„Die Entdeckung der Nachhaltigkeit“ von Ulrich Grober

Schon der Titel verspricht eine Reise. Kulturgeschichte eines Begriffs – so lautet dann der Untertitel – macht klar, dass die Reise lang werden könnte. Etwas mehr als 300 Seiten lang. Sie führt durch die Jahrhunderte Europas vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Doch in der für Grober typischen, sehr dynamischen und bildreichen Erzählweise liegt der Garant für einen spannenden Mix aus Information, Unterhaltung und sogar ein wenig Poesie.

Grober ist in seinem Buch dem Begriff Nachhaltigkeit auf der Spur und die erste erstaunliche Erkenntnis, die sich dem Leser rasch vermittelt, ist, dass Nachhaltigkeit seit jeher sehr viel mit dem Rohstoff Holz zu tun hatte.

Zunächst aber breitet er in den ersten drei Kapiteln eine Art Schnipselsammlung aus, bestehend aus Textauszügen, Gedanken, Erinnerungen, etymologischen Analysen und historischen Ereignissen, die den Leser wie Wellen im Meer hin und her zu werfen drohen, ohne dass er einen Fuß auf den festen Boden der Thematik bekommt. Gleichzeitig ist diese Sammlung aber emotional mitreißend und berührend einerseits, informativ und sachlich andererseits.

Schon hier gibt es diese Passagen, die Gänsehaut machen, ein Zeugnis der Erzählkunst Grobers. Etwa seine Schilderung des ersten Fotoshootings von der Erde aus dem Weltraum während der Apollo-Missionen der NASA. Sie waren für mich nicht nur fesselnd, sie resultierten darin, dass ich mir ein Poster von Earthrise zulegte, jenem ersten magischen Foto von der Apollo 8-Mission, aufgenommen am Heiligabend des Jahres 1968. Es hängt nun in meiner Diele und ist bereits von der Haustür aus zu sehen. Das zweite Foto, welches zum meistpublizierten der Mediengeschichte wurde und von der Apollo 17, der letzten Mond-Mission der NASA, stammte, ist Blue Marble.

„Man hat die beiden Fotos aus dem All als Ikonen unserer Epoche bezeichnet. Eine Ikone ist im Verständnis der russisch-orthodoxen Kirche, aus der die Ikonenverehrung kommt, mehr als ein Abbild. Auch mehr als ein Sinnbild. Ihre Bildmagie gebe vielmehr die Sicht auf das Geheimnis frei. Sie öffne ein Fenster der Ewigkeit. Auf eine unerklärliche Weise sei in dem Bild das Heilige selbst anwesend. In der Ikone aus dem Kosmos sahen wir zum ersten Mal das Antlitz von Gaia – Mutter Erde.“ (S. 30)

Earthrise

Dieser erste Teil des Buches, in dem es Grober darum geht, aus der Fülle an Assoziationen zum Nachhaltigkeitsbegriff einen Fahrplan für das Buch zu finden, eine Formelsammlung, wie er es nennt, vermittelt in allem den Eindruck, dass wir es bei „Mutter Gaia“ mit einer zarten, fragilen und doch mächtigen und starken Schützerin und Versorgerin zu tun haben. Sie ist verletzlich und alternativlos, sie wird ausgebeutet und bewundert zugleich und klar ist, dass ihr Fortbestehen wie wir es kennen von unserer Fähigkeit zur Nachhaltigkeit abhängt.

„Eines scheint mir gewiss: Die Idee der Nachhaltigkeit ist weder eine Kopfgeburt moderner Technokraten noch ein Geistesblitz von Ökofreaks der Generation Woodstock. Sie ist unser ursprünglichstes Weltkulturerbe.“ (S. 14)

Das Buch

Es geht also um Holz. Genauer gesagt um Holzmanagement. Grober nimmt den Leser mit in das Venedig des ausgehenden 15. Jahrhunderts, wo man begonnen hatte, die Bestände der Wälder zu registrieren. Denn Venedig ist wie keine andere Stadt auf Holz gebaut und hatte als Seehandelsmacht einen enormen Bedarf im Schiffsbau.

Die vorherrschende Lehre zu jener Zeit war die der göttlichen Vorsorge, Providencia dei, in der dem Menschen keine wesentliche Rolle zugeteilt war. Vereint in dieser Lehre sind drei Elemente – conservatio, gubernatio und concursus – also dem Bewahren und Beherrschen aller Dinge sowie den Wechselwirkungen der göttlichen und menschlichen Handlungen und den Naturkräften.

In dem Maße wie die Wälder schrumpften, suchten die Dogen nach Wegen, sie auf Dauer zu erhalten. Die Motivation war allerdings nicht ökologischer Natur, denn Wälder waren nichts anderes als Vorratslager, die zukünftigen Wohlstand sicherten. Ein Deckengemälde von Jacopo Tintoretto im Dogenpalast versinnbildlicht für Grober die Prioritäten venezianischer Politik. Es zeigt die Göttin Minerva im Kampf mit dem Gott Mars, die Göttinnen Pax und Abundantia verteidigend. Zentrales Symbol sei, so Grober, das Füllhorn der Abundantia, zentral insbesondere für unsere Zivilisation, mit der Macht, alle Wünsche zu erfüllen.

„Aus historischer Distanz lässt sich das Bild auch anders entschlüsseln: Die Verteidigung von „abundantia“ – Überfluss – war das geheime Zentrum venetianischer Staatsraison – und die Ursache ihres Scheiterns. Denn Luxusansprüche einer Überflussgesellschaft stoßen früher oder später unweigerlich an die Grenzen des Wachstums. […] Sie sind schlicht und einfach nicht nachhaltig.“ (S. 85f.)

Es ist genau diese Art zu erzählen, die mir an Grober gefällt und die das Buch trotz seines sehr komplexen Anliegens so lesenswert machen. Szenen wie diese veranlassen zum Innehalten und Reflektieren. Es ist nicht so, dass sich an dieser Füllhorn-Strategie unserer Zivilisation schon etwas nachhaltig geändert hätte…

In ganz Europa bestimmte die Suche nach Möglichkeiten, die Holzvorräte zu erfassen und zu verwalten, die Politik, Wissenschaft und Philosophie von über zwei Jahrhunderten. Eine allmähliche Loslösung von der Providentia-Lehre und die Erkenntnis, dass der Mensch die Dinge selbst in der Hand hat, waren die Folge dieser Suche.

Grober nimmt sich immer wieder Zeit, mit Worten Bilder im Kopf seiner Leser zu zeichnen: vom Steigerwald und dem Erzgebirge, von einem Konzert der Doors in den späten Sechzigern, von Goethe, der eine zentrale Rolle hat in dieser Holzgeschichte, von den Gassen Freibergs, meiner Heimatstadt. Er füllt das bunte Mosaik mit Namen, die wie Geister in meiner Kindheit herum spukten und Schulen, Gebäude und Straßennamen betitelten, mit denen ich damals nichts Rechtes anfangen konnte.
Der Bergbau war ebenfalls ein Holzfresser. Und Freiberg war das Zentrum des Silberbergbaus im 17. und 18. Jahrhundert. Das gesamte montane Geschehen damals unterstand dem Oberberghauptmann. In dessen Funktion trat Hans Carl von Carlowitz 1711 in Erscheinung. Das Wort Nachhaltigkeit geht auf ihn zurück und er formulierte als erster das so genannte Dreieck der Nachhaltigkeit, also die Wechselbeziehung zwischen Ökologie, Ökonomie und der verantwortungsvollen Sorge um den Wohlstand der nachfolgenden Generation. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt erscheint von Carlowitz‘ 450 Seiten starker Folioband Sylvicultura oeconomica – und mit ihm die Nachhaltigkeit:

„Da ist das Wort! Zum ersten Mal in seiner heutigen Bedeutung. Es erscheint nur beiläufig. Ein auf den ersten Blick unscheinbares Attribut in einer Reihung von sinnverwandten Wörtern. Der Leser spürt die Suchbewegung. Es ist förmlich mit Händen zu greifen, wie der Autor die deutsche Sprache nach einem Wort abklopft, das die langfristige zeitliche Kontinuität von Naturnutzung und den Gedanken des Einteilens und Sparens von Ressourcen plastisch und präzise zum Ausdruck bringt.“ (S.117)

Weitere 100 Jahre später, ebenfalls in Sachsen in dem kleinen Örtchen Tharandt vor den Toren Dresdens, macht sich Heinrich Cotta daran, eine Forstschule aufzubauen. Zeitgleich werden die sächsischen Wälder flächendeckend vermessen und die Bestände erfasst. In der Forstwirtschaft entwickelten sich Modelle vom „Normalwald“ und der „Bodenreinertragslehre“. In der Folge wurden Wälder in Parzellen gegliedert, von Schneisen durchzogen, die den Abtransport erleichterten, Monokulturen etablierten sich und die Umtriebszeiten (die Zeitabstände, innerhalb derer von Parzelle zu Parzelle abgeholzt und wieder aufgeforstet wurde) verkürzten sich. Nachhaltig war nun, was am besten in das „langfristige Kosten-Nutzen-Kalkül des Waldbesitzers“ (S. 178) passte. Die plantagenartigen Wälder wurden attraktiv für spezielle Insekten – der „Schädling“ war erfunden und mit ihm Mittel zu seiner Bekämpfung. Alles in allem ist dieses Waldmodell aber so erfolgreich gewesen, dass es sich bis in unsere Zeit gehalten hat. Dennoch kam die Wende zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Bedarf nach Holz der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen endgültig wich und die Lehre vom „Normalwald“ der Idee des „Dauerwaldes“ Platz machte, einem Wald, der sich wieder mehr an den Prozessen natürlicher, ursprünglicher Wälder orientierte.

Interessant ist, wie Grober die einzelnen Kapitel und Passagen miteinander verknüpft. Wie unzählige Fäden durchziehen Namen, Geschehen und Orte das Buch und verweben es zu einem Ganzen. Sie tauchen an der einen Stelle auf, wirken zuweilen aus der Luft gegriffen und werden Seiten später ausgebaut und vertieft. Ein Beispiel ist der Dichter Friedrich von Hardenberg, besser bekannt unter dem Namen Novalis. In Kapitel acht, in dem Grober über den von Linné und Herder erstmals angerissenen Begriff der Ökologie als dem Haushalten der Natur schreibt, wird am Ende, unter einigen anderen, auch das Gedicht Astralis von dem Dichter vorgestellt. Grober hebt die klaren, ökologischen Vorstellungen des Dichters hervor. Interpretierte Poesie? Zwei Kapitel später taucht von Hardenberg erneut auf. Diesmal in seiner beruflichen Funktion als Salineninspektor. Auch er ist Absolvent der noch jungen, aber bereits renommierten Bergakademie Freiberg und im Auftrag des Oberbergamtes zu Forschungszwecken unterwegs. Er soll Bodenschätze erfassen, die auf der Suche nach Alternativen zum Holz zunehmend gefragt sind. Am Ende dieser Mission schreibt er in seinen Bericht, dass die Nutzung von Holz und anderen Brennmaterialien für die Salzgewinnung durch Sieden zukünftig durch die „Sonnensalzfabrication“ obsolet werden könnte. In seiner Vision einer nachhaltigen Zukunft seiner Zunft wurde Salz durch Verdunstung unter Sonneneinwirkung gewonnen.

Auch den Umbruch vom Holz zu fossilen Brennstoffen – die Übergänge waren fließend und der Aufschwung der Kohle zog sich seit dem 17. Jahrhundert kontinuierlich fort – und danach weiter zur Atom- und Solarstromnutzung verflicht Grober in den folgenden Kapiteln geschickt mit dem bereits vorgestellten Geschehen. Am Ende spannt er den Bogen wieder zurück in die „Schnipselsammlung“ der Anfangskapitel und es wird klar, dass unser heutiges Verständnis von Nachhaltigkeit seit Jahrhunderten gesucht und geformt wurde. Diese Entwicklung resultiert in unserer gegenwärtigen Erdpolitik, wie Grober sie bezeichnet.

Am Ende

Die letzten drei Kapitel, die sich um die Erdpolitik drehen, bilden einen seltsamen Kontrast zum übrigen Buch. Zwar fügen sie sich lückenlos an die Historie, sind ja auch Teil davon, und nehmen zu vielem Bezug, was schon zu Beginn angeführt wurde – man könnte meinen, der Kreis schließt sich und die Lösung liegt – endlich! – auf der Hand. Doch die Aktualität und die zeitliche Nähe zum Heute bewirken kein Erstaunen mehr, nur noch Skepsis. Seit etwa fünfzig Jahren formuliert die Menschheit nun schon Resolutionen, hält Konferenzen ab, entwickelt neue Begriffe und Theorien, schreibt Berichte und Prognosen über die Zukunft des Klimas, der Rohstoffe, des wirtschaftlichen Wachstums und eben auch der Nachhaltigkeit. In Grobers Zeilen kann man das intensive Ringen der Initiatoren und die vielseitigen Interessenkonflikte unter den Beteiligten mitfühlen. Hinter uns liegt ein halbes Jahrhundert der Definitionen und Vereinbarungen, die das globale Miteinander im Sinne der Nachhaltigkeit und in Hinblick auf die Grenzen des Wachstums regeln und festlegen wollen. Aber:

„Nach vier Jahrzehnten Erdpolitik steuert der Planet immer noch auf den Kollaps zu, den der Club of Rome für die Mitte des 21. Jahrhunderts vorhersagte.“ (S. 273)

Dass Grober dennoch optimistisch bleibt, ist heute – weitere zehn Jahre nach der Ersterscheinung – schwer nachzuvollziehen. Hoffen wir, dass er Recht behält. Und so endet das Buch mit einer neuen „Schnipselsammlung“, einer, die viel Raum zum Weiterdenken und –handeln lässt.

Blue Marble – aufgenommen am 7. Dezember 1972 während der Apollo 17 in 45.000 km Höhe. Damals waren aus dieser Distanz keinerlei Spuren menschlicher Zivilisation zu erkennen.
Datenblatt

Titel: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs
Autor: Ulrich Grober
Einband: Paperback, 300 Seiten
Ausgabe: 2013, Ersterscheinung: 2010
Verlag: Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-88897-824-1

Ich danke dem Verlag für die freundliche Genehmigung der Zitate. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es nur noch einen Restbestand an Printausgaben. Das Buch ist aber weiterhin als E-Book erhältlich.

Links

Die Entdeckung der Nachhaltigkeit beim Verlag Antje Kunstmann mit Leseprobe

Sammlung von Beiträgen für die ZEIT, für die Ulrich Grober als Autor tätig ist, und in der sich vieles um das Thema Nachhaltigkeit dreht. Die Beiträge handeln zum Teil von Passagen und Personen, die im Buch erwähnt werden. Für die Archivbeiträge ist eine kostenlose Registrierung notwendig.

Nachhaltigkeit ist eher eine Kultur des Lassens – Ein Interview mit dem Sachbuchautor Ulrich Grober im SR2 vom 8. Oktober 2019 (Audio)

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