Die Anfänge ernsthaften Birdings (2)

Inzwischen ist Anfang August und ich kann einen vorsichtigen Rückblick auf meine ersten Wochen als Birder werfen. Während der Sommermonate Mai bis Juli habe ich etwa 30 neue Arten beobachtet, viele davon auch fotografiert oder gefilmt. Nachdem der Frust über unscharfe Fotos am Ende doch zu groß wurde, habe ich mich quasi als erste Amtshandlung für den Erwerb einer neuen Kamera entschieden. Jetzt bin ich glücklicher Eigentümer einer Lumix G7 nebst einem 100-300mm Teleobjektiv, was für die meisten Begegnungen da draußen auch gut reicht. Allerdings habe ich auch feststellen müssen, dass es natürlich am allerbesten ist, wenn man sich so nah wie möglich an das Objekt der Begierde heranpirschen kann (natürlich ohne zu stören!). Tele hin oder her.

Der Blick geht seither immerfort zum Himmel (auch beim Autofahren…) oder folgt den flinken Schatten unter den Büschen und in den Baumwipfeln. Das Ohr lernt auch dazu, denn meist hört man einen Vogel dann doch besser als man ihn sieht und kann ihn durch seinen Gesang überhaupt erst aufspüren.

Ich gehe nur noch selten ohne Kamera los. Wann immer es passt, mach ich mich auf den Weg, um Vögel zu finden. Dabei muss auch die Familie mit ran. Binnen kurzer Zeit hatten es Chloé, Ephraim und Jane dann ebenfalls drauf… den Blick zum Himmel, meine ich. Und so höre ich während Autofahrten inzwischen fast täglich den aufgeregten Hinweis: „Mama, da, ein Rotmilan!“ …oder so ähnlich. Sie wissen, dass es Momente gibt, in denen ich neuerdings keinen Mucks mehr hören möchte und freue mich, wie sie dann mit großen Augen und gereckten Hälsen selber Ausschau nach Vögeln halten.

Wir sind inzwischen auch viel gezielter unterwegs, machen Ausflüge in den Spreewald, die Oberlausitz (Tauerwiesenteich) oder die Sächsische Schweiz, und haben dort wirklich ergreifende Begegnungen – nicht nur mit Vögeln. Den Familienurlaub in Ungarn haben wir dieses Jahr bewusst in einer vogelreichen Gegend verbracht. Der Kis-Balaton ist mit seinen weiten Wasserflächen aus Seen, Sümpfen, Feuchtwiesen, Wäldern und weiten Graslandschaften ein wahres Vogelparadies. Neben Silberreihern, Seeadlern und Rohrweihen haben mich dort vor allem die Bienenfresser im Wasserbüffelreservat eiskalt überrascht, nachdem wir auf dem Weg nach Ungarn extra einen Umweg über das österreichische Haslau im Nationalpark Donau-Auen gemacht haben, wo es eine Bienenfresserkolonie gibt, von der wir allerdings nicht einmal eine Federspitze gesehen haben (und etwas enttäuscht waren).

Bereits im Laufe weniger Wochen, entdeckte ich die Plätze in meiner näheren Umgebung, an denen sich häufig spezielle Vogelarten antreffen ließen. Von den Lieblingswiesen der Kiebitze, über die Jagdreviere der Rotmilane bis hin zu den Tummelplätzen der Feldlerchen wurden mir die Hotspots immer vertrauter. Der Vorteil davon ist, dass man relativ zuverlässig auf Arten trifft, wenn man zur Beobachtung ausrückt. Bei unbekannten Gebieten dagegen blieben die Sichterfolge eher bescheiden. Auch wenn das unter Birdern offenbar nicht so gern gesehen wird, das Sichtungsorte allzu konkret benannt werden, macht es durchaus Sinn, sich im Vorfeld etwas genauer mit einer unbekannten Gegend zu beschäftigen, anstatt einfach munter drauflos zu marschieren. Insbesondere in Naturschutzgebieten, Nationalparks und Biosphärenreservaten wird einem das ja leicht gemacht. Vielerorts gibt es Beobachtungstürme und Lehrpfade. Im Sinne des Tierschutzes ist das auch sinnvoller, als querfeldein zu marschieren. Es hat sich aber auch schon herausgestellt, dass manch ein Turm inzwischen ziemlich zugewachsen ist oder das Beobachtungsgebiet nach Süden liegt und man vor lauter Sonne fast nichts sieht.

Ich habe mich bei facebook diversen Vogelbeobachtungsgruppen angeschlossen. Meine Meinung dazu ist recht zwiespältig. Einerseits gibt es Gruppen, in denen es ausgezeichnet möglich ist, unbekannte Arten bestimmen zu lassen. Die Unterhaltungen über Merkmale der Vögel und Bestimmungshilfen sowie die vielen verschiedenen Fotos sind eine echte Bereicherung. Man lernt eine Menge dabei.

Andererseits gibt es Gruppen, in denen tagtäglich von den Futterstationen im eigenen Garten berichtet wird. Unzählige Kohl- und Blaumeisen, Amseln, Stare und Sperlinge tummeln sich da ununterbrochen in den Posts. Mogelte sich doch einmal ein Buntspecht dazwischen, empfand ich es irgendwie als Selbstbetrug, einen Vogel anzulocken, nur um ihn beobachten zu können. Die äußerst kontroverse Diskussion über das ganzjährige Vogelfüttern traf mich auf der Exkursion durch die facebook-Gruppen mit voller Härte. Ich selbst habe im Moment keine Meinung dazu. Das Füttern von Vögeln in meinem Garten verbietet mir der gesunde Menschenverstand als Besitzer von drei standorttreuen, hochmotivierten Katern. Vielleicht, wenn die Stubentiger dann einmal das Regenbogenland betreten haben, werde ich über das professionelle Füttern und Tränken von Vögeln nachdenken. Und dann werde ich mich wohl auch über den Besuch von Buntspechten freuen. Im Moment genügt mir jedoch die tägliche Mischung aus Raben, Elstern, Hausrotschwänzen und Meisen in meinem grünen Wohnzimmer. Sogar ein Pärchen Klappergrasmücken hat sich dieses Jahr erstmals in unserer Hainbuchenhecke zum Brüten niedergelassen.

Kurzum, die Mitgliedschaft in  der einen oder anderen facebook-Gruppe habe ich nach zwei Wochen wieder aufgekündigt. Über andere freue ich mich dagegen sehr und nutze sie rege.

Eine Frage, die sich mir allmählich immer eindringlicher stellt, ist die nach der Dokumentation meiner Sichtungserfolge. Ich weiß, dass das für viele, ja vermutlich die allermeisten Birder keine große Rolle spielt. Aber ein perfektionistisch veranlagter Mensch wie ich möchte eben alles gerne schön sortieren und erfassen und im Überblick behalten. Wie sonst soll ich auch feststellen, ob ich im Club der 300 angekommen bin? Auf der Festplatte sammelt sich neuerdings so allerhand an, was in irgendeiner Form gebändigt werden muss. Wie also sammelt man Sichtungserfolge bei einer Anzahl von 300 Arten? Wohin mit den Fotos und den Geschichten dazu? Ein klassisches Fotoalbum? Eine Online-Datenbank, zum Beispiel durch die Mitgliedschaft im Club 300? Ich werde wohl noch einige Zeit über diese Frage sinnieren und zusehen, wie es im Schmelztiegel meiner Festplatte immer bunter wird…

Der August gehört nicht unbedingt zu den Brennpunktmonaten im Vogeljahr. Aber der Herbst steht vor der Tür und mit ihm der gewaltige Kraftakt des Vogelzuges. Und den will ich mir in diesem Jahr nicht entgehen lassen. Ich plane eine Reise nach Ostfriesland und bin schon sehr gespannt, was mich dort erwartet.

Hier geht es zur Fortsetzung…

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