Anklamer Stadtbruch

Das Abenteuer beginnt gleich hinter Rosenhagen, wo die Feuchtwiesen links und rechts des Weges wie ein grüner Teppich liegen. Alte Weidezäune aus verwitterten Holzpfosten und rostigen Drähten säumen das, was irgendwann mal eine Straße entlang der Entwässerungsgräben gewesen sein muss. Jetzt ist es nur noch eine holperige Ansammlung von Betonplatten, aus denen zu DDR-Zeiten die landwirtschaftlichen Wege, die den Arbeiter- und Bauernstaat durchzogen, beschaffen waren. Es ist bloß eine kurze Strecke vom Ortsausgang bis zum Beobachtungsturm, aber die geht nur im Schritttempo, wenn einem etwas am Überleben seines Wagens liegt. Es muss sich um die furchtbarste Landstraße Vorpommerns handeln.

Im Dachgebälk des Beobachtungsturm trifft man auf recht abgebrühte Mehlschwalben. Einige ziehen die Winkel zwischen den Balken als geeignete Nistplätze in Betracht und sammeln bereits die feuchte Erde aus den Fließen, mit der sie die Bruthöhlen formen. Aufbaukeramik in luftiger Höhe.
Karte Anklamer Stadtbruch (Download als PDF – 5,9MB)
Die Bahndamm-Tour

Am Turm gibt es einen kleinen, unbefestigten Parkplatz, von dem aus sich der Anklamer Stadtbruch in beinahe alle Himmelsrichtungen erkunden lässt.
Nach Norden führt ein Weg entlang der Rosenhäger Beck, einem Fließ Richtung Peenestrom. Folgt man ihm, gelangt man nach einer Viertelstunde auf den ehemaligen Bahndamm, der von 1874 bis 1945 Züge nach Usedom führte. Die imposanten Reste der alten Hubbrücke über das Haff ragen schwarz im Nordosten hinter kahlen Bäumen auf.
Der Damm ist rund drei Kilometer lang und endet in dem kleinen Örtchen Kamp. Dort folgt man der einzigen Straße zwischen der Haffküste und dem weiten, überfluteten Polder entlang Richtung Bargischow. An der Mündung der Rosenhäger Beck ins Haff geht der Radweg nach Süden zum Beobachtungsturm zurück. Die ganze Runde ist etwa acht Kilometer lang. Da der Bahndamm etwas höher als die Umgebung, bietet sich von hier aus meist ein guter Überblick über die gefluteten Polder.

Im flachen Wasser mit seinen Riedgraszonen sehen wir Brandgänse, Kormorane, Höckerschwäne, mehrere Entenarten, Teich- und Blässhuhn und Graureiher. Im Schilf jede Menge Rohrammern. Mehlschwalben haben zur Brutkoloniegründung den Beobachtungsturm im Visier. Ein Fischadler hat hier sein Revier. Graugänse bevölkern die Feuchtwiesen.
Der Bahndamm führt die gesamte Wegstrecke schnurgerade durch die Polder. Etwa nach der Hälfte der Strecke, im Schatten einiger hoher Laubbäume, lädt eine Bank zur Rast ein. Ab hier wandelt sich auch die Vegetation. Der Wald, der hier einmal stand, ist nach der Sturmflut im November 1995 abgestorben.

Der Rohrschwirl (Locustella luscinioides) ist Ende April noch ziemlich allein im Schilf. Doch mit der Ankunft der anderen Rohrsänger- und Schwirlarten dürfte es kurz darauf eng werden. Besser man steckt das Territorium rechtzeitig ab, in seinem Fall mit sonorem Schnarren.
Vom Moor zum Stadtforst zum Moor

Im 17. Jahrhundert, als Schweden unter Gustav Wasa und dessen Söhnen zur Großmacht aufstieg, geriet auch Ostvorpommern unter deren Herrschaft. Der Anklamer Stadtbruch wurde zu dieser Zeit als Wald und zur Haffküste hin auch als Weideland genutzt und regelmäßig überschwemmt, wenn auch nicht in den Ausmaßen einer Sturmflut, von denen mehrere dokumentiert sind.

Als Preußen die Gebiete später einnahm, sollte das Land nutzbar gemacht werden, insbesondere der Wald, der bis an die Grenze zu Bugewitz heranreichte. Daran änderte sich erst zu Beginn des 19. Jahrhundert etwas, als der Torfabbau begann und die ersten Kanäle den Bruch durchzogen, auf dem die Kähne den Torf abtransportierten. Im Zuge der Torfgewinnung begannen nun Entwässerungsmaßnahmen, auch auf den umliegenden Wiesen. 1850 pachtete eine Familie Dewulder den Bruch von der Stadt Anklam und legte die drei großen Kanäle an, den West-, Mittel- und Osttorfkanal, die man auf dem Rundweg durch den Moorwald heute noch überqueren muss.

Sturmfluten sorgten immer wieder für Abbaupausen und vor allem für Diskussionen über Hochwasserschutz und eine Verbesserung der Böden zur landwirtschaftlichen Nutzung im Umfeld des Bruchs. Deiche wurden aber erst im Jahr 1933 fertiggestellt. Nach dem 2. Weltkrieg ging der Bedarf an Torf, von der Kohle verdrängt, rapide zurück.

Um den Stadtbruch fortan forstwirtschaftlich nutzen zu können, wurden Fichtenaufforstungen vorgenommen und die Entwässerung weiter voran getrieben. Munitionsreste im Stadtbruch behinderten die Rückbauarbeiten der Torfkanäle und verblieben teilweise im Stadtbruch. Im Jahr 1967 wurde das Gebiet unter Schutz gestellt, insbesondere der vielen und seltenen Schmetterlinge wegen, und die Entwässerung beendet, um das Moor zu regenerieren.

Blaukehlchen (Luscinia svecica)

In den Jahren bis zur politischen Wende 1990 trafen mehrere Deichbruchereignisse und Überflutungen den Anklamer Stadtbruch. Der problematische Zustand der Deichanlagen über Jahrzehnte hinweg führte schließlich zu dem Ereignis vom 3. zum 4. November 1995. In den Morgenstunden des 4. November brach der Deich an mehreren Stellen aufgrund einer Sturmflut, die in der Nacht des 3. November einsetzte und ihren Scheitelpunkt im Haff am darauffolgenden Tag hatte.

In den nun folgenden vier Jahren rotierten die Mühlen der Politik, Bürokratie und Demokratie. Es ging um Entschädigungen, Schutzmaßnahmen und die Neuerrichtung der Deiche.
Während der Mensch redet und denkt, lebt die Natur weiter und findet im Anklamer Stadtbruch binnen kurzer Zeit einen neuen Lebensraum für Fischadler, Brandgans und Co. Weite Flachwasserbereiche stehen auf dem durch Entwässerung zusammengesackten Moorkörper. Die ehemaligen Torfstiche werden zu baumfreien Hochmooren, das heißt, sie werden ausschließlich vom Regen- und nicht vom Grundwasser gespeist. Weite Riedgraswiesen und Bruchwälder aus Birken und Erlen gedeihen auf dem feuchten Untergrund.

Erst im September 1999 ist der neue Deich schließlich fertig. Der Bruch als Forstgebiet ist da allerdings unwiderruflich verloren und bleibt auch in den folgenden knapp zwanzig Jahren unberührt, bis die Stadt Anklam das Gebiet verkaufen will. Hier sieht der NABU eine Chance, das Gebiet durch Erwerb dauerhaft unter Schutz zu stellen. Seit 2019 gehört der Anklamer Stadtbruch mit 1360 Hektar Fläche dem Naturschutzverband, der eine große Spendenaktion ins Leben gerufen hat, um die 1,3 Millionen Euro Eigenleistung zu sammeln. Mecklenburg-Vorpommern beteiligt sich an den 3,5 Millionen Euro Kaufpreis durch Fördergelder.

Im Reich der Seeadler

Zartenstrom heißt das Gebiet im nordöstlichen Teil des Anklamer Stadtbruchs, dessen überflutete Polder bis an die Große Kuhle reichen, einem mit Schilf zugewachsenen Torfstich zwischen Westtorf- und Mitteltorfkanal. Ich bin hier mit Bärbel unterwegs, die mich zu Jahresbeginn auf der Treibholzinsel (meine Facebook-Seite) besuchte und auf die prima Idee des gemeinsamen Vogelgucks kam. Und da stehen wir nun auf dem alten Bahndamm und schauen angestrengt ins Schilf, aus dem es rhythmisch schnarrt. Ein Rohrschwirl turnt zwischen den Halmen auf und ab. Dazwischen verharrt er, dreht den Kopf immer im Wechsel nach links und rechts und gibt dabei sein surrendes Lied von sich. Den ersten Kilometer bis hierher haben wir in einer satten Stunde mit Fischadlerbeobachtungen herumgebracht. Zuvor zog das Teichhuhn am Beobachtungsturm unsere volle Aufmerksamkeit auf sich, weil es lieblich aus dem Röhricht blubberte, ohne sich blicken zu lassen. Und davor fesselte uns auf dem Turm der elfenhafte Flug der Mehlschwalben, die zwar auch pfeilschnell sind, aber beim Anflug unter das Turmdach mitunter wie in Zeitlupe im böigen Wind schwebten, dass man versucht war, die Hand nach ihnen auszustrecken und sie zum Niedersitzen einzuladen.

Waldbrettspiel (Pararge aegeria) – der kleine Tagfalter liebt sonnenreiche Auwälder. Seine Raupen ernähren sich von den unterschiedlichsten Gräsern. Neben den Aurorafaltern ist diese Art im Anklamer Stadtbruch häufig zu sehen.

Langsam arbeiten wir uns auf dem Damm voran, entdecken Brandgänse, ein kleines Waldbrettspiel, die ersten Laubsänger in den Bäumen und eine Kreuzotter. Nein, eigentlich entdecken Ephraim und Jane die Kreuzotter. Kurz zuvor war ein Ford Ranger über die Schotterpiste des alten Bahndamms an uns vorbei geknirscht. Ihm ist es geschuldet, dass die Kreuzotter, die sich wohl auf dem warmen Weg gesonnt hatte, das Zeitliche segnen musste. Trotzdem stehen die Kinder verzaubert vor der kleinen Schlange, bestaunen die winzigen schwarzen Augen, das kleine, zierliche Schnäuzchen und die grau und schwarz gemusterte, schuppige Haut. Ihr kindliches Bedauern über den Tod der kleinen Kreuzotter ist herzerweichend, weil es so aufrichtig und doch unbekümmert ist. Was ist schon Tod, fragt sich der fünfjährige Verstand und findet keine Antwort. Trotzdem bin ich nicht sicher, was wohl geschehen wäre, hätte das Schlangenherz noch gepocht. Zwei Knirpse allein mit der Kreuzotter…

Der Übergang zwischen den Poldern bei Rosenhagen und denen in Zartenstrom Richtung Haff bildet ein Bruchwald. Links des Bahndamms liegen weite Flachwasserzonen mit totem Wald und grünen Teppichen aus Wasserpflanzen. In den Randzonen, wo das Wasser fehlt und feuchter, von Insekten wimmelnder Boden zum Vorschein kommt, lassen sich mit entsprechendem Gerät neben Enten und Gänsen auch Limikolen beobachten. Auf der anderen Seite des Bahndammes, in den knorrigen Kronen des Totwaldes, thront ein Adlerhorst.

Seeadler (Haliaeetus albicilla) und Nebelkrähe (Corvus cornix) – dieses Gespann lässt sich überall beobachten, nicht nur hier im Anklamer Stadtbruch. Es hat etwas Geheimnisvolles, das sich unserem Verständnis entziehen mag, weil es womöglich über die Idee der Krähe, sich an der Beute des Seeadlers zu bedienen, hinausgeht.

Hier sehen wir dann auch die Seeadler, Altvögel und Jungtiere, die auf den Ästen hocken oder mit ausgestreckten Schwingen hoch am Himmel kreisen. Manchmal fliegt einer über die Baumkronen hinweg, umflattert von Krähen, Möwen oder Kiebitzen.

Nach drei Stunden haben wir das Ende des Bahndammes noch immer nicht erreicht, es gibt einfach zu viel zu sehen. Wir kriechen mit dem Maximum eines Stundenkilometers voran und sind angefüllt mit Eindrücken und Klängen. Kurz vor Kamp sehen wir ein, dass wir die ganze Runde über die Landstraße und den Radweg entlang der Rosenhäger Beck wohl nicht schaffen werden. Nicht in diesem Tempo, und einfach um den Polder herumstürzen, nur um die Runde zu laufen, das wollen wir dann auch nicht. Also drehen wir um und kehren über den Bahndamm zum Beobachtungsturm zurück.

Der Kreuzottertod war ein Tiefpunkt unserer Wanderungen im Anklamer Stadtbruch, dicht gefolgt vom Osterpicknick einer größeren Gesellschaft mit Plastikstühlen und Kuchen am Beobachtungsturm.

Der Ford kommt uns auf dem Rückweg erneut entgegen und hinterlässt die kleine Kreuzotter mit aufgeplatzter Haut. Die Kinder starren auf das helle, rosa Fleisch. Es sieht aus wie eine indianische Totenwache, wie sie da im Kreis um das Tierchen hocken und flüsternd ihre vielen Fragen stellen, als wollten sie die Kreuzotter nicht wecken. Der Bahndamm ist eigentlich kein Fahrweg, aber er scheint eine bequeme Offroad-Abkürzung zwischen Kamp und Bugewitz und Rosenhagen.

Der Naturlehrpfad durchs Moor

Zwei Tage zuvor starteten wir mit den Kindern unsere Tour auf dem Naturlehrpfad quer durch den Anklamer Stadtbruch. Vom Beobachtungsturm aus folgen wir dem Plattenweg Richtung Osten in das Schilf hinein, begleitet vom besorgten Blubbern des Teichhuhns. Nach wenigen Schritten bereits wandelt sich die Umgebung und es wird still um uns. Das Schilf schluckt das beständige Rauschen des Windes und den Zivilisationslärm, der über die Wiesen weht. Im Gewirr der Halme tauchen plötzlich Vögel auf, amselgroß, mit blaugrauen Köpfen und ausgesprochen forsch. Es sind Bartmeisen, die gewitzt und breitbeinig die Halme auf und ab turnen. Sie kommen uns ohne Scheu bis auf drei Meter nahe. Chloé staunt und als die Meisen kurz darauf wieder verschwinden, erzählt sie fasziniert von ihrer Beobachtung, wie die Vögel die Halme von innen heraus mit den Krallen umschließen und wie kleine Stelzenläufer aussehen. Mit einem solchen Überraschungsknaller starten wir unseren Rundgang. Der Spannungsbogen bleibt die vollen zehn Kilometer erhalten bis hin zum Fischadler mit Beute in den Fängen, der zurück am Beobachtungsturm über unsere Köpfe hinwegfliegt. Aber der Reihe nach.

Bartmeise (Panurus biarmicus)

Mit Erleichterung stelle ich fest, dass die Entscheidung, den Kindern Gummistiefel überzuziehen, richtig war, denn der Weg hier steht über einige Meter hinweg unter Wasser. Knöchelhoch kriecht das Wasser über die Platten, gluckert leise, kräuselt sich kaum sichtbar. Eigentlich gehen wir die Runde verkehrt herum, eigentlich sollte es nach Süden Richtung Bugewitz losgehen, vorbei am Naturparkhaus und dann nach Osten auf dem Deich entlang zum Startpunkt des Naturlehrpfades. Dieser Plattenweg ist normalerweise der letzte Abschnitt und er steht meist unter Wasser. Wir beschlossen daher, den Rundweg andersherum zu laufen, um zu sehen, ob es auch ein Durchkommen hier hat. Zwar wird man mit den spärlichen Infos aus dem Internet vor diesem Wegpunkt gewarnt, aber allein dadurch konnten wir nicht abschätzen, ob „überflutet“ auch „passierbar“ bedeuten würde. Nichts wäre schlimmer, als zehn Kilometer Fußmarsch zurückzulegen und dann kurz vorm Ziel umkehren zu müssen – das kann man Kindern ganz schlecht vermitteln… und mir selber auch.

Wir waten durch die Lachen und lauschen den Fitissen, die in den Gebüschen wetteifern. Gut einen Kilometer geht man zwischen Schilf, Weiden- und Erlengebüsch und totem Wald dahin, bis man nach Zartenstrom gelangt, wo sich der Naturlehrpfad nach Süden wendet. Rechter Hand ist nun der Bruchwald und links eine schaurig-schöne Mischung aus überwucherten Torfstichen, Kanälen, Röhricht und Baumgerippen. Man überquert bald darauf den Westtorfkanal über eine schwimmende Brücke. Auf einer Warte am Kanal hockt ein Blaukehlchen. Vier Goldammern huschen über den Weg. Aus dem Bruchwald schwebt ein Seeadler über den Kanal Richtung Haff davon. Ich verfolge seinen Flug, bis er hinter dem Schilf abtaucht. Hinter der ersten Brücke ändert sich der Weg kaum, rechts der Wald, links das Schilf. Rohrweihen kreisen darüber. Zilpzalpe, Fitisse, Amseln ringsum. Wir erreichen die Große Kuhle, eine Art Schilfmeer wo einst der größte Torfstich im Stadtbruch war. Man kann sie von einem Beobachtungsturm aus überschauen. Die Weite des Schilfes ist so immens, dass der gegenüberliegende Waldrand nur ein schmaler Streifen am Horizont ist. Ich habe gelesen, irgendwo dort befindet sich ein weiterer Seeadlerhorst. Ohne Fernglas oder Spektiv bleibt dies für mich jedoch ein Geheimnis.

Fitis (Phylloscopus trochilus)

Ein kurzes Stück geht es nun durch Birkenwald und dann gelangt man an die zweite Brücke über den Mitteltorfkanal. Stieglitze rangeln um dieses Revier. Ihr lautstarkes Zwitschern klingt ein bisschen wie der Versuch, den richtigen Kanal auf dem Funkgerät zu finden. An den Fließen sieht man noch die Überbleibsel der alten Brücken, rostige Gestänge aus schwarzem Metall. Der Weg bahnt sich nun schnurgerade durch ein Schilf, das allmählich in toten Wald übergeht. Unverkennbar haben hier Biber gearbeitet. Kaum ein Baumstamm, der noch intakt ist. Die konischen Stümpfe ragen aus dem vertrockneten Gras, die Stämme liegen kreuz und quer dazwischen. Man fragt sich unweigerlich, ob der Biber eine Art Rausch erlebt, während er nagt und nagt und seinem Ziel immer näher kommt, und dann knirscht es und knarzt, und er denkt vielleicht „oha!“, zitternd und bebend vor Spannung, dann kippt der Baum, der Biber schaut zu, es wird still und das Tier stellt fest: zu groß, der ist zu groß, den krieg ich ja gar nicht weg, und geht nach Hause…

Kein Bauwerk einer Nacht. Um genug Holz zu „ernten“ ist der Biber einige Wochen lang beschäftigt. Danach wird der Bau immer wieder erweitert und repariert und dient Generationen von Bibern als Behausung. Dennoch ist die Burg die seltenste Art der Biberbaue, meistens bestehen sie aus Erdhöhlen. Alle Baue haben aber einen Eingang, der unter Wasser liegt.

Nein, natürlich nicht. Der Biber nimmt das Geäst des Baumes systematisch auseinander. Bis zu einem Durchmesser von 15 Zentimetern längt er die Zweige und Äste ab und transportiert sie zum Bau, vom Stamm schält er die Rinde ab. Blätter und Rinde dienen ihm als Nahrung, von der er im Herbst Vorräte anlegt. Der Rest ist Baumaterial für seine Biberburg. Eine solche sieht man an der dritten Brücke über den Osttorfkanal. Hier geht es dann ein Stück das Fließ entlang, vorbei an den untrüglichen Zeichen der Anwesenheit des Nagetiers.

Der Laubwald nimmt nun zu beiden Seiten hin zu, bis man am Ende des Fließes an einer Weggabelung ankommt. Hier wird der Naturlehrpfad vom Bugewitzer Heuweg gekreuzt. Dieser Weg ist laut der einzigen offiziellen Infokarte, die wir im Naturparkhaus Stolpe fanden, gesperrt.
Über uns kreisen Rohrweihen und Bussarde. Auch ein Seeadler taucht auf, und aus dem Wald klingt das Trommeln eines Buntspechts. Das kurze Stück bis zur nächsten Weggabelung sollte man mit größter Aufmerksamkeit laufen (was den Kindern da zugegeben schon allmählich schwer fiel). Wir entdecken hier Kraniche im Wald und einen Rothirsch. Ich sehe nur noch sein rotbraunes Hinterteil. Er grunzt missmutig und verschwindet im Dickicht.

Ungefähr hier haben wir die Hälfte des Weges geschafft. An der nächsten Gabelung besteht die Möglichkeit, den drei Kilometer langen Rundweg um den Knechtsort zu machen. Er führt durch Laubwald und umschließt ein Gebiet, welches sich in den letzten Jahren wieder zu einem Moor entwickelt hat.

Der Mühlgraben mit Verlauf Richtung Stettiner Haff.

Wir nähern uns dem Anfang des Naturlehrpfades am Deich, wo eine schöne Holzbrücke über den großen Mühlgraben führt. Er mündet nach reichlichen zwei Kilometern im Stettiner Haff und führt in der anderen Richtung direkt nach Bugewitz.

Zu unserer Überraschung herrschte in dem Örtchen verschlafene Ostersonntagsstimmung. Es gab nur eine kleine „Fahrrad-Tankstelle“, wo man Eis und Kaffee bekommt. Eine Töpferei entdeckten wir noch, dazu das Naturparkhaus und ein ziemlich vereinsamtes Mühlencafé gegenüber dem Feuerwehrgerätehaus. Dabei führt der gut genutzte Fahrradweg mitten durch den Ort, welcher aber alles in allem sehr pittoresk ist.

Schwarzkehlchen (Saxicola rubicola)

Den Weg zum Beobachtungsturm und dem Parkplatz zurück geht es nun auf dem Radweg nach Norden. Die Sonne scheint schon den ganzen Tag auf uns herab und veranlasst mich nun im Nachhinein zur dringenden Empfehlung, an Sonnenschutz und ausreichend Wasser zu denken.

Denn auch hier kann man sich lange die Zeit vertreiben. Zwischen dem Schilf ergeben sich immer wieder Lücken und Sichtachsen, die den Blick auf das Wasser freigeben. Dort schwimmen zahllose Höckerschwäne. Ich entdecke Krickenten, Löffelenten, Schnatterenten, Stockenten, Haubentaucher, Blässhühner, Knäkenten, Kormorane und Graureiher. Über uns kreist wieder der Seeadler, ein wunderschönes adultes Tier. Sein weißer Stoß und der helle Kopf leuchten am blauen Nachmittagshimmel.

Mauswiesel (Mustela nivalis) gehören zur Familie der Marder. Aufgrund ihrer Größe machen sie in Mäusegängen Jagd und erbeuten so relativ leicht auch Jungtiere. Die kleinen Jäger können recht streitlustig sein und ihr Geschrei ist überraschend laut. Erstmals sah ich Mauswiesel im Kis-Balaton in Ungarn, einem dem Anklamer Stadtbruch recht ähnlichen Lebensraum.

Im Schilf raschelt es. Ich halte inne und beobachte die Halme, die sich bewegen, aber noch kann ich nichts sehen. Es raschelt wieder und plötzlich lugt ein winziges Tier mit Knöpfchenaugen aus dem Schilf. Es schnuppert und blinzelt. Im Schnäuzchen trägt es eine winzige Maus und galoppiert damit über den Weg in die Feuchtwiese auf der anderen Seite. Während des Rückwegs begegnen mir noch mehrere dieser niedlichen Tierchen, aber es sind Raubtiere, die kleinsten zwar, die unser Kontinent aufzuweisen hat, aber gefährliche Räuber. Mauswiesel sind nur zehn Zentimeter groß, dazu ein Schwanz, der fast genau so lang ist und mit einem Puschelchen endet, das an einen Löwenschwanz erinnert. Sie leben versteckt in der Wiese und jagen im endlosen Dschungel des Schilfufers.

Am Turm dann der Fischadler. Er ist wunderschön und fliegt dicht über unsere Köpfe hinweg. In der typischen, nacheinander gestellten Beinhaltung trägt er einen schönen Fisch fort, dessen Identität sich meiner Kenntnis allerdings entzieht. Hier über den Wasserflächen kann man die Fischadler sehr schön bei der Jagd beobachten, wie sie sich fallen lassen, dann wieder auffangen und rütteln, gleitend oder flügelschlagend die Polder absuchen.

Fischadler (Pandion haliaetus)

Selbst auf der Rückfahrt über die furchtbarste Landstraße Vorpommerns entdecke ich noch Lifer. Auf den Holzpfosten hocken Schwarzkehlchen, Braunkehlchen, Wiesenschafstelzen, Wiesenpieper und Feldlerchen. (Mag sein, dass sich dieser Bericht wie eine Werbeschrift liest, in der sämtliche Highlights zusammengestellt wurden. Aber es ist tatsächlich so abgelaufen.) Wenn man – so wie ich nicht – über ein Spektiv oder ein Objektiv mit größerer Brennweite verfügt und wenn man nicht Ende April, sondern Ende Mai den Anklamer Stadtbruch besucht, dann ließe sich diese Zusammenstellung an Arten noch um einiges verlängern.
Ich freue mich einfach nur, denn der Besuch hier hat mir in zwei Tagen 14 neue Artensichtungen beschert und rangiert derzeit auf Platz zwei meiner entdeckungsreichsten Birding-Spots nach der Emsmündung und dem Leyhörn in der Krummhörn (17 neue Arten in drei Tagen).

Wiesenschafstelze (Motacilla flava)

Die Artenvielfalt des Anklamer Stadtbruch ist einfach atemberaubend. Die vielfältigen landschaftlichen Strukturen mit ihren reichen Nahrungsvorkommen (insbesondere Insekten!) und die große zusammenhängende Fläche von beachtlichen 1360 Hektar, die Nähe zum Haff und die geringe Besiedelung im Umfeld mögen dazu beitragen. Durch den Verkauf an den NABU ist nun der beste Schritt zum Erhalt dieser Landschaft gemacht.

Links

Gurkenglas

Ich liebe es, zu reisen und darüber zu schreiben. Ich bin lieber fort als da. Doch es beansprucht auch Zeit und Mühe, die Erlebnisse in Form eines solchen Beitrags aufzubereiten. Wenn dir der Bericht gefallen hat und du das honorieren möchtest, freue ich mich sehr über einen kleinen Beitrag ins Gurkenglas. Vielen Dank dafür!

€1,50

Homepage des NABU zum Anklamer Stadtbruch
Hier gibt es Informationen rund um das Schutzgebiet am Stettiner Haff und sowie zu Spendenmöglichkeiten.

Wissenschaftliche Arbeit zum Anklamer Stadtbruch
Es handelt sich hierbei um eine Diplomarbeit im Studiengang Biologie von A.N. Baron von Schilling aus dem Jahr 2003, worin die Akzeptanz der Bevölkerung nach der natürlichen Wiedervermoorung durch die Sturmflut 1995 thematisiert wird. Interessant sind neben den naturwissenschaftlichen auch die geschichtlichen Hintergründe zur Landschaft und ihrem Wandel.

Homepage mit Infos zum Biber
Auf dieser Webseite präsentieren Christian Kutschenreiter und seine Frau Bettina ein umfangreiches Porträt des Bibers mit herrlichen Fotos und jeder Menge Wissenswertem und Erstaunlichem zu dem größten heimischen Nagetier. Sehr lesenswert!

Feldlerche (Alauda arvensis)

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