Sächsische Schweiz – Polenztal

Wenn es zu dämmern beginnt, werden sie vielleicht zum Leben erwachen. Wenn die glänzenden, manchmal müden, meist aber klaren Augen der Wanderer nicht mehr die Felswände auf und ab huschen und nach den Dimensionen forschen, um sich in der Größe der Landschaft als Winzigkeit wiederzufinden. Dann klappern und rollen die zu Türmen aufgeschichteten Kiesel und Steine – wenn man es glauben mag – durch das Halbrund der Felsen in der Gautschgrotte, die versteckt in einem Talzipfel liegt, am Rande eines der unzähligen, heimlichen Wanderpfade, welche den Nationalpark Sächsische Schweiz zu dem Naturerlebnis machen, das er ist.

Trolltürmchen auf dem Grund der Grotte.

Abends also, mag sein, erwachen die kleinen Trolltürmchen zum Leben. In weniger trockenen Sommern rauscht ein Wasserfall in die Gautschgrotte und dann werden auch die aufgetürmten Steine davon gespült. Nun aber erinnert lediglich eine feucht glitzernde Regenbogenspur auf dem Felsen an das Wasser, welches im Winter zu mächtigen Eiszapfen gefriert.

Das mineralhaltige Wasser malt zarte Regenbogen auf den Stein.
Von Hohnstein zur Gautschgrotte

Die Gautschgrotte ist ein magischer Ort. Ein „Kraftort“, sagen manche, also ein Punkt, an dem sich Energie konzentriert. Aus der Erde, der Luft, dem Wasser, vielleicht auch den Lebewesen.  Ein seltsames, hohles Echo füllt das Felsentheater mit leisem Rauschen, Gluckern, Klackern und Rieseln. Alles scheint zu leben hier, doch das Auge sucht vergeblich nach den geheimen Waldgeistern.

Die Gautschgrotte erreicht man am einfachsten von der kleinen Stadt Hohnstein am Nordrand des Nationalparks aus. Hinter dem Rathaus fällt der Weg in das Dunkel des Laubwaldes ab. Entlang des Schindergrabens, auf dessen anderer Seite sich eine Bergwand in schwindelerregende Höhen hinaufzieht und auf der hoch über dem Polenztal die Burg Hohnstein thront, gelangen wir in gut dreißig Minuten zur Gautschgrotte.

Nur eine bunte Spur auf dem Gestein verrät den Wasserfall, der hier in die Grotte rauscht. Der intensive Sommer hat nicht viel von ihm übrig gelassen.

Unscheinbar, aber dennoch lohnenswert, ist der Aufstieg auf den Ritterfelsen gleich zu Beginn des Weges. Jener führt  auf eine niedrige Steinmauer zu und schlängelt sich rechts in einer Schleife daran vorbei.  Linker Hand, am Ende der Mauer führt hier eine Steintreppe den Hang hinauf. Über Leitern und Stufen geht es weiter, bis man etwa auf Höhe der Burg gelangt ist. Belohnt wird der kleine Abstecher mit einem herrlichen Rundum-Panoramablick.

Über Leitern und Treppen geht es zur Aussicht auf dem Ritterfelsen
Vom Ritterfelsen überschaut man den Schindergraben bis zum Polenztal hinab – vis à vis mit der Burg Hohnstein
Durch den Schindergraben ins Polenztal

Folgt man dem Weg an der Mauerschleife geradeaus weiter, geht es über eine Steinbrücke auf der anderen Seite des Grabens weiter zur Gautschgrotte. Wir kehren von dort zur Mauer am Ritterfelsen zurück und folgen nun einem zweiten Weg, der an dieser Stelle in den Schindergraben hinunter abzweigt. Vorbei am Bärenfang gehen wir in Gesellschaft eines Bächleins den steil abfallenden, holprigen Pfad zur Polenz hinunter. An seinem Ende öffnet sich das Polenztal am gleichnamigen Gasthaus. Dort gibt es sehr leckere, regionale Gerichte, Eis und Kuchen, Bier und Kaffee und die Gesellschaft zahlreicher Wanderer, die das Tal erkunden.

Blauflügel-Prachtlibellen sind überall im Polenztal zu sehen

Gut drei Kilometer und eine reichliche dreiviertel Stunde Wanderzeit entfernt vom Gasthaus liegt die Waltersdorfer Mühle an der Polenz. Der Weg führt immer am Fluss entlang, vorbei an beeindruckenden Sandsteinformationen. Zahlreiche flache Stellen am Ufer laden zum Rasten ein. Der Fluss windet sich an Felsbrocken vorbei, die zu erklimmen sich lohnt. Ein mächtiger Baumstamm quer über dem Fluss verlockt, darüber hinweg zu balancieren. Für Kinder ist das Polenztal der reinste Abenteuerspielplatz und wenn man die Regeln des Nationalparks beachtet, dann ist dagegen auch gar nichts einzuwenden. Wir schaffen es jedenfalls nicht in fünfundvierzig Minuten durch das Tal, dafür gibt es viel zu viele Entdeckungen zu machen.

Das Polenztal gehört zur Kernzone des Nationalparks und genießt damit den höchsten Schutzstatus. Wege dürfen nicht verlassen und Flora und Fauna nicht gestört werden. Aber das Tal empfängt den Wanderer ohnehin mit beeindruckenden und erholsamen Naturerlebnissen.

Gebirgsstelzen lieben die Schotterbänke schnell fließender Gewässer – die Polenz bietet ihr genau das

An einer Stelle weitet sich der Fluss ein wenig, bildet eine kleine spiegelglatte Bucht. Eine leuchtend gelbe Gebirgsstelze mit nur einem Bein wippt, den Schnabel voller Insekten, über die Schotterbänke. Über die Wasserfläche saust wie ein Schatten ein Eisvogel lautlos und pfeilschnell mit dem Flusslauf davon und hinterlässt mich ratlos, als wäre er nur ein flüchtiger Gedanke gewesen und gar nicht Wirklichkeit. Ich schaue ihm nach mit der leisen Hoffnung, er komme gleich wieder zurück, doch da ist nur die üppig bewachsene Flussbiegung. An einer anderen Stelle schwebt eine Fledermaus taumelnd und wie in Zeitlupe zwischen den Bäumen über das Wasser. Sie krallt sich an einem Baumstamm fest, verschnauft scheinbar einen Moment und  flattert dann umständlich zu uns herüber.  Wie verzaubert schauen wir dem winzigen Tierchen zu, wie es über unsere Köpfe hinweg zieht.

Nationalpark Sächsische Schweiz

Die besondere Schutzwürdigkeit des Elbsandsteingebirges erkannte man bereits vor über hundert Jahren. Das Polenztal bei Hohnstein wurde im Jahre 1911 als das erste Gebiet der Sächsischen Schweiz unter Schutz gestellt und 1940 zum Naturschutzgebiet erklärt.

In den 1950er Jahren setzten weitere Bemühungen zur Errichtung eines zusammenhängenden Areals ein, doch auf der Naturschutzagenda der ehemaligen DDR war das Schutzgebiet als Nationalpark nicht vorgesehen. 1990 kam es zu dessen Gründung, wobei erst zehn Jahre später auch die im tschechischen Staatsgebiet liegenden Teile der Böhmischen Schweiz mit integriert wurden. Dennoch ist der Nationalpark Sächsische Schweiz kein internationalen Standards entsprechendes Schutzgebiet. Danach müssen nämlich 75% der Fläche zur hochgeschützten Kernzone gehören. Die historische und landschaftliche Struktur der Sächsischen Schweiz mit ihren unzähligen Wander- und Forstwegen, den vielen Ortschaften in den Tälern und die Notwendigkeit deren Zugänglichkeit machen die Umsetzung dieser Vorgabe höchst schwierig.

Polenztalweg
Der Polenztalweg ist Teil des Malerweges, welcher die gesamte Sächsische Schweiz durchzieht. Nicht überall ist er so bequem begehbar wie hier.

Eine Besonderheit dieser Landschaft jedoch ist ihre enorme Plastizität. Anders als beispielsweise das Wattenmeer zeichnet sich das Elbsandsteingebirge naturgemäß durch eine Dreidimensionalität aus, in welcher sich der Mensch zumeist in den Talsohlen oder den Hochflächen bewegt. Das Leben in den Sandsteinformationen findet jedoch auf vielen Ebenen dazwischen statt. Unzugängliche Felsvorsprünge, versteckte Höhlen und Nischen, die der Regen in das Gestein gewaschen hat, unwegsame Klamms und von namenlosen Wasserläufen geformte Rinnen und Spalten, stille Gipfel auf Felsnadeln und steile Felswände schaffen ein Landschaftsbild, in dem so heimliche Geschöpfe wie der Luchs oder die Gämse sich dauerhaft ansiedeln konnten.

Ein junger Mäusebussard zieht seine Keise über dem Tal. Auch Wanderfalken kann man hier mit etwas Glück beobachten.
Hinauf zur Aussicht Brand

An der Waltersdorfer Mühle quert eine kleine Versorgungsstraße die Polenz. Hinter der Brücke geht es zunächst wieder ein Stück zurück entlang des Flusses, bis rechter Hand ein Pfad den Hang hinauf abzweigt. Der Weg wird rasch steiler und wandelt sich schließlich in einen Stufenweg, der durch diesig-braunen Fichtenwald zur Brandaussicht führt. Die Monotonie des Anstiegs muss man aushalten. Mein Herz pocht bis in die Schläfen hinauf und jedes Geräusch wird von meinem angestrengten Atem übertönt. Meine Gedanken driften etwas ab in vergangene Zeiten, wo hinter den Kuppen oben am Hang vielleicht Wegelagerer lauerten und unbescholtene Wanderer ihrer Habe und vielleicht auch ihres Lebens beraubten. So schön die Landschaft ist, so verwunschen, einsam und malerisch, ja romantisch gar im engsten literarischen Sinne – wild, gefährlich, mysteriös – so karg und anstrengend war auch das Leben in ihr. Ein Ort, an dem es sich gut zu verstecken gelang vor König und Henker.

In einigen letzten, steilen Windungen schließlich erreicht der Weg das Plateau. Lichter Laubwald umgibt uns, lädt zum kurzen Verschnaufen ein. Über den Baumkronen taucht für wenige Augenblicke die Silhouette eines Greifvogels auf. Würgfalken und Wanderfalken gibt es hier, neben Seeadlern, Milanen, Bussarden, Habichten und Fischadlern. Die entlegenen Felsvorsprünge stellen ideale Plätze für die Aufzucht der Jungen dar und die Gewässer, Wälder und Wiesen im Nationalpark liefern reichlich Nahrung.

Über eine Forststraße geht es das letzte Wegstück zur Brand-Baude. Die Bergwirtschaft bietet neben der Gastronomie auch Platz für Feiern, Tagungen und Übernachtungen. Vor allem aber kann man von hier eine der atemberaubendsten Ausblicke der Sächsischen Schweiz genießen.

Brandscheibe
Die Brandscheibe steht unmittelbar vor der Aussichtsterrasse, von der aus das Polenztal und weite Teile der hinteren Sächsischen Schweiz überschaut werden können.

In Brand befindet sich ebenfalls eine Infostelle des Nationalparks. Schwerpunktmäßig geht es um das Polenztal, welches sich unterhalb des Plateaus erstreckt.

Von Brand aus gelangt man auf der Forststraße nach drei Kilometern zurück nach Hohnstein, oder über die so genannten Brandstufen hinunter ins Polenztal. Der Forstweg ist wenig aufregend und hat nichts wild-romantisches an sich. Tatsächlich gibt es relativ viele dieser Schotterstraßen, auch um die Bergwirtschaften zu versorgen. Aber sie lassen eben erkennen, wie durchdrungen der Nationalpark von unserer Zivilisation ist, wie sie sich hinein gesponnen hat in die Landschaft, die mitunter so unberührt wirkt. Andererseits hat dieses Wegenetz auch einen Vorteil, denn in der zerklüfteten Landschaft kommt es immer wieder zu Unfällen. Gute Versorgungsstraßen bieten dann auch die Möglichkeit schneller Hilfe.

Zurück in Hohnstein, am Parkplatz Eiche, dann eine Entdeckung und auch Erkenntnis. Die Entdeckung: unter dem Scheibenwischer klemmt ein nett gemeinter Brief der Stadt Hohnstein. Die Erkenntnis: immer genug Kleingeld für die Parkautomaten dabei haben. Es ist grundsätzlich so, dass es im gesamten Gebiet des Nationalparks gemessen an der Besucherzahl nur wenige Parkplätze gibt, und wenn, kosten sie auf jeden Fall eine nicht unwesentliche Gebühr. Auch wenn manch ein Reiseführer schreibt, das am Ausgangsort einer Wanderung genügend Parkplätze zur Verfügung stünden, so muss man doch einsehen, dass diese Aussage auf die frühen Morgen- und späten Abendstunden zutreffen mag, aber keineswegs auf Wochenenden in der Ferienzeit. Es gibt natürlich Ausnahmen, insbesondere in Städten wie Rathen, Königstein oder hier in Hohnstein. Aber wie gesagt: das Kleingeld nicht vergessen!

An manchen Orten im Polenztal lassen sich die Dimensionen der Felsen auf beeindruckende Weise erleben.

Hier geht’s zum nächsten Teil über die Sächsische Schweiz: das Kirnitzschtal zwischen Felsenmühle und Lichtenhainer Wasserfall, hinauf auf den Neuen Wildenstein zum Kuhstall…

Linksammlung

Reiseliteratur-Empfehlungen (Thalia.de-Portal)

Sächsischer Wanderführer, Band 8 – Hintere Sächsische Schweiz/Böhmen
Der Wanderführer befasst sich unter anderem mit dem Kirnitzschtal, dem Lichtenhainer Wasserfall, den Schrammsteinen, den Affensteinen, dem Neuen Wildenstein (Felsentor Kuhstall), dem Hinteren Raubschloss (Winterstein), den Thorwalder Wänden und dem Hinterhermsdorfer Gebiet mit der Oberen Schleuse (Kirnitzsch).

Mystische Pfade Elbsandsteingebirge
Ein ganz und gar ungewöhnliches Buch über die so genannten „Kraftorte“ in der Sächsischen Schweiz, mit zahlreichen Wanderbeschreibungen und GPS-Daten der mystischen Orte. Mit Leseprobe.

Wissenswertes
Bärenfallen in der Sächsischen Schweiz – Eine Erläuterung zu Bärenfängen

Routenbeschreibung bei outdooractive.de
Zauberpfade – Wandern in Tälern und Gründen um Hohnstein

Informationen zum Nationalpark Sächsische Schweiz
Homepage der Brand-Baude
Offizielle Nationalpark-Seite: Infostelle Blockhaus Brand
Offizielle Nationalpark-Seite: Grundsatzbroschüre (pdf)

Homepages von Einrichtungen
Gaststätte und Pension Polenztal

Wabenstrukturen in den Sandsteinwänden des Polenztals

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