Chiemsee

Meinen ersten Blick auf den Chiemsee werfe ich in 1350 Metern Höhe vom Laubenstein hinunter ins Alpenvorland. Es ist Ende November. Hier oben und auf den Gipfeln ringsum sind bereits ausgedehnte Schneefelder, während unten in den recht milden Spätherbsttagen zähe Nebelbänke die Berglandschaft bis weit in den Tag hinein verhüllen.

Doch an diesem Tag haben wir Glück. Mit verdientem Stolz tragen wir uns ins Gipfelbuch ein. Ein dreistündiger Aufstieg und 700 Höhenmeter liegen hinter uns. Ich staune über die Kinder, die das einfach so erledigt haben, als wäre es die normalste Sache der Welt, auf einen Berg zu steigen. Während ich mir an der Küste wie ein gestandener Mittelgebirgler vorkomme, fühle ich mich hier oben so, als hätte ich nie zuvor einen Berg erklommen.

Blick vom Laubenstein ins Alpenvorland

Am Sonntagmorgen, zwei Tage später, stehe ich dann am Hafen in Gstadt am Nordufer des Chiemsees, wo Stockenten sich bereitwillig von den Kindern mit Grashalmen füttern lassen und doch irgendwie konsterniert vor sich hin schnattern, als hätten sie schon etwas anderes von unserer Spezies erwartet. Überall hocken Blässhühner und, das fällt schon auf, sie scheinen die dominante Art am See zu sein. Zwischen den Stegen drehen Gänsesäger ihre Runden. Sie tauchen die Köpfe halb unter und schwimmen so, eine kleine Bugwelle vor sich herschiebend, im Flachwasser nach Nahrung suchend umher. Selten habe ich Gänsesäger so wenig scheu erlebt wie hier.

Es ist sehr still an diesem Morgen und nur eine Handvoll Menschen spaziert am Hafen vorbei. Die Stimmung ist irgendwie bezaubernd, aber noch kann ich nicht sagen, warum ich das so empfinde. Wir wandern ein Stück Richtung Westen am Seeufer entlang zum Beobachtungsturm am Ganszipfel. Die Strecke dauert zu Fuß nur wenige Minuten und führt vorbei an Gärten und Hecken, Schilf und alten, hohen Bäumen. Vom Turm aus bietet sich ein schöner Panoramablick zu den drei Inseln und den Alpen im Hintergrund. Der Himmel ist wolkenverhangen und bleigrau, das Wasser im See ebenfalls, und doch mischen sich zart einige Farben darunter. Ich schaue zu den blauen Bergen, hinter denen sich irgendwo die Sonne ihren Platz am Himmel erkämpft und dabei zarte rosafarbene Schleier hinterlässt. Der sachte Wind riffelt die Wasseroberfläche und raschelt leise durchs Schilf. Von Touristen ist an diesem Morgen nichts zu sehen. Etwas später kommt ein älterer Herr auf den Turm, baut ein Stativ auf und klemmt seine Kamera darauf. Es wirkt wie sein Sonntagsritual, schweigend und mit wenigen, geübten Handgriffen ausgeführt. Später wird es doch etwas unruhig, als Spaziergänger ihren kleinen, nervösen Hund nötigen, auf den Turm zu klettern. Das Tier kläfft, Frauchen versucht es mit Konversation, der ältere Herr mit seiner Kamera zieht sich mit zusammengekniffener Miene in einen Winkel des Turms zurück und ich sehe ihm an, dass er so etwas wie ein Standby aktiviert. Augen zu und durch. Ich kann ihn ja verstehen…

Vom Beobachtungturm Ganszipfel bei Gstadt bietet sich eines der schönsten Panoramas am Chiemsee, mit den drei Inseln (hier die Fraueninsel) und den Alpen im Hintergrund.

Es ist jener Vormittag am Chiemsee, der in mir den Entschluss reifen lässt, den See einmal für eine Vogelbeobachtungsreise zu besuchen. Ich nehme mir dies für das späte Frühjahr vor und buche bereits im Januar eine kleine Wohnung in Chieming. Es wird mein Pfingsttrip, traditionell mit einem meiner Kinder an meiner Seite.

Der 80 Quadratkilometer große Chiemsee ist eines der wichtigsten Drehkreuze im Jahreslauf der Vogelwelt. Er ist Rastgebiet während der Zugzeiten, Brutgebiet für viele Sommergäste und Überwinterungsgebiet für nordische Arten. Laut offiziellen Angaben sollen bis zu 30.000 Individuen während der Winterwochen auf dem See anzutreffen sein. Im Sommer ist es dagegen fast schon leer, wenn die Individuenzahl der Wasservögel um bis zu 90 Prozent zurückgeht. (1)

Der Abend in Chieming ist ruhig, die Straßen menschenleer. In der Luft flirren Myriaden von Mücken, je näher man dem See kommt. Besonders über den Wiesen in Ufernähe tanzen sie in Massen. Über die kurzgemähten Rasen in den Gärten huschen Dutzende Amseln und Buchfinken singen aus den Bäumen. Der See liegt spiegelblank da. Die Haubentaucher und Blässhühner ziehen lange, dünne Kielwellen hinter sich her.

Abendstimmung an der Seepromenade in Chieming

Mein Blick schweift nach Süden, wo sich dunkelblau die Alpen auftürmen. Zwischen den nahen Gipfeln ist eine Sichtachse, an deren Ende die noch immer schneebedeckten Flanken des Kaisergebirges leuchten, bevor sich die Horizontlinie im Dunst auflöst. Das südliche Seeufer wird im Osten dominiert von dem weitläufigen Mündungsdelta der Tiroler Achen. Eine sich stetig wandelnde Welt aus Auwald, Bachläufen, Sandbänken und Schilfgürteln, die sich am Hauptzulauf gegenwärtig rund 25 Meter pro Jahr weiter nordwärts in den See schiebt. (2) Dieses große Naturschutzgebiet soll Ziel unserer Fahrradtour am folgenden Tag werden.

Lage: Südostufer, NSG Achendelta | Anfahrt: über Chieming oder Grabenstätt – Abzweig zwischen Hirschau und Hagenau zur Hirschauer Bucht | Parken: am Abzweig oder am „Wirtshaus zur Hirschauer Bucht“ | Beobachtungsturm: ca. 100 m nördlich vom Wirtshaus am Ende eines Pfades


Die östlich des Mündungsdeltas der Tiroler Achen gelegene Hirschauer Bucht gehört zur Kernzone eines 1250 Hektar großen Naturschutzgebietes, das neben der Verlandungszone auch noch das Grabenstätter Moos und den an das Seeufer grenzenden Auwald umfasst. Um sich den Einfluss der Tiroler Achen einmal verbildlichen zu können, helfen ein paar Zahlenspielereien.

Die Tiroler Ache ist ein gut 80 km langer Fluss, dessen letzte 24 km auf deutschem Staatsgebiet fließen. In der Region um Kitzbühel, wo einige sedimentreiche Zuflüsse in die Ache münden, transportiert der Fluss täglich (!) eine Menge an Geröll und Sediment Richtung Chiemsee, die 100 LKW füllen könnte (3). Der Zuwachs für das Achendelta entspricht einer Fläche von 1,2 Hektar im Jahr (4). Der Verlandungsprozess würde deutlich schneller voranschreiten, wenn man nicht gut zwei Drittel des Geschiebes in einer Kiesfalle sammelte. Aber auch mit dieser Verzögerung rechnet man mit einem vollständigen Verschwinden des Chiemsees in 8000 Jahren.

Der Beobachtungsturm an der Hirschauer Bucht befindet sich in der Kernzone des Naturschutzgebietes. Hier gilt ein ganzjähriges Betretungsverbot. Diese „Ruhezonen“ umfassen Ufer, Flachwasserbereiche und Schilfgürtel, sind von den Landratsämtern Rosenheim und Traunstein verordnet und werden wasserschutzpolizeilich überwacht. Die größte ganzjährige Ruhezone befindet sich an der Hirschauer Bucht und spannt sich etwa vom Beobachungsturm Hagenau am Ostufer Richtung Westen bis zur Spitze der Halbinsel am Turm Lachsgang.

Inmitten dieser Ruhe, in die ich mit meiner Tochter am nächsten Morgen radele, um einen Blick auf die Bucht und das Delta zu werfen, pfeift ein Karmingimpel von einer Birke neben dem Turm. Er klingt wie ein kecker Bube, der einem hübschen Mädchen nachpfeift. Kein Mädchen, dafür ein gestandener Mann in dunkelgrüner Camouflage und einem gewaltigen Teleobjektiv, wird vom Karmingimpel angelockt. Gemeinsam starren wir in den Baum hinauf, wo zwischen den Blättern ein beige-brauner Kopf herauslugt; der tyische Gimpelschnabel ist deutlich zu erkennen. Dann fliegt er weg und in den nächsten Tagen bekomme ich leider nicht einmal mehr den Schnabel zu Gesicht. Nur das Pfeifen des Karmingimpels dringt aus dem Auwald, mal nah, mal fern.

Es ist kurz vor neun Uhr. Auf dem Turm herrscht Stille. Vor uns in der Bucht liegt ein Teppich aus Seerosen und darin thronen Haubentaucher und Blässhühner auf ihren Nestburgen. Frösche hüpfen über die Schwimmblätter. Weit draußen auf den Sandbänken der Mündungszone hocken Schwäne, Kolbenenten, Kormorane und Reiher. Trotz Fernglas sind die Sandbänke nur schwer zu erkennen. Aber auch wenn der Ausblick nichts Aufregendes mit sich bringt, ist es wunderbar in der Bucht. Eine beschauliche Trägheit herrscht unter den Vögeln. Die Blässhühner haben schon Küken, die unternehmungslustig hinter den Eltern über die Seerosen herwackeln. Im Morgenlicht steht etwas entfernt ein Silberreiher im Wasser, von seinem weißen Gefieder umflirrt wie von einem Schleier. Während ich noch dem Reiher nachsehe, wie er mit trägen Flügelschlägen über die Bucht davonzieht, betreten einige Leute den Turm.

Silberreiher (Casmerodius albus)

Pünktlich um neun Uhr schickt sich ein Chiemsee-Vogelführer an, Interessenten den Ausblick zu erklären. Interessiert ist an diesem Morgen eine elegante Dame in Begleitung ihres Mannes, Mitte oder Ende fünfzig und ihrem Dialekt nach Österreicherin. Sie schaut einige Augenblicke auf den Seerosenteppich und entdeckt dann dank der fachkundigen Vermittlung des Vogelführers die Blässhuhnküken. (Ich entdecke dank seines Hinweises übrigens eine Sumpfschildkröte).

Was nun geschieht, erwähne ich hier nur deswegen, weil es leider zur Realität in deutschen Naturschutzgebieten gehört, dass Menschen sich offenbar nur wenig bewusst sind, wie sie sich in einem Naturschutzgebiet verhalten sollten, und es schon alleine darum nicht oft genug erwähnt werden kann. Die Dame ist völlig außer sich ob des Blässhuhnnachwuchses. Sie findet kaum die nötigen Worte, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen und für die nächsten zwanzig Minuten ruft sie lautstark ein Worttriangulum aus „Guck doch mal!“, „süße Mini-Blässhühner“ und „noch nie gesehen“ in die Bucht hinaus.

Ich verstehe, dass man sich bei einer Erstsichtung immer freut wie Bolle. Aber was ich nicht verstehe, ist die Reaktion des Vogelführers. Er hat mit keiner Silbe darauf aufmerksam gemacht, dass der Turm in der Ruhezone steht und dass Ruhe eben Ruhe heißt, auch (oder gerade) bei allerliebsten Mini-Blässhühnern. Mir ist klar, dass Beobachtungstürme jedem offenstehen und auch offenstehen sollen, denn eine interessante Naturbeobachtung ist immer eine bereichernde und auch beglückende Erfahrung und nicht selten löst sie in uns Gedanken und Gefühle aus, die ein Umdenken zugunsten der Natur nach sich ziehen. Aber besonders bei solchen Beobachtungspunkten ist auch das persönliche Verhalten entscheidend und dieses Verhalten bedeutet für mich (und für viele andere, die diese Orte für Naturstudien und Erholung nutzen), dass wir uns als Menschen zurücknehmen, dass wir eben zu Beobachtern werden und zurücktreten vor den eigentlichen Akteuren. Angemessenes Verhalten in Naturschutzgebieten gehört leider nicht bei allen Besuchern zur Etikette. Hier am Chiemsee kam ich mehr als einmal zu der Erkenntnis, dass ausgewiesene Schutzzonen erstaunlich viele Menschen zugunsten ihrer eigenen Bedürfnisse und Interessen überhaupt nicht zu interessieren scheinen.

Eine botanische Besonderheit der Streuwiesen des Grabenstätter Moos ist die Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica), die von Mai bis Juni in kräftigem Lila blüht. Sie ist eine echte Moorpflanze und braucht feuchte, nährstoffreiche Böden.

Wir schwingen uns auf die Räder, vorbei an einem Baum, in dessen hohlem Stamm eine Kohlmeise brütet. Sie ist eine Unerschrockene, vollkommen unbeeindruckt von der menschlichen Gegenwart. Durch den Spalt in Bodennähe kann man die Schnäbel der Küken erkennen. Ihre Rufe sind nicht zu überhören und doch gehen viele daran vorbei. Glück für die Meise.

Lage: Südostufer, NSG Achendelta | Anfahrt: über Übersee/Feldwies | Parken: am Hafen oder am Strandbad in Feldwies | Beobachtungsturm: zu Fuß über die Promenade am Seeufer oder per Rad (empfehlenswert) über Seethal zu erreichen


Wir radeln Richtung Süden, vorbei an blühenden Streuwiesen und Auwald, bis zur Autobahn, wo der Radweg gut einen Kilometer nebenher in Westrichtung führt, dabei die Tiroler Ache quert und sich schließlich bei Seethal wieder nach Norden wendet. Dort, am Ende einer Halbinsel, befindet sich ein zweiter Turm, von dem aus das Mündungsgebiet zu beobachten ist. Auch hier erstrecken sich lange Sandbänke in eine Flachwasserbucht. Schwemmholz ragt aus dem Schlick. In der Bucht ist eine künstliche Brutinsel, auf der sich Mittelmeermöwen anschicken, Nachwuchs groß zu ziehen. Die Küken hocken auf der durch Karnickeldraht geschützten Plattform, die an der einen Seite abgesackt ist und nun schief im Wasser hängt. Sie wirken wie alle Teenager-Möwen, super gelangweilt, mit eingezogenem Kopf und buckeligem Rücken. Aber eine von ihnen ist ins Wasser gefallen und kommt nun, wegen des Drahtes, nicht mehr auf die Insel zurück. Die übrigen stehen reglos daneben und beobachten aus den Augenwinkeln, wie die kleine Möwe sich erfolglos bemüht. Von einer hilfsbereiten Möwe hätte ich auch noch nie gehört…

Wie auf der anderen Seite des Deltas sind die Sandbänke auch hier weit weg und mit dem Fernglas nur eben so zu beobachten. Kormorane, eine Rostgans, Graugänse, Lachmöwen und jede Menge Kolbenenten hocken da. Weiter südlich auf einer Sandbank sind Krickenten zu erkennen, Blässhühner und Haubentaucher. So allmählich scheint das Sommerensemble der Wasservögel komplett.
Auch hier entert ein Trüppchen Vorbeiradelnder den Turm, bekommt den Info-Flyer zu den Ruhezonen in die Hände und stellt rhetorische Fragen, was sie mit dem Ruhebdürfnis des Schilfs zu tun hätten. Das Intermezzo dauert nur zwei Minuten, dann haben sie sich schon sattgesehen und radeln weiter.

Wir beobachten noch eine zeitlang Kolbenenten, die auf den Turm zu geschwommen kommen. Die Männchen tragen ein beeidruckendes Prachtkleid: schwarz-braun-weiße Flügel, goldgelber Schopf und ein leuchtend roter Schnabel. Sie sind ziemlich groß, größer als Stockenten, und gehören am Chiemsee zu den häufigsten Brutvögeln.

Seethal ist übrigens ein sehr beschauliches Dorf, das einen herrlichen urbayrischen Charme ausstrahlt. Kleine Gehöfte mit Hühnern, Ziegen und Schafen, Scheunen mit Schwalben und Sperlingen, einer Brennerei mit Hofladen, umgeben von ausgedehnten Wiesen und kleinen Weiden. Gleich nebenan ist es vorbei mit der Ruhe. In Feldwies befindet sich ein Hafen, von dem im Sommer Schiffe zu den Inseln fahren, ein großes Strandbad, ein Campingplatz, ein Kletterpark und ein Segelhafen. Vom Dampfersteg in Feldwies aus kann man von Mai bis Oktober immer freitags und samstags Erlebnisfahrten zum Achendelta machen.

Die Uferlinie des Chiemsees ist 64 Kilometer lang, mit den Inselufern zusammen sogar 83 Kilometer. Ein gutes Drittel davon wird für Freizeitaktivitäten genutzt, der Rest ist in einem naturnahen Zustand beziehungsweise unterliegt dem Schutz als Ruhezone (5). Die Unterschutzstellung ist dringend nötig, denn es geht nicht nur um brütende Vögel, sondern auch um laichende Fische und Lurche, deren Kinderstuben im Schilf und den Flachwasserzonen in Ufernähe liegen (1), und damit letztendlich auch um die Arbeitsplätze der 16 Chiemseefischer. Die Vegetation in Ufernähe, in deren Schutz auch Muscheln und Schnecken leben, hat zudem eine wichtige Filterfunktion für die Wasserqualität.

Chiemseefischer am Irschener Winkel

Wir verlassen den Trubel, durchqueren das beschauliche Seethal und radeln zurück Richtung Hirschauer Bucht, wo wir auf den Nachmittag noch einen Abstecher Richtung Grabenstätter Moos machen wollen. Über einen holprigen Feldweg geht es an einem Kanal entlang zunächst durch Auwald, der nach wenigen hundert Metern in Schilf- und Wiesenland übergeht. Hier lärmen Gelbspötter aus lichten Büschen. Ein Braunkehlchenpaar jagt zwischen den hohen Grashalmen und vereinzelten Sträuchern nach Insekten. Auf den toten Bäumen sitzen Kuckucke und wie es scheint, werden sie von den potentiellen Adoptiveltern ihrer Kinder lückenlos überwacht.

Dieser kleine Feldweg ist vor dem großen Besucherstrom relativ sicher. Er zweigt noch vor dem „Wirtshaus an der Hirschauer Bucht“ nach Süden vom Chiemseeradweg ab und führt im Prinzip nirgendwohin – Grund genug also, diesem Ort einen Besuch abzustatten.
Die Braunkehlchen und Gelbspötter ziehen mich in ihren Bann. Gedankenverloren schaue ich durch das Fernglas auf die andere Seite des Kanals und nehme nur am Rande war, dass sich Schritte nähern. In der Annahme, dass meine Tochter angeschlurft käme, nach unserer Radtour wohl schon etwas erschöpft, schrecke ich dann doch auf, als ich plötzlich eine fremde Stimme höre. Ich blicke in die verdutzten Gesichter eines etwa zehnjährigen Jungen, dem ein Fernglas um den Hals baumelt, und seines Vaters.
Der Kleine sagt eben: „Ah, da sind Gelbspötter!“
Sein Vater fragt: „Hast du sie gesehen oder gehört?“
„Gehört“, antwortet der Junge und hat schlagartig meine allerhöchste Bewunderung.

Gelbspötter (Hippolais icterina)

Diese Momente machen mir Hoffnung, dass mehr Menschen etwas von dem Leben und der Natur wahrnehmen, die sich um uns herum abspielen. Dass auch mehr dieses Schauspiel nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen, sondern als etwas Wundervolles sehen, das es bewusst zu suchen und finden lohnt. Ganz besonders, wenn es sich dabei um zehnjährige Kinder handelt!

Lage: Westufer, Schafwaschener Bucht | Anfahrt: über Breitbrunn oder Rimsting | Parken: am Strandbad Rimsting oder am Seglerparkplatz an der Marina Schafwaschen | Beobachtungshütte: am äußersten Ende des Strandbades direkt an der Prienmündung


Vom Parkplatz an der Marina Schafwaschen aus folgen wir zunächst dem Radweg nach Süden Richtung Strandbad Rimsting, vorbei am Yachthafen, dem verlassenen „Seehotel“ und dicht bewachsenem Ufer. Schließlich zweigt nach wenigen Minuten ein Weg am Seeufer entlang ab, dem wir für einen guten Kilometer bis zum Strandbad an der Prienmündung folgen wollen.

Am Segelhafen in der nördlichen Schafwaschener Bucht

Der Weg führt durch Naturschutzgebiet und seine Zugänge sind sowohl hier als auch am Strandbad durch Metallsperren markiert, die insbesondere Fahrradfahrern signalisieren, dass es hier für sie nicht weiter geht. Auch ein Schild (ein offizielles Verkehrszeichen übrigens) verdeutlicht dieses Anliegen. Ebenso wie die beiden Hinweisschilder, dass Hunde nur angeleint auf dem Weg geführt werden dürfen. Eigentlich, meint man, sollte damit alles unmissverständlich klar sein.

Wir sind kaum um die erste Wegbiegung gekommen, als hinter uns vier Radfahrer auftauchen. Sie fahren sehr langsam, vermutlich ihrer Schuld bewusst, an uns vorbei, lächeln scheu. Großeltern mit ihren beiden Enkelkindern. Was ist da schief gelaufen?

Der Weg führt vorbei an Schilfgürteln auf der Seeseite und Streuwiesen auf der anderen. Im Gebüsch und Schilf Rohrammern, Teichrohrsänger, ein Rohrschwirl, Elstern. Auf dem Wasser Höckerschwäne, Haubentaucher, Blässhühner. An einer kleinen Bucht holen wir die Radfahrer wieder ein. Sie sind inzwischen abgestiegen und schauen verstohlen auf das Wasser hinaus. Vorne an der Wegbiegung ist Hundegebell zu hören. Ich seufze und bin gespannt. Leider: der Hund ist nicht angeleint, ebenso wenig wie die vier weiteren, denen wir auf dem kurzen Weg bis zum Strandbad noch begegnen. Ein Rest Einsicht beim Anblick meiner Tochter. Für das Kind wir der Hund an die Langleine genommen. Ich bin beeindruckt… Auf dem Rückweg werden wir an jener kleinen Bucht den unverwechselbaren Geruch menschlicher Exkremente wahrnehmen. Ob es die Hinterlassenschaften des Großeltern-Enkel-Gespanns waren, weiß ich natürlich nicht. Warum Menschen allerdings lieber ans Seeufer machen, anstatt den halben Kilometer zur Toilette am Strandbad zu nehmen, bleibt ihr ewiges Geheimnis.
Ehrlich, ich finde das alles wirklich Riesenmist. Mich widert dieser Egoismus an, und diese gleichgültige, arrogante Ignoranz, mit der viele meinen, eine Ausnahme für sich geltend machen zu können.

Von der Landesfläche Deutschlands stehen gerade einmal etwas mehr als sechs Prozent unter Naturschutz. (6) Zu diesen sechs Prozent zählen große Flächen mariner Biotope in Nord- und Ostsee, die ohnehin die allermeisten nicht betreten.
Der kleine Rest, für den bei Betreten gewisse Regeln gelten, welche normalerweise an den Zugängen zu diesen Schutzgebieten dargestellt und erläutert werden, entspricht etwa vier Prozent der Gesamtfläche Deutschlands. Niemand kann so tun, als wüsste er nichts von diesen Verhaltensregeln. Warum ist es so schwer, die eigenen Interessen in dieser verschwindend kleinen Summe an Landschaften zurückzustellen und sich einfach zu benehmen?

Kürzlich habe ich eher zufällig einen Blogbeitrag auf ausreisserin.de gelesen, in dem es um das menschliche Verhalten in der Natur und speziell auch in Schutzgebieten geht. Die Autorin bringt darin ebenfalls ihren Unmut zum Ausdruck, wie sie auch Tipps gibt, sowohl im Umgang mit solchen Freveln, als auch im ganz persönlichen Verhalten. Ich möchte das an dieser Stelle gerne verlinken. Den Beitrag findet ihr hier: Richtiges Verhalten in der Natur: Benehmt euch gefälligst!

An der Prienmündung

Obwohl mir nach diesen Erlebnissen bereits ziemlich die Laune im Keller war, schlenderten wir weiter am Strandbad entlang zur Prienmündung, wo eine Beobachtungshütte steht.

Der Weg wird gesäumt von Findlingen und Schaukästen mit Gestein. Das Thema an dieser Beobachtungsstation ist der eiszeitliche Ursprung des Chiemsees, welcher durch das Vordringen der Gletscher aus den Alpen entstand. Der Gletscher schürfte ein tiefes Becken aus, welches sich mit dem Abschmelzen füllte, ursprünglich auf einer Fläche, die etwa dreimal so groß war wie der heutige Chiemsee. Mit dem Rückzug des Gletschers setzte auch der Verlandungsprozess ein, der bis heute andauert, und die großen Moorflächen des Grabenstätter Moss oder des Kendlmühlfilz bei Grassau hinterlassen hat. Durch die Flüsse Prien und Tiroler Ache wird Geschiebe in Form von Sand, Kies, Schwemmholz und Sediment zum Chiemsee transportiert, welche ihn jährlich über einen Hektar Fläche kosten.

Bootshaus in Schafwaschen

Auf einer Kiesbank an der Prienmündung, die während eines Hochwassers entstand, plirren Flussregenpfeifer. Von einer Bank aus, die neben der Beobachtungshütte unter zwei großen, alten Bäumen unmittelbar an der Mündung steht, beobachten wir das Treiben in der kleinen Bucht. Alte Wurzelstöcke ragen aus dem flachen Wasser. Blässhühner und Lachmöwen haben ihre Nester darauf eingerichtet. Unaufhörlich werkeln die Blässhühner daran herum. Wir beobachten eines, das sich uns bis auf einen Meter nähert, wie es im glasklaren Wasser hinunter zum Boden taucht und kleine, weiche Holzstöckchen heraufholt. Beseelt schwirrt es damit Richtung Nest davon, um einige Momente später wieder zurückzukehren und nach mehr Einrichtungsmaterial zu suchen. Es ist ein ungewohnter Anblick, irgendwie verzaubernd, dem kleinen, schwarzen Vogel bis zum Seegrund hinunter folgen zu können, ihn zu beobachten, wie er hinabschwimmt, sich dreht und suchend umschaut, ein paar Luftblasen hinaufblubbern lässt, endlich findet, wonach er sucht und wie ein Korken wieder auftaucht. Flupp!

Die Flussregenpfeifer jagen rastlos über die Sandbank. Wir können sie bei ihrem Schauspiel beobachten, wie sie mit hängenden Flügeln über das Geröll flitzen und eine Verletzung simulieren, um potentielle Fressfeinde von den Gelegen wegzulocken. Ein paar Stockenten hocken wie versteinert daneben. Doch die ganze Show gilt wohl eher einem prächtigen Kolkraben, der auf der Sandbank erscheint und sein silbrig-schwarzes Gefieder schüttelt, knorrig krächzt und dann in Krähenmanier über die Steine stakst. Zwei Stunden sitzen wir auf der Bank, ohne zu merken wie die Zeit vergeht. Kein Mensch stört uns hier, am hintersten Ende des Strandbades, wo der Boden übersät ist mit den Hinterlassenschaften von Schwänen, Gänsen und Enten. Nur zwei Kanus kommen die Prien herunter in die Schafwaschener Bucht gepaddelt, mitten durch das Brutgebiet. Die Mündung selbst steht nicht unter Schutz, was ich nicht ganz verstehe bei dem ganzen Treiben auf der Kiesbank. Doch man bemüht sich am Chiemsee, die sehr unterschiedlichen Interessen von Tourismus und Naherholung auf der einen, und dem Naturschutz auf der anderen Seite aufeinander abzustimmen. (1) Ein schwieriges Unterfangen, welches nicht alleine durch die Ausweisung von Ruhezonen getan ist. Vielmehr braucht es die Akzeptanz und einsichtiges, zurücknehmendes Verhalten des Menschen gegenüber den Bedürfnissen der Natur. Das Informationskonzept am Chiemsee, mit den Beobachtungsstationen, den Vogelführungen, den Angeboten der Naturführer und dem gut ausgebauten Rad- und Wanderwegenetz ist ein guter Ansatz. Aber auch der funktioniert nur, wenn sich alle entsprechend verhalten. Ein Problem, das es nicht nur am Chiemsee zu lösen gilt.

Lage: Südwestufer, Felden| Anfahrt: über Bernau bzw. A8 Ausfahrt 107 „Felden“ | Parken: am Chiemseepark Bernau-Felden, großer Besucherparkplatz | Beobachtungsturm: am Segelhafen


In den frühen Morgenstunden ist es am Beobachtungsturm am Irschener Winkel nahezu menschenleer. Die kleine, flache Bucht im äußersten Südwestzipfel des Chiemsees, ist während der ersten Tageshälfte am besten zu beobachten. Von der Autobahn sind es nur ein paar Minuten bis nach Felden zum großen Besucherparkplatz. Von dort folgt man weiter zu Fuß der kleinen Straße, vorbei an der Kurklinik bis zum Segelhafen.

Bootssteg am Segelhafen im Irschener Winkel

Eigentlich habe ich den Irschener Winkel zum Schluss unserer Reise eingeplant, weil er sich so gut in den weiteren Reiseverlauf einfügte. Doch schnell merke ich auf dem Turm, dass das Beste immer zum Schluss kommt. In der Bucht brüten unzählige Vögel: Haubentaucher, Blässhühner, Lachmöwen, Kolbenenten. Eine Rohrweihe patrouilliert über dem Schilf. Kormorane und Graureiher stehen auf dem Ufersaum, wo ein Kiebitz von Zeit zu Zeit mit seinem typischen Ruf auffliegt und potentielle Nesträuber verjagt. Der eigentliche Feind aber behelligt an diesem Morgen nicht den Kiebitz. Er watet durch das extrem flache Wasser zu den Nestburgen hinüber und bedient sich an den Gelegen: ein Rotfuchs. Was mich am meisten an dieser Beobachtung überrascht, ist die Ruhe, die unter den anwesenden Wasservögeln herrscht. Niemand fliegt auf, wenn man einmal von den ewig rastlosen Lachmöwen absieht, niemand verteidigt sein Gelege, nicht einmal ausweichen will man dem Fuchs.

Auf dem Wasser in einem Ruderboot hantiert ein Fischer. Er kontrolliert Reusen und sammelt den Fang ein. Auf einem Strauch vor dem Turm hockt ein Schilfrohrsänger und schwatzt in den Morgen hinein, während das Weibchen wie ein Schatten im Schilf unter dem Turm herum huscht. Der Lärm der nahen Autobahn rauscht ununterbrochen und ist das einzige, was an diesem Ort wirklich stört. Wir sehen dem Treiben eine gute Stunde lang zu, beobachten den Fuchs, der nach einer Weile wiederkommt und ein weiteres Ei holt.

Selbst auf dem Rückweg zum Parkplatz entdecken wir noch einige neue Arten für die „Chiemsee-Liste“: 52 Namen stehen da nach zwei Tagen Vogelbeobachtung. Eine ganz besondere Beobachtung waren vier Waldrappe auf einer gemähten Wiese südlich von Prien. Leider nur im Vorbeifahren, da eine Parkmöglichkeit auf die Schnelle nicht zu finden war. Da ich das Waldrapp-Projekt in Burghausen mit großem Interesse verfolge, freut es mich umso mehr, dass diese wunderschönen Vögel inzwischen wieder zu einem Bestandteil der heimischen Fauna geworden sind und man sie in der Natur beobachten kann.

Der Chiemsee im ausgehenden Frühling ist ein großartiges Erlebnis für Naturfreunde und Vogelbeobachter. Wer mehr Zeit an den einzelnen Beobachtungsorten verbringen will, muss wohl deutlich mehr Tage einplanen als ein verlängertes Pfingstwochenende. Lohnenswert ist das in jedem Fall, denn der Artenreichtum hier ist beeindruckend. Abgehakt ist der Chiemsee für mich aber noch lange nicht. Ich muss wiederkommen, im Winter dann, und sehen, wer sich einfindet in der Hirschauer Bucht und dem Irschener Winkel und den Hafenbecken in Gstadt, Seebruck und Chieming.

Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus)

Quellen
  1. https://www.chiemseeagenda.de/uploads/infomaterial/download/624/RuZo-Faltblatt-2019-2019_09_30-high_print-mit_Randbeschnitt.pdf
  2. https://traunstein.bund-naturschutz.de/naturschoenheiten-im-landkreis/tiroler-achen.html
  3. https://www.chiemsee-alpenland.de/entdecken/alle-sehenswuerdigkeiten/achendelta-a27516dada
  4. http://www.wasserwacht-bernau.de/geschichtechiemsee.htm
  5. https://www.chiemseeagenda.de/uploads/infomaterial/download/268/CSA-Heft_8-NatErlChs-1z-web-kleinste.pdf, S. 22, 49
  6. https://www.bfn.de/themen/gebietsschutz-grossschutzgebiete/naturschutzgebiete.html
Rohrschwirl (Locustella luscinioides)
Links

Zum GURKENGLAS


Chiemseeagenda
Die offizielle Webseite des Abwasser- und Umweltverband Chiemsee und Träger der Chiemseeagenda hält sehr viele Informationen und Download-Material bereit, unter anderem:
…die Termine der kostenfreien Vogelführungen (PDF) oder
…das Info-Faltblatt zum Ruhezonenkonzept (PDF) oder
…das Angebot der Naturerlebnis-Touren (PDF), wie z.B. die erwähnte Bootstour zum Mündungsgebiet der Tiroler Achen von Feldwies aus

Chiemsee-Alpenland Tourismus
Faltplan Chiemseeringlinie mit einer detaillierten Karte zu Rad- und Wanderwegen, Schutzzonen, Parkmöglichkeiten und der Chiemseeringlinie (Bus), auch als Download

Wanderung auf den Laubenstein
Tourenbeschreibung (outdooractive.com) über die Route Frasdorf/Wanderparkplatz Lederstube – Frasdorfer Hütte – Laubenstein

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