Stadtspaziergang PRAG

Wenn er nicht strahlend blau ist, dann in irgendeiner Art dramatisch. Der Himmel über Prag. Vielleicht liegt es am Kontrast der bunten Häuser, oder den vielen Sichtachsen, die sich kreuz und quer durch die Gassen und die Hänge hinauf und hinunter ziehen, oder auch an den unzähligen Kleinigkeiten und Heimlichkeiten, die es hier zu entdecken gibt. Über alldem wölbt sich der Himmel so schön wie nirgendwo sonst, sogar nachts.
Das mag für manchen Leser übertrieben klingen, doch er sei eingeladen, sich selbst zu überzeugen.

blick vom letna park richtung laurenziberg
Blick vom Letná Park Richtung Kleinseite und Laurenziberg. Auf der Anhöhe findet jährlich am letzten Juniwochenende das kostenfreie Open-Air-Konzert des Prag Radio Symphony Orchestra statt und traditionell wird natürlich „Die Moldau“ von Bedřich Smetana aufgeführt.
Abenteuer innerstädtisches Parken

Unfehlbar lotst uns das Navi an diesem schönen Junitag über die Autobahn, durch Tunnel und schließlich über holprige Kopfsteinpflasterstraßen mit abenteuerlichen Tramgleisen. Punktgenau kommt der Wagen auf der Pohořelec zum Stehen, einer platzartig erweiterten Straße zwischen Hradschin und Malá Strana weit oberhalb der Moldau. Hier gibt es einen Parkplatz, auf dem wir – trotz der unmittelbaren Nähe zur Prager Burg und dem Veitsdom – tatsächlich noch freie Plätze finden. Wir fragen allerdings auch nicht nach dem Preis für das Tagesticket. Wer relativ günstig und bewacht parken möchte, kann nach Letná fahren, auf der anderen Seite des Burgberges oberhalb der Moldau. Dort gibt es einen bewachten Großparkplatz direkt am Park. Durch die weitläufige Parkanlage gelangt man mit wunderbaren Aussichten hinunter zum Fluss und über die Čechův most direkt auf die berühmte Flaniermeile Pařižská.

Auch wenn wir mit dem Parken keine Probleme hatten, sollte man sich die Zeit nehmen, vor einem Pragbesuch mit dem Auto nach geeigneten Parkmöglichkeiten zu suchen. Denn das Parksystem in Prag mit seinen diversen Zonen ist äußerst komplex und Fehler werden schnell teuer. Und noch etwas: immer, immer, immer genügend Kleingeld dabei haben!

Malá Strana (Kleinseite)

Geld haben wir bereits beim Vignettenkauf an der Grenze gewechselt und das ist auch gut so. Glaubt man den Vloggern Janek und Honza von Honest Guide, lauern in Prag einige dubiose Gestalten darauf, unbedarften Touristen durch horrende Wechselkurse das Geld aus der Tasche zu ziehen. So ganz einfach ist der Kurs Euro – Tschechische Krone ja in der Tat nicht auf die Schnelle zu berechnen. Aber auch hier hilft die Information vorab oder die Youtube-Clips von Honest Guide, die noch über vieles mehr aus und über Prag aufklären.

Wir folgen der Loretánská ein Stück Richtung Burg und spüren den stärker werdenden Sog des Touristenstroms. Bevor er uns vollends mitreißt, springen wir in eine kleine Seitengasse, der Radnické schody, ab. Es ist eigentliche eine Treppe (schody) und die Stufen führen uns durch einen Bogen, vorbei an ein, zwei lauschigen Restaurants und einem wunderbaren Blick zur Niklaskirche, direkt an die berühmte Nerudova, die hier endet und zum kurzen Anstieg auf den Hradschin abzweigt. Wir lassen den Burgberg aber im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und folgen der Nerudova ein Stück bergab Richtung Karlsbrücke.

Es lohnt sich in Malá Strana durchaus, die „Elefantenwege“ zu verlassen und sich in die kleinen, malerischen Nebenstraßen und Gassen zu begeben. In den imposanten, herrschaftlichen Palais von Malá Strana sind viele Botschaften angesiedelt, die zum Teil sehr schöne Gärten beherbergen. Überall in den Gassen lassen sich interessante Details an den Fassaden finden, kleine Innenhöfe mit Brunnen, gemütliche Cafés, immer wieder auch Kultur in Form von Museen, Kirchen, Klöstern und ehemaligen Residenzen von Prager Persönlichkeiten und natürlich der Laurenziberg (Petřin) mit seinen ausgedehnten Obsthängen. Der Prager Kleinseite gelingt es, die Epochen so zu vereinen, dass sie den mittelalterlichen Charme winzigster Häuschen und Gassen nicht verliert und dennoch modern und weltoffen ist. Die Spuren der Jahrhunderte ziehen sich gut saniert über die Hänge hinunter zur Moldau.

prag
Obstbäume an den Hängen des Laurenziberges. Blick über den Hradschin und die Kleinseite.

Wir gelangen zur Vlašska und damit zum ausschlaggebenden Impuls für unseren Pragbesuch. In der Vlašska befindet sich das Palais Lobkowitz (Lobkovický palác), in dem die deutsche Botschaft ihren Sitz hat.

tor deutsche botschaft prag
Schmiedearbeiten am Eingangsportal des Palais Lobkowitz

Das ist toll, vor allem das Eingangsportal das Palais macht einiges her und auch der Garten, den man vom Park des Laurenziberges auf der anderen Seite sehen kann, ist beeindruckend schön. Aber eigentlich bin ich auf der Suche nach etwas anderem. Vorbei an einem DDR-Museum folge ich der Straße bergab und komme zu einem Keramik-Geschäft. „Slavica“ heißt es und hatte schon seit geraumer Zeit meine Aufmerksamkeit erregt. Wer meine Reiseberichte kennt, weiß bereits, dass Keramik für mich das einzig wahre Souvenir ist. Ich tauche also ein in die fragile Welt aus Tassen, Schüsseln und Terrinen und verliere jedes Gefühl für die Zeit. Auch wenn es viele der Produkte in einem Online-Shop gibt und ich zugeben muss, dass es sich hierbei nicht um Handarbeit im traditionellen Sinne handelt, sind die Keramiken doch einzigartig und vor allem bezaubernd schön.

Weiter die Straße hinunter liegt das Palais Schönborn (Schönbornský palác). Die US-amerikanische Botschaft ist darin untergebracht und als wir es passieren, wird gerade ein Fahrzeug auf eventuelle Sprengsätze am Unterboden untersucht. Ephraim sieht den uniformierten Polizisten, winkt und glockenhell erklingt seine fröhliche Stimme: „Hallo!“
Ein deutsches Kind, in der tschechischen Hauptstadt, vor der amerikanischen Botschaft… Ich liebe seine kindliche Unbefangenheit. Der Polizist lächelt und winkt zurück.
Im Palais Schönberg hat Franz Kafka eine Weile gelebt. Das seiner Persönlichkeit gewidmete Museum befindet sich allerdings an der Moldau nahe der Karlsbrücke in der Cihelná. Das Museum ist etwas für hartgesottene Kafka-Fans, denn es stellt überwiegend Original-Handschriften, Erstausgaben, Briefe, Fotografien und Zeichnungen aus. Ein dunkler Tempel voller Glasvitrinen, wohl eine Anspielung auf das vermeintlich düstere Gemüt des jungen Schriftstellers.

Wir folgen der Straße abwärts, bis wir auf die Karmelitská stoßen. Hier wird es wieder belebter. Tramgleise führen zum Malostranské náměstí, dem Kleinseitener Ring. Inmitten dieses Platzes befindet sich die Niklaskirche (Kostel svatého Mikuláše), das Wahrzeichen von Malá Strana, denn die Kirche überragt den gesamten Stadtteil mit seiner kupfergrünen Kuppel und dem Turm mit dem goldenen Kreuz. Von der Karmelitská bietet sich ein großartiger Blick auf die Kirche und die Straßenflucht und plötzlich fühle ich mich nach Lissabon versetzt. Wie dort die alte Tram 27  einen Bogen um die Häuserzeilen der Alfama hinunter in die Baixa fährt, so tingeln hier die Bahnen kurvig vom Kleinseitener Ring herüber. Die alten Städte Europas scheinen so etwas wie eine gemeinsame DNA zu haben. Auch Budapest erinnerte mich schon an Prag und Lissabon. So viel historisches Flair!

prag für naschkatzenAn der Ecke Karmelitská/Tržiště sind die Flügeltüren eines dunkelbraunen Holztores geöffnet. Wie in einer dunklen Höhle liegt eine Mischung aus Kiosk und Backstube, aus der es nach Baumstriezel (Trdelník) duftet. Ein großer Kühltresen mit einem Dutzend Eissorten brummt in der Höhle. Daneben glüht ein Holzkohlefeuer, über dem die mit Teigrohlingen umwickelten, nudelholzartigen Stäbe hängen. Sie sind  zwar alles andere als ein typisch tschechisches Gebäck, aber mit Eis und Sahne gefüllt dennoch lecker. Kurze Naschpause also.

Kampa und die Karlsbrücke

Durch winzige Gassen um das Česke muzeum herum gelangen wir über den Teufelsbach (Čertovka) nach Kampa.

kampa teufelsbach
Wo der Teufelsbach die Karlsbrücke unterläuft, gibt es oft Straßenmusik.
kampa prag
Auf dem Familienfest des Kampa Divadlo.

Die unscheinbare Moldauinsel erstreckt sich bis kurz hinter die Karlsbrücke und wartet an diesem Sommertag mit einem Kinder-Theaterfest auf. Später erfahre ich von einer Mitarbeiterin, dass das auf Kampa ansässige Theater (Divadlo), eine kleine Bühne mit rund 80 Plätzen, jeden Sommer einen Nachwuchs-Wettbewerb veranstaltet. Auf Mini-Bühnen können sich Kinder mutig mit Liedern, Gedichten und kleinen Stücken präsentieren. Das Divadlo, welches sich unter anderem durch märchenhafte Kindervorstellungen auszeichnet, möchte so auch aufmerksam machen auf Theater und Schauspielerei. Umrahmt wird das Fest von Spiel- und Kreativangeboten wie dem Binden von Blumenkränzen. Im Schatten großer, alter Bäume und nur eine Armlänge von der Moldau entfernt mausert sich Kampa an diesem Tag als Oase der Ruhe im allzeit pulsierenden Herzen von Prag. Die Atmosphäre auf dem Fest ist so friedlich und konstruktiv, dass sich unsere Kinder wie selbstverständlich unter ihre tschechischen Peers mischen. Sprachbarriere hin oder her, sie verständigen sich mit Händen und Füßen und werden sogar eingeladen, auf einer der Bühnen mitzumachen.
Der Himmel strahlt in übermütigem Blau und schickt kleine, weiße Wolken auf den Weg.

moldau blick zur prager altstadt
Am Kleinseiter Moldauufer der Insel Kampa mit Blick zur Prager Altstadt.

Wir erreichen die Moldau gegen Mittag und das Spektakel, welches sich um diese Zeit der Nase bietet, ist umwerfend. Am Moldauufer und in den angrenzenden Straßen reiht sich ein Restaurant ans nächste. Überall duftet es nach Fleisch und Knödeln, gebackenem Käse und deftigen Soßen. Allein einen Platz zu ergattern – wir sind an diesem Tag zu siebt unterwegs – ist schier unmöglich! Wir beschließen, es auf der anderen Seite der Moldau zu probieren und es sei vorweg genommen, dass dies natürlich ebenso wenig von Erfolg gekrönt war. Letztendlich haben wir es uns schließlich zurück in Kampa mit unserem Proviant gemütlich gemacht.

Die Karlsbrücke (Karlův most)  ist mittlerweile schon unzählige Male beschrieben, fotografiert, überschritten und durchfahren worden, dass es wahrscheinlich überflüssig ist, an dieser Stelle vom Heiligen Nepomuk, dem vierzig Meter hohen Altstädter Turm und seinem kleinen Museum, in dem Fundstücke aufbewahrt werden, die auf der Brücke verloren wurden, oder dem Foltermuseum am Altstädter Brückenende zu berichten. Deswegen hier lediglich eine kleine Fotoparade:

heiliger nepomuk gedenkplakette
Weil es angeblich Glück bringt, an der Tafel zu reiben, ist der Heilige Nepomuk ein echtes Glanzstück. Der Sage nach wurde er hier in die Moldau geworfen, weil er seinen Glauben nicht verleugnen wollte.
am altstädter brueckenturm prag
Am Altstädter Brückenturm.
karlsbrücke prag
Auf der Karlsbrücke Richtung Kleinseite. Neben Musikanten und Händlern gibt es aber auch unbeschönigt das Elend der Stadt in Form von Berbern, die auf ein paar Kronen hoffen.
Staré Město (Altstadt)

Am Altstädter Ende der Karlsbrücke, nachdem man den Torturm durchschritten hat, steht die Fassadenreihe der Häuser wie eine gewaltige Mauer da.

blick auf den hradschin in prag
Altstädter Ufer mit Blick zum Veitsdom.

Einzig eine kleine Gasse, die Karlova, schlürft wie das schmale Ende eines Trichters den Besucherstrom ein und zieht sie in eine schummrige Welt aus verwinkelten Gassen, durch die wir wie auf dem Grund von Schluchten, mitlaufen. Wir arbeiten uns zum Staroměstske náměstí (Altstädter Ring) vor. Hier, im Gewirr der Ladenzeilen, die beinahe an einen orientalischen Basar erinnern – ich war vor vielen Jahren einmal im Jerusalemer Basarviertel und sehe gewisse Parallelen – wird der Druck der vielen Menschen spürbar. Die Enge, das Geschiebe, das Ausweichen und stockende Vorankommen fühlen sich wie eine Fahrt auf einem schmalen Wildwasserfluss an. Die Luft wird irgendwie knapp, die Sicht geht gegen null, die Strömung reißt einen mit und man ist ihr irgendwie ausgeliefert, bis wir plötzlich  wie durch ein schmales Rohr (es hießt in unserem Fall Melantrichova und ist einmal mehr eine winzige Gasse) auf den Altstädter Ring geblasen werden, direkt vor das Rathaus mit der Astronomischen Uhr. Die Weite um uns herum lässt uns wieder atmen und nach kurzem Orientierungsblick haben die Kinder alle vier Eisverkäufer am Platze ausgespäht.

In meinen Zwanzigern war ich drei Jahre in Folge immer im Sommer für einige Tage in Prag. Übrigens auch im Hochwassersommer 2002 – ein Abenteuer, bei dem ich von der Karlsbrücke (bevor sie am darauffolgenden Tag gesperrt wurde) aus einen alten Kühlschrank die brodelnde Moldau herabkommen sah. Damals war ich regelmäßig in der Altstadt unterwegs. Ich war jung und ledig und belastbar und das Gewimmel in den Gassen war wie Schmieröl für meinen inneren Motor! Heute bin ich älter und Mutter dreier Kinder und zuweilen mit einem porösen Nervenkostüm ausgestattet. Der Super-Gau meines jetzigen Daseins wäre mit dem Verlorengehen eines der Kinder in einer undurchdringbaren Menschenmenge vergleichbar. Man möge mir somit die obige Schilderung der Altstadt nachsehen.

tuerme der teynkirche in pragDas Flair auf dem Altstädter Ring (Beitragsbild) ist ein gänzlich anderes als in Malá Strana. Der weite Platz beherbergt die imposante Teynkirche mit ihren schwarzen, mit kleinen Türmchen verzierten Schieferdächern. Ihr gegenüber befindet sich das Rathaus und an der Südseite des Rathausturmes die bereits erwähnte Astronomische Uhr (Pražský orloj). Ihr Spiel ist jede halbe und volle Stunde zu bestaunen. Aber auch „stumm“ ist das gotische Technikwunder wert, eingehender betrachtet zu werden. Wer die Zeit hat, sollte hier ein wenig Verweilen, auch wenn es nicht gerade ruhig zugeht. Kurz vor dem Beginn eines Spiels sammelt sich eine große Menschentraube an, Handys werden hochgehalten, Raunen, Klackern von Fotoapparaten und zum Schluss ein anerkennendes Applaudieren aus hunderten Händen.

Auf dem Platz starten Stadtbesichtigungen zu Fuß, im Oldtimer oder im Fiaker. Wo der Altstädter Ring in die Pařižská übergeht ragt die barocke Altstädter Niklaskirche auf und das Stadtviertel Josefov beginnt. Wir drehen ab und kehren zur Karlsbrücke zurück. Der Himmel hat sich inzwischen zu etwas mehr Drama entschieden. Wie ein stiller Vorbote von Dunklem hängt er bleiern über der Stadt. Doch der mausgraue Überwurf an Wolken hat sich gegen Abend wieder aufgelöst.

Kampa und Hradčany (Burgviertel)

Am äußersten Nordende von Kampa, dem Zipfel nördlich der Karlsbrücke, wo sich das Kafka-Museum befindet, gibt es eine der vielen kleinen, heimlichen Orte, die mich so über diese Stadt staunen lassen. Wir machen Rast auf einem Platz, den die Cihelná und die U lužického semináře bilden. Ein äußerst engagierter Reiseführer unterhält eine Gruppe Touristen. Er steht auf einer Bank und überschaut seine „Schäfchen“. Ich verstehe ihn nicht, weil er tschechisch spricht, aber dem Gelächter seiner Zuhörer nach, muss die Darbietung gut sein. Mein Blick schweift über den Platz. engste gasse prags
Neben einem armbreiten Spalt zwischen zwei Hauswänden am Moldauufer sehe ich eine Fußgängerampel. Und tatsächlich kommen und gehen immer wieder Menschen durch den schmalen Spalt. Wir sehen uns das genauer an und entdecken eine schmale Treppe zwischen den Hauswänden, die in einen Innenhof hinab führt. Der Durchgang ist so eng, dass tatsächlich immer nur eine Person durchpasst. Daher die Ampel. Es ist die schmalste Gasse Prags und sie bringt uns in ein Restaurant mit Flussterrasse, das „Čertovka“, benannt nach dem Teufelsbach, der hier nach etwa 700 Metern wieder in die Moldau zurückfließt.

Von der Terrasse aus blickt man über die Moldau, die Karlsbrücke und das Altstadtufer bis nach Norden zu den bewaldeten Hängen vom Letná. An diesem Ort lerne ich nun etwas über das Essen in Prag. Hatte ich mich bei früheren Aufenthalten durch Pizzerien und McDonald’s am Leben gehalten, ist mir heute nach authentischeren Etablissements zumute. Auf den Nebentischen wird bereits ganz traditionell Böhmischer Knödel mit Kraut und deftigem Fleisch aufgetragen. Es gibt auch Kassler mit Kartoffelrösti und Sauerkraut. Ich entscheide mich für ein Pilzrisotto, was ein schwerer Fehler ist, denn das Risotto ist nicht traditionelle tschechische Küche und es schmeckt auch nicht gut. Meine Mitstreiter sind mit ihrer Kassler-und-Knödel-Küche allerdings hochzufrieden. Es scheint also ratsam, dass man in Prag die deftige, rustikale, altbewährte Landeskost genießt, die es quasi in jedem Restaurant gibt.

Als die Dämmerung einsetzt, machen wir uns auf den Weg hinauf zur Burg. Über die kopfsteingepflasterte Mostecka gelangen wir wieder an die Niklaskirche. Einen Versuch ist es wert, vielleicht hat die Kirche noch geöffnet. Doch als wir die mächtige Holztür am Westportal öffnen, taucht ein uralter, gebrechlicher Mann in einem schwarzen Anzug und stechendem Blick auf. Er schüttelt mürrisch den Kopf und scheucht uns wie übermütige Kinder davon. „Closed!“, knurrt er wie ein alter Wolf, der den Tourismus endlich gegen seinen Feierabend tauschen will. Wir nehmen es leicht, denn der Tag war wunderschön.

Der Himmel wird weiß, als die Sonne irgendwo hinter einem fernen Horizont verschwindet. Das gelbe Licht der Straßenlaternen begleitet uns die Nerudova hinauf. In der Nerudagasse gab es nicht immer Hausnummern. Ursprünglich dienten die „Hauszeichen“ der Orientierung. Sie prangen noch heute unübersehbar an den Fassaden. „Königsweg“ nennt sich diese Strecke zur Burg hinauf und ist bei Tage die Hauptroute der Touristen. Jetzt aber ist sie leer und in der blauen Dämmerung fallen goldene Lichter aus den Fenstern auf das violette Pflaster der Gasse. Vor dem Haus mit den drei Geigen halte ich inne. Ein kleines Straßencafé wirft Musik und Unterhaltungen in die Gasse. Die Farben erinnern mich an van Goghs „Caféterrasse am Abend“. Ein Hauch Südfrankreich weht die Nerudova hinunter und wir ziehen weiter bergan. Das Timing hätte nicht besser sein können, denn oben auf dem Burgberg empfängt uns die Blaue Stunde. Das Starbucks, das sich in der Festungsmauer eingenistet hat, schließt soeben und mit ihm die Aussichtsterrasse der Kaffeeinsel. Aber die Mauern des Hradschin sind lang und dick und bieten genügend Ausblicke auf die großartige Stadt, die in diesem Moment zur Nachtschicht ausholt. Im Nachtblau leuchten Myriaden gelber Lichtpunkte auf.

blaue stunde hradschin prag
Blaue Stunde über den Dächern von Prag.

Der Ort ist perfekt, ein letztes Mal den Blick schweifen zu lassen über die Kuppeln und Türme, über den Laurenziberg, auf dessen Gipfel der Aussichtsturm wie der illuminierte Eiffelturm aufragt und über die Ziegeldächer und Schornsteine der Prager Kleinseite. Fern wehen die Geräusche der geschäftigen Altstadt herüber und mischen sich unter die Stille, die aus Malá Strana aufsteigt. Es ist, als hätte die Stadt tausend Augen, mit denen sie durch die Epochen der Vergangenheit auf ihre Bewohner schaute. Verborgenes und Heimliches in ihren Winkeln, versteckt in Raum und Zeit, in einem vierdimensionalen Wimmelbuch.
Ein samtschwarzer Nachthimmel legt sich über Prag wie eine Decke, unter der die warmen Lichter der Metropole die endgültige Stille noch um Stunden hinauszögern werden.

altstaedter ring prag
23 Uhr auf dem Altstädter Ring. The City never sleeps…
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Reiseführer
Dumont Bildatlas Nr. 44 – Prag. Die schöne an der Moldau
Immer wieder lesenswert, mit absolut stimmigem Konzept: Die Bildatlanten von Dumont. In dieser Ausgabe geht es um die Stadtviertel Kleinseite, Altstadt und Josefov sowie Neustadt und Vyšehrad. Ein extra Kapitel befasst sich mit Reisezielen in Böhmen. Typisch sind die übersichtlichen Straßenkarten und zahlreichen Tipps. Alles kompakt im Zeitschriftenformat!

prager niklaskirche bei nacht
Die Niklaskirche auf dem Kleinseiter Ring

Honest Guide
Reportage über die Honest Guides auf praguevisitor.eu
Youtube-Channel von Honest Guide …big show

Parken
Beitrag der Ostbloggerin Helena Šulcová auf mdr.de
Artikel zum Prager Parksystem auf tschechien-online.org

Kampa
Artikel zum Kampa Theater bei prag-aktuell.de
Homepage des Restaurants Čertovka

Astronomische Uhr
Eintrag auf Wikipedia.de

Kafka
Homepage des Kafka Museum (Englisch)

Online-Infoportale
https://www.prague.eu
https://unterwegs-in-tschechien.cz/regionen/prag/
Ein umfangreicher Blog von Christoph Amthor über Tschechien und seine Regionen. Hält so manches abseits vom Mainstream bereit!

Slavica Polish Pottery
Homepage von Slavica Polish Pottery

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