Gänsehaut-Erlebnis im NSG „Der Loben“

Manchmal geht es nur um diesen einen Moment.
Das ganze Drumherum, das sich mitunter wie ein Verteidigungswall aufbäumt und versucht, mich von dem Dahinterliegenden abzuhalten, verschwindet einfach, löst sich auf in diesem einen Moment.
Dann war es die Sache wert. In diesem einen Moment.

Es ist der Ferientag nach Pfingsten. Die Autobahn ist verstopft mit osteuropäischen LKW. Auch die Umgehungsstraßen und Schleichwege sind dicht. Ich muss umdrehen, weil ich den Ersatz-Akku für den Fotoapparat zu Hause liegenlassen habe und mit einem unerschütterlichen Trotz darauf bestehe, das Teil bei mir zu haben. Das kostet zwanzig Minuten und danach ist der Stau noch schlimmer. In einem unachtsamen Moment streife ich mit dem Vorderrad den Bordstein. Mein Ford rüttelt und holpert über die Steinkante und schnurrt dann unbeirrt weiter die Straße entlang. An einem Bushäuschen halte ich an und sehe nach dem Rad. Es ist unverletzt geblieben. Eine leise, ängstliche Stimme piepst in meinem Kopf. Sie hat ganz allgemein Bedenken, ob der Ausflug mit Chloé heute wirklich so eine tolle Idee ist. Mein unerschütterlicher Trotz bringt sie ein paar Kilometer weiter nördlich zum Schweigen, als der Stau sich auflöst und die Landschaft klar und luftig wird, der Himmel frühsommerlich blau strahlt und die Wälder und Felder ringsum in sattem Grün glänzen.

Im südlichen Brandenburg liegt in einem Dreieck zwischen Lauchhammer, Bad Liebenwerda und Doberlug-Kirchhain der Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft. Darin befinden sich einige Naturschutzgebiete, unter anderem der Loben östlich von Hohenleipisch.

Der Loben ist ein Wald mit ausgedehnten Moor- und Sumpfgebieten. Mittendrin steht ein Beobachtungsturm, von dem aus man eine weite Wiesen- und Sumpffläche überblicken kann. Dieser Turm ist unser Tagesziel.
Doch zunächst finden wir den Waldparkplatz nicht. Stattdessen landen wir im angrenzenden Naturschutzgebiet „Forsthaus Prösa“ mit Wald und Heidelandschaft. Der Tag schreitet voran und auch die leise Stimme piept wieder besserwisserisch dazwischen. Der Trotz sagt: „Jetzt gerade!“, also machen wir uns auf in den Prösaer Wald. Aber es fühlt sich nicht gut an, nicht richtig, nicht schön. Ein Mäusebussard schwebt vom Waldrand über die Wiese und verschwindet. Etwas später folgt ihm ein Eichelhäher. Trotzdem, das ist es nicht. Die leise Stimme meint, sie hätte es ja gewusst!

Der Trotz schlägt vor, zum Auto zurückzugehen und das Lunchpaket zur Rechenschaft zu ziehen. Ich studiere erneut die Karte, suche nach diesem Waldparkplatz und starte zwischen Käsebrot und Apfelsaft entschlossen den Motor.

Der Parkplatz liegt am Ende eine Schotterstraße, kurz vor der Bahnbrücke. Die Bahnstrecke trennt die Waldgebiete des „Loben“ und des „Forsthaus Prösa“ in Nord-Süd-Richtung. Von der Straße aus ist die Schotterpiste eigentlich gut zu sehen. Doch es steht kein einziges Hinweisschild am Abzweig, was auf einen Parkplatz oder den Loben aufmerksam machen würde. Gerade so, als müsste man sich den Aufenthalt im Loben durch die Schärfung der Sinne bereits im Vorfeld erarbeiten.

Im Loben lerne ich an diesem Tag zwei Dinge.
Erstens, dass ich eine ganze Weile brauche, während ich durch den Wald gehe, um meine Sinne auf den Wald einzustellen, mich ihm anzupassen. Tue ich das nicht, kann ich stundenlang darin herumlaufen, ohne etwas zu erleben. Ich fange an, nach den Stimmen im Wald zu lauschen. Ich sehe sehr oft in die Baumkronen, während ich laufe. Die Schotterpiste ist so breit und eben, dass ich auf keinen Fall ins Stolpern gerate. Der Weg ist auch das einzige, was nicht an Naturschutzgebiet, sondern eher an Forstwirtschaft erinnert.

Zweitens lerne ich etwas später, dass es mitunter deutlich besser ohne Ersatz-Akku gehen würde, wenn man mit klaren Augen sieht, statt durch den Sucher der Kamera. Ein altes Problem von mir, dass ich mich nach manch fotoreichem Tag frage, was ich eigentlich wirklich gesehen habe, und was ich stattdessen alles versucht habe, ins rechte Bildformat zu bringen.

Chloé und ich probieren die Punkt-Stopp-Methode, die eigentlich der Zählung der Vogelarten in einem Waldabschnitt dient. Wir zählen nicht, wir laufen etwa hundert Meter und halten dann an einer interessanten Stelle im Wald, um zu lauschen und zu beobachten. Das Ganze ist sehr hilfreich, wenn man die Sinne auf „Wald“ umschalten will. Von Stopp zu Stopp werden die Geräusche vertrauter und die Schatten in den Baumkronen bekommen allmählich tatsächlich Flügel und flattern umher.

Buchfink

Der Weg vom Waldparkplatz zum Beobachtungsturm ist etwa zwei Kilometer lang und windet sich beständig aber sanft bergan. Nach etwa einem Kilometer fühle ich mich im Wald angekommen. Zwar kann ich nicht behaupten die unterschiedlichen Stimmen einem bestimmten Vogel zuordnen zu können. Doch zwischen dem munteren Gezwitscher höre ich von Zeit zu Zeit ein entferntes, langgezogenes hooo… heraus.
Das ist etwas anderes, denke ich, jenseits von Amsel, Fink und Star…

An den Kiefernstämmen hängen Nistkästen. Nach einiger Zeit entdecken wir einen Buntspecht. In dem lichten Waldstück können wir den wellenartigen Flug gut beobachten. Er flattert auf einen hohen Ast und sitzt dort zwar lang genug still, um einen Foto zu machen, doch leider ist der Ast sehr weit oben und das Portrait von dendrocopus major ist dann am Ende nicht mehr als ein verwackelter Farbensalat. Auch wenn der Specht geschäftig tut, spüren wir förmlich, wie er uns argwöhnisch im Auge behält. Kein Wunder, denn in einem der Nistkästen unmittelbar am Weg ist Hochbetrieb. Die jungen Spechte zetern lautstark. Wir gehen auf der anderen Seite des Weges unter einem jungen Baum in Deckung.
Wir hoffen auf den Specht, doch der Moment ist da. Der eine Moment, um den es geht, der alles wettmacht. Dieser eine Moment…

Unter dem Blätterdach ist es licht genug, den ganzen Wald ringsum zu sehen. Doch der Anfang des Moments ist ein Gefühl, eine seltsame Art von Unruhe oder Spannung, die in der Luft liegt, die Ahnung, dass gleich etwas geschieht. Ich glaube, dass auch das zu den geschärften, auf den Wald eingestimmten Sinnen gehört, dass man ihn spürt.

Chloé neben mir flüstert plötzlich aufgeregt: „Mama, sieh mal, da! Da ist was!“
Sie sieht die beiden Schatten an den Baumstämmen herab sausen, große Schatten, sehr groß. Einen Wimpernschlag später bemerke ich sie ebenfalls. Instinktiv suche ich die Baumkronen ab, doch ich entdecke zunächst nichts. Stattdessen stelle ich so etwas wie Mitleid für Chloé fest, die der Anblick der Schatten einigermaßen in Unruhe versetzt hat. Tatsächlich bin auch ich ein wenig verwirrt, denn es kann unmöglich ein Specht sein, der solche Schatten wirft!

Über uns hören wir Flügelschläge, lang und gleichmäßig, kein Flattern, ein erhabenes Fliegen. Unsere Köpfe folgen dem Geräusch und dann entdecken wir sie keine zwanzig Meter über uns, knapp über den Baumkronen: zwei Kraniche. Das ferne hooo… hat eine Gestalt bekommen. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen und setzt im nächsten Moment kurz aus, als ein durchdringendes Trompeten durch den Wald schallt. Es ist ein lauter und kräftiger, tiefer und klarer, ein langer, sauberer Ton, der einem eine Gänsehaut über Arme und Rücken bis in die Zehenspitzen und wieder zurück jagt. Das Echo schwingt noch in der Weite des Waldes, während die Kraniche über die Baumkronen davonziehen. Ihre Rufe klingen immer ferner. Unser Blick geht wieder zurück, hinauf ins lichte Blätterdach und sofort entdecken wir ihn. Ein dritter Vogel schwebt dicht überm Wald. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich ihn genau sehe und mein Herz wieder zu rasen beginnt. Denn das ist kein weiterer Kranich. Das ist ein Seeadler! Er kreist mit weit ausgebreiteten Flügeln über den Bäumen. Er ist so nah oder so gewaltig, aber wahrscheinlich beides, sein großer Schnabel ist deutlich zu erkennen, ebenso sein heller Schwanz. Die Dimensionen dieses Greifvogels machen mich völlig sprachlos und auch Chloé neben mir in der Deckung, raunt nur ehrfurchtsvoll, wie „krass“ das ist. Es ist mein erster Seeadler und er hat mich eiskalt überrumpelt.

Ich zücke die Kamera und bemerke zu spät, dass ich den Moment damit empfindlich störe. Beim Versuch, den Seeadler mit dem Zoom einzufangen, verpasse ich den majestätischen Flug, den berauschenden Anblick und plötzlich ist er vorbei, der Moment.

Wir kriechen benebelt unter dem Baum hervor. Der Buntspecht ist vergessen. Dann fallen wir uns in die Arme und schnappen nach Luft. Was für ein unglaublicher, unvergesslicher Moment! Kein einziges Foto, was davon zeugen könnte, und doch setzen sich die einzelnen Bilder in der Erinnerung zu einer geradezu magischen Geschichte zusammen. Ein Teil der Geschichte ist die Lektion, manches undokumentiert zu belassen, um es ausgiebig sehen und genießen (und später bestimmen) zu können.

Zum Turm sind es nur noch ein paar Meter. Er ist im Laufe der Zeit vom Wald verschluckt worden und kaum zu entdecken. Der Ausblick auf die weite Sumpflandschaft ist sehr eingeschränkt, das Blickfeld beträgt etwas mehr als einen 100°-Winkel. Direkt vor dem Turm ragt ein toter Baumstamm auf, dessen Stamm in eine so genannte Spechtflöte verwandelt wurde. Auf dem Weg durch den Wald haben wir bereits mehrere Spechtflöten, vornehmlich in Kiefern und Birken, gesehen.

Nebenan quillt Höllenlärm aus dem Froschteich. Unmengen von Insekten schwirren in der Luft. In dem Meer aus Schilfrohr schreiten mit langsamen und bedächtigen Bewegungen einige Kraniche umher. Ihre Hälse tauchen immer wieder zwischen den Rohrstängeln ab, gelegentlich strecken sie sie aufmerksam hoch, verharren reglos, lauschen. Von der anderen Seite der Lichtung ertönen die typischen Kranichrufe, diese Mischung aus Schwan und Taube, kurze, gurrende Trompetenstöße. Warnrufe. Sechs, sieben Kraniche flattern auf und kreisen einige Minuten über dem Schilfmeer.

Kranich

Hier kann ich nach Herzenslust fotografieren und werde nur einmal gestört, als der Akku dann doch den Geist aufgibt und ich ihn durch seinen vollgedröhnten Kumpel ersetze, der mich immerhin zwanzig Minuten dieses schönen Tages gekostet hat.

In der Mitte des Feuchtgebiets sind flache Seen zu erkennen. Außer den Kranichen ist niemand zu sehen oder zu hören, selbst als sich die Bande von Lurchen nebenan einigermaßen beruhigt hat. Und auch den Seeadler bekommen wir nicht noch einmal zu sehen. Eigentlich finde ich das nicht wirklich bedauerlich, denn ich werde bestimmt bald wiederkommen, mit vollem Akku und dem wunderbaren Wissen über den versteckten Waldparkplatz am Ende der Schotterstraße.

Inkarnat-Klee

Noch ein paar interessante Links:

Informationen der Stadt Hohenleipisch über den Loben
Übersichtskarte des NSG Der Loben

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