Ausbrechen (14)

Die erste zerplatzte Eierschale fand ich in diesem Jahr an einem Samstagmorgen Ende April in einem kleinen Hain am Teichufer, zart grünblau leuchtend, so groß wie meine Fingerkuppe, auf dem mit Fichtennadeln übersäten Weg. Es könnte ein Starenei gewesen sein. Vielleicht…
Sicher war aber: der Frühling mit seiner überbordenden, lebensspendenden Schöpferkraft war in vollem Gange, während der Großteil der Menschheit im selbstverordneten Lockdown ausharrte. Doch dieses Ei, oder was davon übrig war, stellte so etwas wie ein Omen dar, dass das Gefühl der Enge und Beklemmung nicht andauern, dass es ein Ausbrechen aus der erdrückenden Umhausung geben würde.

Am Salzigen See im Mansfelder Land brüten Bienenfresser (Merops apiaster) in den Abbruchkanten.

Neben all den Fragen, die das Virus plötzlich aufwarf, beschäftigten mich die Effekte, welche der globale Betriebsstopp des Unternehmens Menschheit nach sich zogen, am meisten. Weniger Lärm, Schmutz, Zerstörung – doch unsere gesamte Existenz basiert schlichtweg darauf. Wir nennen das „Wirtschaft“ oder „Arbeitsplätze“ und das ist uns wirklich wichtig. Über Alternativen zu unseren Handlungsweisen haben wir noch nicht nachgedacht. Wir waren gerade dabei, uns ernsthafte Gedanken über das Klima zu machen. Jetzt werden wir einen von den beiden über die Klinge springen lassen: die Wirtschaft oder das Klima. Der Ausgang dieses Endgames ist wohl klar… Wir haben keine Alternativen zu unserem Lebensstil, unserem Verhalten, unseren Bedürfnissen und unseren Strategien. Und das hat uns dieses Virus klargemacht. Es wird keine andere Menschheit geben, keine andere Normalität. Es geht zurück zum business as usual und erst wenn jeder wieder da steht, wo er vor dem Virus stand, werden wir vielleicht mit unserem Gedankenexpriment zum Klima weitermachen. Die Natur macht in der Zwischenzeit auch einfach weiter, solang es eben geht. Und darum die blaue Eierschale auf dem Waldboden.

Die ersten richtig spannenden Wochen des Vogelzugs verstrichen also, ohne dass ich einen Blick hatte darauf werfen können. Während der Osterurlaub und die Großtrappenexkursion sich unter der Ausgangssperre in Wohlgefallen aufgelöst hatten, ging der Zukunftsblick nun bang Richtung Himmelfahrt und Pfingsten, wo selbstverständlich Reisen in vielversprechende Vogelbeobachtungsgebiete geplant waren. Den Besuch im Anklamer Stadtbruch musste ich leider noch absagen, doch mit der Lockerung der Reisebeschränkungen stand ab Pfingsten meinen Unternehmungen nichts mehr im Wege.

Tagesanbruch in Chieming

Die Pfingstreise unternahm ich wie immer mit einem meiner Kinder. Wie bereits im letzten Jahr, in dem ich nach Burghausen fuhr, um mir die Waldrappkolonie anzusehen,  entschied ich mich für Bayern, denn der Chiemsee hatte mich im November des Vorjahres so begeistert, dass ich mir die vielen Vogelbeobachtungsplätze entlang des Seeufers unbedingt anschauen wollte. Nach der wochenlangen Isolation im heimischen Umfeld fühlten sich die ersten Augenblicke dieser Reise noch etwas unbeholfen an, wie wenn man nach langer Zeit der Bettruhe wieder wackelig in die Küche schleicht, um sich einen Tee zu kochen. Aber so schnell vergisst man die guten, alten Gewohnheiten natürlich nicht. Zumal wir in Bayern sehr herzlich empfangen wurden. Die Tage am See vergingen viel zu schnell und mit einem Abstecher auf eine Alm in den Chiemgauer Alpen blieben unterm Strich nur zwei Tage Birding übrig.

Die weitläufige Hemmersuppenalm ist Heimat für eine Murmeltierkolonie. Ende Mai sind die Jungen schon recht groß, lassen sich aber noch immer sehr gut durch ihre ausgelassenen Spiele von den Alttieren unterscheiden.

Der See zeigte sich besonders im Süden mit den ausgedehnten Schutzzonen sehr naturbelassen und wild, während die nördlichen Ufer und der Westteil mit den Inseln unter dem Einfluss der ausdauernden menschlichen Aktivitäten und Freizeitbeschäftigungen stehen.
Die Vogelwelt auf dem Wasser war zwar nicht sehr abwechslungsreich und wurde vor allem von Blässhühnern und Haubentauchern dominiert, doch in den Dickichten am Ufer und den angrenzenden Feuchtwiesen und Moorflächen gab es dann auch neue Arten für mich zu entdecken. Neben den Lifern Gartengrasmücke und Schilfrohrsänger war es erfreulicherweise ein Karmingimpel, der sich kurz im Blätterdach einer Birke zeigte, wo er bereits eine Weile seinen charakteristischen Ruf hatte hören lassen, der mich auf ihn aufmerksam machte.

Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus) im Irschener Winkel, Chiemsee

Ein besonders schönes Erlebnis, wenn auch kurz wie ein Blitz bei Gewitter, war die Sichtung von vier Waldrappen südlich von Prien auf einer gemähten Wiese. Leider saß ich im Auto und an einen Halt war auf der verkehrsreichen Straße am westlichen Seeufer nicht zu denken. Für Raben waren die Schwarzgefiederten zu groß und für Schwarzstörche wiederum zu kompakt, zumal die Schwarzstörche den Trubel meiden würden. Also tippte ich auf Waldrappe. Meine Tochter schaute prüfend durch das Fernglas und bestätigte diese Vermutung (und da sie mich im letzten Jahr in Burghausen begleitet hatte, weiß sie genau, wie ein Waldrapp aussieht). Das Schöne an dieser Beobachtung war, dass ich hier zu dem Entschluss kam, der Waldrapp gehört nun tatsächlich wieder zur heimischen Fauna. Sie sind kein Projekt mehr und auch keine umhegte Spezies in abgeschotteten Brutkolonien. Sie bewegen sich während der Zugzeit und zur Nahrungssuche völlig frei, paaren sich und brüten Junge aus, die sie dann völlig selbstständig in die toskanischen Wintergebiete führen. Und die Population steigt selbstständig, trotz Rückschlägen und begleitender Handaufzucht.

Den Weg zum Chiemsee unterbrachen wir für einen Kurzbesuch im Mündungsgebiet der Isar. Das Naturschutzgebiet ist eine wirklich großartige Gegend mit einer vielfältigen Fauna. Zusammen mit meiner Tochter konnte ich einen niedlichen Steinmarder beobachten, der sich uns auf wenige Meter neugierig näherte und dann doch für einen zackigen Galopp ins Dickicht entschied. Ein toter Maulwurf am Wegesrand bot uns Gelegenheit, die einmalig zu Grabefüßen umgeformten Vorderbeine zu betrachten, die winzig kleinen Äuglein und die ausgeprägte Schnauze mit der so wichtigen Maulwurfsnase.

Auf dem Heimweg vom Chiemsee machten wir dann Nägel mit Köpfen, denn zu oft schon waren wir auf unseren Fahrten an Donaustauf vorbeigekommen und hatten im Hang die Walhalla stehen gesehen. Diesmal wollten wir sie uns genauer anschauen. Auch hier hatten wir eine sehr schöne Begegnung mit der Vogelwelt: In der Giebelplastik der Südseite hatten Turmfalken ihr Quartier bezogen und flogen vor den starren Kalksteinaugen von Germania, Rhein und Mosel spektakuläre Manöver.

Viel Zeit blieb nach der Rückkehr vom Chiemsee nicht, denn die nächste Reise ins Kyffhäuserland stand im Juni auf dem Plan. Die einigermaßen spontan beschlossene Birding-Fahrt mit ein paar vogelbegeisterten Naturfreunden führte uns in einige besondere Beobachtungsgebiete in einer wenig überlaufenen und landschaftlich erstaunlich schönen Region. Die Karsthänge des Kyffhäuser und der Hainleite und die weiten, grünen Täler dazwischen, die großen Mohnfelder und die riesigen Eselsdisteln, die wie mehrarmige Kandelaber in die Landschaft ragen, waren etwas, woran sich das Auge nicht sattsehen wollte.

Hier gelang mir die Erstsichtung der Rohrdommel. Einen Nachmittag lang durchstromerten wir eine Teichlandschaft, hörten gelegentlich ihren tiefen, kehligen Ruf und suchten recht hilflos die Schilfsäume ab, als sie sich uns plötzlich in ihrer ganzen Pracht zeigte. Sie überflog das Schilf einmal komplett vom einen Ende der Teiche zum anderen. Dabei taumelte sie im heftigen Wind, was uns ein paar Sekunden mehr Zeit verschaffte, im fotografischen Dauerfeuer doch noch einen scharfen Schnappschuss zu fabrizieren – was mir leider nicht so recht gelang:

Botauris stellaris

Aber das ist jetzt völlig egal. Erwiesen ist nun, dass es nicht unmöglich ist, die Rohrdommel zu Gesicht zu bekommen, auch am hellichten Tage, ohne Tarnzelt und stundenlangem Ausharren. Ich werde mich sicher mal wieder in dieser Gegend blicken lassen und auf die Rohrdommel gefasst sein. Ich habe jedenfalls nicht damit gerechnet, diese Art auf so unkomplizierte Weise zu sehen. Mir fällt richtig ein Stein vom Herzen, denn etwas mulmig war mir wohl bei dem Gedanken daran, welchen Aufwand eine Rohrdommelsichtung in der Regel bedeutet.
Neue Arten gab es im Kyffhäuserland neben der Rohrdommel nicht. Nur ein Paar Straßentauben am Stausee in Kelbra führten mir vor Augen, dass ich diese Allerweltsart tatschlich noch nicht auf meiner Liste stehen hatte.

Straßentaube (Columbia livia f. domestica)

Ein kurzer Abstecher zum Salzigen See in der Nähe von Eisleben im sächsisch-anhaltinischen Mansfelder Land bescherte mir noch drei Lifer. Neben der freundlichen und geduldigen Grauammer und der aufgeregten Sperbergrasmücke zog dort ein nie gehörtes Geräusch meine Aufmerksamkeit auf sich, dem ich nachgehen musste, sonst hätte mich das ungelöste Rätsel für die nächsten Nächte mit Sicherheit um den Schlaf gebracht.

Aus der sicheren Entfernung einer Anhöhe hatte ich vier Wildschweine durch das hohe Gras hüpfen sehen. Es war ein wunderschöner Anblick, wie die Schwarzkittel mit wehenden Ohren auf einen Deich hüpften und aussahen, als wären sie die glücklichsten Schweine überhaupt. Im vom Regen feuchten Schlamm auf dem Weg zeichneten sich die Spuren eines Hundes ab, der wohl auch ein Wolf hätte sein können. Bienenfresser flöteten über der Ebene, Grauammern und Goldammern teilten sich die Warten mit Bluthänfling, Schwarzkehlchen und Neuntöter und ein riesiger Starenschwarm zog kirschplündernd durch die Landschaft. Es war ein angenehmer Vielklang von Stimmen. Gelegentlich stachen daraus der Ruf von Wendehals und Gelbspötter hervor, doch dann war da dieses zarte, weiche, etwas blubbernde Gurren, das ich irgendwo im Dickicht vor einem Hang mit abgestorbenen Bäumen verortete. Es kostete mich sicher zwanzig Minuten angestrengtes Lauschen, bis ich endlich auf einem Zweig hoch oben im Gewirr verdorrter Baumkronen einen Vogel ausmachen konnte. Er sah auf Anhieb aus wie ein Taube und auch der Blick durchs Fernglas bestätigte schließlich, dass es sich um eine Turteltaube handelte. Ihr Gurren hat in der Tat etwas sehr Liebliches und Zartes und es verblüffte mich einmal mehr, wie mannigfaltig die Artikulation in der Tierwelt ist. Darin sind gerade die Vögel, die schon in ihren Erscheinungsformen und den Anpassungen an unterschiedlichste Lebensräume ein enormes Spektrum abdecken, ganz erstaunliche Virtuosen. Vom dumpfen Pfeifen der Rohrdommel bis zum feinen Sirren des Wintergoldhähnchens ist wirklich alles dabei.

War deutlich zu hören und doch kaum zu sehen: die Turteltaube (Streptopelia turtur) am Salzigen See. Jetzt darf ich auf eine erneute Begegnung hoffen, mit mehr Sicht auf die gefiederte Schönheit.

Somit habe ich inzwischen 181 Arten auf meiner Life List stehen und immerhin 174 davon auf der Deutschland-Liste. Auf der Heimfahrt vom Kyffhäuser ging mir dann ein Gedanke durch den Kopf, der mir, je länger ich ihm Raum gebe, nur besser und besser gefällt: Wenn ich 250 Arten auf meiner Life List habe, werde ich ein Big Year machen. Bis dahin dürften noch ein paar Jahre vergehen und ich packe es auch erst an, wenn die familiäre Situation ein solches Unterfangen dann zulässt. Doch die Vorstellung an sich gefällt mir schon von daher, dass man bei einem solchen Big Year sicher jede Menge Menschen trifft und an Orte vordringt, die einem während eines Familienurlaubs verwehrt bleiben.

In den nächsten Wochen habe ich einige interessante Pläne. Ich möchte bei einer Wiedehopf-Exkursion in der Lausitz teilnehmen, den Schwarzwald und den Kaiserstuhl besuchen und auf einem Kurztrip in Hamburg das eine oder andere der hiesigen Naturschutzgebiete anschauen.

Auf dem Bücherstapel liegen derweil zwei, drei neue Titel, die aber wohl noch etwas Zeit in Anspruch nehmen dürften. Dennoch ist auch die Mediensparte nicht in Vergessenheit geraten, auch wenn es da in den letzten Monaten ziemlich still war.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.