Zwischen Segeln und Basalt – Ein Tag im Nationalpark Balaton-Oberland

Das hellblaue Wasser der Bucht vor Balatonfüred ist mit den weißen Segeln hunderter Boote gesprenkelt. Von Zeit zu Zeit kreist ein Hubschrauber über dem Geschehen, einmal kommt er bis nach Tihany herüber. Nebenan zückt ein älterer Badegast sein Fernglas und beobachtet angestrengt das Treiben auf dem See.

Regattastart_Tihany
Vor Balatonfüred startet alljährlich im Juli Europas größte Binnensee-Regatta. Bis zu 600 Boote nehmen Teil an dem 155 Kilometer langen Wettsegeln quer über den Balaton.

Wir sind am Strand von Somos an der Ostseite der Halbinsel Tihany und stehen im hüfttiefen, klaren Wasser. Flache Ufer sind eigentlich keine Seltenheit am Balaton, doch nur wenige hundert Meter weiter draußen befindet sich hier mit etwas über elf Metern die tiefste Stelle des Sees.

Strand_Somos_Tihany
Strandpromenade Somos
Schaufelraddampfer_Tihany
In der Bucht vor Tihany

Es Strand zu nennen, ist schon fast eine Übertreibung, denn es handelt sich nur um einen schmalen, betonierten Uferstreifen entlang der Straße. Aber der Blick über die weite Bucht ist sensationell und einen Sandstrand sucht man am Balaton ohnehin vergebens. Außerdem könnte man Somos schon fast als Geheimtipp bezeichnen, denn der Parkplatz gleich auf der anderen Straßenseite ist mit 150 Forint die Stunde spottbillig. Außerdem gibt es einen Imbissstand und vor allem eine überschaubare Anzahl Badegäste. Zu denen zählt an diesem Vormittag auch besagter älterer Herr nebst Gattin. Sie sind Ungarn und worüber sie sich unterhalten, verstehe ich nicht. Doch ihr Interesse an der Armada weißer Segel kommt nicht von ungefähr.

Auf dem See findet zum 50. Mal die älteste und längste Segelregatta Europas auf einem Binnengewässer statt. Kékszalag heißt sie – Blaues Band – und sie wird über 155 Kilometer von Balatonfüred einmal um die Ostbucht nach Siófok, von dort bis ans westliche Ufer nach Keszthely und dann am Nordufer entlang zurück nach Balatonfüred gehen. Im Jahr 2014 wurde der Rekord für diese Distanz von sieben Stunden und dreizehn Minuten aufgestellt. Seit 1932 findet das Segelwettrennen – mit Ausnahme einer Unterbrechung während der Kriegsjahre – regelmäßig im Juli statt und inzwischen sind es bis zu sechshundert Boote, die an der Regatta teilnehmen.

Von all der Aufregung spürt man in Tihany freilich nichts, weder hier unten am Strand, noch oben im Dorf.
Tihany wirkt unscheinbar. Während unseres ersten Besuchs auf der Halbinsel präsentierte es sich uns als von Touristen überranntes und hoffnungslos zugeparktes Souvenirdorf. Wie in einem Strom zog uns der Durchgangsverkehr direkt bis hinunter ans Seeufer, wo die Autofähre zur südlichen Seeseite übersetzt und von dort her ständig neue Besucher anspült. Immerhin entdeckten wir während dieser Irrfahrt über die Halbinsel auch die Strandpromenade von Somos.

Etwas früher am Tage und mit einer gewissen Vorstellung davon, was uns hier erwartet, starten wir tags darauf einen neuerlichen Anlauf. Wenn man wie ich so gar nichts über Tihany weiß, dann fragt man sich unweigerlich, weshalb es diesen Ort überhaupt gibt. Abgesehen von dem Benediktinerkloster hoch oben im Ort, dessen Doppeltürme schon von weitem aus jeder Himmelsrichtung zu erkennen sind und dessen Gründung im Jahre 1055 auch die Geburtsstunde der Ortschaft darstellte, hat Tihany scheinbar nichts, was es nicht auch anderswo geben könnte: Csárdas, Souvenirs und eine Autofähre. Scheinbar…

Tatsächlich ist Tihany für die Ungarn beinahe heiliger Boden. Da ist zum einen dieses fast tausend Jahre alte Schriftstück, in Latein verfasst, welches die Gründung der Abtei auf dem Berg dokumentiert und nebenbei noch eine Reihe anderer Ortschaften erwähnt. Quasi ein tausend Jahre alter Beweis für die frühe Präsenz der Magyarenstämme in der pannonischen Tiefebene.

Mediterranes_Flair_Tihany2
Mediterran mutet die Halbinsel Tihany zuweilen an

Mediterranes_Flair_Tihany

Tihany-Blick nach Baacsony
Vom Ort Tihany geht der Blick über den Belsö-tó, den Inneren See, bis weit nach Westen, wo sich der Badacsony erhebt.

Aber nicht nur historisch ist die Halbinsel bedeutsam. Tihany ist Teil des Geoparks Bakony-Balaton, der auch den größten Teil des Nationalparks umfasst. Überall in diesem Gebiet finden sich Zeugnisse des einstigen Vulkanismus: Geysirkegel, Basaltnadeln und- orgeln, Höhlen, Zeugenberge, Steinfelder und heiße Quellen.

Unterhalb der Ortschaft liegen zwei Kraterseen, von denen der nördliche zum Großteil verlandet und eher ein Sumpfgebiet ist. Um den südlichen See führt ein Weg, Teil des achtzehn Kilometer langen Geysirlehrpfades, dem ersten Lehrpfad in Ungarn überhaupt. Er passiert nicht nur jene namensgebenden Geysirfelder (wobei natürlich nicht mit sprühenden Fontänen zu rechnen ist), sondern auch eine alte Einsiedelei (die so genannten Mönchszellen), weidende Graurinder, Lavendelfelder und schattigen Wald. Dabei schwingt er sich bis zum höchsten Punkt der Halbinsel, dem Spitzberg, hinauf.

Tihany mit seiner geologisch besonderen Landschaft, den historisch-religiösen Wurzeln und dem kulturellen Erbe aus Landwirtschaft und Handwerk bot genug Substanz, um 1952 auf der Halbinsel das erste Naturschutzgebiet Ungarns zu gründen. Ihm folgten im Laufe der Jahrzehnte fünf weitere Naturparks – der Kis-Balaton,  das Keszthely-Gebirge, das Tapolca-Becken, das Káli-Becken und das Pecsely-Becken – welche 1997 schließlich zum Nationalpark Balaton-Oberland zusammengeschlossen wurden.

Benediktiner-Kloster_Tihany
Das Kloster von Tihany, eine 1055 gegründete Benediktinerabtei und Wahrzeichen der Halbinsel.

Wenn man nun all das über Tihany weiß, dann lohnt sich ein Besuch in jedem Fall. Doch um ehrlich zu sein, hat es mich aus einem ganz anderen Grund hierher gezogen. Der Ort selbst, das erwähnte ich bereits, wirkt wie ein einziges, großes Souvenirdorf. In den Seitenstraßen entdeckt man jedoch kleine Häuschen, oft mit silbrig-grauem Reet gedeckt, duftenden Rosenstöcken davor und Geranien in Pflanzkübeln. Scheinbar ist doch Leben hier.

Per Handy manövriere ich mich vorbei an Lavendel und Paprika durch kleine, gepflasterte Gassen, denn die Straßennamen sind keine große Hilfe bei der Suche nach dem richtigen Gebäude. Auf den Stromleitungen hocken Mehlschwalben. Die Häuser werden immer uriger. Vor dem Puppenmuseum, welches eine einzigartige Sammlung aus historischen Porzellanpuppen des 19. und 20. Jahrhunderts bewahrt, gibt es Eis. Eine wirklich glückliche Fügung, um die Kinder eine Zeitlang beschäftigt zu wissen, denn nur wenige Schritte die Straße hinauf, finde ich endlich, wonach ich suche: das Keramikgeschäft von Éva Szurdi. Es befindet sich in einem kleinen Haus mit dickem Reetdach, das fast vollständig mit grünem Moos überzogen ist.

Keramik ist für mich das einzig akzeptable Souvenir – egal wo ich bin – und wenn sie mich nicht findet, dann finde ich sie. Töpferei ist nicht einfach nur Handwerk. Wäre das so, dann wäre eine Tasse immer eine Tasse, ein Teller immer ein Teller. Die Grundform dieser Gegenstände ist praktisch immer die gleiche. Und doch schaffen es Töpfer und Töpferinnen, dem Werkstück durch Farben, Muster und andere Techniken ihren ganz persönlichen Stil zu verleihen. Und das genau fasziniert mich auch an Éva Szurdis Keramik. Sie ist traumhaft schön.
Bestehend aus den üblichen Gebrauchsgegenständen und vielen schönen Dekoartikeln, ist allen Stücken das typische Muster aus blau krakeliertem Untergrund gemeinsam, überzogen mit dunkelbrauner, roter und grüner Lasur und verziert mit filigranen, dunkelblauen Blumen und Spiralen. Beim Bezahlen habe ich schon fast ein schlechtes Gewissen, denn noch nie habe ich so viele Stücke für einen derart günstigen Preis erhalten.

Wir verlassen die Halbinsel und kehren zurück zur Route 71, die entlang des Nordufers führt. Nach gut zehn Minuten erreichen wir die Ortschaft Zánka und folgen dem Abzweig nach Monoszló, wo eine andere geologische Besonderheit der Region auf uns wartet.

Dieser Teil des Nationalparks umfasst das Káli-Becken, eine flache Ebene mit Weiden, Wiesen und Moorflächen, die im Süden begrenzt wird durch die Weinhänge am Balatonufer und im Norden durch das Bakony-Gebirge. Der östliche Zipfel um Monoszló birgt in einem üppigen Laubwald ein schwarzes Andenken aus längst vergangenen Zeiten. Doch zunächst müssen wir die wirklich schmale Straße zum ehemaligen Steinbruch hinauf.

Basalt_Hegyestü
Hegyestü… oder was vom Berg übrig blieb. Dem Tagebau ist es aber auch zu verdanken, dass die Basaltsäulen so deutlich sichtbar sind. Einzigartig in Europa.

Am Parkplatz des alten Basalttagebaus angekommen, sollen wir eine für ungarische Maßstäbe recht üppige Gebühr von neun Euro bezahlen. Dazu bekommen wir einen kleinen Leporello übereicht, auf dem verschiedene Sehenswürdigkeiten des Nationalparks vorgestellt werden. Der eigentliche Clou ist aber, dass wir dank dieses Papiers in zwei von drei Einrichtungen nun lediglich einen ermäßigten Eintritt bezahlen brauchen, was wir anderntags im Büffelreservat von Kápolnapuszta auch tun. Ob das nun tatsächlich ein Schnäppchen war, bleibt ein ewiges Geheimnis. Auf jeden Fall ist es nicht ungewöhnlich, dass uns hier hin und wieder ein ziemlich unsinniges Angebot unterbreitet wird, etwa eine Jahreskarte fürs Strandbad.

Ganz und gar nicht unsinnig ist dagegen die Warntafel am Fuße des Basaltberges. Die fünfzig Meter hohe Wand aus lückenlos aneinander gereihten Basaltsäulen ragt wie eine dunkle Festung in den blauen Mittagshimmel auf. Hegyes-tű heißt sie, was übersetzt spitze Nadel bedeutet. Die imposante Wand ist das, was nach dem Basalttagebau übrig blieb von der einstigen Bergkuppe. Über einen Pfad kann man ganz hinauf steigen und sollte sich dabei die Warnung zu Herzen nehmen, gut auf sich aufzupassen. Zwar ist der steile Anstieg durch Stufen etwas angenehmer gestaltet worden,  doch der Untergrund ist sehr rutschig und staubig.

Je höher wir steigen, umso mehr Schmetterlinge tanzen im Sonnenschein zwischen den Bäumen. Es sind Schwalbenschwänze, ohnehin sehr rastlose Geschöpfe, doch hier im Liebestaumel flattern sie alle wild durcheinander. Jane strahlt und erzählt von Feen, während sie den Schmetterlingen ihre Ärmchen entgegenstreckt, als wollte sie sie alle umarmen.

Blick_von_Hegyestü_Richtung_Badacsony
Blick über das Káli-Becken zum Badacsony
Schwalbenschwanz
Schwalbenschwänze flattern um die Bergkuppe von Hegyestü. Einer macht kurz Pause.

Vom Aussichtspunkt überblicken wir die ganze Weite des Káli-Beckens. Der Balaton erstreckt sich hier bis an den Horizont nach Osten und Westen. Wie ein schwarzer Turm ragt der Tafelberg Badacsony in der Ferne auf. Ihm gegenüber am südlichen Seeufer der schöne Kegel des Fónyoder Berges.

Es raschelt im Gebüsch. Eine Smaragdeidechse linst neugierig zu uns herauf. Ephraim ist begeistert. Endlich mal ein wildes Tier. Die schillernd grüne Echse ist so lang wie sein Unterarm und alles andere als scheu. Während ich versuche, ein Foto von ihr zu machen, kriecht sie mir fast ins Objektiv. Am Ende ist alles unscharf.

Wieder unten im Steinbruch, erleben wir einmal mehr etwas, das den Nationalpark Balaton-Oberland für mich so besonders macht: die Zeit bleibt einfach stehen.
Vor vielen Jahren war der alte Tagebau eine schwarze Steinwüste gewesen. Presslufthammer dröhnten in dem Kessel, Förderbänder rumpelten und Kipplaster wälzten sich durch den nassen Matsch aus Steinsplittern und Schlamm. Sicher lag so viel Staub in der Luft, dass der blaue Himmel kaum noch zu erkennen war.

Steinbruch_Hegyestü
Zeit steht still…

Heute ist der Boden mit einem Teppich aus grünem Moos und Gras überzogen. In den Bäumen zwitschern Vögel. Geschützt vom Wald und der Basaltwand ist es in dem Halbrund des Steinbruchs vollkommen windstill. Trolltürmchen stehen überall herum. Auch die Kinder machen sich gleich ans Werk und transportieren Steine jeder Größe heran, planen, diskutieren, helfen, bauen. Ganz in Stille, versonnen, konzentriert. Ich beobachte sie eine lange Zeit, blicke die Basaltsäulen hinauf, denke an die Gewalt des Vulkans, der sie geschaffen hat und sehe dann wieder auf die Kinder, die gedankenverloren die uralte Lava zu Türmchen aufstapeln. Es ist so friedlich hier und ich fühle mich sehr geborgen.

Der Nationalpark Balaton-Oberland erstreckt sich auf einer Fläche von 570 Quadratkilometern vom Kis-Balaton im Westen bis zur Halbinsel Tihany im Osten des Nordufers und reicht dabei stellenweise bis zu fünfzehn Kilometer weit ins Hinterland. Jedes der sechs Teilgebiete hat einen anderen Charakter.

Von Hegyes-tű aus folgen wir den schmalen Landstraßen durch die Ebene. Diese wirkt leer und urtümlich. Braungrüne Wiesen, Weideland mit Rindern, Hügel und Senken, hier und da Tümpel oder Felsen. Auf dem Weg zwischen dem Basaltberg und dem Städtchen Révfülöp am Balaton liegen die Dörfer Köveskál und Kővágóörs. Sie sehen aus wie gemalt. Die Fassaden der Häuser sind bunt. Urig wirken die Natursteinmauern mit den Holztoren darin. In den Gärten gibt es Blumen in Kübeln und Töpfen, ebenso auf den Fensterbänken, Eingangsstufen und Straßenrändern. Urgemütliche Csárdas laden zum Verweilen ein. Der traditionelle Charme der Orte macht die Durchfahrt beinahe zu einer Reise in die Vergangenheit. Doch die sah noch vor zehn Jahren ganz anders aus: bröckelnder Putz, abgeblätterte Farbe, marode Mauern und löchrige Straßen. Dazu schlechte Infrastruktur und gerade in den Dörfern fehlende Arbeitsplätze und Perspektiven.

Inzwischen hat das Nationalparkprogramm auch das ländlich geprägte Hinterland im Fokus. Reichte die Popularität des Urlaubsgebietes Balaton noch vor ein paar Jahren gerade einmal die Weinberge hinauf, bemüht sich der Nationalpark heute erfolgreich um die Förderung des ländlichen Raumes jenseits der Badestrände. Neben Übernachtungsmöglichkeiten und Gastronomie wurden auch die ungarische Kultur und Tradition wiederbelebt. Ortschaften wurden saniert und die alten Bräuche dem touristischen Publikum zugänglich gemacht, nicht nur in Form von Wochenmärkten. In Salföld zum Beispiel widmet sich der Meierhof, ein Informationszentrum des Nationalparks, den typisch ungarischen Haustierrassen und regionalen Produkten wie Wurst, Käse und Heilkräutern. Es gibt Reitvorführungen mit dem Puszta-Fünfgespann und Darbietungen mit der Peitsche, dem traditionellen Arbeitsgerät der Pferdemänner (den ungarischen Rinderhirten, die aber keinesfalls Cowboys genannt werden wollen). Auf dem Hof lassen sich aber nicht nur die Graurinder bestaunen. Auch Zackelschafe mit einhornähnlich gedrehten, langen Hörnern, oder der Komondor, jener Hirtenhund, dessen Fell quasi vollständig aus bodenlangen Dreadlocks besteht, zählen zu den ursprünglich ungarischen Haustierarten.

In der Nähe der Ortschaften Salföld, Kővágóörs und  Szentbékkálla befinden sich die berühmten Steinmeere, das imposanteste von ihnen bei Szentbékkálla. Auch sie stellen eine geologische Besonderheit dar, denn die gesamte pannonische Tiefebene war einst ein Meeresboden. Sedimentablagerungen versinterten unter dem Aufsteigen von Thermalwasser und es entstand eine meterdicke Felsschicht aus Sandstein. Die Steinfelder sind begehbar, aber ein Weltwunder sollte man nicht erwarten. Es sind vor allem Steinfelder.

Fähranleger_Badacsony
Der Fähranleger von Badacsony.

Hoch über den Balaton erhebt sich weithin sichtbar der Badacsony. Der 438 Meter hohe Tafelberg im Süden des Tapolca-Beckens ist das Wahrzeichen des Balaton-Oberlandes. Praktisch aus jedem Winkel des Nationalparks zu sehen, thront er wie ein König am Seeufer. Ein Krönchen hat er auch, wenn man den Aussichtsturm auf dem Plateau so bezeichnen darf. Kilátó sagt man auf Ungarisch. Praktisch auf jedem der vielen, gut ausgeschilderten Wanderwege steht irgendwo ein kilátó. Und wen es nicht hoch hinauf zieht, der kann insbesondere im Tapolca-Becken auch auf Höhlentour gehen.

Den Badacsony erreichen wir über eine schmale, steile Straße durch Weinberge. Es ist ein so genannter Zeugenberg. Die senkrecht aufragenden Felswände sind nur hier und da noch zu erkennen, denn der Berg ist dicht bewaldet. Weiter unten fällt er dann flacher ab. Die Weine von diesen Hängen werden über die Landesgrenzen hinaus geschätzt. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man dem Berg seine vulkanische Herkunft auch heute noch an. Zwar ist der Kegel inzwischen erodiert, doch der Basaltkern ist noch immer da und ragt wie ein dicker Zylinder aus der Ebene.

Balaton_Hinterland
Blick über das Tapolca-Becken.
Aussichtsturm_auf_dem_Badacsony
Der Aussichtsturm auf dem Badacsony wirkt wie eine überdimensionale Krone.

Am Fuße des Basaltriesen gibt es einen kleinen, gebührenpflichtigen Parkplatz. Der bestens markierte, schwierige Weg führt gnadenlos bergan und erinnert mich sehr an die steilen Stufenwege in der Sächsischen Schweiz. Über rutschiges, schütteres Gestein führt er vorbei an einigen traumhaft schönen Ausblicken. Nach insgesamt 314 Höhenmetern und etwa einer dreiviertel Stunde erreichen wir das Krönchen. Etwas über achtzig Stufen geht es nun den kilátó hinauf und dann belohnt uns der Berg mit einem Panorama über das Tapolca-Becken, das zweifelsfrei nirgendwo großartiger ist. Im Norden ragt der Csóbánc auf, der die nördliche Grenze des Beckens markiert. Davor und zum Greifen nahe erhebt sich der Bilderbuchkegel des Gulács und etwas weiter westlich inmitten der Ebene bildet das Szent-György-Massiv mit 414 Meter Höhe so etwas wie einen Gegenpol zum Badacsony. Das Tapolca-Becken hat wenig Ähnlichkeit mit seinem Nachbarn im Osten. Es ist üppig und waldreich, gesprenkelt mit großen und kleinen Vulkankegeln. Die dunklen Schatten der Nachmittagswolken schieben sich langsam über sattgrüne Felder und vereinzelte Dörfer. Auf der anderen Seite liegt der weite See wie mit Kreide in die Landschaft gemalt. Sein Wasser ist hier im Westen so trüb, dass es wie hellblaue Milch aussieht. Die Boote darauf wirken wie aufgeklebt und was wie Tiefwasser aussieht, sind tatsächlich die dunkelblauen Wolkenschatten.
Vom Osten her naht die Flotte der Kékszalag-Regatta. Das Feld ist weit auseinander gezogen und mit vollen Segeln unterwegs nach Keszthely.

Weinberge_am_Balaton-Ufer
Wein so weit das Auge reicht. Im Schatten des Badacsony gedeiht er zu einer Berühmtheit.

Wir nehmen Abschied vom Badacsony und fahren noch einmal Richtung Osten nach Révfülöp. Der Tag ist schon weit voran geschritten und das Licht wird bunter, die Schatten länger. Wir beschließen den Abend im Strandbad von Révfülöp zu verbringen. Das Bad ist sehr gepflegt und sauber, mit großer Liegewiese und einer Wasserrutsche. Am Eingang gibt es ein Bistro mit Pizza, Langós und Palacsin. Ein Heer aufblasbarer Badetiere lauert linker Hand vor einem Kiosk. Insbesondere ein weiß-rosafarbenes Einhorn mit einer Schulterhöhe von einem Meter zwanzig droht über Jane herzufallen.

Révfülöp ist Schauplatz einer alljährlich wiederkehrenden Tradition. Wenige Tage zuvor fand zum 36. Mal das Durchschwimmen des Balaton statt. Vom Strandbad in Révfülöp geht es schnurgrade zum anderen Seeufer nach Balatonboglár, eine Strecke von 5200 Metern – für manche reiner Spaß, für andere eine äußerst sportliche Angelegenheit.

An diesem Abend ist es ruhig. Nach 18 Uhr leert sich das Bad merklich. Die Kasse schließt um diese Zeit und jeder, der danach Baden möchte, kann das Bad kostenfrei nutzen. Eine Praxis, die fast überall am See Gang und Gebe ist.
Im Strandbad bietet sich mir eine Gelegenheit, die Menschen zu beobachten, die hier leben. Die, für die der See Zuhause ist. Diejenigen auch, die Abend für Abend herkommen und ein paar Züge schwimmen, auf der Wiese sitzen und ein Buch lesen, eine Zigarette rauchen, schwatzen. Der Strand als Ort der Begegnung und des Austauschs. Wer dazugehören will, muss sich hier ab und zu blicken lassen.

Am Ende der Wiese, da wo der Schilfwald beginnt, zerren zwei junge Männer eines der Mietboote auf ein Holzpodest. Zwei andere haben sie schon dorthin befördert, nun das letzte. Vor dem Abendhimmel und dem lilafarben Wasser des Sees hebt sich schwarz die Silhouette eines drahtigen Mannes nebst seinem Drahtesel ab. Das trübe Wasser wird glatt und zum ersten Mal seit die Sonne aufging, weicht seine matte, kreidige Farbe einem bunt-silbrigen Glanz. Es ist atemberaubend schön. Die Nachhut der Regatta zieht in der Ferne vorbei.

Abendrot_am_Plattensee
Abends bekommt der Balaton Farbe und Glanz. Im Hintergrund der Berg von Fónyod.

Als wir nach Badacsonytomaj zu unserem Ferienhaus zurückkehren, beginnt es zu dämmern. Das dreistöckige Haus steht zwischen Reihen von Weinstöcken am Ende einer staubigen, wirklich engen Straße oberhalb des Sees.

Ferienhaus_Barbara_in_Badacsony
Das Ferienhaus „Babara“

Wer sich eine Weile am Balatonnordufer aufhält, dem bereiten die engen Wege keine Bauchschmerzen mehr. Irgendwie geht es immer vorwärts oder auch rückwärts. In den Weinhängen um Badacsony gibt es viele erstklassige Ferienhäuser und jedes davon scheint man nur über steile und wirklich, wirklich enge, von Steinmäuerchen gesäumte Straßen zu erreichen.
Im gepflegten Garten wachsen Feigen, die sich die Kinder jeden Morgen mit Joghurt schmecken lassen. In wenigen Wochen sind die Brombeeren und Pfirsiche reif, aber da werden wir nicht mehr hier sein. Auf einem Walnussbaum im Nachbargarten hockt in den frühen Morgenstunden stets ein Grünspecht und pocht mit wieherndem Ruf auf die Vorherrschaft über den Weinberg. Ich brauche eine ganze Woche, bis ich ihn endlich vor die Linse bekomme. Abends dagegen ist die Luft erfüllt vom Sirren der Zikaden.
Schwarz ragt der Fónyoder Berg auf der anderen Seeseite in den dunkelnden Abendhimmel. Ein Vollmond schwingt sich aus dem Dunst des Horizontes über den Balaton und lasst das Wasser später glitzern. Doch im Moment sehen der Himmel und der See aus wie Blaubeerquark mit Segelbooten. Am nächsten Tag werden die goldverzierten Porzellanpokale der Kékszalag –Regatta vergeben. Keines der Boote auf dem See draußen hat noch eine Chance darauf, doch die blaue Stunde unter diesem Mond vor der Kulisse des Balaton-Oberlandes zu durchsegeln, ist in jedem Fall ihr Gewinn.

Mondscheinsegeln_am_Balaton
Mondscheinsegeln
Links

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Informationen zum Nationalpark Balaton-Oberland
Mini-Leporello mit sehenswerten Stätten im Nationalpark (pdf)
Offizielle Homepage des Nationalpark Balaton-Oberland

Unterkunft
Ferienhaus „Barbara“ in Badacsonyörs 
Das Ferienhaus bietet Platz für maximal 12 Erwachsene. Es gibt ein Kinderbettchen und zwei Schlafsofas, sowie vier Doppelbetten, ein Einzelzimmer und ein Doppelzimmer mit zwei Einzelbetten. Die Küche befindet sich im Untergeschoss und ist separat von den Schlafräumen und Badezimmern, die sich in den oberen Etagen befinden. Es gibt ausreichend PKW-Stellplätze auf dem umzäunten Grundstück. Der See ist 350m entfernt. Der Standard ist gut, und wer kein luxuriöses Haus erwartet, findet im Haus „Barbara“ ein sehr hübsches Feriendomizil mit fantastischem Ausblick.

Wissenswertes
Éva Szurdi…
hat eine Seite bei facebook. Dort postet sie auch Bilder ihrer Keramik. Sie bietet Workshops in Kapolcs und Budapest an. Ihr Verkaufsladen in Tihany befindet sich in der Visszhang utca 11, in der Nähe des Babamúzeum (Puppenmuseum), gleich neben der Pál Csárda.

Reiseliteratur
Wie immer, wenn man eine lange Reise unternimmt (nach Ungarn immerhin sieben Stunden), braucht es genügend spannende Geschichten, die die Reisezeit im Nu  verkürzen. Dies waren unsere Favoriten:

Fee Krämer: Max Murks – Schwimmkurs mit Hai
Die Geschichte von Max, der eines Nachts plötzlich einen großen, schwarzen Hai in seinem Zimmer und danach in seinem Alltag vorfindet, wird von Jürgen von der Lippe gelesen – und ja, das wird sehr lustig! Nicht nur, dass die Geschichte von Fee Krämer wirklich urkomisch geschrieben ist, Jürgen von der Lippe gelingt es knapp einem Dutzend Personen unterschiedliche Stimmen zu geben – eine schöner als die andere. Eine hahnebüchene Story von Hai Holger, der gern schwimmen lernen, und Max, der Holger gerne wieder loswerden möchte.

Mario Giordano: Tante Poldi und die sizilianischen Löwen
Dem schönen Valentino wird… aber nein, das wäre schon zu viel verraten! Tante Poldi siedelt auf Drängen der sizilianischen Verwandschaft von München nach Sizilien über, genervt vom Leben und betäubt vom Alkohol. Doch hier kommt sie gar nicht dazu, sich im Schatten des Ätna in aller Seelenruhe zu betrinken, denn in dem beschaulichen Torre del Aquila bedarf es einer resoluten urbayrischen Persönlichkeit, um der Sache mit Valentino eben auf den Grund zu gehen. Dass sie dabei viel flucht und schimpft, aber mehr und mehr lernt, das Leben wieder in all seinen Facetten (also wirklich allen…) zu genießen, erzählt der Schauspieler Philipp Moog im Laufe von sechs CDs auf äußerst kurzweilige und amüsante Art. Und was man nebenbei nicht alles über Sizilien lernt… Namaste! Und leckt`s mi alle am A….

Abendstimmung_in_Revfülöp

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