Waldrapp Waldemar

Eine Vorlesegeschichte von Vögeln, Katzen und Menschen, nach einer wahren Begebenheit.

Für Charlotte
und alle anderen Kinder und alle diejenigen, die sich für Waldrappe interessieren.


Text und Fotos von Johannes Ortner
Titelbild vom Waldrappteam


Habt ihr schon einmal was von Waldrappen gehört? Also ich noch nicht, bis heute.

Hannes fährt von der Schule nach Hause, da macht er eine interessante Beobachtung. Direkt neben der Gemeindestraße sucht ein großer schwarzer Vogel mit seinem langen Schnabel im durchnässten Boden nach Würmern. So einen Vogel hat er noch nie in seinem ganzen Leben gesehen. Schnell holt er den Fotoapparat aus seiner Schultasche und knipst einige Fotos. Sofort weiß er, dass dies ein ganz besonderer Augenblick in seinem Leben sein würde.

Als er daheim ankommt, setzt er sich sofort an seinen Schreibtisch und schaltet den Computer ein. „Großer schwarzer Vogel mit langem roten Schnabel“ gibt er in die Suchmaschine ein und schon erkennt er den Vogel, welchen er kurz zuvor im Feld neben der Straße gesehen hatte, als Waldrapp wieder. Interessiert liest er weiter.

„Der Waldrapp war einst in Europa ein häufiger Vogel der allerdings bereits vor vielen Jahren ausstarb. Nun versuchen die Menschen ihn wieder anzusiedeln, auch in Österreich und in Deutschland.“

Weil es in Österreich und in Deutschland im Winter aber zu kalt ist und auch Schnee fällt, fliegen Waldrappe mit ihren Familien über die hohen Berge in den Süden. Dort, in Italien, ist es zu dieser Jahreszeit viel wärmer und außerdem können die Tiere auch genügend Futter finden und aus dem weichen Boden picken.

So macht sich auch unser junger Waldrapp mit seinen Eltern in einem großen Schwarm auf die lange Reise nach Italien in die Toskana. Du kannst dir das etwa so vorstellen, als ob du mit deiner Familie im Sommer ans Meer fahren würdest um Urlaub zu machen.

Auch ein anderer Vogelschwarm fliegt an diesem Tag nach Süden. Über fünfzig Kraniche wählen den Weg durch Osttirol und machen ein Mordsgeschrei.

Das Wetter ist in den Alpen im Herbst manchmal ziemlich launisch. Eben noch schön und Sonnenschein, kann es einen Tag später bereits wieder regnen oder um diese Jahreszeit sogar schon schneien.

Einmal passt unser junger Freund kurz nicht auf und schon hat er den Anschluss an seinen Schwarm verloren. Es beginnt zu regnen und auch der kräftige Wind macht ihm zu schaffen. Die Kräfte verlassen ihn und er kann nicht mehr weiter. Von der Anstrengung der langen Reise hungrig geworden, beschließt er zu landen. Er sucht sich ein großes Feld aus. Dort stochert er sich mit seinem langen gebogenen Schnabel Insekten und ihre Larven, Würmer und Schnecken aus dem Boden.

„Armes, kleines Vögelchen“, denkt sich Hannes und will ihm helfen. So ganz alleine in einem fremden Land, ohne Familie und Freunde. Da muss unbedingt was geschehen und zwar ganz schnell! Der Computer verrät Hannes aber auch noch etwas anderes. Da gibt es Menschen, die den Vögeln mit Leichtflugzeugen vorausfliegen und ihnen so den Weg in den Süden zeigen, weil die Jungtiere diesen noch nicht von alleine finden. Diese Leute arbeiten in einem Team zusammen, im Waldrappteam. Diesem schreibt Hannes sofort von seiner spannenden Beobachtung. Einige Zeit später bekommt er auch schon Antwort von Daniela:

„Sehr geehrter Herr Ortner! Das ist unser Waldrapp Waldemar 207. Er hat den Anschluss zur Gruppe verloren und wir versuchen ihn daher einzufangen, damit er den Weg in die Toskana lernen kann. Ich konnte ihn heute in Dölsach nicht finden. Leider überträgt der Sender aufgrund des Wetters nicht regelmäßig. Falls Sie ihn nochmals sehen, sagen Sie mir bitte Bescheid.
Viele liebe Grüße, Daniela vom Waldrappteam.“

Ja, tatsächlich hat der kleine Vogel an beiden Füßen ein blaues Bändchen worauf gut sichtbar die Nummer 207 geschrieben steht. Am Rücken ist er mit einem kleinen Sender ausgestattet, aber wie geschrieben, funktioniert dieser bei schlechtem Wetter leider nicht so gut.

„Nun beginnt die Sache noch interessanter zu werden, als sie eh schon ist!“, denkt sich Hannes und mailt an Daniela zurück:

„Hallo Daniela! Ich werde morgen in der Früh ganz aufmerksam sein und schauen, ob ich ihn noch einmal sehe, den Waldemar. Wenn ja, melde ich mich auf alle Fälle bei Ihnen! Jetzt kann ich wahrscheinlich vor Sorge um den Bengel nicht einschlafen. Liebe Grüße!“

Wieder antwortet Daniela rasch:

„Vielen Dank! Ja, wir machen uns auch große Sorgen, besonders weil unsere Vögel nur begrenzt mit Nässe und Kälte zurechtkommen und bei so einem Wetter eigentlich nicht mehr in Österreich sein sollten. Ich bin zumindest froh, dass Waldemar doch seit gestern dieselbe Wiese verwendet hat und hoffe, dass er morgen auch wieder dorthin kommt.“

Für alle Fälle schickt sie auch noch ihre Handynummer mit. In der Zwischenzeit hat es sehr stark zu regnen begonnen. Als dem Hannes seine Frau Andrea am Abend von ihrer Arbeit nach Hause kommt, erzählt er ihr ganz aufgeregt, was er an diesem Nachmittag gesehen und erlebt hat. Nach dem Abendessen gehen die beiden und ihre zwei Kater, Odin und Phoenix, zu Bett.

Odin ist ein Findelkater, den sie vor einigen Jahren aus dem Tierheim geholt haben und Phoenix, ja der ist ihnen einst zugelaufen, bei einem ähnlichen Wetter, wie es heute hat.

Der Lauser hat sich damals einfach in das Blumenkistchen vor dem Küchenfenster gelegt und zum Fenster hereingeschaut als wollte er sagen: „Bei so einem Wetter jagt man ja keinen Hund vor die Türe! Könntet ihr mich wohl bitte bei euch hinein und wohnen lassen!?“

Aber zurück zu Waldemar. Der Regen trommelt auf das Dach, der Wind fegt übers Land und die Dunkelheit ist hereingebrochen. Andrea und ihr Mann können an diesem Abend lange nicht einschlafen. Immer wieder fragen sie sich, wie es dem kleinen Waldemar wohl gehen würde. So alleine in einem fremden Land, ohne Eltern und Freunde bei stockfinsterer Nacht und noch dazu bei diesem Wetter?

In der Nacht wacht Hannes auf. Der Regen trommelt nicht mehr auf das Dach. „Wenigstens hat es aufgehört zu regnen“, denkt er sich und will weiterschlafen. Da fällt ihm jedoch auf, dass es draußen ungewöhnlich hell für diese Uhrzeit ist. Er geht zum Fenster und sieht die Bescherung. Es hat nicht aufgehört zu regnen, sondern begonnen zu schneien.
„Das macht ja alles noch schlimmer!“, denkt er sich entsetzt und legt sich zurück ins warme Bett.

Am nächsten Morgen macht sich Hannes früher auf den Weg zur Schule als gewöhnlich. Über Nacht hat es nur wenig geschneit, aber selbst diese geringe Menge an Schnee könnte für Waldemar schon zu viel gewesen sein? Besorgt sucht er das Feld nach seinem liebgewonnenen, kleinen gefiederten Freund ab. Aber leider kann er ihn nirgendwo erblicken.

„Vielleicht schläft er ja noch. Hoffentlich hat er irgendwo im Wald ein feines, geschütztes und halbwegs trockenes Plätzchen gefunden? Hat ihn womöglich ein anderes Tier erwischt, ein Fuchs oder gar ein Uhu?“

Diese Gedanken gehen ihm durch den Kopf.

In der kleinen Dorfschule, an welcher Hannes unterrichtet, lernen die dreizehn Mädchen und Buben an diesem Tag von verschiedenen Tieren und wie diese den Winter verbringen. Auch über Vögel hören sie viel, bereits Bekanntes und auch einiges Neues. So auch, dass gewisse Vogelarten über den Winter nach Süden in wärmere Länder ziehen, genau so wie Waldrappe. Und so erzählt Hannes seinen Kindern, was er am Vortag gesehen und erlebt hatte. Gemeinsam schauen sie sich die Fotos an und zum Schluss zeigt er ihnen auch noch einen kurzen Film darüber, wie die Waldrappe von Menschen mit Leichtflugzeugen von Deutschland nach Italien geführt werden. Das war sicherlich einer der interessantesten Schultage an der kleinen Dorfschule und die Kinder werden sich gewiss ein Leben lang an die etwas lustig aussehenden Vögel erinnern.

Am Nachhauseweg kommt der Lehrer wieder an dem Feld vorbei, wo er tags zuvor den kleinen Waldrapp Waldemar gesehen hat. Es hat wieder begonnen zu schneien und wieder hält er Ausschau, nach dem vermissten Tierchen.

„Waldemar, Waldemar!“, ruft er immer wieder leise. Erst als seine Schuhe und Socken ganz nass sind und er seine Zehen vor Kälte kaum noch bewegen kann, geht er betrübt nach Hause.

Augenblicklich setzt sich Hannes an seinen Schreibtisch zum Computer und hofft, dass ihm Daniela gute Neuigkeiten über Waldemar berichtet hat. Groß ist die Enttäuschung als er sieht, dass keine neue Nachricht in seinem Postfach ist.

Heute kommt Andrea schon etwas früher von der Arbeit heim, weil weniger zu tun ist. Das Ehepaar unterhält sich wieder über die Geschehnisse und Gedanken der letzten Stunden. Auch Andrea ging an diesem Tag an diesem Feld vorbei und hielt Ausschau nach Waldemar. Leider konnte auch sie ihn nicht sehen. Der Schneefall wird immer stärker und so beschließen Andrea und Hannes doch noch einmal mit dem Auto dorthin zu fahren und nach dem kleinen Waldrapp zu suchen. Verzweifelt irren sie im dichten Schneefall durch die Landschaft über das weite Feld hin und her. Nach über einer Stunde kehren sie traurig nach Hause zurück.

Fast geben sie schon die Hoffnung für Waldemar auf. Da erreicht die beiden die erlösende Nachricht von Daniela:

„Sehr geehrter Herr Ortner!
Ich habe Waldemar heute Mittag fangen können. Er war beim Heizwerk Lienz auf der Wiese und wurde dort gesichtet. Er ließ sich leicht fangen. Der Kleine hatte großen Hunger. Waldemar wird in einigen Tagen mit einer Gruppe in Italien wieder freigelassen. So kann er hoffentlich das letzte Stück bis in die Toskana lernen.
Viele Grüße, Daniela!“

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie groß die Freude bei Hannes und Andrea ist. Noch eine Nacht bei dieser Eiseskälte hätte der kleine Vogel mit großer Sicherheit nicht mehr überstanden. Waldemar ist in Sicherheit und wird bald wieder bei seinen Eltern und den anderen Vögeln sein! Gemeinsam werden sie Weihnachten und den Winter in Italien verbringen und dann im Frühjahr wieder über Österreich bzw. Osttirol nach Deutschland bzw. nach Burghausen reisen. Hoffentlich geht dann keiner der jungen Waldrappe „verloren“!

So, liebe Kinder, liebe Charlotte, das ist das vorläufige Ende der Geschichte vom Waldrapp Waldemar mit der Nummer 207 und weil Hannes Lehrer ist und kleine Waldrappe und Kinder gerne hat, hat er sie für euch aufgeschrieben.

November 2017 © Johannes Ortner

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