Himmel leer (3)

Während der letzten beiden Monate wurde es erstaunlich still um das Birding. Nicht nur, dass mich familiäre Höhepunkte wie Schuleintritt, Geburtstag, Besuche von Freunden und unablässiges Kuchenbacken für alle möglichen Events ziemlich einspannten, auch da draußen vollzog sich schleichend und ohne große Aufregung eine Veränderung. Ende September hatte sich der Trubel in meinem Leben einigermaßen gelegt und ich fand mehr Zeit, nach draußen zu gehen, um gezielt nach den Vögel zu sehen.

Überall tauchten auf den Warten wieder die Mäusebussarde auf, die im Laufe des Sommers immer mehr wie vom Erdboden verschwunden schienen. Die kahlen Felder waren bevölkert mit Staren, Nebelkrähen und Rabenkrähen. Trupps von Feldsperlingen zogen lärmend entlang der Feldraine durch die Baumkronen und Gebüsche. Feldlerchen wirbelten in wilden Flügen über die stoppeligen Weiden. Die Goldammern flogen in kleinen Schwärmen wie trällernde Wölkchen am blauen Spätsommerhimmel dahin. Auch im Garten zogen die Kohlmeisen und Blaumeisen wieder ein und machten allmorgendlich Spektakel.

Feldsperling29-09-18
Feldsperling (Passer montanus)

Und trotzdem schien der Himmel vollkommen ausgedünnt. Die Rotmilane waren nahezu verschwunden, bis auf ein einzelnes Exemplar gelegentlich. Die Störche waren längst fort und mit ihnen die Mauersegler und schlussendlich auch die Schwalben.

Nun liegt Ostsachsen nicht auf der Hauptroute der Zugvögel. Leider muss ich auch gestehen, dass ich gar keine Ahnung habe, was Vogelzug nun konkret bedeutet. Welche Arten „verschwinden“, welche tauchen auf? Wo und nach wem muss ich Ausschau halten? Sicher, Vogelzug ist ein Phänomen, das selbst den unwissendsten Zeitgenossen nicht verborgen bleiben kann, denn Stare, Gänse, Kraniche oder Störche ziehen auffällig. Auch der Vogelzug an den Küsten ist, wenn man sich nur oberflächlich mit dem Thema befasst, keine Überraschung. Aber ich weiß auch, dass es neben den Enten- und Watvögeln noch zahlreiche Singvögel und Greifvögel gibt, die sich mit im ewigen Karussell des Vogelzugs drehen. Höchste Zeit also, dass ich mich mit dieser Materie einmal eingehender beschäftige. Schon nach kurzer Recherche zeigt sich, dass es recht wenig ausführliche und fachliche Literatur zum Thema gibt.

Buteo Morph

In den letzten Wochen habe ich, wie bereits erwähnt, wieder häufiger Mäusebussarde gesehen. Vor einiger Zeit bin ich auf ein Projekt gestoßen, welches sich mit dem sehr unterschiedlichen Erscheinungsbild der Buteos befasst. Es wurde vom Max-Planck-Institut für Ornithologie ins Leben gerufen und möchte erforschen, wie sich die Polymorphismus genannte sehr unterschiedliche Ausprägung des Federkleids bei Bussarden erhalten konnte und welche geografischen und zeitlichen Faktoren dabei eine Rolle spielen. Bussarde haben ein weites Spektrum an Farbmorphen und es braucht gar nicht viel, um dies an eigenen Beobachtungen festzustellen.
Das besondere an dem Projekt ist, dass sich jeder daran beteiligen kann, indem er die von ihm gesehenen Bussarde dem Institut meldet. Das geht sehr unkompliziert über die Internetseite des Projekts: http://aves.orn.mpg.de/~buteo/informationen

Neue Arten auf meiner Liste

Wie gesagt, der Himmel schien mir recht leer in letzter Zeit. Die meisten meiner Beobachtungen neben dem Mäusebussard waren daher bodengebunden, genauer gesagt wassergebunden, denn es handelte sich um Silber- und Graureiher. Obwohl mir diese Arten jetzt nicht überwältigend vorkamen, stellte ich aufgrund der Häufigkeit, mit der ich sie sah, fest, wie wunderschön sie sind. Die grazilen Vögel waten und fliegen mit einer beeindruckenden Eleganz. Ihre langen Körper drehen und biegen sich in alle Richtungen wie Tänzer mit langsamen, großen Bewegungen: große Schritte, große Flügelschläge und dazwischen immer Verharren. Wenn früh morgens das Wasser der Teiche völlig unbewegt daliegt, sich die Körper der Reiher darin spiegeln und eine solche Stille ringsum herrscht, fühle ich mich geradezu in eine andere Welt versetzt. Das tut der Seele gut.

Silberreiher Wiesenteich Stradow Spreewald
Silberreiher (Casmerodius albus)

Daneben sind mir in den letzten Septemberwochen doch noch ein paar Lifer vor die Linse gekommen, über einige war ich sehr glücklich wie zum Beispiel den Eisvogel und den Waldbaumläufer. Damit habe ich inzwischen 57 beobachtete Arten auf der Liste stehen.

Tafelente30-9-18
Tafelente (Aythya ferina)

Auf der Suche nach Beobachtungsgebieten

Noch immer erscheint mir Sachsen ein „dürres Land“ zu sein, was die Spots für Vogelbeobachtung anbelangt. In Brandenburg mit seinen vielen Naturparks und Seengebieten, scheint es so viel leichter, Vögel zu beobachten. Wir waren wieder einmal an den Stradower Teichen und dem Wiesenteich bei Stradow gewesen, wo sich Silberreiher und Graureiher ganz wunderbar beobachten lassen. Dort gelangen mir auch die meisten Beobachtungen neuer Arten in den letzten Tagen.
In Sachsen habe ich mich im Radeburger Umland, in Zschorna und in Moritzburg, umgesehen. Die Zschornaer Teiche bieten gute Beobachtungsmöglichkeiten für Reiher, Gänse und Kormorane. Der große Teich ist allerdings für mein 300mm-Objektiv schon eine Nummer zu groß. Aber es liegt nahe genug, um spontan mal hinzufahren. Es wird höchste Zeit für ein anständiges Fernglas.
Auch das NSG Frauenteich bei Moritzburg scheint übers Jahr ein sehr guter Beobachtungsort zu sein. Reiher, Kraniche, Lachmöwen und einen Flussuferläufer habe ich dort beobachten können. In den umliegenden Wald- und Wiesengebieten sah ich Kolkraben, eine Misteldrossel, Rotmilane und Mäusebussarde und früher im Jahr schon einen Seeadler. Außerdem Baumläufer, Meisen, Spechte und Eichelhäher – alle schwer zu fotografieren… Die Skala für zukünftige Beobachtungen ist also nach oben noch weit offen.
Im unmittelbaren Umland werden mir die Plätze auch vertrauter. So weiß ich inzwischen ganz gut, wo ich die Kiebitze finde, wo die Goldammern, die Turmfalken, die Mäusebussarde und Rotmilane, die Mehlschwalben, die Feldlerchen, die Weißstörche usw. Schön daran ist, dass es sehr einfach ist, die Kinder mitzunehmen und sie ganz nah an die Vögel ranzubringen. Während sie über die Felder stromern, sehen sie Bussarde im Tiefflug, Turmfalken auf den Stromleitungen, Goldammern in den Bäumen am Feldrand. Mich freut sehr, wie ein naher Greifvogel sie in Entzücken versetzen kann.

Da nun der Winter bevorsteht, erschien es mir an der Zeit, mich mit Lesestoff für die kalten, ungemütlichen Tage einzudecken. Ganz klar, ein Thema ist der Vogelzug, weil in wenigen Monaten ja alles wieder auf Rückkehr steht und die Brutsaison beginnt.
Mich interessieren aber auch zunehmend andere Dinge, wie etwa das Sehvermögen von Greifvögeln oder andere Sinne, die Kommunikation von Vögeln, die Physik des Fluges und auch das ganze Fachlatein der Ornithologie. Bücher gibt es dazu einige und ich werde sie mir in den nächsten Wochen ganz bestimmt zu Gemüte führen und berichten.

Als nächstes stehen aber die Zugvogeltage in Ostfriesland auf dem Programm. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, aber da ich ein unbeschriebenes Blatt in dieser Hinsicht bin, werde ich ganz bestimmt mit vielen neu beobachteten Arten zurückkehren. Ein Abstecher zum Jadebusen und dem Steinhuder Meer sind auch geplant. Also volles Programm für die kommende Woche!

Hier geht’s zum nächsten Eintrag…
Und hier zurück zu Teil 2 des Birding-Tagebuchs…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.