Bestandsaufnahme (1)

Drei Monate ist es her, seit mir etwas Verblüffendes klar wurde. Ich hatte mir Johanna Rombergs neu erschienenes Buch „Federnlesen“ gekauft und bereits nach den ersten Seiten begriff ich, dass mich die Faszination am Vögelbeobachten schon mein halbes Leben begleitete. Während ich das erste Kapitel las, in dem Romberg ihre Kindheitserinnerungen über Reisen und Wanderungen mit ihren Eltern Revue passieren ließ, kramte auch ich innerlich in meiner Vergangenheit. Dabei fielen mir so großartige Dinge ein wie die Beobachtung eines Schwarzspechts während der Sommerferien bei meinem Großvater. Im zarten Alter von dreizehn Jahren begriff ich nicht ganz, weshalb er so aus dem Häuschen war und mit der alten Videokamera hinter Büschen in Deckung ging, um sich von der Wahrhaftigkeit dieser Zufallsbegegnung zu überzeugen. Es war der einzige Schwarzspecht, den ich jemals gesehen habe.

Beim Durchforsten der Fotos der vergangenen Jahre wurde es deutlicher: ich habe immer wieder Vögel beobachtet und fotografiert. Natürlich nicht professionell, nicht regelmäßig, nicht auf Schritt und Tritt. Aber scheinbar war ich bereit, während einer Autofahrt anzuhalten, um einen Weißstorch zu knipsen, der über eine nahe gelegene Wiese schritt. Ein andermal ließ ich alles stehen und liegen, um den Buntspecht in der Tanne im Nachbargarten zu erwischen. Im Laufe der Jahre sind so einige Fotos zustande gekommen, die von meinen zufälligen Begegnungen mit Vögeln zeugen.

Nach der Lektüre von „Federnlesen“ – Ende April 2018 – wurde ich ziemlich krank. Ephraim war mit seinem Vater auf Madeira und ich war eineinhalb Wochen mit Chloé und Jane allein. Ich fing mir ein namenloses Virus ein, hatte tagelang Kopfschmerzen und Gliederschmerzen, fieberte und fror und bekam schließlich Nesselsucht, die so schlimm war, dass ich nach Krämpfen und einem Kreislaufkollaps im Krankenhaus landete. Dort fragte man mich, ob ich in den Tropen war, was ich leider verneinen musste. Ich war total schlapp. Der Mai brachte einige lange Wochenenden und Ferien- und Feiertage mit sich. Nachdem unsere Männer aus Madeira zurückgekehrt waren und ich halbwegs wieder auf den Beinen, unternahmen wir einige Ausflüge nach Brandenburg und in die Lausitz. Ich bin nicht esoterisch oder so, aber ich glaube, dieses Virus war auch im übertragenden Sinne „ansteckend“. Es hatte mich erwischt: das Birding-Fieber.

Johanna Romberg schreibt im 10. Kapitel vom Club 300 Germany, einer Online-Plattform, deren harter Mitgliederkern aus Birdern besteht, die dreihundert Vogelarten im Heimatland beobachtet haben oder auf dem besten Weg dahin sind. Es ist so eine Art Ritterorden der Ornithologie mit Codex und Ehre, geheimem Wissen und diesem gewissen Maß an Verrücktheit, denn in Deutschland heimisch sind etwa 250 Arten, weshalb man sich schon sehr ins Zeug legen muss, um auch die Irrgäste und Ausnahmeerscheinungen zu erwischen, um auf dreihundert Vogelarten zu kommen. Kurzum: es fasziniert mich ungeheuerlich.

Meine Bestandsaufnahme hat ergeben, dass ich um die 30 Arten „im Vorbeigehen“ beobachtet habe. Das sind immerhin schon zehn Prozent vom großen Ziel der dreihundert Arten. Allerdings dürfte es sich bei diesen 30 Arten auch um eben jene handeln, die man ohne größere Mühe entdeckt, weil sie so allgegenwärtig sind, dass man schon mit mutwilliger Ignoranz an ihnen vorbeischauen müsste, um sie nicht zu bemerken: Haussperlinge, Amseln, Saatkrähen und Kolkraben, Weißstörche, Mäusebussarde, Rotmilane, Turmfalken, Graureiher, Rotkehlchen, Hausrotschwänze, Kohlmeisen und Blaumeisen, Bachstelzen, Elstern, Eichelhäher, Felsentauben, Stare, Mauersegler, Stockenten, Blässhühner, Höckerschwäne und Graugänse, Kormorane und Silbermöwen.

Dazu kommen die Kraniche am Jasmunder Bodden, der Bluthänfling im Garten (seit wir einen haben), der Haubentaucher im Schlossteich von Moritzburg, die Mehlschwalben auf den Stromzäunen der Pferdekoppeln im Nachbardorf, die Mittelmeermöwen auf Sa Dragonera und die Grajas auf La Palma (okay, die beiden gelten nicht, weil außerhalb des Heimatlandes…), der entflogene Kanarienvogel zwischen den Spatzen auf unserer Wiese oder der Grünspecht, der auf dem Parkplatz vor der Kita die Ameisen jagte. Macht einunddreißig, mit Kanarienvogel zweiunddreißig.

Das Birding-Virus führte schnell zu einigen weiteren Erkenntnissen, zum Beispiel: ich brauche ein anständiges Bestimmungsbuch.

Ich besorgte mir umgehend „Was fliegt denn da? Der Fotoband.“ Wenn man im Besitz des Ting-Stiftes ist, kann man damit sogar zu jedem Vogel die Stimme hören. Außerdem kann man sich auf der Homepage des Kosmos-Verlages eine Beobachtungsliste herunterladen, die alle im Buch aufgeführten Arten enthält.

Inzwischen bin ich im Besitz eines Svensson.

Eine andere Erkenntnis lautete: du musst an Orte gehen, wo es Vögel gibt. Fortan machte ich mich aufmerksamer in der näheren Umgebung auf den Weg, wohlwissend, dass das allein nicht genügen würde. Und damit beginnt das, was man auch als Umstrukturierung der Zukunft bezeichnen könnte: Ausflüge, Urlaube, Freizeitgestaltung und Familienleben werden demnächst deutlich mehr mit Vögeln zu tun haben. Da führt kein Weg dran vorbei.

Erkenntnis Nummer drei betraf das Equipment. Mit meiner Lumix FZ28 werde ich wohl keine großen Sprünge machen, denn ich habe fest vor, mich auch der Vogelfotografie zu widmen. Und auch ein Fernglas fehlt, das haben bereits die ersten gezielten Ausflüge zur Vogelbeobachtung gezeigt. Das Hobby-Budget muss wohl auch aufgestockt werden.

Vor mir liegen große Dinge und Zeiten.

Zehn Prozent als Ausgangsbasis sind nicht schlecht. Aber klar ist, dass die übrigen neunzig Prozent kein Pappenstil werden.

Ich freu mich schon.

Links

Beobachtungsliste zu „Was fliegt denn da? Der Fotoband“
Homepage des Club 300 Germany
Der Kosmos-Vogelführer von Lars Svensson (Thalia Onlineshop) 

Fortsetzung

Hier geht es zum nächsten Teil…

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