Naturpark Niederlausitzer Landrücken

Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen

Von der Haustür bis zum Stauende auf der A13 dauert es lediglich fünfzehn Minuten und meine Laune gerät bedrohlich in Schieflage. Wir retten uns über die nächste Ausfahrt ins Umland und passieren beinahe eine Stunde lang jedes Dorf entlang der Autobahn gen Norden, bis das Navi Entwarnung gibt. Die Sonne hangelt sich am Himmel aufwärts, das Licht wird gleißend, die Schatten kurz, die Kontraste scharf. Nicht unbedingt die besten Bedingungen fürs Fotografieren.

eingang

Die Naturlandschaft Wanninchen liegt im Naturpark Niederlausitzer Landrücken, einem  fast 600 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet westlich des Spreewalds zwischen Lübbenau, Luckau und Calau. Die Region ist vom Braunkohletagebau gezeichnet. Das Gelände gehört der Sielmann-Stiftung, die seit dem Jahr 2000 etwa 3300 Hektar Land erworben hat. Dazu zählen der Schlabendorfer See mit ausgedehnten Sandflächen und Dünen im Ufersaum, sowie angrenzende Moore und Sümpfe. Der flache See, ein gefluteter Tagebau, ist Rast- und Brutplatz für Zug- und Wasservögel wie Kraniche, Uferschwalben und Lachmöwen. Am nördlichen Seeufer befindet sich das Besucherzentrum inmitten behutsam gestalteter Lehrpfade.

Der Motor verstummt, einen Moment ist es still im Auto, bis ich die Türe öffne und ohne jede weitere Verzögerung den Strapazen der Anreise entfliehe. Ein Kuckuck ruft irgendwo in den nahen Bäumen, so schön und klangvoll wie er es im Mai nun einmal tut. Das Laub rauscht im Wind und in den weiten Grasflächen der Naturlandschaft Wanninchen surrt und zirpt es unermüdlich. Über die wogenden Gräser flattern Schmetterlinge und Libellen (Chloé weiß sogar, dass es Prachtlibellen sind). Aus den Weihern steigt das sonore Quaken der Teichfrösche und mischt sich mit dem fernen Chor der Lachmöwen, der vom See herüber weht. Zwei Galloways dösen im Schatten niedriger Birken, nur ihre mächtigen Köpfe ragen aus dem hüfthohen Gras.

Im Schatten eines überdachten Aussichtspostens überblicke ich den Schlabendorfer See. Er wirkt unreal, wie eine Mischung aus Ostseestrand und Gletschersee. Die sandweißen Dünen am gegenüberliegenden Ufer sind zerfurcht, wie von Wasser ausgespült. Tatsächlich ist der ganze See noch immer in Bewegung. Das Grundwasser macht die Sandböden rollig und instabil. Immer wieder rutschen die Hänge weg, sackt der Untergrund ab, schafft neue Becken, die sich mit Wasser füllen, und lässt andere Flächen wieder versanden. Ursprünglich sollten der See und die Ufer seit 2012 begehbar sein, doch die Natur spielte ihr eigenes Spiel. Noch immer zieht sich die Renaturierung des Tagebaukraters hin. „Betreten verboten!“, erzählen die Schilder am Ufer, und: „Lebensgefahr!“ – plötzlich tut sich der Boden auf und verschluckt alles, was sich darauf befindet.

Im Osten ragen kahle Baumskelette aus dem See. Dazwischen schimmert das Wasser heller und hier und da haben sich Inseln gebildet. Eine Kolonie Lachmöwen brütet in typisch aufgeregter Manier. Ihr Kreischen weht über das Wasser.

Am gegenüberliegenden Ufer hat die letzte Eiszeit eine Endmoräne aufgeschüttet, deren „Gipfel“ hier etwa 150m über dem Meeresspiegel liegen. Im Gespräch mit der Mitarbeiterin im Besucherzentrum höre ich einen gewissen geografischen Stolz über diese glazialen Überbleibsel heraus. Doch immerhin kann man von mancher Höhe des so genannten Lausitzer Grenzwalls bis zur tschechischen Grenze schauen und bei klarer Sicht sogar Berge wie den Jeschken oder den Löbauer Berg sehen.

Der Lausitzer Grenzwall zieht sich etwa von Weißwasser bis Luckau durch die Lausitz. In den waldreichen Hügeln südlich von Wanninchen lebt ein Wolfspärchen, erfahre ich. Und auch sonst haben sich seit der Renaturierung der Tagebaue wieder viele Arten angesiedelt, die zum Teil ganz verschwunden waren. In den Schilfgürteln der Uferzonen rasten und brüten Kraniche und Gänse. Die wieder entstandenen Moore und Sumpflandschaften beheimaten Biber und etwas weiter südlich, in den lichtdurchfluteten Mischwäldern bei Elsterwerda wurden in den vergangenen zwanzig Jahren Auerhühner wiederangesiedelt. In Wanninchen freut man sich über die Rückkehr von Goldschakal, Wiedehopf und Fischotter. Mit über 190 dokumentierten Vogelarten ist die Gegend ein Paradies für Vogelbeobachter und Fernglas oder Teleobjektiv sollten nicht fehlen. Es ist hier nicht schwer, den ornithologischen Horizont über Amsel, Kohlmeise und Sperling hinaus zu erweitern.

Auch Insekten muss es hier massenhaft geben. Neben den zahlreichen Libellen-, Schmetterlings- und Wildbienenarten umschwirrt mich eigentlich ständig irgendetwas. Das macht es dann auch schwer, sich irgendwo unter einem Baum niederzulassen und der Vögel zu harren, die da kommen. Und sie kommen!

Im Naturerlebnishaus schnappe ich von einer Gruppe Mittfünfziger im Gespräch eine Bemerkung zum Insektensterben auf: „Man hat nach einer längeren Fahrt viel weniger auf der Windschutzscheibe als früher, also muss es schon weniger Insekten geben!“
Die Wahrnehmungen variieren eben.

Hier jedenfalls scheint das Problem vorerst vom Tisch.

 

wasserschloss

Fürstlich Drehna

Wer Natur wirklich beobachten will, in sie eintauchen und sich von ihr umgarnen lassen möchte, der ist in der Naturlandschaft Wanninchen goldrichtig. Mit entsprechender Ruhe und fern jeden Zeitdrucks lassen sich hier erstaunliche Entdeckungen in unterschiedlichsten Landschaften machen. Nur leider sind derlei Ansprüche mit drei Kindern zu hoch gesetzt. Nach anderthalb Stunden erinnern sie sich plötzlich so ziviler Errungenschaften wie Eis und Pommes frites (trotz Proviant im Rucksack!). Aber der Tag ist heiß und schwül, Wolkentürme wachsen stündlich höher und die Luft beginnt über den weiten, trockenen Dünen und Wiesen zu flirren.

Wir fahren auf einen Tipp hin nach Süden, einmal um den Schlabendorfer See herum nach Fürstlich Drehna. Der kleine Ort wirkt sehr aufgeräumt, urig und irgendwie stolz im positiven Sinne. Mutet er anfangs noch dörflich an, wandelt er sich zum Ortskern hin recht feudal. Der große gepflasterte Lindenplatz beherbergt im ehemaligen Gärtnerhaus des fürstlichen Anwesens das Naturparkzentrum. Eine Pflasterstraße führt vorbei an zwei auf Natursteinsäulen thronenden Hirschskulpturen Richtung Wasserschloss. Dort befindet sich auch die Schlossbrauerei, die neben grundständigem Pils einige ausgefallenere Biersorten braut und darüber hinaus eine Himbeerlimonade herstellt.

park

Das Wasserschloss strahlt weiß am Rande eines 1819 unter Mitwirkung von Peter Joseph Lenné  entstandenen Landschaftsparks. Der bietet dann auch entsprechend einen See mit kleinen Brücken und Seerosen, einen gusseisernen Pavillon auf einem Hügel, umringt von mächtigen Rotbuchen, Eichen und bunten Rhododendren. Das Schloss beherbergt ein Hotel mit Restaurant und Café und ist für eine Besichtigung daher ungeeignet. Nicht einmal ein Eis bekommen wir hier, obwohl wir zuvor äußerst diszipliniert den Spaziergang durch den Park absolviert haben. Es wird also höchste Zeit für eine Erfrischung.

Wir schlendern zurück zum Lindenplatz, wo es den „Gasthof zum Hirsch“ gibt. Von sehr entspanntem, gut gelauntem Personal bekommen wir dann unser Eis. Es ist deshalb so erwähnenswert, weil es, ohne zu übertreiben, das beste selbstgemachte Eis ist, welches ich bisher gegessen habe und schon alleine deswegen sollte man unbedingt einen Abstecher nach Fürstlich Drehna machen, wenn man in der Nähe ist. Im „Hirsch“ kann man sehr schön im großen Innenhof sitzen und wirklich ausgezeichnet speisen.

lindenplatz

Der Naturpark Niederlausitzer Landrücken im Süden Brandenburgs bietet noch viele weitere Ausflugsziele. Auf der gemeinsamen Homepage der Besucherzentren aller nationalen Naturlandschaften Brandenburgs (das sind ein Nationalpark, drei UNESCO-Biosphärenreservate und elf Naturparks) findet man dazu eine Fülle von Informationen.

Weitere Infos unter diesen Links:

Brandenburgs Naturlandschaften
Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen
Gasthof zum Hirsch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.