Winterblues (5)

Nachdem ich gegen Ende Oktober aus Ostfriesland zurückgekehrt war, begann dann doch endlich der Herbst. Die Blätter fielen in Rekordtempo und binnen zweier Wochen war das Land praktisch kahl. Neben den familiären Verpflichtungen kündigte sich Novemberwetter an und beides zusammen veranlasste mich, fast sechs Wochen nicht mehr zum Vogelguck rauszugehen. Ich bin absolut kein Wintermensch, weniger wegen mir selber als der Mühsal, die das winterliche Ankleiden dreier Kinder jeden Morgen mit sich bringt. Da überlegt man sich zweimal, ob man nicht doch lieber drin bleibt. Bis Ende Dezember war ich tatsächlich gar nicht mehr unterwegs, auch weil der Dezember fürchterliches, nass-graues Wetter mit sich brachte, aber nach Weihnachten ergab sich wieder Zeit und Gelegenheit.

Zaunkönig (Troglodytes troglodytes)

Winterzeit erschien mir bislang als wenig aussichtsreiche Zeit für Vogelbeobachtungen. Umso überraschter war ich, dass da doch allerhand Gefiedertes unterwegs ist. Die Bäume sind ohne Laub und bieten freie Sicht auf alles, was zwischen den Ästen herumturnt. Natürlich wusste ich, dass durch den Vogelzug auch einige exklusive Wintergäste da draußen herumschwirrten, die zu entdecken nun die beste Zeit war. Allein die Motivation dazu stellte sich erst allmählich ein. Inzwischen fühle ich mich relativ wetterfest, trotze auch zwei Stunden lang Minusgraden und Schnee und wurde mit einigen Sichtungen belohnt, die Lust auf mehr machen.

Männlicher Turmfalke (Falco tinnunculus)

Meine neuen Erstbeobachtungen: Kleiber, Gimpel, Kernbeißer, Erlenzeisig und Gänsesäger.
Zwar nicht zum ersten Mal gesehen, aber in Deutschland erstmals beobachtet habe ich den Grünspecht, den Grünfink und den Zaunkönig. Letzteren hatte ich allerdings auch schon mehrmals beobachtet, aber vom „Zappelkönig“ kein Foto machen können.
Last but not least habe ich auch die 4K-Funktion meiner Lumix zu lieben gelernt und auch wenn ich ein schrecklicher Stativmuffel bin und meine Mini-Videos einen leichten Wackler haben, mache ich doch seit Ostfriesland auch kleine 1-Minuten-Filme.
Total bin ich nun bei 85 Arten. Leider fehlen mir von manchen zwar immer noch anständige Fotos. Zum Beispiel sah ich zu Jahresbeginn einen Sperbermann auf dem Hausdach gegenüber, aber in der frühen Morgendämmerung mit Schneegeriesel ist das Foto keine Augenweide… Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend.

Birding Spots

Auf der Suche nach interessanten Beobachtungsgebieten habe ich mich vor allem auf gewässernahe Orte konzentriert: das NSG Frauenteich bei Moritzburg, die Zschornaer Teiche bei Radeburg, das LSG Spreeniederung bei Bautzen, aber auch der Große Garten in Dresden erwiesen sich als sehr interessante Orte. Demnächst werde ich öfter Birding Spots vorstellen.

Grünspecht (Picus viridis).
Eine Dame, zu erkennen am fehlenden Rot im schwarzen Bereich unterhalb des Schnabels.

Der Anspruch an einen Birding Spot ist für mich – neben der Möglichkeit, Vögeln zu begegnen – seine Begehbarkeit: Wege, Beobachtungspunkte, vielleicht sogar Türme oder Hütten. Auch die Erreichbarkeit mit PKW spielt eine Rolle, allem voran die Möglichkeit zum Parken (also Parken, nicht im Weg rumstehen). Weniger wichtig ist mir das „Etikett“ oder die Reputation, die einem Ort anhaftet. Manch ein „berühmter“ Ort ist überlaufen oder touristisch frequentiert. Dagegen ist der namenlose Feldweg irgendwo im Nirgendwo manchmal eine wahres Fundgrube.

Gänsesäger (Mergus merganser) – links das Männchen, rechts die Dame.

Auch meine nähere Umgebung bietet mir Überraschendes, seit ich anfange, darin nach Vögeln Ausschau zu halten. Gerade in den nahen Biotopen ist es leicht, viel Zeit zu verbringen. Ich mag es mich über Stunden an einem Ort aufzuhalten, still zu stehen, zu lauschen. Bis ich mit dem Ort verschmelze. Bis nicht mehr ich es bin, die sich bewegt, sondern alles andere um mich herum lebt. Das sind manchmal  ganz kleine Gebiete an seltsamen Orten – zwischen Gewerbegebiet und Zubringer zur Umgehungsstraße – an denen sich alles findet: ein kleiner Teich (zur Entwässerung), Schneisen zwischen Baumgruppen, Sträucher, Hecken, Wiese, Unterholz und Dickicht, aber auch hohe, alte Bäume. Da staune ich dann doch, dass sich die Planer offenbar Gedanken gemacht haben, die Landschaft mit vielfältiger Bepflanzung zu gestalten und damit aufzuwerten.

Natürlich gibt es bei uns auch ausgedehnte Agrarflächen mit Monokulturen von Mais, Raps und Getreide. Und ich sehe im Frühjahr auch die Gifttanks über die jungen Pflanzen dahinziehen. Doch dazwischen gibt es Inseln von kleinen Weiden, Teichen, Baumgruppen und Hecken.  

Grünfink (Carduelis chloris) – links der Herr, rechts die Dame.

Was ich damit sagen will, ist, dass sich mein Blick auf derlei Dinge richtet, seit ich auf Vogelbeobachtungen hoffe. Mir wird klar, dass eine Landschaft nicht automatisch „Natur“ ist, nur weil sie grün ist, weil da ein Feld ist, auf dem Pflanzen wachsen. Selbst ein Wald ist tot, wenn die Wesen, die darin leben könnten, keine Nahrung finden.
Nahrung ist so ein Thema geworden (neben Brutplätzen). Insekten, Beeren, Gräser, Samen, Nektar. Das ist der Stoff, aus dem Vogelnahrung (und die vieler anderer Tiere) gemacht ist.  Wir brauchen mehr Orte, wo solche Nahrung vorkommt. Mehr Wiesen, mehr Schilf, mehr Hecken, mehr Wildnis. Praktisch jeder Quadratmeter Land gehört irgendwem, dem Staat oder Bundesland, einer Stadt oder einem Unternehmen oder Privatpersonen. Die Natur gehört sich nicht mehr selber.

Ich gehe durch eine Landschaft und frage mich, wo die Vögel sind, warum es so wenige von ihnen zu sehen gibt? Dann blicke ich mich um und sehe einen Flickenteppich aus Feldern, Weiden und Ortschaften. Landschaft ohne Nahrung. Vielleicht ist es auch nur der Winterblues und ich sollte mich im Frühjahr und Sommer nochmal umsehen?

Kleiber (Sitta europaea)
Literatur

Da ich mir über den Winter vorgenommen hatte, einige neue und alte „Vogelbücher“ zu lesen, habe ich auch allerlei Praktisches, Nützliches, Kurioses und Wissenschaftliches über Vögel dazu gelernt. Einige meiner literarischen Exkursionen sind auch in der Sachbuch-Kategorie gelandet, wo meine Rezension zu lesen ist. Als da wären: „Schräge Vögel“ von Uwe Westphal, „Wawra’s Naturbuch“ von Ursula und Johannes Wawra, „Die Sinne der Vögel“ von Tim Birkhead und gerade erst erschienen und mir – wofür ich sehr dankbar bin – als Rezensionsexemplar zugekommen „Nestwärme“ von Ernst Paul Dörfler.

Nebelkrähe (Corvus cornix)
Projekte

Im Laufe der Wochen haben mich auch einige interessante Projekte beschäftigt. Zum einen die Arbeit des Waldrappteam, welches wir im Dezember mit einer Patenschaft unterstützt haben. Dieser Entscheidung werden hoffentlich noch einige Erlebnisse mit den Waldrappen folgen, denn ich möchte mir die Vögel im Frühjahr schon gerne einmal Life und in Farbe ansehen.

Gimpel (Pyrrhula pyrrhula)

Zum anderen bin ich – was in diversen Vogelgruppen auf Facebook zugegeben nicht sehr schwer ist – auf einen Verein aufmerksam geworden, der sich mit illegalen Jagdmethoden und Wilderei an Vögeln beschäftigt, dem Komitee gegen den Vogelmord e.V.
Gepackt hat mich das, als wir zwischen den Jahren Freunde in der Oberlausitz besucht haben. Die artenreiche Teichlandschaft der Oberlausitz ist ein wunderbares Terrain für Vogelbeobachtungen und auch bei unseren Freunden gibt es die typischen Fischteiche in Dorfnähe. Nur dass hier neben der Teichwirtschaft alljährlich auch ein Massaker an Enten und vermutlich noch allerlei anderem stattfindet. Dazu werden gezüchtete Stockenten auf den Teichen ausgesetzt, regelmäßig gefüttert, damit sie halb zahm bleiben, und die Federn gekürzt, damit sie nicht ihrem Naturell entsprechend davonfliegen. Neben den Teichen wurde extra ein massiver, zweigeschossiger Schießstand errichtet, damit die Wasserfläche auch gut einsehbar ist. Es sind Praktiken wie diese, gegen die sich das Komitee in den 1970er Jahren gegründet hat. Praktiken, die in Deutschland weit verbreitet sind.

Je mehr ich mich mit Vögeln befasse, je tiefer ich eintauche in diese „Orni-Welt“, umso mehr Facetten zeigen sich mir. Leider auch diese düsteren. Aber es ist besser, das Problem zu erkennen und zu verstehen, als blind daran vorbei zu laufen. Jagd und Wilderei laufen in diesem Lande derart weit unterm Radar, dass man meinen möchte, wir hätten hier keine Probleme damit. Weit gefehlt…

Kernbeißer (Coccothraustes coccothraustes)
Pläne

Ende Februar geht es auf den Darß nach Prerow. Ich bin froh, dass ich inzwischen wettererprobt bin, denn ich hoffe auf lange Strandspaziergänge mit Sanderlingen, Ohrenlerchen und Eisenten, auf lange Waldspaziergänge mit hoffentlich auch endlich mal einigen Eulen und lange Boddenbeobachtungen mit Seeadlern, Komoranen, Reihern und all den gefiederten Überraschungen, die die Ostsee für mich bereit hält.

Und ich hoffe auf die bereitwillige Kooperation meiner Kinder für diese vielen, „laaaangen“ Dinge…

Kohlmeise (Parus major)

Hier geht es zum vorherigen Teil des Birding-Tagebuchs.

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