Herbstliebe (10)

Inzwischen ist November. Der zweite Herbst, seit ich mich selbst „Birder“ nenne. Während ich im letzten Jahr im Nationalpark Wattenmeer war, hat es dieses Jahr leider nicht geklappt, weil die äußerst eigenwilligen uckermärkischen Straßen während des Aufenthalts im Nationalpark Unteres Odertal die Schwachstellen an meinem Auto gnadenlos entlarvten. Nachdem eine Feder gebrochen und ein Radlager den Geist aufgegeben hatte, war an eine längere Reise vorerst nicht zu denken. Inzwischen läuft es wieder, aber der Vogelzug ging damit leider an mir vorbei.

Seltene Beobachtung im Unteren Odertal: Ein Raubwürger (Lanius excubitor) im Rüttelflug. Zur rechten Zeit, am rechten Ort gewesen.

Wie vielen anderen Menschen geht es mir mit dem Herbst auch – ich liebe ihn einfach.
Mich fasziniert der Frühling, und wenn im Dezember auch das letzte Blatt im Garten zu Boden gefallen ist, male ich mir bereits schon aus, wie sich die Sträucher und Bäume und Stauden im kommenden Frühjahr entwickeln werden. Ich mag den Mai, den Juni, das satte Grün, die üppige Vegetation, das Anschwellen der Biosphäre wie ein tiefer Atemzug, der alles ausfüllt bis in den allerletzen Winkel von Flora und Fauna. Aber schöner noch ist das lange Ausatmen der Natur bis in den November hinein, der Moment des Verharrens, der völligen Leere und Stille, die im Dezember folgt, und danach mit dem neuen Jahr, dem klaren, eisigen Januar und dem wechselhaften Februar, wieder zu einem neuen Atemzug ansetzt.

Eines der schönsten Erlebnisse in diesem Herbst: In den urwüchsigen Buchenwäldern um Chorin in Brandenburg gelang mir endlich die Sichtung eines Schwarzspechts (Dryocopus martius) – genauer gesagt eines Weibchens – mit genug Zeit für ein paar schöne Fotos.

Der Herbst war mir schon immer die liebste Jahreszeit. Das Licht wird weicher, die Temperaturen wieder erträglich, die Farben explodieren, die Luft wird feuchter, würzig und intensiv, und ringsum entsteht eine Geschäftigkeit unter den Lebewesen, die Früchte des Jahres zu ernten, Vorräte anzulegen, Fettreserven anzufuttern und sich für anstehende Reisen zu rüsten. Auch ich reise gerne im Herbst und im Grunde beneide ich permanent jene, die während des Septembers nicht gezwungen sind auf die Schulpflicht Rücksicht zu nehmen, die fatalerweise den schönsten aller Monate fest und unbeirrbar in Beschlag genommen hat. Ich würde gerne auf drei Wochen Sommerferien verzichten, wenn ich stattdessen mit der Familie im September verreisen könnte.

Ende September an den Eschefelder Teichen im westlichen Zipfel Sachsens bei Frohburg sah ich meinen ersten Kampfläufer (Philomachus pugnax).

Der Herbst hat zwei Phasen. Ende August, Anfang September, wenn die Nächte kühler werden und die Wiesen morgens mit Tau benetzt sind, versprechen Erdneigung und Tageslänge noch warme und milde, sehr goldene Tage. Doch mit dem Vergehen des Oktobers scheint das Licht plötzlich ausgeknipst, die ersten Frostnächte kommen, die Tage werden regnerisch und sogar schon verschneit. Hin und wieder blitzt das Licht noch einmal auf, die Wärme der Sonne ist noch zu spüren und der bunte, milde Herbst kommt für einen oder zwei Tage noch einmal zurück mit glasklarer Luft und kilometerweitem Fernblick. Aber je näher der Dezember rückt, umso kahler und eisiger, umso nasser und blasser wird es. Es ist genau dieser Wechsel von Fülle hin zu Kargheit, die mir gefällt. Ganz besonders seit ich Vögel beobachte. Denn in der schmuck- und farblosen Vegetation entdeckt man die Gefiederten viel leichter.

Meisenquiz
Scherz beiseite – mit Meisen hatte ich bislang wenig Glück beim Fotografieren…

Ich war noch nie ein Winterfan. Das Anziehen dicker Kleidung versetzt mich ebenso wenig in Verzückung wie Skiurlaub oder angelaufene Brillengläser. Doch etwas hat sich geändert, seit ich Vögel beobachte: ich bin gerne draußen, selbst wenn mir eisiger Wind Tränen in die Augen treibt und meine Hände vom ständigen Tragen der Handschuhe ganz trocken werden.

Das Wintergoldhähnchen (Regulus regulus) sah ich erstmals im Februar 2019 am Darßer Ort in einer windschiefen Kiefer am Libbertsee. An ein Foto war damals nicht zu denken, bei den flinken, winzigen Geschöpfen. Mehr Glück hatte ich im Oktober im LSG Spreeniederung in der Teichlausitz.

Die Beobachtung eines Vogels ist etwas so Kraftvolles und Intensives, das alles drum herum nebensächlich wird. Es verschwindet einfach, selbst ich verschwinde. Nur noch der Vogel ist da. Sein Federkleid, seine Augen, Füße, Krallen, sein Schnabel, sein Gesang, seine Bewegungen. Wie durch ein Brennglas bündelt sich die Wahrnehmung und graviert sich in meinen Verstand ein. Der Atem wird flacher, der Muskeltonus steigt an, das Wahrnehmungsfeld reduziert sich drastisch und zwar nicht wegen eines Fernglases oder Spektivs, sondern weil das Gehirn alles ausblendet, was unwichtig ist, insbesondere die Gedanken. Zugleich wird das, was im Fokus liegt mit aller Aufmerksamkeit versorgt, optisch, akustisch, mitunter auch haptisch (wenn zum Beispiel eine Kohlmeise ohne Scheu an einer Futterstelle auf meine Hand flattert oder Gänse so tief über einen Deich ziehen, dass ihr Luftzug zu spüren ist). Es ist ein elektrisierendes Gefühl, umso mehr, je näher ich dem Vogel bin.

Manchmal muss man für eine Erstbeobachtung nicht einmal vor die Tür gehen. Diesen weiblichen Bergfink (Fringilla montifringilla) entdeckte ich auf dem Feuerahorn im Garten, wo ich die Futterstelle eingerichtet habe. Sie bediente sich an den Ahornsamen, die noch immer zahlreich am Baum hängen.

Der Herbst ist voller Vögel. In den Teichen sammeln sich Enten und Gänse. Reiher staken dazwischen umher. In den bunten Bäumen schwirrt es: Spechte, Meisen, Kleiber, Buchfinken, die ersten Erlenzeisige und Bergfinken. Gänsesäger tauchen wieder auf den Gewässern auf. Die Krähen und Raben bündeln ihre Präsenz auf Feldern und Wiesen. Der Himmel vibriert unter den Rufen der Gänse und Kraniche.

Am Ismaninger Speichersee, November 2019

Die Zugunruhe packt auch mich. Ich würde am liebsten mitziehen, kreuz und quer durch das Land, um ihnen allen zu begegnen. Leider wohne ich abseits der großen Routen zwischen Nord und Süd. Die Ostroute geht über Polen und den Balkan, weiter Richtung Bosporus und Israel und von dort nach Afrika oder auch Asien. Die Westroute, von der ich nicht einmal etwas Windschatten abbekomme, verläuft über die Nordseeküste und noch etwas landeinwärts, ungefähr auf der Linie Nordrhein-Westfalen/Bodensee und von dort Richtung iberische Halbinsel. Sachsen ist also eine Art tote Zone.

Am Chiemsee, November 2019

Und trotzdem zieht es mich neuerdings auch im Winter hinaus. Eine ungewöhnliche Wendung in meinem Dasein. Waren die Monat November bis März eine unerträglich lange, dunkle, kalte und vor allem erlebnisarme Zeit, in der ich mich wochenlang im Haus verkriechen konnte und mit allerlei Hand- und Bastelarbeiten, Lesen und Malen die Zeit totschlug, schaue ich inzwischen in der Wettervorhersage nach den klaren, trockenen, sonnigen Wintertagen für ornithologische Fotoexpeditionen. Und damit vergeht die Zeit mit einem Mal wie im Fluge. Sprichwörtlich! Ich überfliege die Tage und Wochen, schmiede Reisepläne und Tagesausflüge in den Kalender und pirsche genau so elektrisiert durch die Natur, wie im Frühjahr, Sommer und Herbst.

Am Großen Teich in Torgau, Sachsens größtem Teich, hoch im Baumwipfel eine Rotdrossel (Turdus iliacus). Dass da etwas Drosselartiges hockte, konnte ich vor Ort zwar erkennen, die wahre Identität offenbarte sich jedoch erst zu Hause am Bildschirm… wie so oft.

Der eine oder andere Leser mag das womöglich nicht nachvollziehen können. Wie gesagt, ich sehne keinen Skiurlaub herbei und in den Winterferien bummele ich lieber am Ostseestrand entlang, auf der Suche nach Eisenten und Ohrenlerchen. Ich selber kann mir auch ein Leben im Norden, im Norden Skandinaviens oder auf Island oder den Färöer-Inseln nicht wirklich vorstellen. Monatelange Dunkelheit, heulende Eisstürme, klirrende Kälte, das Sausen und Knarzen der Gletscher und Eisflächen. Eine Zeit, in der manch mystische Gestalt lebendig wird und durch die Polarnacht geistert. Für jemanden wie mich, ist es eine völlig neue Sache, den Winter als etwas Lebendiges zu erleben. Dass da draußen in der Natur Vögel sind, die auch mich hinaus locken, um sie zu beobachten. Diese Erfahrung hat mir der vergangene Winter beschert, in dem ich erstmals zu Vogelbeobachtungen im Großen Garten in Dresden, an den Stränden von Darß und Zingst oder im LSG Spreeniederung aufgebrochen war. Mit diesen schönen Erinnerungen will ich mich nun auch in den kommenden Winter stürzen. Ein paar Orte habe ich mir dabei schon auf die Agenda geschrieben, unter anderem den Großen Teich in Torgau, die Ostseeinsel Fehmarn und das winterliche Elbsandsteingebirge.

Am Müllnersteg in Salzburg der unerwartete Anblick einer Schneegans (Anser caerulescens).

Meine Life List ist auf 147 Arten in Deutschland angewachsen. Die Begegnung mit einer Schneegans an der Salzach in Salzburg bewog mich allerdings dazu, mir doch einmal die Mühe zu machen und meine Erstbeobachtungen im Ausland anzuschauen. Da gibt es nun – weil es so schön ist – eine zweite, eine Europaliste! Und ja, da stehen auch schon sechs Einträge drin, von Krähenscharbe über Purpur- und Seidenreiher, Mittelmeermöwe und Bruchwasserläufer bis zu besagter Schneegans.

Mein nächster Beitrag im Tagebuch wird nicht allzu lang auf sich warten lassen, denn im Dezember gibt es ein kleines Jubiläum: ein Jahr pflege ich nun meine Futterstelle im Garten. Was ich dabei so alles erlebt habe, darüber berichte ich dann in Kürze.

Hier geht es zum vorherigen Tagebuch-Eintrag…
Und hier zum nächsten… „Was fehlt…“ (11)

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