein Geheimnis. Die Klostergründung bot ihm auf jeden Falls nicht nur religiöse Vorteile. Als Wirtschaftszentrum sicherte das Kloster auch bestehende Handelswege über die Via Imperii, die sich von Augsburg nach Verona erstreckte.

NSG Litzauer Schleife
Die Litzauer Schleife.

Unsere Schönwetter-Glückssträhne findet mit einem Sturmtief vom Norden her ein jähes Ende. Bei Nieselregen wandern wir von Burggen im Pfaffenwinkel aus Richtung Lech. Der Fluss, welcher im österreichischen Vorarlberg entspringt, beginnt seinen deutschen Lauf bei Füssen und mündet nach insgesamt 256 Kilometern in die Donau. Hier, nahe Burggen, wendet er sich in drei weiten Bögen, welche Litzauer Schleife genannt werden. Wir stehen am Rande eines Steilhangs. Von der Anhöhe aus kann man dem rauschenden Fluss beim Mäandern zusehen. Der Lech führt bedingt durch den trockenen Herbst wenig Wasser. Die Kiesbänke in der inneren Kurve sind gut zu erkennen. Doch es ist nicht nur das Wetter, das dem Fluss zusetzt. Während der Lech in Österreich als unberührter Wildfluss dahinrauscht, wird sein Lauf in Bayern durch zahlreiche Staustufen, Wehre und Talsperren beeinflusst. Das beginnt bereits bei Füssen mit dem Lechfall und dem Forggensee wo sich das erste von 23 weiteren Wasserkraftwerken befindet.

Die Litzauer Schleife ist ein Naturschutzgebiet, unverbaut und natürlich geblieben. Hellblau rauscht er unten im Tal an uns vorüber, der Lech, und verschwindet in einer letzten weiten Schleife Richtung Schongau, wo er in der Dornautalsperre ein weiteres Mal angestaut wird.

Der Himmel klart auf und die Wiesen beginnen wieder grün zu leuchten. Von der Anhöhe aus sehen wir das gemütliche Burggen. Eine Schar Tauben kreist um den Kirchturm. Ihr Flug erinnert mich an Wellen, die sich auftürmen und dann zusammenfallen, wieder und wieder. Unten in der Senke stehen die glücklichen Allgäuer Kühe, mit dunklen, glänzenden Augen und milchkaffeebraunem Fell.

Apropos… Ein Milchkaffee in der Ferienwohnung, das wäre jetzt perfekt.

Herbstliche Morgenstimmung
Herbstliche Morgenstimmung in Burggen bei unseren Gastgebern Familie Scholz.

Linksammlung

Reiseführer (Thalia.de-Portal):

DuMont Bildatlas Allgäu

Burggen und Lechschleife:

Die Litzauer Schleife (Seite des BUND)

Ferienwohnung Scholz – Urlaub auf dem Bauernhof (bei bestfewo.de)

Oberammergau:

Seilbahn am Laber (Seite des Betreibers)

Wanderung vom Labergipfel zur Talstation (Tourbeschreibung von outdooractive.com)

Neuschwanstein und Alpsee:

Die Königsschlösser-Runde (Tourbeschreibung von outdooractive.com)

Terra X – Superbauten: Schloss Neuschwanstein (ZDF-Mediathek)

Kloster Ettal:

Lageplan des Kloster Ettal (PDF; Internetpräsenz der Abtei)

Informationen zum Kloster Ettal (Wikipedia.de)

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