Stadtspaziergang BUDAPEST

Für unseren Stadtspaziergang in Budapest haben wir uns einen wunderbaren Julitag ausgesucht. Anders als im meisten übrigen Europa hat Ungarn einen verhältnismäßig regenreichen Sommer erlebt. Zwei Tage zuvor sind wir während eines Ausflugs in den Kis-Balaton selber noch ordentlich nass geworden. Und der randvolle Balaton sorgte für quatschnasse Ufer in den Strandbädern. Auch über Budapest liegen noch die Nachwehen von Gewittern der zurückliegenden Nächte, aber es wird heiß werden.

Problem Parken

Über der breiten Schneise des Bahnhofs Kelenföld flirrt gegen zehn Uhr bereits die Luft. Dort stellen wir den Wagen auf einem von mehreren kostenfreien Park and Rail ab, die um diese Zeit schon restlos belegt sind. Später darf man wirklich nicht kommen. In Vorbereitung auf den Budapest-Trip stieß ich bei meinen Recherchen oft auf das vermeintliche Parkplatz-Problem. In der Innenstadt kann ich es nicht beurteilen, aber wer wie wir in den Außenbezirken parkt und dann die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, sollte keine Probleme damit haben. Auch die „Qualität“ der Park and Rail-Plätze ist super. Ich stieß im Netz oft auf Bedenken bezüglich unbewachter Plätze und Autoklau. Hier in Kelenföld sind die großen Parkflächen eingezäunt und mit Videoschranke gesichert. Das KFZ-Kennzeichen wird gescannt, erscheint auch auf dem Parkschein und wird an der Ausfahrt erneut gescannt, sobald man das Ticket wieder in den Schrankenautomaten steckt. Das Ganze völlig kostenfrei – besser geht’s nicht!

Öffentliche Verkehrsmittel

In Kelenföld begegnen sich Fern- und Nahverkehr. Eine der vier Budapester Metrolinien startet hier und führt bis zum Ostbahnhof auf der anderen Seite der Donau. Schwieriger als die Parkplatzsuche gestaltet sich der Versuch, das richtige Ticket für die Metro zu ergattern. In den kühlen Katakomben der Untergrundbahn stehen zahlreiche Automaten. Hier im pulsierenden Zentrum der ungarischen Zivilisation werden wir von der Unverständlichkeit der Sprache endgültig eingeholt. Die Maschinen sprechen Magyar, wir nicht.  Diese schöne Sprache, die geschrieben wie ein Kunstwerk aussieht, hat leider lexikalisch keine brauchbaren Anhaltspunkte, die zur Lösung ihrer Rätselhaftigkeit beitragen.

Ich erinnere mich, auf einer Webseite etwas über die Ticketautomaten der Budapester Metro gelesen zu haben und bin mir sicher, dass diese Automaten vor uns, die falschen sind. Budapester Metro-Automaten sind nämlich sprachliche Multitalente, mit denen praktisch jeder fertig wird. Die anderen bieten nur Fahrscheine für den Fernverkehr, ein interessantes System übrigens, bei dem es stündlich wechselnde Tarife gibt. Die Hauptverkehrszeiten sind teurer, als der späte Vormittag etwa, so dass sich die Zahl der Fahrgäste besser verteilt und zu einer optimaleren Auslastung der Züge führt. Wer nicht unbedingt muss, fährt kostengünstiger außerhalb der Rush Hour.

Budapest Panorama
Buda mit dem Burgbergviertel (links) und die Pester Leopoldstadt (rechts), sauber getrennt von der Donau und liebevoll wieder verbunden durch die älteste Brücke der Stadt, die Kettenbrücke.

Das ÖPNV-Tagesticket für eine Gruppe von bis zu fünf Personen kostet umgerechnet etwa 11 Euro und entspricht dem Preis für zwei normale Einzelfahrscheine. Mit diesem Ticket kann man die Metro nutzen, aber auch Busse, Trams und sogar die öffentlichen Donaufähren. Senioren fahren übrigens ganz und gar kostenfrei.

Gellértberg

Es gibt Architektur. Und es gibt den Jugendstil. Zweifelsohne wären Städte irgendwie blutleer, wenn es nicht die wuchtigen, pompösen Sezessionsgebäude gäbe und deren detailreiche Fassaden mit Balkonen, Erkern, Säulen, Skulpturen, Ornamenten,  mit Friesen und Simsen, Türmchen, ausladenden Fenstern, beeindruckenden Hausfluren und Treppenhäusern aus Stuck und Gold und Marmor.

Das Budapester Stadtbild ist so sehr geprägt von diesem Stil, von der Wucht und Größe der Gebäude, dass sich nach meinem Besuch in der Donaumetropole allmählich ein einzelnes Wort aus den Eindrücken herauskristallisierte. Es sickerte, nie ausgesprochen, durch meine Erinnerung, wurde reiner, konzentrierter, schärfer, fiel mir schließlich eines Abends aus dem Kopf und war da:  SCHWER.

Budapest ist schwer. Schwer wie ein Elefant . Schwer wie ein Gebirge. Schwer wie tausend Kilometer Autofahrt in zwei Tagen. Nicht erdrückend schwer, eher lässt es verstummen, nach und nach.

Als ich aus der Metro auf den Gellértplatz trete, höre ich auf, über mein gegoogletes Budapest-Prospekt nachzudenken. Ich rolle es innerlich zusammen und packe es weg.

Der Gellértplatz ist umringt von hohen Gebäuden im Jugendstil.

Gellertbad Budapest
Das Gellért – Hotel und Heilbad mit Patina.

Der Autoverkehr rollt an allen Seiten vorbei, Wasser plätschert aus Brunnen und fließt wie Wasserfälle an den Wänden des Metroeingangs hinunter. Über die Donau spannt sich die Freiheitsbrücke wie der stachelige Rücken eines Drachen. Auf den Bänken vor der Tramstation hocken zermürbte Männer mit dunklen, speckigen Haaren und Bierflaschen in den Händen. Sie rauchen und reden und nehmen kaum Notiz von der ganzen Bewegung um sie herum. Augenblicklich ist er da, der Geruch, schwer von der Hitze und durchdringend. Eine Mischung aus alter Stadt, Schweiß, Urin und zerfahrenem Straßenschmutz liegt in der Luft. Dazwischen ziehen unsichtbare Fahnen von Zigarettenrauch,  Parfüm und Kaffee durch die Straßen – es würde mir nicht so auffallen, wenn ich diese olfaktorische Vielfalt schon einmal so vehement erfahren hätte. Hab ich aber nicht. Ich denke wieder kurz an die Fotos auf Pinterest. Danach hätte es hier nach Sommer, Eiscreme, Gulasch, zarter Haut, nach frisch gebackenem Kuchen und fruchtigem Rotwein riechen müssen.

Die Kinder hüpfen unbeeindruckt über die Straße und folgen dem Gehweg vorbei am Gellértbad zum Gellértberg. Dort verlangsamt sich ihr Schritt zusehend. Erste irritierte Blicke treffen mich… Ja, da müssen wir jetzt rauf.

Gellertberg
Gute 130 Meter überragt der Gellértberg die Donau. Der Aufstieg braucht etwas Kondition, belohnt aber mit grandiosen Ausblicken in alle Himmelsrichtungen.
Freiheitsbrücke Budapest
Die Freiheitsbrücke führt vom Gellértplatz über die Donau direkt zur Großen Markthalle.

Der Anstieg zum Freiheitsdenkmal und der Zitadelle führt uns zunächst zur St.-István-Kapelle, einer kleinen Höhlenkirche des Paulinerordens gegenüber dem Gellértbad. Von hier hat man bereits einen ersten schönen Ausblick über die Donau und die Brücke, hinüber zum Pester Ufer mit der Zentralen Markthalle und der Neuen Budapester Galerie, deren gewölbte Dachkonstruktion sich wie ein Wal neben der Donau aufbuckelt.

Zentrale Markthalle Budapest
Die Große Markthalle am Fövám tér ist ein beliebter Einkaufsort für Einheimische und Touristen.

Wir steigen höher hinauf, folgen gewundenen Pfaden über kurze Treppen und passieren einen Aussichtspunkt nach dem nächsten. Auf dem Gellértberg dösen Berber in den frühen Vormittag hinein. Auf einer Aussichtsterrasse liegt jemand mit dicken Decken vermummt. Die Gestalt könnte auch tot sein und niemand würde es merken. Die Berber blinzeln mürbe und betäubt in die Vormittagssonne. Der Berg ist voller Touristen, alle auf der Jagd nach schönen Aufnahmen von der Stadt oder sich selbst, dazwischen die Armut und Krankheit der Obdachlosen, die sich nicht im geringsten um die Besucher kümmern, nichts fragen, nicht betteln, nicht pöbeln. Dieses aneinander Vorbeigehen ist bedrückend.

Ich bin eigentlich nicht zart besaitet und habe auch keine Kontaktängste. Trotzdem, meine Kinder durch dieses Spalier zu lotsen, ist anstrengend. Vielleicht, weil ich es ihnen so furchtbar schlecht erklären kann, was sie da zu sehen bekommen. Ist es schon soweit mit mir gekommen, dass ich erwartet habe, mich als Tourist ungestört durch die Highlights der Stadt bewegen zu können?

Oder blendet Budapest mich derart, dass es mit all seiner Schwere und wuchtigen Schönheit nur über das hinweg zu täuschen versucht, was allgegenwärtig ist?

Und ich frage mich inzwischen, ob es nicht auch Gedanken und Erwartungen wie diese sind, die die ungarische Regierung zu ihren fragwürdigen Entscheidungen geführt haben.

Neben all den schönen Bildern über Budapest, die im Internet kursieren – und an denen auch nichts beschönigt ist, wie ich feststellen werde – ist es allerdings auch nicht schwer, bei Recherchen über das „andere“ Gesicht der Stadt zu stolpern. Nicht auf Pinterest, klar. Die Berichte aus Budapest über den Umgang der Regierung mit Obdachlosen, von denen es in der Stadt schätzungsweise zehntausend gibt, haben europaweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Mitte Oktober trat ein Gesetz in Kraft, nach dem Obdachlosigkeit eine Straftat ist, die mit Gefängnis und gemeinnütziger Arbeit geahndet wird. Die Regierung erklärt, so die Obdachlosen dazu bewegen zu wollen, Unterkünfte in Anspruch zu nehmen. NGOs halten dagegen, dass nicht einmal für ein Drittel aller Obdachlosen landesweit Plätze in solchen Unterkünften zur Verfügung stünden.

Kampf gegen das Boese
„Der Kampf gegen das Böse“ heißt diese Skulptur und man wird gar nicht fertig mit dem Zählen der Köpfe des Untiers.

Wir erreichen das Plateau auf dem Berg und damit  das Freiheitsdenkmal. Schwalbenschwänze tänzeln rastlos durch die Baumwipfel . Von allen Seiten der Stadt ist die Frauengestalt zu sehen, wie sie den Palmzweig mit beiden Armen nach oben streckt. Die 14 Meter hohe Figur auf dem über 30 Meter hohen Steinsockel wird von zwei Skulpturen eingerahmt, die den Fortschritt und den Kampf gegen das Böse symbolisieren.  Das Denkmal erinnert an die Befreiung des mit Deutschland verbündeten Ungarn durch die Rote Armee 1944/45 und gedenkt der Soldaten, die daran beteiligt waren. Zwei Jahre nach Kriegsende wurde die Freiheitsstatue, für die eine ungarische Krankenschwester Modell gestanden haben soll, auf dem Gellértberg vor der Zitadelle errichtet. Der Ort hat strategische Bedeutung für ein Denkmal dieser Art. Nicht nur, dass die Deutschen während des Krieges hier Bunker und Flugabwehr eingerichtet hatten, auch die Erbauer der Zitadelle, das Haus Habsburg, wollte der Bevölkerung damit verdeutlichen, dass die Monarchie keine Demokratie dulden würde. Das war 1854, fünf Jahre nach der Märzrevolution, dem Versuch der ungarischen Bevölkerung, sich von der österreichischen Krone loszusagen.

Heute wandelt man im Schatten des Palmwedels entlang mächtiger Mauern und genießt den Blick in alle Himmelsrichtungen bis zu den zartblauen Bergen in der Ferne.

Donauufer

Durch waldreichen Park winden sich die Wege hinunter zur Donau, vorbei am Denkmal von Szent Gellért, dem Namensgeber des Berges, dem Rudas-Bad und dem Ausläufer des Tabán, dem Tal zwischen Gellértberg und Burgberg.

Szent Gellert Denkmal
Das Denkmal, ein Halbrund aus efeuumrankten Kolonaden, zu Ehren des Heiligen Gerhard (Szent Gellért), dessen Märtyerschicksal in jedem Reiseführer nachzulesen ist.

Hier gelangen wir an den Fluss und folgen ihm auf einer herrlichen Promenade gemeinsam mit Tram und Fahrradweg Richtung Norden. Wir passieren die Schlossgärten auf der Budaer Seite und die Leopoldstadt am Pester Ufer, aus der sich die Kuppel und Türme der St.-Stephans-Basilika erheben.

Budapest-Blick über das Pester Ufer
Aus dem Häusermeer der Leopoldstadt, einem Konzentrat an Prachtbauten und Jugendstil, erhebt sich die St-Stephans-Basilika mit ihrer 96 Meter hohen Kuppel.
Budapest-Donauverkehr
Lebensader Donau. Neben unzähligen Ausflugsschiffen verkehren auch die öffentlichen Fähren auf dem Fluss zwischen Margareteninsel im Norden und der Petöfibrücke im Süden. Mit Tagesticket sollte man diese Fähren unbedingt einmal benutzen.
Kettenbrüke Blick zum Pester Donauufer
Die 375m lange Kettenbrücke, Budapests erste Verbindung über die Donau, im Jahre 1849 eingeweiht und zu Ehren seines Stifters Széchenyi-Kettenbrücke genannt.
Budavári Sikló

Am Adam-Clark-Platz (im Ungarischen wird immer der Familienname zuerst genannt, also heißt der Platz eigentlich Clark Adám tér) entgehen wir nur knapp einem „Überfall“, so will ich die touristische Stolperfalle mal vorsichtig nennen.

Der Platz bildet das Westende der Kettenbrücke. Hier befindet sich die Budavári Sikló, eine urige, weil bereits 1870 in Betrieb genommene Standseilbahn.

Siklo Budapest
Die Standseilbahn Budavári Sikló.

Den Staatsbeamten war es auferlegt, zwischen dem Parlament auf der anderen Donauseite zu den Ministerien auf dem Budaer Burgberg zu pendeln. Die Sikló dürfte vielen eine atem(be)raubende Amtszeit erspart haben. Wir allerdings sparen uns die Sikló, denn der Ticketkauf an der Talstation ist äußerst zeitraubend. Die Alternative wäre – einmal mehr – die einhundert Höhenmeter per pedes zu erklimmen. Doch da tritt schon eine beleibte Frau mit wallender Frisur und einigen Zettelchen in der Hand auf mich zu. Ohne Umschweife startet sie eine Performance, die mich überrumpelt. Sie haspelt einen Text über die Shuttle-Busse herunter, die alle zehn Minuten gleich hier am Platz hinauf starten, direkt zur Matthiaskirche, ganz praktisch, ganz easy, ganz günstig… Ich starre während des atemlosen Vortrags auf ihre perfekt manikürten Fingernägel und betrachte dann einen Moment meine Kinder. Die sehen noch recht fit aus und sind im Erklimmen von hundert Höhenmetern an diesem Tag schon erprobt. Also machen wir uns zu Fuß auf den Weg, der sich über schattige Serpentinen und zwei kleine Brücken direkt über den Schienen der Sikló windet. Hier bleibt genügend Zeit für Fotos an einem der schönsten Spots der Stadt.

Kettenbrücke_Budapest
Adam-Clark-Platz mit Kettenbrücke und St.-Stephans-Basilika – mehr Budapest geht fast nicht…
Treppen auf den Burgberg in Buda
Ein wenig zerfallen ist es hier und da schon, dieses Budapest. Aber seinen Charme verliert es deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil, für mich machen genau diese „Makel“ die Stadt so authentisch.

Der Aufstieg dauert keine zehn Minuten und ist für halbwegs fitte Menschen überhaupt kein Problem. Oben angekommen befinden wir uns direkt auf dem großen gepflasterten Platz zwischen Palais Sándor (dem Sitz des Staatspräsidenten) und Königspalast. Von hier aus  überschaut der Vogel Turúl (Beitragsbild) die Donau und den Pester Stadtteil. Und von hier fließt der Strom der Menschen bedächtig zum Burgviertel hinüber. Es ist inzwischen kurz nach Mittag und wir haben seit unserer Ankunft in Kelenföld etwas mehr als zwei Stunden Stadtspaziergang hinter uns. Es wird Zeit für einen Imbiss. Im Burgviertel stellt das kein Problem dar, denn hier gibt es zahlreiche Restaurants, Selbstbedienungsbistros, Cafés und Gartenlokale. Wir lassen es uns gegenüber der Matthiaskirche im Piknik Pavilon unter hohen, schattigen Bäumen schmecken. Es mag nicht die erste Adresse am Platz sein, aber die Aussicht auf die Kirche ist toll, das Publikum jung, international, familiär und es duftet herrlich nach Lángos und Gulasch.

Nach einer ausgiebigen Stärkung mit knusprig-zarten, mit Sauerrahm und gegrilltem Gemüse belegten Teigfladen, die jeder Pizza Konkurrenz gemacht hätten und nicht ansatzweise mit den mickrigen Lángos auf hiesigen Weihnachtsmärkten mithalten können, geht es an die Erkundung des Burgviertels.

Burgviertel

Zentrum und Touristenmagnet Nummer eins des Stadtteiles ist zweifelsfrei die Matthiaskirche. Vor dem Ticketcenter auf dem Kirchplatz bilden sich lange Schlangen, was längere Wartezeiten bedeutet. Ausgeschlossen mit Kind im Gepäck, also bestaunen wir die Kirche ausgiebig von allen Seiten und stecken die Nase in den Reiseführer, um etwas über ihr Innenleben zu erfahren.

Matthiaskirche_1
Die Matthiaskirche hat eine sehr wandlungsreiche Zeit hinter sich. Im 13. Jahrhundert begonnen, wurde sie mehrmals vergrößert, umgestaltet (die Türken machten daraus eine Moschee), zerstört und wieder aufgebaut. Ihr jetziges Aussehen hat sie seit 1896.
Fischerbastei
Die Fischerbastei

Ähnlich geht es uns mit der Fischerbastei. Die arkadenartige Befestigung mit ihren zahlreichen „Fensterbögen“ ist von Touristen bevölkert, denn von hier aus lassen sich fantastische Portraitfotos mit dem Parlamentsgebäude im Hintergrund machen – vorausgesetzt man findet ein freies Plätzchen. Zwar gibt es die Möglichkeit gegen einen Obulus (von drei Euro pro Person, wenn ich mich recht erinnere) auf den oberen Wehrgang zu steigen und die kleinen Türmchen zu erkunden, die sich märchenhaft schön in die Mauern fügen, doch auch das finde ich nicht zwingend notwendig. Der Platz zwischen Matthiaskirche und Fischerbastei hat etwas Magisches. Er ist sauber, die hellen Steine der Gebäude und des Pflasters tauchen den Ort in ein unwirkliches Licht, nicht gleißend, aber auch nicht klar. Eher milchig. Die Kinder sitzen auf einer Bank im Schatten eines Baumes, naschen verträumt ein Eis und baumeln mit den Beinen. Der Ort lullt uns tatsächlich etwas ein. Und er wirft diesen Schleier über Budapest, durch den man trübe die alte Macht erahnen kann, die hier einmal geherrscht hat. Wenn man sich all die Menschen mit ihren Fotoapparaten und Handys wegdenkt, den Lärm der Autokolonnen, der vom Fluss her aufsteigt, wenn man die Hektik und Schnelligkeit unserer Zeit einmal vergisst, dann wird Budapest an diesem Ort zu einem Mythos, unergründlich, fern und… schwer.

Noch heute, Monate später, weiß ich einfach nicht, was ich von der Stadt halten soll.

Sie ist schön und alt und einzigartig und ich mag sie sehr, aber sie bleibt doch unnahbar, so als wäre sie tief im Innersten einfach noch nicht in unserer Zeit angekommen.

Wie ein Urtier, das nach langem Schlaf erst wieder in die Gänge kommen muss.

Walzer Cafe Budapest
Eine Oase der Ruhe, recht versteckt in einer Nebenstraße: das Walzer-Café.
Gasse in der Budaer Altstadt
Die alten Mauern auf dem Burgberg sind nicht weniger schön als die Kirchen, Paläste und Denkmäler hier. Unter den Gassen des Burgviertels liegt das Labyrinth, ein Gangsystem in den hunderttausende Jahre alten Höhlen des Berges, das den Menschen seit jeher als Speicher und Versteck diente und das man heute besichtigen kann.
Matthiaskirche
Von außen farbenfroh, von innen noch bunter: die zahlreichen Bleiglasfenster der Matthiaskirche entfalten naturgemäß nur im Inneren ihre Pracht.
Auf der Donau

Unterhalb des Burgviertels von BudapestVon der Fischerbastei aus folgen wir den Gassen und Treppen hinunter zur Donau. Ein Hauch von Lissabon und eine Prise Prag wehen durch die Straßen, Erinnerungen an andere Orte und andere Zeiten.

Am Fluss wird es moderner. Mehrstöckige Häuser bilden tiefe Schluchten, teure Autos parken in den wenigen Nischen dazwischen. Doch der Weg durch den urbanen Ufersaum ist kurz und wir erreichen den Fluss auf Höhe des Parlaments. Ihm gegenüber liegt der Fähranleger Batthyány tér. Die Fähren fahren alle dreißig Minuten und unsere Wartezeit ist kurz. Wir steigen auf eine Südfähre, also stromabwärts, doch zuvor überquert das Schiff den Fluss und lädt die Passagiere am anderen Ufer auf.

Parlament Budapest

Das bietet uns einen geradezu idealen Blick auf das Parlamentsgebäude, das im Nachmittagslicht nicht mehr ganz so grell leuchtet. Die Fassade spiegelt sich unscharf im kabbeligen Flusswasser.

Während der Fahrt gelingt nun der Blick auf Buda mit einer gewissen Distanz. Das Gesehene zieht noch einmal an uns vorbei. Wie bei einem Puzzle setzen sich die einzelnen Bilder aus dieser anderen Perspektive zu einem ganzen Bild zusammen. Die Berge, die wir erklommen haben, erheben sich nun vor uns. Da fließt alles an uns vorbei, was wir an diesem Tag geschafft haben.

Burgviertel Budapest
Blick auf den Burgberg mit Matthiaskirche und Fischerbastei.
Blick auf den Burgpalast Budapest
Die Schlossgärten unterhalb des Königspalastes

Nun ja, zumindest fast. Eines der Kinder probiert die Toilette auf der Fähre aus. Es ist die blanke Not und nicht unbedingt nachahmenswert. Als wir jedenfalls wieder auf dem Oberdeck ankommen, hat die Fähre bereits die Kettenbücke passiert. Wir streifen nun den Gellértberg und nähern uns dem Anleger am Gellértplatz. Hier zeigt sich dann Budapest wieder von seiner nüchternen Seite:

Donauufer am Gellertbad
Der Anleger der Fähre am Gellértplatz (ausgerechnet!) ist umkleidet von Treibholz, Müll und Wildwuchs.

Aber das ist in Ordnung. Es passt zu Budapest. Zu dieser Stadt, die sich an vielen, schönen Stellen herausputzt, ihre Lippen tiefrot nachzieht und Rouge auflegt, ein teures, wenig modernes, aber heftig was hermachendes Kleid aus edlem Stoff anlegt, sich herrichtet wie eine alte, reiche Tante aus der ferneren Verwandschaft. Man sieht es ihr gerne nach, dass der Stoff hier und da schon ein paar Flecken und Risse hat und dass die Züge in ihrem betagten Gesicht nicht mehr ganz so fein sind, wie sie es damals einmal waren, als die Stadt aufblühte und Künstler und Königinnen an ihren Ufern weilten.

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Reiseführer und andere Literatur

Vis-à-Vis Reiseführer Budapest

Der ausführliche Reiseführer aus dem Hause Dorling Kindersley ist etwas für alle, die es genauer wissen wollen. Der handliche 270-Seiter ist vollgespickt mit Fotos, Kartenmaterial, schematischen Darstellungen und Informationen zu allem erdenklichen: Geschichte, Sightseeing, Shopping, Landesinfos, Stadtplan und sogar ein Mini-Kochbuch, falls jemand die sensationellen Lángos nachbacken möchte!

DUMONT direkt Reiseführer Budapest

Wer es nicht ganz so ausführlich, dafür aber persönlicher mag, dem sei der Reiseführer von Matthias Eickhoff empfohlen. Seine Frau stammt aus Budapest und deren Informationen aus erster Hand fließen somit ein. Der Reiseführer ist jung und modern, passt bequem in jeden Rucksack und bietet hier und da kleine Kennertipps abseits des Mainstream.

DUMONT Bildatlas Donau. Von der Quelle bis zur Mündung

Ich mag die beinahe epischen Bildatlanten von Dumont sehr und schmökere vor einer Reise ausführlich darin. Weniger wegen der Reisetipps, sondern um ein Gefühl für den Ort zu bekommen, denn das vermitteln die Hefte auf jeden Fall. In dieser Ausgabe geht es zwar nur am Rande um Budapest, doch die Donau, die Ungarn beinahe wie in einer Umarmung durchfließt, Menschen, Tiere und Dinge bringt und wieder fortträgt, fließt nun einmal auch durch Budapest.

MERIAN Budapest

Die Merian-Version des Reiseführers in Zeitschriftformat widmet sich ganz und gar der Stadt: es geht um den Fluss, die Kaffeehäuser, den Jugendstil, die Ruinenkneipen, die Moderne und die Historie, und es gibt einen Artikel zu Gödöllö, jenem zwanzig Kilometer entfernten Vorort, in dem schon Kaiserin Sissi residierte.

„Budapest“ von Chico Buarque

Der Roman des Brasilianers Buarque spielt sowohl in Budapest als auch in Rio de Janeiro. Der Protagonist ist ein mittelprächtig erfolgreicher Ghostwriter, der sich auf Memoiren spezialisiert hat. Aber auch seine eigene Biografie ähnelt der eines Geistes, denn er hält es weder in Rio bei Frau und Kind lange aus, noch in Budapest, wo er nach einer Notlandung einer alleinerziehenden Mutter begegnet, bei der er – schwer verliebt – Ungarisch zu lernen versucht.


Das Cover der Taschenbuchausgabe ist übrigens sehr gelungen und von genau demselben kecken Witz wie das Buch.

Öffentlicher Personennahverkehr

Informationen zum ÖPNV in Budapest auf reisewege-ungarn.de

Zur Obdachlosigkeit in Budapest

Artikel des Nordkurier zur neuen Gesetzgebung in Ungarn

Beitrag der ARD-Wien zur neuen Gesetzeslage in Ungarn

Wissenswertes

Der Vogel Turúl (bei Wikipedia)

Homepage des Piknik Pavilon auf dem Burgberg (Seite momentan im Aufbau)

Facebook-Seite des Walzer Café

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