„Von Nachtigallen und Grasmücken“ von Barbara von Wulffen

Siebzehn Jahre vor Romberg und dem großen Federlesen erschien bereits ein Buch „Über das irdische Vergnügen an Vogelkunde und Biologie“ – so der Untertitel von Barbara von Wulffens 350 Seiten mächtigem Werk. Ich sage bewusst „Werk“, denn das Buch ist nicht nur umfangreich und ausführlich, es ist auch in seiner Sprache eine Komposition, die ihresgleichen sucht.

Völlig ohne Illustrationen kommt es daher, obwohl Bilder von Vögeln mitunter fesselnd schön sind. Doch die Autorin malt mit ihren Worten, skizziert Bilder in die Fantasie des Lesers. Sie erschafft Landschaften, von den böhmischen Dörfern und den Allgäuer Weihern der Kindheit über das stickige Chemielabor der Studienjahre im Keller der Münchner Universität und den Solnhofener Kalksteinbruch, in dem 1992 ein versteinerter Archaeopterix ein zweites Mal das Licht der Welt erblickte, bis hin zu den Hochebenen des Tienschangebirges und den steilen Küsten des Schwarzen Meeres im Schatten des Kaçkargebirges in Anatolien.

Inhalt und Aufbau des Buches

Es ist nicht ganz leicht, die Struktur des Buches wiederzugeben, welches sich aus fünfzehn Kapiteln zusammensetzt. Die ersten drei beschreiben die Kindheit und die Jahre des Biologiestudiums in München. Das dritte Kapitel widmet Barbara von Wulffen unausgesprochen dem Menschen, der ihre Leidenschaft für die Vögel weckte und zu ihrem Mentor in Sachen Vogelkunde wurde. Walter Wüst, der Münchner Gymnasiallehrer und Vorsitzende der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern, hielt während Barbara von Wulffens Biologie- und späterem Germanistikstudium einen Lehrauftrag für Vogelkunde an der Münchner Universität. Seine vogelkundlichen Exkursionen in und um München waren für sie der Beginn einer ornithologischen Lehrzeit, die ein Leben lang anhalten würde.
Das Porträt Walter Wüsts lässt nicht nur ihre Bewunderung spüren, es wird – wenn auch erst nach mehrmaligem Lesen der nachfolgenden Kapitel  – deutlich, was Barbara von Wulffen so wichtig an der Begegnung mit ihm war. Walter Wüst verstand es, sich verzaubern zu lassen, ohne analysieren zu wollen. Ihm ging es um die“ sinnliche Unmittelbarkeit der Naturerfahrung“ (wie es der Klappentext formuliert) und nicht um die unersättliche Tiefgründigkeit biologischer Forschung.

Und überhaupt, die Biologie! In den Kapiteln vier und fünf schreibt sie von „Anschauung“ und dem „Angeschaut werden“. Es geht um die Frage, was Leben denn nun ist, um Betrachtungsweisen und  Ansichten über die Essenz des Lebens, denn schließlich beschäftigt sich die Biologie mit nichts anderem. Es sind die mit Abstand schwierigsten Kapitel des Buches und es bleibt kein Zweifel offen darüber, wie unbefriedigend alle bisherigen Ansätze und Theorien für die Autorin sind, welche erklären wollen, woher das Leben stammt, wie es sich entwickelte und warum es das überhaupt tat. Je detaillierter die Forschung, umso weniger greifbar wird der Lebensbegriff. Sind Gene Leben, Aminosäuren in Doppelhelixstrukturen? Die Frage treibt sie um und der horror vacui, dieser Antrieb des immer weiteren und tieferen Vordringens in die Beschaffenheit der Dinge, bis sie ihre Gestalt völlig verlieren, geistert durch das Kapitel, weil es eben nicht sein kann, dass hinter einer Antwort auf eine Frage eine neue Frage lauert, auf die es keine Antwort gibt. Die Wissenschaft als Zersetzerin der Schönheit des Existierenden.

In diesen beiden Kapiteln, die sich dem Leser so kompliziert darstellen, wie es die Lebensphase, von der sie erzählen, für die Autorin gewesen sein muss, spürt man förmlich den frappierenden Unterschied zwischen der Nüchternheit und Distanziertheit der wissenschaftlichen Forschung und dem, worum es Barbara von Wulffen ging, als sie entschied Biologie zu studieren. Der Wunsch nach sinnlicher Erfahrung des Lebens, nach dem, was es im Betrachter auslöst und auch, es zu verstehen in seinem Woher und Wohin und Warum, konnte durch ein Biologiestudium nicht erfüllt werden.

„Ich wollte auf biologische Morgenlandfahrt gehen und Worte des Lebens lernen, noch ohne jede Ahnung, wohin mich das führen würde und daß es, je mehr diese Worte zu verwehen drohten in stummer Mechanik, immer dringender nötig sein würde, ihnen beizustehen.“
—Seite 32

Dennoch betont Barbara von Wulffen, das Studium, welches sie 1961 mit ihrer Promotion abschloss, nie bereut zu haben, denn es öffnete auch Türen besonders durch die Begegnung mit Walter Wüst.

Im Verlauf der nun folgenden Kapitel fließen autobiografische Elemente mit einer höchst unterhaltsamen Mischung aus Geschichte, Tradition, Kultur, Kunst und Gegenwart zusammen, die – und das ist das Schöne daran – auch auf die ornithologische Entwicklung im deutschsprachigen Raum bezogen sind.

Da geht es um die Beizjagd, ein Reizthema, dessen sich die Autorin durchaus bewusst ist, doch dem sie sich umso ausführlicher widmet, indem sie diese Jagdtradition in der Wildnis Anatoliens miterlebt, sie bis zurück zu Kaiser Friedrich II. umschreibt, und mit den heutigen Praktiken vergleicht. Gerade hier findet sich ein interessantes Stück Naturhistorie, denn die Beobachtungen und Niederschriften Friedrichs II. (1194-1250) sind für das 13. Jahrhundert erstaunlich exakt, was nicht zuletzt daran lag, dass der Kaiser es sich nicht nehmen ließ, selbst zu beobachten und forschen und den vermeintlichen Forschungsstand  zu kritisieren statt lediglich das bereits niedergeschriebene zu übernehmen.
Barbara von Wulffen zeichnet hier ein Bild des Kaisers wie einen Kometen am Himmel des allmählich verblassenden Mittelalters. Eine Erscheinung, die für Aufruhr und Erstaunen sorgte, noch Jahrhunderte später. Sie schreibt bewundernswert kurzweilig und spannend über den Kaiser, die Beizjagd und die sich entwickelnde Ornithologie in Deutschland.

In anderen Kapiteln widmet sich die Autorin der vielseitigen Faszination, die Vögel auf Menschen auslösen. Wie einen Fächer entfaltet sie religiöse und kulturelle Aspekte von den Weisheitsvögeln Odins aus den nordischen Göttersagen über die Vogelorakel der Griechen und Römer bis hin zur Botenrolle von Vögeln im jüdisch-kabbalistischen Denken.

Sie stellt Olivier Messiaen vor, jenen Organisten und Komponisten, dem die menschengemachte musikalische Welt zu eng wurde und der sich dem Gesang der Vögel zuwandte und Musik von entrückter Schönheit komponierte. Das Buch beginnt noch vor der Titelseite mit einem Abdruck des Manuskripts „Fauvette à tête noire“, einem Notenblatt  – Vogelstimmenblatt – über den Gesang der Mönchsgrasmücke, wie ihn Messiaen um kurz nach halb neun am Morgen des 23. Juli 1987 wahrgenommen haben will.
Die Struktur der Kompositionen Messiaens sind nicht ohne Weiteres zu begreifen und auch Barbara von Wulffen musste sich dazu Expertenrat einholen. Ob sie ihre Erkenntnisse schlüssig weitergeben konnte, bleibt dem Leserurteil überlassen, aber schon bei weniger komplexer Musik ist es eine Kunst, diese allein mit Worten zu beschreiben.

Le Merle noir (1952) von Olivier Messiaen

Sie porträtiert Fenwick Lansdowne, einen der wichtigsten amerikanischen Vogelzeichner des vergangenen Jahrhunderts, den sie einst in Kanada besuchte und ihm in seiner Werkstattlaube über die Schulter schauen durfte, nachdem sie den Kunstdruck eines seiner Aquarelle – die Königshühner, die sie in Anatolien und dem Tienschan sah – in München gekauft hatte. Nicht nur die Person Lansdownes schildert sie mit all den Überraschungen und Verzückungen, die die Begegnung mit ihm auslösten. Auch das gekaufte Bild wird in ihren Beschreibungen so real, als könnte man es förmlich spüren:

Nach 32 Aquarellen eines Kanadiers, „Rare Birds of China“, waren sie auf einer Presse des 19. Jahrhunderts in Wien bei „Jaffé Österreichische Lichtdruckwerkstätten“ in zwei Arbeitsjahren gedruckt, im Halbtonverfahren, 12 Farben auf 160g Fabriano-Papier – die Platten nach einer Auflage von 100 zerstört.
—Seite 232

Wer einmal Papier des traditionsreichen italienischen Herstellers Fabriano in der Hand hatte, möchte nie wieder auf etwas anderem zeichnen. Die darauf abgebildeten Königshühner, die Lansdowne selber nie zu Gesicht bekam, „schlugen wie Blitze vor meinem unverbereiteten Auge ein“, schreibt Barbara von Wulffen weiter (S. 234) und schließt, dass auf diesen Drucken „mehr Königshuhn präsent“ war „als in der pontischen Nachmittagssonne“ (S. 235).

Epische Bilder

In den Beschreibungen Barbara von Wulffens – und darin liegt zweifelsfrei ihre Stärke – wird das Buch lebendig. Meisterhaft schildert sie die unterschiedlichsten Situationen, Personen und Epochen. Ihr Schreibstil ist einfach großartig, was sich nicht nur in der mutigen Ignoranz der obersten Schreibregel wiederspiegelt, keine langen Sätze zu machen. Im Gegenteil, die Sätze ufern aus wie die Zeitspannen, die sie umschreiben. Sie führen den Leser durch die Panoramen von Gebirgen, Hochebenen, Steilhängen, Tälern, durch Teeplantagen und Dörfer. Die Worte rieseln nur so dahin und einmal ins Lesen vertieft, ergeben sich einfach keine Abbrüche, keine Unstimmigkeiten, die einem das Zuklappen des Buches erleichtern würden. Dazu kommt ein präzises Gespür für die Wirkung von Formulierungen, welche mich besonders im ersten Kapitel der Kindheitserinnerungen fesselten und einmal auch zu Tränen rührten, als von Wulffen beschreibt wie sie als Mädchen aus Versehen einem Entenküken, für das sie die Aufzucht übernommen hatte, mit einem unbedachten Tritt das Leben aushauchte. Das unfassbare Erschrecken über die eigene Ungeschicktheit und das unmittelbare Erleben der Konsequenzen, diese erste schonungslose Erkenntnis von Verantwortung und Verantwortlichkeit, gehen unter die Haut und machen nachdenklich.

Mit sensiblem Humor würzt Barbara von Wulffen ihre Schreibe recht großzügig, was einem so mächtigen Buch durch und durch gut tut. Sensibel, weil sie ein gutes Gespür dafür hat, wann durch Situation oder Verhalten Komik entsteht. Oft liegt in ihren Worten ein Augenzwinkern, wenn sie die Marotten von Ornithologen oder wissenschaftlichen Denkweisen umschreibt und wem all das nicht unbekannt ist, der wird sich selbst darin amüsiert wiederfinden.

Ornithologen sind keine Touristen. Badestrände oder Sehenswürdigkeiten nehmen sie kaum wahr, richten aber an ganz unerwarteten Stellen ihre Feldstecher ins scheinbare Nichts einer wenig einladenden Wasserlache, eines staubigen Baums am Wegrand, in die Luft über einer Moschee, bloß weil jemand „Spornkiebitz“ gerufen hat, „Schopfadler“, „Alpensegler“. Aufgeregt blättern sie in Büchern und  geraten in Euphorien, für die der Tourist zu einer Flasche Retsinawein noch ein paar Usos obendrauf braucht, um alles mit einem gehörigen Kater zu bezahlen.
—Seite 264

Fazit

Bei all den vielseitigen Geschichten und Begebenheiten, die das Buch für den Leser bereit hält, geht es doch im Kern um die „ornithologische Morgenlandfahrt“, die jedem bekannt vorkommen dürfte, der sich aufmacht, Vögel zu entdecken. Das gelegentliche Abschweifen und Ausschweifen in diverse Vergangenheiten oder Landschaften bereichern das Buch zusätzlich und sind Teil der Reise.

Trotz seiner Authentizität verlockt es aber nicht zur Nachahmung, dazu ist es zu autobiografisch, zu persönlich. Vielmehr erkennt sich der Gleichgesinnte beim Lesen fast schon tröstlich wieder und fühlt sich nun nicht mehr ganz so eigentümlich mit seiner Leidenschaft. Der Ornithologe sei „Aussteiger aus Raum und Zeit“, schreibt sie, mit dem es sich nicht einfach lebt, weil er mitunter unvermittelt Pläne über den Haufen wirft und Prioritäten verschiebt.

Dem Vogelliebhaber geht es nicht um Analyse, sondern um Schönheit und um das schwer zu umschreibende Glück von Sehen und Hören, Bestimmen und Erkennen, bestimmt auch im Sammeln von und immateriellen Reichwerden an Erlebtem und Erfahrungen.

Neben dem Grundthema, der Morgenlandfahrt auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach der Essenz des Lebens,  schwingt aber immerzu der Zweifel mit, nicht nur darüber, ob wir tatsächlich schon begriffen haben, was dieses Leben denn nun ist. Im Verlauf des Buches, mit zunehmender Reife der Autorin in ihrer eigenen Geschichte, drängt sich die schleichende Erkenntnis in den Vordergrund, dass es dem Menschen durchaus gelingen könnte, dieses Leben auszulöschen, noch bevor er das Rätsel gelöst haben wird.

Es ist ein Lesebuch, episch und fundiert, ein in Prosa geschriebenes Sachbuch mit einem weiten Radius um die Themen Biologie, Ornithologie und Naturhistorie. Die Sprache ist anspruchsvoll und genau darin schön, keine schnell dahin geschriebenen Gedanken, sondern bedächtig und bis ins Detail geschnitzte Worte. Darin findet sich auch der Titel wieder und das schöne Buchcover mit seiner zarten, fragilen Grasmücke, nur ein Hauch von Leben, schwer zu finden und doch, wenn es gelingt, zutiefst beglückend.

Datenblatt

Titel: Von Nachtigallen und Grasmücken. Über das irdische Vergnügen an Vogelkunde und Biologie
Autorin: Barbara von Wulffen
Einband: Taschenbuch; 352 Seiten
Auflage: 1., Ersterscheinung: 1. Februar 2005
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-596-15396-1

Anmerkung:
Die von mir gelesene Ausgabe mit festem Einband und Schutzumschlag ist aus 2. Auflage von 2002 des erstmals 2001 erschienenen Titels. Aktuell ist das Buch als Taschenbuch erhältlich.

Links

Von Nachtigallen und Grasmücken von Barbara von Wulffen (bei Thalia.de)

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