Der stille Juli (9)

Nach meiner Rückkehr aus dem bayrischen Burghausen und den recht dürftigen Beobachtungen am Inn wandte ich mich wieder heimischen Gefilden zu. Der Juni schritt voran und überall waren die Gefiederten geschäftig, sammelten Nahrung, hockten auf Warten und rotierten im Revier, um die hungrigen Schnäbel im Nest zu stopfen. Nach dem emsigen Treiben um Partnerwahl und Nestbau ist die Fütterungszeit der Jungen ein weiterer Höhepunkt im Vogeljahr und als Beobachter hat man es mitunter leicht.

Orte und ihre Bewohner

So ging es mir dann auch mit den Neuntötern. Manchmal denke ich, dass bestimmte Arten nicht auffindbar sind, weil man nicht weiß, wonach man sucht. Es genügt nicht, vorm Schlafengehen im Svensson zu blättern, bis einem die Augen zufallen, und sich von der App den Ruf und das Lied eines Vogel vorzwitschern zu lassen, das man dann draußen, wenn es drauf ankäme, doch wieder vergessen hat. Es fehlt schlichtweg ein Vergleichsbild, wie sich ein Vogel im Gelände präsentiert. Der Neuntöter ist eigentlich nicht zu übersehen, und doch war mir nicht klar, wonach ich suche. Er ist so klein und unscheinbar, eine graue Silhouette im Sonnenlicht. Erst der Blick durchs Vergrößerungsglas enthüllt ihn. Meinen ersten Neuntöter sah ich schließlich trotz vieler eigener Versuche vorab auf einer Pferdekoppel oberhalb der Radebeuler Weinberge, in Begleitung eines Vogelkenners. Entdeckt hab ich den Neuntöter dann ganz von selbst, einfach weil mir gesagt wurde: hier ist das Habitat und auf den Zaunpfosten hockt er gerne. Zack!, da war er. Seitdem finde ich die Neuntöter überall, sogar in meinem Wohnort.

Neuntöter (Lanius collurio)

Es ist gut, wenn man gemeinsam auf Vogelguck gehen kann. Im Tister Bauernmoor war ich in Begleitung einer Vogelfreundin – sie ist beides: Vogelfreundin und befreundete Vogelbeobachterin. Das Gebiet ist sehr groß und vielseitig, Stunden kann man dort zubringen. Was wir auch getan haben. Die überfluteten Moorkörper, aus denen früher Torf gestochen wurde, sind für meine Kamera eine Nummer zu groß, doch die Rostgans entging ihr nicht. Sehr zu meiner Freude, denn es war eine Erstsichtung für mich. Das Tister Bauernmoor bleibt auf meiner Liste der angestrebten Wiederholungstaten.

So wie der Langwarder Groden, den ich im Juli auf eigene Faust erkundete. Denn auch das liebe ich sehr, besonders an der Küste: das stundenlange Umherstreifen entlang der Deiche und Wasserlinien, die Musik des Watts und der Reichtum an Vogelarten, die sich recht leicht beobachten lassen. Das ist ein großes Gefühl von Freiheit und Zeitlosigkeit, die Elemente sind ganz nah und ich gehe völlig in dem Gefühl auf, wieder Bodenkontakt, Erdkontakt zu haben. Verbindung zum Planeten, zum Leben, zu mir selber.

Rotschenkel (Tringa totanus)

Im Langwarder Groden gab es jede Menge Rotschenkel, sie trillern überall herum. Auch Lachmöwen, Kiebitze, Austernfischer, Feldlerchen, Kormorane, Eiderenten, Silbermöwen und Heringsmöwen, Wiesenpieper gibt es hier zahlreich. Ich sah Bluthänflinge und Wiesenschafstelzen und draußen, auf dem Vordeich mit Blick über die Salzwiesen, schwebte plötzlich wie aus dem Nichts ein Löffler vorbei, still und schwerelos und strahlend weiß.

Löffler (Platalea leucorodia)

Auf meinem Weg nach Norden habe ich einen Abstecher zu den Meißendorfer Teichen gemacht, liegt ja nicht weit von der Autobahn entfernt. Von dem Gebiet habe ich bislang recht unterschiedliches gehört: die einen finden es wunderbar, besonders morgens kurz nach Tagesanbruch, den anderen ist es viel zu voll. Ich habe den Rundweg um den Hüttensee gemacht. Der nahe Campingplatz könnte vielleicht ein Grund für das Völlegefühl manches Skeptikers sein, aber ich hatte damit keine Probleme. Im Gegenteil, mir begegneten zwei ältere Herren auf ihren Fahrrädern, alte Hasen, das sah man ihnen gleich an. Sie waren von einer ganz wunderbaren Höflichkeit, fragten mich, ob ich eher zur Dorngrasmücke oder zum Teichrohrsänger tendierte, der aus dem Schilf zu hören war. Keiner überschüttete mich mit seinem geballten Wissen, das sie zweifelsfrei während der letzten vierzig Jahre angesammelt hatten. Das gibt es also auch in der Welt der Vogelbeobachter. Am Hüttensee entdeckte ich meine erste Moorente. Leider blieb keine Zeit mehr, die Gegend um das Gut Sunder herum zu erkunden. Vielleicht ein anderes Mal.

Moorente (Aythya nyroca)

Neben dem Tister Bauernmoor und dem Langwarder Groden zog es mich vor allem wegen eines Tagesausflugs nach Helgoland ins nördliche Niedersachsen. Basstölpel, Trottellummen und Dreizehenmöwe kann ich nun also auch zu den beobachteten Arten zählen.

Wenig scheu sind die Küken der Heringsmöwen (Larus fuscus) auf Helgoland-Düne. Als Nestflüchter stromern sie zwischen Strandhafer und Steinstrand umher, aber stets unter wachsamen Blicken.

Während eines Familienspaziergangs im Polenztal im Elbsandsteingebirge Ende Juni entdeckte ich hoch über dem Tal in einem kahlen Baum an der Steilwand einen Wanderfalken. Klar, das Teleobjektiv und das alte Fernglas meines Großvaters kapitulierten sofort vor der Distanz, aber wir konnten ihn dennoch eine ganze Weile beobachten. Ich werde aber hoffentlich mal einen aus kürzerer Distanz zu Gesicht bekommen, obwohl er sich in diese majestätische Landschaft sehr gut einfügte.

Wanderfalke (Falco peregrinus)
Am Futterbaum

Der Juli machte mir trotzdem keine rechte Freude. Er war so still und leer. Sicher, es war brüllend heiß und viel zu trocken. An manchen Tagen regte sich rein gar nichts im Viertel, nicht im Garten, nicht auf der Straße. Bis es abends ein wenig kühler wurde. Ich entschloss mich, wieder etwas mehr Futter an den Baum zu hängen und die Tränken auch abends aufzufüllen, weil ich zwei Igel in der Dämmerung entdeckte, die die aussortierten Rosinen unterm Futterbaum schmatzend auffrasen. Ganz grün waren sich die beiden nicht, denn sie balgten sich auf der Wiese, zwei stachelige Kugeln im aufziehenden Mondlicht. Aber um diese Tageszeit mische ich mich nur noch ein, wenn der Marder die Katze anbellt, als wäre er eine Inkarnation des Zerberus.
Ich dachte, bei dieser Hitze muss auch kein Vogel mehr als nötig umherfliegen, um Fressbares zu finden. Wenn sie wissen, dass es bei mir etwas gibt, dann kommen sie ohne Umschweife direkt her. Spart auch Energie. Selbst der Hausrotschwanz verlegte seine Warte kurzzeitig in den Schatten des Futterbaums. Grashüpfer gab es im Juli reichlich.

Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros)

Die Elsterkinder, vier waren es in der zweiten Brut dieses Jahr, fielen eines Morgens in Begleitung ihrer Mutter in unserem Garten ein. Man muss wirklich kein Experte sein, um zu erfassen, was hier geschah. Frau Elster zeigte ihnen den Futterbaum, doch die Rasselbande drehte jedes Blatt und jeden Kieselstein im Garten um, saß auf jedem Zweig Probe, auch auf den Gladiolen, die sich reihenweise verbogen, sie probierten die drei Tränken aus, pilgerten durch den Gemüsegarten und nahmen diverses Spielzeug der Kinder in Beschlag. Als Gemeinschaftsprojekt des Vormittags pickten sie in einen Beutel mit Biodünger aus Hühnermist diverse Löcher und fraßen probehalber auch diesen. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Von den vieren kommen drei täglich zum Futterbaum, wobei es einer dieser drei Elstern besonders zu gefallen scheint. Sie kommt mehrmals täglich allein. Anfangs war sie noch häufiger in der Nähe der Mutter, bettelte auch unter flaggendem Schwanz und vibrierenden Flügelschlägen, aber auch das hat sich inzwischen gelegt.

Elsternachwuchs

Der Spatzenpulk wird immer größer, doch im Moment ernten sie die Wiese ab, auf der überall Rispen von Gräsern reifen. Grüne Borstenhirse wächst in diesem Jahr gehäuft und die Sperlinge scheinen die kleinen, schwarzen Samenkörnchen sehr zu mögen. Wir haben in unseren fürchterlichen Boden (er ist steinhart bei Trockenheit und lehmig-schwer, wenn es regnet…) einen Ahorn gepflanzt und am nächsten Tag nahmen viele der Spatzen ein ausgiebiges Staubbad in der feingesiebten Erde. Es müssen mindestens fünfzig Spatzen sein, die morgens in unserem Garten auftauchen und auf jedem verfügbaren Zweig herumlärmen. Doch dazwischen entdecke ich auch Stieglitze,  und kürzlich sogar einen Girlitz, und neulich scheuchte ich beim Gang zum Mangold einen Eichelhäher aus dem Futterbaum, der sich von einer der Dachgauben herab ausgiebig darüber aufregte. Es kommt also wieder Bewegung in die Welt, der stille Juli ist vorbei!

Girlitz (Serinus serinus)
Auf der Reservebank

Wenn ich meine Beobachtungsliste so anschaue – es sind inzwischen fast 140 Arten, die letzte (N°139) war ein Gartenbaumläufer im Großen Garten in Dresden – dann gibt es da auch Sorgenkinder.

Eines davon ist der Kuckuck. Den Kuckuck habe ich schon oft gehört und zwei, drei Mal auch gesehen. Einmal saß er direkt neben mir in einem Baum, unsichtbar, bis er aufflog. Und dann ging es so schnell, dass ein Foto nicht möglich war. Ein anderes Mal flog er von Baum zu Baum, während ich einen von Eichen und Eschen gesäumten Weg zwischen Fischteichen in der Lausitz entlang ging. Er gab einen unaufhörlich trillernd-vibrierenden Ruf von sich, nichts, was auf Anhieb an einen Kuckuck erinnerte und im dichten Blätterdach konnte ich nur seinen gesperberten Bauch fotografieren. Die Vogelstimmen-Datenbank offenbarte es dann: der Flugruf eines Kuckucks (Link zu deutsche-vogelstimmen.de). Aber kein Foto. Zählt er dann auf der Liste, so ohne jeden Beweis?
Ein anderer Kandidat für die Reservebank ist der Schwarzspecht. Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, habe ich mit meinem Großvater und zwei Cousinen während einer Pilzwanderung einen Schwarzspecht gesehen, sogar auf VHS-Kassette hat der Opa ihn gebannt, allein diese ist – vermutlich – in einer Kiste im Keller verschollen. Den „neuesten“ Schwarzspecht sah ich Anfang August auf dem Weg in den Spreewald. Am Straßenrand zwischen Bronkow und Calau klebte er an einem Eichenstamm, groß und schwarz und ganz und gar prächtig. Aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie man bei Tempo siebzig ein Teleobjektiv in Stellung bringt und in Sekundenschnelle eine scharfe Aufnahme aus dem fahrenden Auto zustande bringt. Nur Sekunden vorher klärte mich mein Mann über die neuerdings legale Verwendung von Dashcams auf. Wäre in diesem Fall sicher nützlich gewesen.  Also auch kein Foto vom Schwarzspecht. Der dritte auf der Reservebank ist übrigens der Mauersegler. Ich habe mich aber entschieden, auch die Fotolosen auf die Liste zu setzen – immerhin kann ich sogar Geschichten von ihnen erzählen!

Lesefutter und Augenschmaus

Noch immer lese ich das Monumentalwerk von Jennifer Ackerman „Die Genies der Lüfte“ und es ist fast vollbracht. In Gedanken werkel ich bereits an der Buchvorstellung.
„Im Vogelgarten“ von Claudia Koppert gibt es derweil neu in der Medienkategorie, wobei es sich hier eigentlich nicht um ein Sachbuch handelt, sondern um ein wunderbares Exemplar von Nature Writing – immer noch selten von deutschsprachigen Autoren.

Gartenbaumläufer (Certhya Brachidactyla)

Ebenfalls medial, aber eher was fürs Auge, sind meine 1-Minute-Movies, die von Zeit zu Zeit in meinen Artikeln auftauchen. Es sind Kurzfilmchen, die ich mache, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Foto der Situation und dem Vogelverhalten nicht gerecht werden kann. Ich bin ein Stativmuffel, mein Wackeldackel ist immer dabei, deswegen darf man keine Profiaufnahmen erwarten. Aber wer sich die kleinen Filme ansehen mag, der kann dies ab sofort auf meinem Youtube-Kanal tun.

Pläne

Die Sommerferien sind vorbei und der Ernst des Lebens hat wieder begonnen. Das heißt zurück zur Routine und Ausflüge in einem eher verkürzten Radius. Es heißt aber auch: der Vogelzug nimmt Fahrt auf!
Für den Oktober werde ich im Rahmen der Zugvogeltage wieder nach Niedersachsen aufbrechen. Die Leybucht hat mir im letzten Jahr ausgesprochen gut gefallen, und ich würde gerne wieder über die Deiche bei Pilsum ziehen. Wenn es die Gezeiten zulassen, würde ich gern auch auf einen Sprung nach Baltrum. Aber vielleicht werde ich auch auf einen Abstecher in das östliche Ostfriesland fahren nach Horumersiel, wo man im Rahmen der Zugvogeltage Vögel aus Filz herstellen kann. Wo ich doch noch nie gefilzt habe!

Auf jeden Fall zeichnet sich etwas ab, so allmählich und doch unausweichlich. Bis hierhin habe ich alle Vogelarten mehr oder weniger im Vorbeigehen entdeckt. Nun wird es aber zunehmend schwierig und das bedeutet, dass ich in Zukunft wohl etwas gezielter und intensiver auf Vogelpirsch gehen muss. Ein Strategiewechsel bahnt sich an, bei dem ich wohl mehr Zeit mit der Beobachtung einzelner Arten in spezifischen Habitaten verbringen werde. Da ich das aber eigentlich gerne mache, einen Ort zu entdecken mitsamt seiner Bewohner, dürfte das Birding auch zukünftig spannend bleiben, wenn auch etwas mühseliger vielleicht.


Hier geht es zum vorherigen Teil des Birding-Tagebuchs…

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