Ein Jahr unterm Futterbaum (12)

Es ist nun ein gutes Jahr vergangen, seit ich meinen ersten Meisenknödel – damals bedauerlicherweise noch im Plastiknetz – an den Feuerahorn im Garten gehängt habe. Seitdem habe ich nicht nur am Equipment einige Verbesserungen vorgenommen.

„Verbesserung“ – das könnte die Quintessenz dieses ganzen Fütterthemas sein, um das sich auch allerhand Diskussionen aufbauen. Denn genau das bestreiten die einen und beschwören die anderen, dass die Fütterung eine Verbesserung darstellt. Im Winter, wenn Schnee liegt und es eisig wird, ebbt der Disput ab. Doch sobald es thematisch in Richtung Ganzjahresfütterung geht, ist es vorbei mit der Ruhe. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Futterfragen

Nach einer mehrwöchigen Anlaufphase „sprach“ sich meine Futterstelle Ende Januar 2019 allmählich herum. Zwar ließen sich zuvor vereinzelt immer mal ein, zwei Meisen blicken, aber zunächst blieb es leer am Futterbaum. Ich experimentierte eine Zeitlang mit verschiedenem Futter. Und da zeichneten sich über das Jahr tatsächlich unterschiedliche Bedürfnisse ab. Während es in der Winterzeit bis in den Mai hinein vor allem das Fettfutter war, das die Vögel vertilgten, änderten sich ihre Präferenzen zum Herbst hin in Korn- und Haferflockenfutter. Erdnüsse und Sonnenblumenkerne waren vor allem in den spätherbstlichen Monaten angesagt. Sämtliche Beeren im Garten wurden abgeweidet. Doch das Fettfutter kam erst wieder ins Spiel, als die Tage kälter wurden.

Eine wichtige Rolle spielen natürlich auch die Gäste am Futterbaum. Die Erlenzeisige, Grünfinken und Ringeltauben lieben das Körnerfutter, Hanfsamen, Weizen. Sie tuckern ausiebig unterm Baum herum, wo ich es verstreue. Denn auch das habe ich festgestellt: nicht alle Vögel bevorzugen das Futterhaus, die baumelnde Schale oder die Kokosnussbecher in den Zweigen. Manche wollen den Boden abweiden. Wieder andere, wie die Meisen, Stare und Eichelhäher und mitunter auch die Elstern, turnen mit Vorliebe überall herum, probieren alles aus und hängen auch mal kopfüber vom Ast, um an Futter zu kommen.

Kinderstube

Die interessanteste Beobachtung in diesem Jahr am Futterbaum war sicherlich die Jungenaufzucht der Elstern. Das Geschehen zog sich vom zeitigen Frühjahr bis in den September hinein, begann mit der Balz der Elterntiere und endete mit der Invasion etlicher Teenager-Elstern aus zwei Bruten. Leider habe ich nie das Nest gesehen, obwohl Chloé und ihr Vater eines der typischen stachelkugeligen Nester in einem Gingkobaum etwa fünfhundert Meter von unserem Garten entfernt entdeckt haben. Mit Sicherheit kann ich nicht sagen, ob es „unsere“ Elstern waren. Die tourten jedenfall im Akkord zum Futterbaum und machten sich vor allem über das Fettfutter her.

Karl und Karla. Die beiden haben im vergangenen Jahr in zwei Bruten acht Elsterkinder großgezogen. Die ersten vier Jungelstern tauchten just zur NABU-Vogelzählung im Mai auf. Sie blieben aber nicht im Revier, vermutlich um keine Futterkonkurrenz für Karl und Karla darzustellen, die noch ein zweites Mal brüteten. Danach schien auch die erste Brut wieder dabei zu sein, denn plötzlich wimmelte es von jungen Elstern. Die machten dann über Wochen hinweg unseren Garten unsicher. Das Schwächste der letzten Viererbande – Karline – bettelte noch lange um Futter und schien sich mit dem Selbständigwerden schwer zu tun. Sie kommt noch heute mit ihren Eltern zum Futterbaum.

Ende März beobachtete ich die Elterntiere oft in unserem Garten. Sie waren gemeinsam auf Futtersuche, wobei das Weibchen diese Gelegenheit nutzte, ihren Partner durch Futterbetteleien auf Herz und Niere zu testen, ob er der bevorstehenden Aufgabe auch gewachsen sei.

Da Elstern monogam leben, solange keiner der Partner aus irgendeinem Grund abhandenkommt, dürften die beiden sich bereits gut gekannt haben, als sie ihr Balzverhalten begannen. Die so geschmiedete Verbindung zwischen ihnen ist ausgesprochen stabil und taugt hervorragend zur gemeinsamen Reproduktion und zur Verteidigung des Reviers. Im Laufe des Frühjahrs sah ich die beiden einige Male im Garten, als sie ein anderes Elsterpärchen erfolgreich vom Futterbaum vertrieben.

Die Elstern sind Schrecken und Segen zugleich im Garten. Die anderen räumen stets die Bühne, sobald die Elstern auftauchen, gesellen sich aber auch schnell wieder zu ihnen unter den Futterbaum, weil es einen gewissen Schutz vor anderen potentiellen Räubern verspricht. Einmal beobachtete ich, wie eine Elster den (kaum größeren) Sprinz vom Dachfirst jagte, der sich gelegentlich blicken lässt.

Und da wären noch unsere drei Kater.
Eines Morgens betrat Nepomuk, unser schwarzer Kater, nach einer erholsamen Nacht recht erquickt den Garten und schlich durch das Terrassenbeet zu einer Schale mit Wasser, die auch den Vögeln als Tränke dient und vermutlich noch so manch anderem nächtlichen Gartengast. In diesem Moment tauchte das Elsterweibchen auf. Sie ist etwas zierlicher als das Männchen und in ihren Bewegungen vorsichtiger und… ja, auch eleganter. Routiniert landete sie in einer engen Schleife auf der kleinen Wiese zwischen Mandelbaum, Feuerahorn und Kirsche. Der Kater hob den Kopf. Der Anblick des großen Vogels so nah bei ihm elektrisierte ihn schlagartig. Er tigerte flugs auf die Elster zu, die natürlich mit ihrem rasselnden Tschackern Alarm schlug. Wie aus dem Nichts tauchte das Männchen auf, vermutlich vom Dachfirst, wo er den Überblick hatte. Nun standen sich die beiden imposanten Elstern und das schwarze Fellbündel auf der Wiese gegenüber, wie in einer Arena. Vermutlich machten es sich die Sperlinge in diesem Moment mit Tüten voller Körnern in den Hecken und Bäumen ringsum gemütlich. So ein spannungsgeladenes Programm gibt es nicht jeden Tag. Die Szene, die nun folgte, war gezeichnet von lähmender Angespanntheit. In der Verhaltenslehre nennt man es eine Übersprungshandlung, die sich aus zwei, sich entgegenstehenden oder einander neutralisierenden Handlungen ergibt. Der Kater will angreifen, doch die imposante Übermacht lässt ihn zögern. Die Elstern würden den unliebsamen Eindringling gerne gründlich vergraulen, jedoch fällt dieser in die Kategorie der wirklich tödlichen Bedrohungen für sie. Andererseits ist es nur ein kleines Exemplar von Todesengel, also kann man vielleicht doch etwas wagemutiger sein. Und auch der schwarze Kater wiegelt ab, hin und her gerissen zwischen Jagdtrieb und der Ahnung, dass ein ernster Hieb mit den Elsterschnäbeln nicht unbedingt das ist, was er sich für diesen herrlichen Frühlingsmorgen überlegt hat. Und so imponieren die Vögel und der Kater voreinander her, umkreisen sich, schnellen vor, weichen zurück. Aufgeben will zunächst niemand. Der Kater wirkt beleidigt, schließlich ist das sein Garten, und die Ignoranz dieser Tatsache nimmt er den Elstern scheinbar übel. Die Elstern dagegen wirken gestresst. Hätten sie Handgelenke mit Uhren daran, würden sie vermutlich ständig drauf schauen und anmerken, dass sie sich wirklich ranhalten müssen. Der Kater keckert und faucht und dreht einen großen Bogen um den Futterbaum, bis er sich schließlich unter die Hecke verzieht.
Das Ereignis war durchaus nachhaltig, denn fortan würdigten die Elstern unsere Kater keines Blickes mehr und auch die Kater, insbesondere der schwarze, taten fortan so, als gäbe es generell keine Elstern im Garten.

Für und wider

Die Siedlung, in der sich unser Haus und Garten befinden, liegt am Stadtrand und war bis vor zwanzig Jahren noch ein Feld. Danach wurden Reihen-, Doppel- und Einfamilienhäuser gebaut und drei komplette Straßenzüge entstanden. Die Parzellen sind häufig von Koniferenhecken begrenzt. Es gibt im Prinzip keine Bäume, weder in den Gärten noch auf der Straße. Direkt vor unserem Haus wurde vor fünf Jahren von der Stadt ein Baum gepflanzt, der prompt vertrocknete, seinem Nachfolger erging es nicht besser und inzwischen steht Kandidat Nummer drei am Straßenrand. Im Sommer dörrt die Siedlung regelrecht aus, trotz der Wässerung von Rasen und Beeten. Schatten, kühle Ecken, lauschiges Grün sind in den zwanzig Jahren in der Siedlung nicht wirklich entstanden. Dafür jede Menge Dächer, Terrassen und gepflasterte Einfahrten.

Bäume sind ja auch schwierig. Sie produzieren Unmengen an Laub, das dann überall verrottet, den Rasen verfilzt und einmal regenmatschig auch furchtbar unattraktiv aussieht. Nährstoffe hin oder her… wo kein Baum ist, werden schließlich auch keine Nährstoffe benötigt, und für alles andere gibt es im Baumarkt Dünger.
Dann die Wegesicherung… Beim kleinsten Wind oder Frost oder Schneefall, brechen von so einem Baum Teile ab, demolieren Gartenhäuser, PKW und wer weiß was noch alles. Im schlimmsten Fall das Dach vom Nachbarhaus. Lebensgefährlich.
Und die Dunkelheit, die unter so einem Blätterdach herrscht…
Was also tun? Einen kleinen Apfelbaum, oder Kirsche, kann man gut zurechtstutzen. Ein Fliederstrauch vielleicht, oder Bambusgras. Am besten nur Rasen. In den Reihenhausgärten ist es am schlimmsten. Dort ist so wenig Platz, dass allein das Gerätehaus für die Fahrräder und Gartenmöbel schon fast den gesamten verfügbaren Platz in Anspruch nimmt. Da kann man sich nicht auch noch Vegetation leisten.

Der Bluthänfling lebte im vergangenen Jahr sehr versteckt und tauchte erst auf, als die Jungen flügge wurden. Er hockte mit seiner Partnerin auf dem Dachfirst und gemeinsam lockten sie die Jungen mit unermüdlichen Rufen zu sich herauf. Hier nimmt er gerade mit aufgeplustertem Federkleid ein Wärmebad auf den aufgeheizten Dachziegeln.

So sieht es aus. Und wo keine Vegetation ist, da gibt es auch keine Nahrung. Und ohne Nahrung keine Fauna. An diesem Punkt klinken sich die Fütterungsgegner ein, also diejenigen, die nur unter extremen Winterbedingungen eine Vogelfütterung akzeptieren. Es sei wichtiger, nahrungsreiche Lebensräume zu schaffen und zu erhalten. Ganzjahresfütterung sei eine Art Hobby, aus Großbritannien zudem, ohne tatsächlichen Nutzen, ohne ökologisch wertvollen Effekt.

Auch ein beliebtes Argument dieser Fraktion ist die Behauptung, Futterstellen lockten Wildvögel an und diese machten dann den Gartenvögeln Konkurrenz. Aber vielleicht  ist es ohne Futterstellen gar anders herum, die Gartenvögel ziehen ab und machen „da draußen“ den Wildvögeln Futterkonkurrenz? Und überhaupt, welcher Vogel ist nicht wild? Die Kohlmeise, der Gartenklassiker, den ich in jedem wilden Wald massenhaft zwitschern höre und die, selbst wenn sonst niemand zu sehen oder zu hören ist, ganz gewiss auftaucht?

Ganz schön wild! Die Kohlmeisen sind zahlenmäßig ganz weit vorn im Futterbaumgeschäft. Ein gutes Dutzend fällt jeden Morgen in den Baum ein. Dabei können sie anderen Arten gegenüber recht energisch werden. Übertroffen nur noch vom Amselmann. Leider hatte ich im Herbst auch einen Scheibenanflug einer Kohlmeise. Sie lag benommen vor der Tür und als ich sie in die Hand nehmen wollte, rappelte sie sich schnell und flog in den Pfirsichbaum. Dort hockte sie geschlagene zehn Minuten, dann flog sie weiter. Wohl nochmal Glück gehabt…

Aber es soll hier nicht darum gehen, den Disput anzuheizen. Denn wahr ist, dass die geeigneten Lebensräume mit Nistmöglichkeiten und Nahrungsquellen inzwischen knapp sind. Ich will überhaupt nicht für den Rest der Welt sprechen, jedoch die ökologische Qualität unserer Stadtrandsiedlung möchte ich als Beinahe-Armageddon bezeichnen. Aber noch ist nicht alles verloren. Wir haben unser Gartenkonzept geändert: es soll ein Hortus entstehen. Einer mit Bäumen. Und wir füttern das ganze Jahr über, auch wenn wir damit den Einzugsradius der Futtergäste in die wilde Wildnis der Maisfelder und Rapsäcker hinaus erweitern, die sich der Siedlung bis zur nächsten Ortschaft hin anschließen. Nein, wir leiden nicht unter irgendeiner Form von Hybris, denn wir haben Gleichgesinnte in der Siedlung. Menschen, die sich über Nährgehölze Gedanken machen und über Blühwiesen, die Bienen züchten und Obstbäume pflanzen, die Teiche anlegen und auf Koniferenmauern verzichten, die Nistkästen aufhängen und Vögel füttern.

Neugier siegt

Neben den täglichen Gästen, die rund ums Jahr im Garten sind – Kohlmeisen, Blaumeisen, Elstern, Sperlinge – gibt es auch die Durchzügler im Frühjahr und Herbst. Grünfinken, Erlenzeisige, Bergfinken und gelegentlich Stieglitze zeigen sich dann unter dem Futterbaum. Sommervögel wie die Stare machen während der Brutsaison ihre täglichen Besuche. Zum Glück hielt sich ihre Zahl bislang in Grenzen, was tatsächlich für Brutvögel spricht und nicht für vagabundierende Junggesellen.

Die Blaumeisen unternahmen einen Brutversuch in unserem Vogelhaus, der leider nicht erfolgreich verlief. Sie bauten das Nest nicht zu Ende und suchten sich einen anderen Platz. Dennoch kamen die jungen Blaumeisen zum Fressen an den Baum, Flaumkugeln fast noch, doch schon voll funktionstüchtig! Leider gab es unter den Blaumeisenkindern eine Handvoll, die von der Katze geholt wurden – zu meinem Bedauern von einem meiner Kater. Ich fürchte, hier gibt es schon das nächste Diskussionsfeld: Katze rein oder raus? Für mich ist die Antwort leicht. Meine Katzen sind Freigänger und bleiben es auch, aber ich kann über den Tag gut kontrollieren, was sie so treiben. Und wenn morgens und nachmittags die Hauptfutterzeit der Vögel ist, dürfen sie nicht raus. Die Katze komplett einzusperren, wäre hingegen wohl eine echte Tierquälerei.

Doch es gab auch diese besonderen Gäste, die scheu und zurückhaltend waren, wie die beiden Kolkraben, die sich Ende Mai für einige Wochen einfanden, um sich in der morgendlichen Stille in unserem Kirschenbaum satt zu fressen. Die Visite bahnte sich zunächst an durch einige Erkundungsbesuche. Raben sind argwöhnisch, schlau und aufmerksam. Es war schlussendlich auch keine Plünderung, die die schwarzen Vögel in unserem Kirschenbaum veranstalteten. Es ist ein „künstlicher“ Baum, auf dessen ursprünglicher recht späten Sorte eine zweite, sehr frühe Sorte aufgepfropft ist. Das ist insofern praktisch, dass es über viele Wochen Kirschen verspricht. Die Ernte teilt sich in zwei Höhepunkte, sodass wir nicht unter einer Flut von reifen Kirschen begraben werden! Die Raben labten sich an der frühen Sorte in der Krone des Baumes, gemeinsam mit Amseln, Staren und Elstern. Auch die Sperlinge und Meisen knabberten am saftigen Obst. Die spätere Sorte dagegen, schwarzrote, süße Herzkirschen, rührten sie nicht an und so beschlossen wir, zukünftig die oberen Kirschen für die Vögel zu lassen. Das erspart uns womöglich gebrochene Arme und Beine nach Leiterstürzen. Man muss schon auch praktisch denken.

Als die Kirschen reif wurden, tauchte ein Kolkrabe auf. Sehr behutsam inspizierte er den Garten über mehrere Tage hinweg, bis er eines stillen Morgens mit einem zweiten Raben in den Wipfeln der Kirsche saß und es sich schmecken ließ. Sie kamen zwei Wochen lang immer sehr früh, bevor im Viertel die Menschen geschäftig wurden. Die heimliche Stille, mit der die beiden tagelang – vermutlich von den meisten völlig unbemerkt – hier agierten, beeindruckte mich am meisten. Eine Erfahrung, die ich auch mit den Elstern und Eichelhähern machte, denen man ja gerne mal eine Neigung zu Randale und Krawall nachsagt. Mitnichten…

Die stille Eleganz der Raben in der Morgenstunde empfand ich als etwas Besonderes. Ich musste an Hugin und Munin, die beiden Raben Odins denken, die er in der Morgendämmerung aussandte, um ihm von den Dingen, die in der Welt geschahen, zu berichten. Ich stellte mir vor, wie sie abends zu Odin zurückkehrten und von jenem sagenhaften Kirschenbaum berichteten, in dem sie ungestört und nach Herzenlust ihren Hunger stillen konnten.

Wesenswandel

Das prägende Element des modernen Gartens, so scheint es, ist der Rasen. Durch verschiedene geometrische Elemente sollte er nach Möglichkeit so begrenzt sein, dass diese kleinen, schlauen, fast lautlosen Mähroboter täglich einmal darüber hinweg tuckern können, ohne irgendwo hängen zu bleiben oder umzukippen.

Rasen. Das ist im Prinzip Gras, welches niemals blühen soll, also keine Nahrung abwirft. Es ist äußerst durstig, denn es soll ja schön saftig grün aussehen. Rasen ist Monokultur. Moos, Klee, Löwenzahn, Gänseblümchen oder gar Schafgarbe, Disteln und dergleichen sind absolut unerwünscht. Rasen taugt maximal unterirdisch für Regenwürmer, Ameisen und andere Krabbler. In unserer Siedlung ist Rasen immer problematisch, sobald der Hochsommer im Anmarsch ist. Dann rieseln die Sprenkler auf den zunehmend ausgedörrten Boden, der wie ein Schwamm alles aufsaugt und am nächsten Tag schon wieder knochenhart ist. Das ist umso schlimmer, je größer die Rasenfläche und umso kürzer sie geschnitten ist.

Wir haben unseren Rasen im letzten Jahr zwei Mal gemäht. Mehr war nicht nötig, denn mehr wuchs nicht. Im Jahr davor hatten wir bereits einen Teil probehalber stehen gelassen, damit er vollständig ausblühen konnte. In dem Gras machten sich Insekten breit, von denen ich bislang nie etwas gehört hatte, darunter etwa ein Federgeistchen, eine rein weiße Schmetterlingsart mit federartig geformten Flügelchen.
In einer Ecke des Gartens richteten wir ein Beet mit Wildblumen ein. Es liegt direkt vor der Buchenhecke und einem Spalier aus Brennnesseln. Dort konnten wir fast den ganzen Sommer bis in den Herbst hinein allerlei Insekten beobachten: Wildbienen, Florfliegen, Käfer, Wanzen, Schmetterlinge. Wir schnitten die abgeblühten Halme über dem Boden ab und ließen sie noch einige Tage auf dem Beet liegen, damit die Samen abfallen konnten.
Unser Rasen wuchs wie gesagt nicht viel, vertrocknete aber auch den ganzen Sommer lang nicht. Ein zarter Teppich aus fragilen Halmen mit federartigen Rispen bildete sich. Hier und da tauchten plötzlich Glockenblumen auf. Unter dem Kirschbaum entstand eine Insel aus Schafgarbe. In einem Beet haben wir mit einer englischen Züchtung von Klatschmohn etwas nachgeholfen und über Wochen eine Hummelweide gehabt, die mich Morgen für Morgen aufs Neue sprachlos machte.

Laub

Die Blätter bleiben liegen. Überall. Auf der Wiese, in den Beeten, unter den Büschen und der Hecke, in Winkeln und Ecken des Gartens. Die ersten herbstlichen Regengüsse weichen sie auf, sodass sie schon nach wenigen Wochen braunschwarz sind und sich zu zersetzen beginnen. Sobald der erste Schnee drauf liegt, verrotten sie endgültig. Im Frühjahr ist kaum mehr etwas davon übrig. Erst dann sammle ich die verbliebenen Blätter auf. Alles andere macht für mich keinen Sinn.

Am Ende des Sommers war die Sperlingstruppe auf gut fünfzig Tiere angewachsen. Und sie machten einigen Lärm. Obwohl zuweilen ein wirkliches Durcheinander herrschte, ließ sich dennoch erkennen, dass die Sperlinge zu unterschiedlichen Familienclans gehörten und auch als solche eintrafen und abflogen. Zu einem Trupp gehörte Bella, ganz vorne links, mit ihren markanten weißen Federn an den Flügeln. Sie konnten selbst die Kinder immer ausfindig machen und riefen dann: „Bella ist wieder da!“ Und jedes Mal war ich erleichtert.

Ich habe einmal gehört, flüchtig nur, dass das Laub den Rasen verfilzen würde, weshalb es weg müsste. Ich weiß nicht, wie verfilzter Rasen aussieht, aber in unserem Garten macht das Wiesengrün einen recht passablen Eindruck. Immerhin besteht dieses Laub aus jeder Menge Nährstoffen, die in irgendeiner Form in unsere Wiese sickern, während es über den Winter verrottet. Wir ersparen uns die jährlich im Frühjahr wiederkehrende Prozedur, Düngerperlen auf dem Rasen zu verteilen.

Aber all das ist im Grunde auch nur Nebensache, denn das Laub hat noch mehr gute Eigenschaften im Garten. Auf der Wiese sammeln sich die Blätter der Kirsche, Pflaume, des Mandelbaumes, des Feuerahorns, von Holunder- und Fliederstrauch. Die Hainbuche gibt ja lange nichts von ihrem Schatz her. Es ist Dezember geworden, inzwischen ist alles kahl und braun. Nur die Wiese ist unermüdlich grün.
In den Morgenstunden, kurz nach Sonnenaufgang, der in diesen Tagen zwischen sieben und halb acht eintritt, hupft ein Amselmann wie ein Schatten an den Beeträndern entlang. In der für Amseln typisch furiosen Art, wirft er die Blätter auf und lauscht, äugt, wühlt euphorisch weiter und pickt mit einem eleganten Hüpfer eine Beute auf. So geht das im Zwielicht eine ganze Weile kreuz und quer über die Wiese, die Beete und besonders unter der Hecke. Das Laub ist ein Garant für Nahrung.
Kohlmeisen gesellen sich zum Amselmann. Auch sie schichten gerne das modernde Laub um – irgendjemand darin muss es ja schließlich zersetzen und zu Humus verarbeiten. So tuckern sie geschäftig unter der Hecke entlang, auf der Suche nach den Kleinstlebewesen im Boden.

Der Moment muss jeden Augenblick da sein, in dem die Eichelhäher aufkreuzen. Sie haben sich inzwischen mit den Elstern auf eine gemeinsame Nutzung des Territoriums verständigt, was allerdings auch dazu führte, dass Elstern und Eichelhäher nun auch gemeinsam am Futterplatz erscheinen. Es sind drei Elstern, das angestammte Brutpaar und ein Jungvogel aus der letzten Brut. Wir haben sie Karl und Karla getauft, das Elsterkind Karline. Die Eichelhäher sind meist zu zweit oder dritt, gelegentlich sind es aber auch fünf oder sechs, die meist morgens im Trupp ankommen. Zusammen mit den drei Elstern gibt das erst einmal ein ordentliches Gerangel. Man demonstriert Stärke, zeigt Präsenz – schließlich erhält sich so ein Anrecht auf einen Futterplatz nicht von alleine. Einige Minuten lang flattern nun alle über die Wiese, in die kahlen Bäume, über die Hecke, auf die Dachfirste und wieder zurück. Aber man darf nicht denken, dass es einen fürchterlichen Krach gäbe. Ganz still läuft das ab. Die Elstern jauchzen gelegentlich und tschackern leise vor sich hin. Aber in Anbetracht der dynamischen Flüge würde man in einer ähnlichen Situation zwischen Menschen ein ordentliches Gebrüll erwarten können. Es sieht aus wie eine gut einstudierte Choreografie, eine Art Tanz ohne Musik, und nach einigen Minuten ist dann auch geklärt, wer bleiben darf und wer sich zu verflattern hat.

Ende September tauchte ein einzelner Eichelhäher am Futterbaum auf. Er kam fortan täglich und wir tauften ihn Luis. Später brachte er einen weiteren Eichelhäher mit und die beiden schienen so etwas wie Buddys. Wir gaben dem zweiten den Namen Luise. Ende Oktober dann gesellten sich zuweilen vier weitere Eichelhäher dazu und mit dieser Handvoll Vögel konnte man schön erkennen, dass die Zeichnung des Kopfgefieders bei Eichelhähern sehr verschieden ist. Besonders Luise hatte einen sehr hellen Scheitel mit nur wenig schwarzen Schraffuren.

Die Eichelhäher stopfen Erdnüsse in ihren Kehlsack. Anfangs sind sie damit immer gleich weggeflogen, um sie an geheimen Orten zu verstecken. Wie Staubsauger haben sie die Erdnüsse regelrecht aufgeschlürft und weggebracht. Ich seufzte und sagte mir, dass sie ja in gewisser Weise meinen Fütterradius enorm erweitern, denn so sehr sie sich auch bemühen, die grandiosesten Versteckkünstler sind sie nicht unbedingt. Seit ihre auswärtigen Verstecke offenbar alle belegt sind, haben sie auch begonnen, die Erdnüsse gleich bei uns im Garten zu verstecken. Sie äugen ein wenig umher, bis die Luft für ihre Bedürfnisse rein genug ist. Dann hüpfen sie auf die Wiese, wo sie sich an einer erstaunlich exponierten Stelle sogleich daran machen, die Erdnüsse unverblümt in die Erde zu stopfen. Dann schnappen sie sich ein, zwei Blättchen und drapieren sie sehr sorgfältig über ihr Versteck. Noch ein wenig nach links, oder doch eher rechts, prüfender Blick und ist er’s zufrieden, schwirrt er ab und wiederholt die Prozedur noch an anderen Stellen. Die Elstern haben das inzwischen spitzbekommen. Sie stolzieren über die Wiese und wedeln furios das Laub zur Seite, bis sie fündig werden.

Durchgezählt

Ein junger Star ist im Dezember an den Futterbaum gekommen. Er hockt die meiste Zeit in dem zehn Meter hohen Lebensbaum im Nachbargarten. Manchmal hört man sein Brabbeln und Flöten. Er ist ganz alleine, ein Jungtier vom Sommer, inzwischen im intensiv gepunkteten Schlichtkleid, aber immer noch mit dunklen Schatten um die Augen. Auch er wühlt im Laub, hockt im Futterhaus oder schaukelt in der Schale für die Meisen und Sperlinge.
Ich fragte mich, ob er den ganzen Winter bleiben würde, oder ob er sich doch noch auf den Weg nach Süden machte. Mitte Dezember war er dann tatsächlich verschwunden.

Von Zeit zu Zeit versuche ich mich zu erinnern, wie es war, bevor wir mit der Fütterung anfingen. Ich erinnere mich an Bluthänflinge, die in Finkenmanier über die noch ungezähmte Gartenlandschaft nach der Bauphase wuselten und aufpickten, was ihnen zusagte. Es gab auch Klappergrasmücken, die in der Hainbuchenhecke brüteten und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang unermüdlich teck-teck-teck riefen. Singdrosseln hüpften einmal wie entrückt über die saftige Frühlingswiese, vermutlich kurz nach dem Zug, als hätten sie nie eine schönere Wiese gesehen. Aber solche Erinnerungen sind Momentaufnahmen, keine Regelmäßigkeit. Es mag daran liegen, dass ich nicht regelmäßig hingeschaut habe, eher unterbewusst. Es könnte aber durchaus damit zu tun haben, dass der Garten inzwischen einfach viel mehr und viel regelmäßiger Besucher anzieht. Auch Ungefiederte wie Igel, Fuchs, Iltis und Steinmarder. Eben weil es hier das elementarste und existenziell Wichtigste gibt, das in der „wilden Welt“ etwas zählt: Futter.

Der flinke Zilpzalp machte sich zunächst durch seinen typischen schwipp-schwapp-Gesang bemerkbar. Dann entdeckte ich ihn über mehrere Wochen hinweg in den Beerensträuchern. Noch im Oktober tummelte er sich in der wachsenden Herbstlichkeit im Garten und scheuchte die kleinen Insekten bei der Suche nach einem Winterquartier auf. So einige Male geriet er dabei in Clinch mit den Kohlmeisen. Doch Ende Oktober war auch er dann Richtung Süden davongezogen.

Im vergangenen Winter habe ich mich nicht an der Stunde der Wintervögel, der größten, vom NABU initiierten Citizen Science Aktion, beteiligt. Es gab einfach niemanden, den ich hätte melden können – außer drei Kohlmeisen, die alle paar Tage durch die Hecke hüpften. In diesem Jahr sah das anders aus.

Über das ganze Jahr konnte ich insgesamt 24 Vogelarten feststellen. Keine von ihnen war eine einmalige Erscheinung, alle blieben wenigsten ein paar Tage, auch während der Zugzeit, was darauf hindeutet, dass die Futterquelle eine gewisse Attraktion darstellt, die zum Bleiben einlädt. Einzige Ausnahmen, der Regel wegen, sind der Girlitz, der sich nur einmal kurz blicken ließ und wieder verschwand, und eine Mönchsgrasmücke während des Frühjahrszuges, die nur eine Trinkpause an einer der Wasserstellen einlegte.

Der letzte Neuankömmling auf meiner Garten-Arten-Liste ist die Türkentaube. Inzwischen ist es ein Pärchen und ich hoffe, sie finden in der Nähe einen geeigneten Brutplatz.

Es ist eine Freude zu sehen, wie die Vögel kommen. Ich bin aus dem Häuschen, wenn sich eine neue Art im Garten zeigt. Und ich habe das Gefühl, es richtig zu machen, wenn ich das Dutzend Kohlmeisen beobachte, wie es den Garten förmlich in Beschlag nimmt. Ein guter Anfang ist gemacht. Ich bin sogar etwas erleichtert, dass sich in unserem Refugium noch viel Platz für jede Menge weitere ökologische Projekte befindet.
Auf ein neues Jahr unterm Futterbaum.

Der Beitrag „Ja, eine Futterstelle!“ erschien Ende März 2019 und erzählt von der Entscheidung für die Ganzjahresfütterung. Eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe.

Hier geht es zum vorherigen Teil des Tagebuchs: „Was fehlt…“ (11)

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