Moritzburg – Märchenhafte Jagdkulisse

Sie sind ein Traumpaar, ein ewiges. Dabei sagen Libuše Šafránková und Pavel Trávníček wohl nur wirklich eingefleischten Märchenfans etwas, denn sie sind die Hauptdarsteller in dem 1973 erschienenen deutsch-tschechischen Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Das war eine Zeit, zu der Greifvögel noch Raubvögel hießen und niemand im Publikum Anstoß daran nahm, dass der Prinz (und auch die Prinzessin!) ein gewisses Faible für die Jagd hatten. Dazwischen glitzert es – die Stoffe, der Schmuck, das Zaumzeug und vor allem der Schnee. Ein Wintermärchen. Der Prinz begegnet dem Aschenbrödel im tief verschneiten Wald, man jagt einander durch knietiefen Schnee. Und doch wirkt alles so warm und leicht. Kein kondensierender Atem lässt die Wimpern vereisen und in den hautengen Leggings, in denen alle sich in kindlichem Übermut durch die weiße Pracht wälzen, scheint niemandem kalt zu sein. Und am Ende reiten sie über ein makellos schönes weißes Feld den Hügel hinauf in den Himmel. So viel Schnee!

Der Film ist ein alljährliches Weihnachts-Must-Have und in der Gemeinde Moritzburg bei Dresden, wo die Schlossszenen gedreht wurden, findet seit beinahe zwanzig Jahren zur Adventszeit ein Spektakel rund um Aschenbrödel statt. Das Lied, das Aschenbrödel-Thema, diese eingängige, zarte Flötenmelodie, ist mir unvergessen seit Kindertagen und taucht immer in meiner Erinnerung auf, wenn ich über den Teich zum Schloss blicke, auch wenn es mich noch nie im Winter hierher verschlagen hat.

Jetzt ist Juni. Auf dem glatten Wasser, in dem sich der tiefblaue Himmel und die gleißende Fassade des Schlosses spiegeln, schwimmt ein Haubentaucher.  Man kann ihn von der Straße aus sehen, die trotz des Sanierungsbooms nach der Wende 1990 immer noch aus Granitpflaster besteht, auch wenn ringsum inzwischen alles asphaltiert wurde. Kutschen rattern darüber hinweg, von weitem schon kann man die beschlagenen Hufe der Pferde klappern hören. Einmal rund ums Schloss gehen die Touren oder durch die umliegenden Wälder zum Bärnsdorfer Teich.

Auf den Wiesen vor dem Schloss sitzen Graugänse. Sie stört der ganze Trubel um sie herum nicht im Geringsten. Sie haben Junge, watteweiche beigegraue Federbälle mit glänzenden, schwarzen Knopfaugen. Gänsefamilien ziehen in Reih und Glied über das Wasser. Es ist tatsächlich ein bisschen kitschig, märchenhaft.

Das Schloss Moritzburg geht auf ein im Stil der Rennaissance erbautes Jagdschloss aus dem 16. Jahrhundert zurück und wurde unter Kurfürst Moritz von Sachsen als Dianenburg im wildreichen Friedewald erbaut. Damit ist auch gleich gesagt, worum es hier immer schon ging und weshalb das Schloss und der Märchenfilm so perfekt zusammenpassen. Die Gegend ist authentisch. Die Kurfürsten residierten in Moritzburg um sich bei der Jagd zu amüsieren. Im Laufe der Jahrhunderte, insbesondere unter August dem Starken im 18. Jahrhundert, verwandelte sich Moritzburg in einen „Tempel der Diana“, wie er es nannte. Er steckte viel Herzblut in Moritzburg, nachdem in den 1720er Jahren sein Interesse an Schloss Pillnitz östlich von Dresden stark abgenommen hatte. Neben der Anlage von Fischteichen und Wildgehegen entstand eine Fasanerie, um dem Kurfürsten und seinen Begleitern immer reiche Jagdgründe zu bieten. Aber auch das Innere des Schlosses stand ganz unter dem Motto der Jagd. Unter August dem Starken bekam Moritzburg ein barockes Gepräge. In den verschiedenen Sälen wurden Trophäen gesammelt und zur Schau gestellt, die noch heute besichtigt werden können. Darunter befinden sich eine Sammlung von Kutschen, Jagdgegenständen und Waffen, barocke Einrichtungsgegenstände, vergoldete Ledertapeten und hunderte Jahre alte Hirschgeweihe, sowie ein Federbaldachin aus Millionen Pfauen-, Perlhuhn- und Fasanenfedern – der Kurfürst war bekannt für seine Sammelwut und seinen außerordentlichen Geschmack für Kuriositäten.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts widmete sich Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen verstärkt dem Umfeld des Schlosses. Er veranlasste den Bau einer Hafenanlage am zweieinhalb Kilometer weiter östlich liegenden Bärnsdorfer Teich. Inspiriert wurde er dazu durch einen Besuch des russischen Grafen Alexei Orlow im Jahre 1775. Dieser berichtete ihm von der Seeschlacht von Çeşme, welche er als Admiral der russischen Ägäis-Flotte fünf Jahre zuvor befehligt hatte. Die Schlacht war ein Highlight seinerzeit und in ganz Europa in aller Munde. Friedrich August III. kam auf die Idee, diese Seeschlacht am Bärnsdorfer Teich nachspielen zu lassen. Aus dem am Teichufer befindlichen Pavillon ließ er von 1769 bis 1782 eine Sommerresidenz im Rokokostil bauen – das Fasanenschlösschen. Die damals noch immer angesagte Chinoiserie floss in den Bau mit ein, am deutlichsten durch den Mandarin auf der Kanzel des Daches. Am Seeufer ließ er einen Anleger und eine Mole errichten, an dessen Ende als absolutes Schmankerl ein kleiner Leuchtturm entstand.

Die urkundlich seit 1720 verbriefte Fasanenzucht in Moritzburg fand bis 1916 lückenlos statt. Von 2006 bis 2017 ließ der Moritzburger René Kreher die alte Tradition wieder auferstehen. Zeitweise züchtete er in dem 2500 Quadratmeter großen Areal sieben Fasanenarten. Doch Differenzen mit der Sächsischen Schlösserverwaltung, der Eigentümerin des Grundstücks, über die Sanierung der Volieren nach historischem Vorbild ließen das Projekt, welches sich bereits zu einem touristischen  Topziel entwickelt hatte, im Frühjahr 2017 abrupt enden.

Die ganze Gegend hat ein beachtliches historisches Erbe. Da ist das Landgestüt Moritzburg, welches 1733 als königliche Jagdstallung gegründet wurde und seit 1828 als Grundlage für die Pferdezucht in ganz Sachsen dient. Das Wildgehege nordöstlich von Moritzburg und die Fischzucht in den zahlreichen Teichen sind das Erbe der Jagdvorlieben sächsischer Kurfürsten. Durch Moritzburg führt die Schmalspurbahnstrecke der Lößnitzgrundbahn, dem sogenannten Lößnitzdackel, welche 1884 eröffnet wurde und damit die Postkutsche als alleiniges öffentliches Verkehrsmittel ersetzte.

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Steinadler – Jagdfalkenhof Moritzburg

Und da ist die traditionelle Falkenjagd, welche im Jagdfalkenhof am Mittelteich, etwas nördlich von Moritzburg, seit vielen Jahren erfolgreich gepflegt wird. Während einer Flugshow stellt der Falkner verschiedene Greifvögel vor und lässt sie ihr Können zeigen. Chloé und ich wollen uns das nicht entgehen lassen. Überpünktlich erscheinen wir bei bestem Flugwetter im Hochseilpark am Mittelteich. Direkt am Seeufer hocken auf Warten und im Gras Weißkopfseeadler, Steinadler, Bussard und Falke. Manchmal versucht einer aufzufliegen, dann gibt es einen harten Ruck und die Seile, mit denen die Vögel an ihre Warten gebunden sind, spannen sich straff. Der Vogel plumpst ins Gras blinzelt sichtlich verwirrt und tapst unbeholfen umher. Der Anblick lässt mir nun doch das Herz schwer werden.
Draußen über dem Mittelteich erscheint kurz die ausladende Gestalt eines großen Greifvogels, die so schnell verschwindet, wie sie erschien. Freiheit, denke ich, der da draußen hat’s gut.
Die Weißkopfseeadler rufen gelegentlich und blicken suchend umher. Sie wirken irgendwie nervös, aber der hochkonzentrierte, scharfe Blick liegt den Adlern quasi in den Genen. Sie sehen immer aus, als wäre das ganze Leben eine sehr, sehr ernste Angelegenheit.
Die Zuschauer warten gespannt, doch der Falkner taucht nicht auf. Zwischen den Vögeln liegt ein Seil auf dem Boden, eine Warte ist leer. Und so allmählich wird das Raunen unterm Publikum lauter: einer fehlt!
Und tatsächlich vermisse ich den Seeadler, einer der hier in der Teichlandschaft Moritzburgs doch unmöglich fehlen kann! Der Falkner kommt an diesem Nachmittag nicht mehr. Wie man munkelt, war er seinen Seeadler suchen.
Chloé und ich sind nur ein wenig enttäuscht. Wir fahren zurück nach Moritzburg und folgen dem breiten Weg zum Schloss. Kutschen kommen uns in eiligem Trab entgegen.

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Seeadler über dem Schloss Moritzburg

Hufe klappern, Geschirr rasselt und der Sand unter den Rädern knirscht. Über dem Schloss kreist ein Rotmilan. Die Graugänse, die eben noch dösend mitten auf dem Weg hockten, watscheln nun den Besuchern entgegen, mit langen Hälsen und zartem, bettelndem Schnattern.
Und dann, auf dem Rückweg zum Parkplatz, entdeckt Chloé noch etwas. Dicht über uns schwebt er mit breiten Flügeln dahin, Richtung Mittelteich: der Seeadler. Ob es der Ausreißer vom Falkenhof ist, wissen wir nicht. Aber er wird schon wissen, wohin er gehört.

Links

Das Schloss
Homepage Barockschloss Moritzburg

Der Film
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (DEFA-Produktion, DVD)

Die Umgebung
Homepage des Jagdfalkenhof von Hans-Peter Schaaf am Mittelteich in Moritzburg
Homepage der ehemaligen Fasanenzucht von René Kreher
Informationen zum Wildgehege Moritzburg (Seite des Staatsbetrieb Sachsenforst auf sachsen.de)
Homepage des Hochseilgarten Moritzburg 

Die historischen Hintergründe
Seeschlacht von Çeşme (auf wikipedia.de)

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