Frühlingsgeflügel (8)

Nach dem ornithologischen Feuerwerk im Anklamer Stadtbruch und dem Unteren Peenetal mit vierzehn erstmalig beobachteten Arten innerhalb von zwei Tagen, kehrte daheim im Dresdner Umland erst einmal wieder Ruhe in meine „Reise zu den 300“ ein.

Dennoch gab es vieles zu sehen und hören. So besuchte ich erneut die Teiche bei Guttau und traf dort auf einen Fischadler und zwei Biber – Wesen, die mir an den Poldern entlang der Peene erstmals begegnet waren. Dabei stellte sich das wohlige Gefühl von Vertrautheit ein, was mit dem intensiven Beobachten zuvor und dem Entzücken des Wiedersehens einhergeht. Überhaupt hat das Beobachten von Vögeln den wunderbaren Effekt, dass die Welt plötzlich nicht mehr leer ist, wie sie es zu sein scheint, wenn man durch sie hindurch läuft, als wäre sie eine Kulisse, eine Leinwand aus unterschiedlichen Landschaften, der Hintergrund für die Beschäftigungen des Alltags. Inzwischen wundere ich mich manchmal über mich selbst, wie wenig ich noch vor einem Jahr von der Natur wahrgenommen habe und dabei war ich nie wirklich desinteressiert.

Trauerseeschwalbe (Chlidonias niger) am Kiessee in Birkwitz.

Die Neubeobachtungen seitdem halten sich in einem überschaubaren Rahmen, wenngleich sie einige Raritäten enthalten: eine Steppenmöwe auf einem Teich bei Moritzburg, zwei Trauerseeschwalben an einem Kiessee südlich von Dresden und zahllose Dorngrasmücken an der Elbe zwischen der Pillnitzer Elbinsel und Heidenau. Gerade hier gab es für mich viele Wiederbegegnungen mit Braunkehlchen, Schwarzkehlchen und Drosselrohrsänger.
In einem der Elbhangtäler bei Wachwitz entdeckte ich mein erstes Sommergoldhähnchen in einem urigen Buchenwald, der ein wenig an Bruchtal erinnerte. An einem Bächlein, das vom Hochland in den Grund hinab plätscherte, war der Wald erfüllt vom anschwellenden Sirren der Waldlaubsänger. Einer rotierte in einer Arena aus fünf oder sechs jungen Buchen von Warte zu Warte und sein gesamter kleiner, braungrüner Körper zitterte am Ende jeder seiner Strophen, woraufhin er mit leisem Flöten ein Päuschen einlegte.

Der Waldlaubsänger (Phylloscopus sibilatrix) – der kleine König des Waldes.

An Pfingsten gelang uns die Beobachtung von Bienenfressern an der Elbe. Die sandigen Steilufer zwischen Meißen und Riesa scheinen zunehmend von den bunten Vögeln als Brutplätze genutzt zu werden. Beobachtet wurde das bereits 2016 in Diesbar-Seußlitz und und bei Coswig. Seit den 1970er Jahren wurden Bienenfresser vereinzelt an der Elbe gesichtet, in den 1990er Jahren gab es hier und da auch ein Brutpaar. Auch in der ehemaligen Tagebauregion um Merseburg und Halle, dem Geiseltal, wo derzeit die größte Kolonie Deutschlands existiert, sind seit einigen Jahren steigende Brutpaarzahlen dokumentiert, rund 2000 sollen es deutschlandweit sein. Inzwischen gibt es Anzeichen, dass sich auch im sächsischen Elbtal Brutkolonien etablieren könnten.

Bienenfresser (Merops apiaster)

Ich habe einige neue und interessante Beobachtungsgebiete erkundet, darunter ehemalige Tagebaue, die inzwischen geflutet wurden, die Auen und Wiesen entlang der Elbe bei Dresden und auch die bewaldeten Hanglagen östlich der sächsischen Landeshauptstadt. Gerade dort erlebte ich ein wahres Spektakel an Vogelgesängen, was im Wald ohnehin von Vorteil ist, da sich die Tiere oft nur durch ihren Gesang entdecken lassen. Hier konnte ich auch weiter die Vogelstimmen trainieren: Mönchsgrasmücke, Sommergoldhähnchen, Waldlaubsänger, Rotkehlchen…
Auch auf den Elbwiesen wehen die Klänge vorüber: Dorngrasmücke, Goldammer, Schwarzkehlchen, Drosselrohrsänger…
Ich finde es schwierig. Es ist nicht nur wie eine andere Sprache, nein, manchmal kommt es mir vor wie ein anderer Kosmos, in den sich nur schwer vordringen lässt. Wenn man sich die Fülle der Gesänge und Rufe der Vogelwelt einmal bewusst wird, nicht nur im Frühjahr, dann ist es schon erstaunlich, wie viele Menschen sich diesen Geräuschen scheibar entziehen können, sie einfach ausblenden oder gar nicht wahrnehmen. Wie beängstigend ist es, dass unsere Welt uns so beschäftigt hält und unsere Gedanken gefangen nimmt mit Alltagsbelangen und Sorgen.
Im Wald kommt der Geist zu Ruhe und der Verstand klärt sich wieder auf. Die Gedanken werden still wie in einem Konzertsaal, in dem das Murmeln abschwillt, bis die Musik einsetzt und jeder lauscht.

Steppenmöwe (Larus cachinnans)

Ich erinnere mich, im Herbst in der Krummhörn an einem Teich gestanden zu haben, der von Bäumen und Sträuchern begrenzt war. Während ich mich an das Wasser vorpirschte, erklangen von dort die seltsamsten Töne: Schnarren, Fauchen, Knarzen, Jaulen, ein mechanisch klingendes Geräusch wie aus einem Science-Fiction-Film, Klicken, Zwitschern, Klatschen… es war unglaublich. Als ich dann freien Blick aufs Wasser hatte, sah ich Höckerschwäne, Reiherenten, Blässhühner, Kormorane, einen Graureiher, im Gebüsch einen Zaunkönig. Es war ein unvergessliches Spektakel an Warnrufen.

Wer in einen Frühlingswald eintaucht, etwa wenn sich der Mai langsam seinem Ende zuneigt, wird überwältigt sein von dem fabelhaften, vollen Klang, den der Vogelgesang unter der Kuppel des Laubes entfaltet. Am ehesten lässt es sich noch mit dem Klang einer Orgel in einer Kirche vergleichen. Vielleicht ist der Organist und Komponist Olivier Messiaen im Laufe seines Lebens genau deswegen dem Zauber der Vogelmusik so erlegen, weil er diese unglaubliche Fülle als etwas einer Orgel noch Überlegeneres empfand.

Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus)

Die Liste der von mir gesehenen Arten hat sich auf 125 verlängert. Diesmal waren relativ viele kleinere Arten dabei, was mich sehr freut. Es ist nicht nur interessant, die Grasmücken und Laubsänger zu entdecken und beobachten, es ist vor allem kniffelig, die rastlosen, kleinen Geschöpfe zwischen Brennnesseln, Brombeergestrüpp und dichten Wildhecken zu finden. Und da ich an diesem Punkt noch ganz am Anfang stehe, erwarten mich wohl viele Stunden des Ausharrens und ettliche Spaziergänge entlang von Feldrainen und Waldrändern, um die doch recht beachtliche Anzahl dieser Arten zusammen zu bekommen.

Literatur

Das Buch, was mich in letzter Zeit am meisten gefesselt hat, ist Arnulf Conradis neuestes Werk: „Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung“. Es handelt sich um ein schlichtes, von den Erlebnissen der Vogelbeobachtung erzählendes Buch. Die Vogelbeobachtung als Form der Meditation im Sinne des Zen-Buddhismus, mit dem Ziel, in der höchsten Konzentration Entspannung zu finden und das Beobachtete als tiefgreifend schön und harmonisierend aufzufassen. Achtsamkeit ist so ein Begriff, der das zusammenfasst. Es ist eine tägliche Übung, die Welt konzentriert und achtsam wahrzunehmen. Es entschleunigt und erfüllt zugleich und offenbart schonungslos jede Form von Oberflächlichkeit und Ignoranz.

Männliche Dorngrasmücke (Sylvia communis)

Ein anderes Buch, das ich mir bereits vor einigen Wochen gekauft habe und das Conradi zu meiner Überraschung in seinem Buch zitiert, ist Jennifer Ackermanns „Die Genies der Lüfte“, in dem sie unsere ungehobelte und herablassende Sprache ankreidet, die in so genannten „Redewendungen“ oder „Sprichworten“ den Vögeln eine sehr negative Bedeutung anhängt. Um diesen Falschaussagen und Fehlinterpretationen entgegen zu treten, erzählt Ackermann von den herausragenden Eigenschaften und Fähigkeiten der Vögel, insbesondere im Kognitiven, womit sie oft in ähnlicher Weise intelligent handeln, wie wir Menschen es uns zuschreiben.

Waldrapp

Über Himmelfahrt ging es mit Chloé nach Bayern, wo wir uns  unter anderem in Burghausen das Waldrapp-Projekt anschauten. Es war ein sehr ehrfurchtsvoller Moment durch das große Holztor in der Burgmauer zu schreiten und zu den Brutnischen hochzusehen, wo die Waldrappe ungerührt ihrer Brut- und Gefiederpflege nachgingen. Es war ein bisschen wie die Begegnung mit Wiederauferstandenen und zu wissen, dass über ein Jahrzehnt Arbeit in den fünfzehn Waldrappen der Burghausener Kolonie steckt, macht nachdenklich und führt einem vor Augen, wie zart dieses Pflänzchen noch immer ist…

Der Zusammenfluss von Inn und Salzach bei Haiming, hier von der österreichischen Seite aus gesehen, bildet durch die Leitdämme ein Dreieck, das sogenannte Innspitz. Die Wasserflächen dort gehören zum Europareservat Unterer Inn. Leider ist das Gebiet nicht mehr bis auf die Leitdämme zugänglich, weil es dort häufiger zu Störungen durch Mountainbiker kam. Kein Kommentar dazu…

Wo wir schon mal in der Ecke waren, haben wir uns auch ein wenig am Inn umgesehen, der mit dem Zusammenfluss der Salzach einige Naturschutzgebiete bis Passau aufweist, wo er in die Donau mündet. Das interessanteste Gebiet wäre wohl der Stausee bei Ering gewesen, wo auch das Infozentrum ist. Leider wurde aufgrund von Deichbauarbeiten ein Spaziergang am Inn unmöglich. Von Ering kann man eigentlich flussaufwärts bis nach Eglsee zum Beobachtungsturm laufen. Wir bekamen im Infozentrum den Tipp auf der österreichischen Seite bei Minaberg eine Reiherbrutkolonie zu „besuchen“. Vom Uferweg aus konnten wir auf die Inseln schauen, wo Grau-, Nacht- und Seidenreiher brüten. Der Weg führt an einem Steilufer entlang und der Blick hinunter ist wirklich schön, aber ohne Fernglas absolut nichts wert. (Da ist er wieder, der Gedanke: ich bräuchte mal ein Fernglas…)

Türkentauben (Streptopelia decaocto)

Insgesamt war der Inn etwas enttäuschend. Es ist das erste Mal, dass mir ein Beobachtungsgebiet nicht so ganz zugesagt hat. Schade auch für Chloé. Bislang war ich immer der Ansicht, dass jeder Aufenthalt in der Natur etwas bereit hält und wenn es noch so klein ist.
Und ja, da war auch eine Goldammer, die bereitwillig ihr Lied für uns sang, da war ein Gelbspötter, da war die Katze, die den Namen Pippilotta Tricolore verpasst bekam (und die das Beitragsbild ziert), die uns hochmotiviert den Naturlehrpfad bei Ering zeigte – der beste Scout, dem ich je begegnet bin – und da war der kleine Zaunkönig in all seiner Pracht und Sangeskraft. Da waren die Gesänge der Pirole aus den Baumwipfeln und einmal auch sein schauriger Ruf im Eschenwald. Da waren Türkentauben auf den Dächern in Altötting und Dohlen über der Burg in Burghausen. Und am Wöhrsee unterhalb der Burg, gab es auch Kleinigkeiten – Teichrohrsänger und das hier:

Die Blässhühner (Fulica atra) am Wöhrsee gaben Einblicke ins Familienleben…
Als Nächstes…

Seltsamerweise habe ich für die nächste Zeit gar keine konkreten Pläne. Mir schwirrt im Kopf herum, meinen bisherigen Patches mal einen Besuch abzustatten und zu sehen, was sich getan hat. Da hat sich auch einiges an Beobachtungsgebieten angesammelt, weshalb ich wohl gut beschäftigt sein werde.

Die nächste größere Tour steht dann im Juli an, wo ich mich wieder an die Küste hinauf begebe. Wenn möglich, will ich einen Trip nach Helgoland und seinen aviären Berühmtheiten machen und in den Zwischenwelten des Wattenmeers nach Limikolen Ausschau halten.

Links

Webseite des Europareservat Unterer Inn

Bienenfresser an der sächsischen Elbe Bericht der Sächsischen Zeitung aus dem Jahr 2016 über die Arbeit von Pro Natura Elbe-Röder

Eine sehr schöne und reich bebilderte Homepage zur Tierwelt in Coswig von W. Kircheis mit einem Eintrag zu den Bienenfressern

Hier geht’s zum vorherigen Teil des Birding-Tagebuchs „Mein Weg zu den 300“ und hier zum nächsten Teil…

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