Was fehlt… (11)

Ich will nicht jammern, das Birding-Jahr 2019 hörte gut auf. Mit sechs neuen Arten in vier von der Vorweihnachtszeit durchdrungenen Wochen, kann und will ich mich auch gar nicht beklagen. Nach unserer Rückkehr aus Bayern mit den schönen Abstechern zum Ismaninger Speichersee und dem Chiemsee, den nebelnassen Wiesen und Mooren des Voralpenlandes und dem beschaulichen Salzburg mit der unerwarteten Schneegans in der Salzach, ging es zunächst wie erwartet einen ganzen Monat lang eher schleppend daher.

Alljährlich im Winter ziehen scharenweise Saatkrähen (Corvus fugilegus) aus Osteuropa und Russland Richtung Westen. In Dresden stromern sie über jede größere Wiese und Rasenfläche, gar nicht allzu scheu, wo man sich dann an den schönen Vögeln mit dem ganz und gar nicht „nur“ schwarzen Gefieder sattsehen kann.

Dann kam die Meldung über einen Schildraben in Olbernhau im Erzgebirge. Der schwarz-weiße Schildrabe, eigentlich südlich der Sahara vom Sahel bis über die Tropen nach Südafrika hinunter heimisch, verirrte sich weit nach Norden, vermutlich aufgrund intensiver Saharawinde, die Ende November über Europa zogen. Wie auch immer, der Rabe lockte einiges Volk nach Olbernhau, das nur anderthalb Autostunden entfernt liegt – also machte auch ich mich auf den Weg. Es war das erste Mal, dass ich mich auf diese „Birder-Verrücktheiten“ einließ, aber schließlich war das eine realistische Gelegenheit im Vergleich zu den hochnordischen Ausnahmeerscheinungen an Ostsee und Nordsee. Zwei Mal war ich in Olbernhau und bekam den Raben nicht zu Gesicht. Ich bin sicher, ich kenne aber seitdem jede einzelne Elster in dem gemütlichen Städtchen! Seit meinem letzten Besuch Anfang Januar habe ich keinerlei Meldungen mehr über den Aufenthalt des Schildraben vernommen. Schade! Nun fehlt er mir doch…

Dafür ging das Jahr mit einer kleinen Taucherparade am Bärwalder See zu Ende. Der Bärwalder See nördlich vom Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft ist ein ehemaliger Tagebau, der Ende der 1990er geflutet wurde. Mit 13 Quadratkilometern Fläche ist er der größte See Sachsens. Am Südufer befindet sich ein kleiner Hafen mit einem rot-weiß gestreiften Leuchttürmchen. Dort kann man sehr gut beobachten. Ende Dezember fanden sich in dem flachen Hafenbecken diverse Lappen- und Seetaucher ein, von denen ich einige entdecken konnte.

Am Großteich in Zschorna nördlich von Radeburg gelang mir um die Weihnachtstage herum ebenfalls eine interessante Beobachtung von Zwergsägern. Entlang des Mitteldamms kann man durch den unbelaubten Uferbewuchs zu beiden Seiten die Wasserflächen beobachten. Zahlreiche Grau- und Blässgänse waren auf dem Teich. Dazwischen Tafelenten, Reiherenten, Stockenten, Gänsesäger und auch die Zwergsäger. Leider sah ich nur einige Weibchen nah genug am Ufer für ein anständiges Foto. Die Männchen im Prachtkleid mit ihrem weißen Gefieder und den feinen schwarzen Zeichnungen an Kopf, Hals und Rücken sehen nämlich auch sehr schön aus. Irgendwie scheinen sie aber sowohl zahlenmäßig unterlegen als auch scheuer zu sein.

Zwergsäger (Mergellus albellus)

Ein paar Tage später konnte ich in Zschorna mit den Kindern zusammen eine ganz aufregende Beobachtung junger Seeadler machen, die über viele Minuten lang eine Gans auf dem Teich attackierten. Inzwischen haben wir uns ein Fernglas zugelegt, was solche Beobachtungen auch für die Kinder sehr erleichtert. Es ist interessant, wie selbständig sie das Gerät mittlerweile benutzen, wenn sie zum Beispiel im Garten die Meisen beobachten. Aber auch unterwegs fordern sie das Fernglas jetzt häufig ein, um sich selber einen Eindruck von fernerem Geschehen zu verschaffen.

Die ersten Wochen des neuen Jahres habe ich unter anderem mit Planungen, Büchern und einigen Beobachtungsausflügen verbracht. Ich bemerkte von Zeit zu Zeit, wie in meiner näheren und weiteren Umgebung interessante Beobachtungen gemacht wurden: Waldkauz, Wasseramsel und Seidenschwänze, aber ich verpasste immer die schönen Tage aufgrund von mütterlichen Verpflichtungen und sobald sich etwas Zeit bot, machte das Wetter Kapriolen. Ich will diesen Winter unbedingt noch Seidenschwänze sehen. Die Wasseramsel als Standvogel kann doch unmöglich unauffindbar sein, zumal ich das Terrain kenne, in dem sie gesichtet wurde. Pfff! Der Waldkauz ist schon längst überfällig… Ja, irgendwie fehlt mir das Unterwegssein. Natürlich ist der Januar in unseren Breiten nicht der Monat für Schönwettergarantien, besonders nicht zwingend am Wochenende. Es ist noch nicht einmal richtig Winter, weder Schnee noch Eis. Jetzt befürchte ich, der Frühling kommt in diesem Jahr sehr viel früher und weht die Wintergäste hinfort, noch ehe ich sie entdecken konnte. Winter fehlt auch… (Übrigens: das Beitragsbild von dem Turmfalken stammt aus dem vergangenen Januar, als ich ihn in seinem Revier besuchte. An dem Morgen schneite es heftig und ich war überrascht, dass man durch die dicken Schneeflocken hindurch überhaupt etwas sehen konnte.)

Auf meinem Lesestapel fand sich nach anderthalb Monaten Reise endlich ein Buch ein, auf das ich sehr gewartet habe. Es ist die Biografie der Amerikanerin Phoebe Snetsinger, in englischer Sprache und taufrisch aus den Vereinigten Staaten geliefert. Sie ist bis heute die Einzige, die weit über 8000 Vogelarten auf ihrer Life List hat. Im Buch erzählt sie ihre fast schon unglaubliche Geschichte, berichtet aber auch davon, wie sie diese irrsinnige Datenmenge vernünftig dokumentiert hat. Das gab für mich den Anstoß, meine eigene (im Vergleich äußerst überschaubare) Life List mal zu überarbeiten. Meine Beobachtungen außerhalb Deutschlands, die für den „Weg zu den 300“ nicht wichtig sind, standen bislang auf einer gesonderten Liste. Ich führte also eine Art „300er Liste“ (meine bisherige „Life List“) und eine „Alles andere“-Liste. Irgendwie überkam mich beim Lesen von Snetsingers Biografie dann aber doch ein neues, schönes Gefühl von „mehr“. Warum sich so auf Deutschland beschränken? Warum nicht einfach jeden Vogel, der meinen Weg kreuzt, zelebrieren? Warum nicht eigentlich auch aufbrechen in die Welt außerhalb von Deutschland und sehen, was dort herumflattert? Kurzum, ich habe nun eine „richtige“ Life List, mit derzeit 159 Einträgen. Und dann habe ich meine alte 300er-Liste, die ich einfach für Deutschland weiterführe. (Snetsinger hatte übrigens eine Nordamerika-Liste neben ihrer Life List; ich lieg also mit diesem Konzept auch nicht verkehrt).

Prachttaucher (Gavia arctica)

Es gibt nicht wenige Programme, Apps und Webseiten, die zur Dokumentation der Vogelbeobachtung taugen. Man muss sie nur mögen. Die meisten davon sind mit der Datensammlung für wissenschaftliche Zwecke gekoppelt, was nützlich erscheinen mag, die Angelegenheit aber auch erheblich verkompliziert, wenn man einfach nur eine Liste führen möchte, ohne Datensammlung. Ich hatte dieses Dokumentationsproblem irgendwie schon von Anfang an. Es fehlte bislang ein vernünftiges System, unabhängig von Wissenschaft und Forschung. Sicher macht es auch ein Blatt Papier oder ein Excel-Tabelle.

Phoebe Snetsingers System (erdacht zu Zeiten, in denen die einzige Dokumentationserleichterung eine Schreibmaschine war) bestand aus einer wachsenden Anzahl von Karteikarten, auf denen sie jede Art und die dazugehörigen Orte der Sichtung vermerkte. Außerdem arbeitete sie für die einzelnen Kontinente mit einem Farbenschema. Das ist sehr viel praktischer, als die gegenwärtigen Doku-Apps und –softwares, die vor allem auf die Sammlung der täglichen Beobachtungsdaten ausgelegt sind (um die wissenschaftlichen Datenbanken zu füttern). Das – ich gebe es zu – interessiert mich nicht vordergründig.

Schwarzhalstaucher (Podiceps nigricollis)

Bestandszahlen, Populationsentwicklungen und damit verbunden auch die Analyse der Ursachen sind erst möglich, wenn mit solchen Daten unterfüttert, das ist mir klar. Und ich interessiere mich dafür genauso wie für die Beschaffenheit, den Schutz und die Regenerierung von Habitaten, in denen ich birde und zukünftig noch birden werde. Ganz unabhängig davon fehlt mir aber noch immer ein Dokumentationssystem, mit dem ich mich wohlfühle. Und als ich in Snetsingers Buch die vielen Seiten las, die sie über exakt dieses Problem schrieb, fühlte ich mich sehr aufgehoben. Vielleicht ein Frauenproblem, mag sein. Leider starb Snetsinger bevor das Internet und Datenmobilität so richtig Fahrt aufnahmen und ich werde nie erfahren, wie sie mit diesen Möglichkeiten wohl umgegangen wäre.

Wenn ich inzwischen so etwas wie einen Patch habe, den ich regelmäßig ablaufe, dann ist es das Teichgebiet zwischen Niedergurig und Malschwitz nördlich von Bautzen. Das so genannte LSG Spreeniederung gehört zu meinen echten Lieblingsorten und ich entdecke immer wieder Neues. Diese Wacholderdrosseln, die in einem großen Schwarm am Spreeufer nach Nahrung suchten, sind die 57. Vogelart, die ich dort entdeckt habe.

Ein paar andere Kleinigkeiten haben sich – unvermeidlich – beim Lesen von Snetsingers Buch eingestellt: Fernweh, Abenteuerlust, Entdeckerdrang, Neugier und überhaupt eine Sorte Gier, die wohl nur diejenigen sammelwütigen Birder kennen, die sich nicht damit begnügen, täglich ihren Patch abzulaufen und alles in seiner Ordnung vorzufinden. Dazu, also zu der erstaunlichen Artenvielfalt der Birder, habe ich auf dem interessanten (englischsprachigen) Blog von Mathieu Waldeck The Little Stint einen schönen Beitrag gefunden: The different types of birders – A typology. Ursprünglich kam ich auf den Blog wegen des dort veröffentlichten Beitrags zum Unterschied zwischen Türkentaube und Lachtaube, einer Frage, die sich mir nach der Sichtung der Türkentaube in unserem Garten stellte. Leider scheint The Little Stint nur sehr unregelmäßig gefüttert zu werden. Ich finde die Beiträge interessant und vor allem „mit Seele“.

Türkentaube (Streptopelia decaocto)

Übrigens habe ich dank der generalüberholten Life List auch festgestellt, dass die Türkentaube, die nun schon seit ein paar Tagen regelmäßig kommt, die 24. Vogelart in unserem Garten ist. Aber dazu bald mehr in dem längst überfälligen Bericht über die nunmehr einjährige Fütterung und die Veränderungen, die damit festzustellen sind.

Zurück zum Stichwort Fernweh. Ich beginne ernsthaft über eine organisierte vogelkundliche Reise nachzudenken. Mich würde das Baltikum oder der Balkan interessieren und in gewisser Weise auch die Menschen, denen man auf einer solchen Reise begegnet. Wenn das Thema nicht so kostenintensiv wäre, würde ich vermutlich gar nicht so viele Gedanken darüber verlieren. So aber gilt es wohl zu überlegen, wohin eine solche Reise führen sollte. Im Grunde fühle ich mich in Europa sehr wohl was das Birding anbelangt. Nordamerika ist auch okay. Überall sonst muss man mit einer äußerst delikaten Auswahl an Reptilien, Insekten und Spinnen rechnen. Soweit bin ich noch nicht. Und wenn mich überhaupt irgend etwas jemals nach Afrika bringt, dann ausnahmslos Vögel, insbesondere der Schuhschnabel. Also Balkan.

Rothalstaucher (Podiceps grisegena)

Tatsächlich rückt die erste Reise des Jahres indes näher und will ein bisschen ausführlicher geplant werden. Es geht auf die Insel Poel und ich hoffe, wie schon erwähnt, dass die Wintergäste bis dahin nicht ihre Koffer gepackt haben. Genauso hoffe ich, dass der Februar an der Ostsee hält, was er (ohne Klimawandel) bisher zu bieten hatte – nämlich die regenärmste Zeit des Jahres zu sein! Im vergangenen Jahr sind wir um diese Zeit so halbwegs trockenen Fußes bei angenehmen 5-8°C auf dem Darß gewesen. Das ist ja nur einen Katzensprung entfernt. Jetzt auch noch verregnete Ferien… das fehlte gerade noch!

Hier geht es zum vorherigen Tagebuch-Eintrag…

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