Kis-Balaton – Die Geschichte eines Ökosystems

Ich starre das zerbeulte Schild eine Zeit lang an und versuche aus dem Wortsalat noch einige andere brauchbare Informationen herauszufiltern. Aber da man sich hier sogar die Mühe gemacht hat, tilos auf Deutsch und Englisch zu übersetzen, besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass der Weg vor mir eine No-Go-Area ist.
Tilos ist eines der wichtigsten Wörter in der schönen und komplizierten ungarischen Sprache. Tilos beudetet: verboten. Und es gibt in Ungarn, insbesondere im Kis-Balaton sehr viele zerbeulte Schilder, auf denen dieses kleine Wort auftaucht.
In mir Deutschen löst tilos sofort einige bemerkenswerte Reaktionen aus, gerade hier in diesem Vogelparadies. Die auffälligste ist Enttäuschung, denn als Deutsche käme ich nicht im Entferntesten auf den Gedanken, mich dieser unmissverständlichen Anweisung zu widersetzen.
Der verbotene Weg ist eher eine Art Damm, lückenlos von alten Bäumen gesäumt, der sich quer durch einen weiten, flachen See nach Westen erstreckt. Draußen, inmitten all des Wassers, trifft er sich mit einigen anderen Dämmen, aus anderen Himmelsrichtungen, an einer der vielen kleinen Insel. Die Versuchung ist enorm.

Karte_Kis-Balaton
Der Kis-Balaton. Hidvég-tó (links) und Fenéki-tó (rechts) bilden die beiden größten freien Wasserflächen des Gebiets. Von der Landstraße zwischen Zalavár (Besucherzentrum am See) und Balatonmagyaród zweigen die Nebenstraßen zur Schleuße (mit „P“ gekennzeichnet), der Kányavári-Insel und dem Büffelreservat (ganz im Süden) ab.

Der See nennt sich Hidvég-tó und ist die größere von den beiden offenen Wasserflächen des Kis-Balaton. Der andere, Fenéki-tó, befindet sich weiter östlich auf der anderen Seite der Landstraße und ist von ausgedehnten Schilfgebieten, Sümpfen und Mooren umgeben.
Eigentlich ist der Kis-Balaton ein großes Überflutungsgebiet südwestlich der Bucht von Keszthely. Der Fluss Zala weitet sich in dieser Ebene zu einem gigantischen Filterbecken für Nährstoffe und Sedimente. Es gibt noch andere Zuflüsse in den Kis-Balaton, aber fast die Hälfte der transportierten Wassermenge stammt aus der Zala.

Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts war der Kis-Balaton eine 60 Quadratkilometer große Bucht des Balaton. Der flache Westteil des Plattensees filterte die Zuflüsse und sorgte so für eine gleichbleibend gute Wasserqualität. Mit dem Bau von Schleusen und der bewussten Trockenlegung der Bucht sank der Wasserpegel und die jährlichen Schwankungen des Wasserstandes von einst fünf bis sechs Metern nahmen drastisch ab. Wie ein altersschwaches Herz pumpte der Kis-Balaton immer weniger Frischwasser in den Plattensee. Die Sumpfvegetation zog sich zurück auf einige Wasserflächen, die bis in die 1950er Jahre soweit von den Zuflüssen abgeschnitten waren, dass ein Wasseraustausch nicht mehr stattfand. Ungefiltert strömte das von ungeklärten Abwässern, Sedimenten und Düngereinträgen gesättigte Zala-Wasser in den Balaton und bewirkte in der Bucht von Keszthely eine ungeheure Algenvermehrung, die Flora und Fauna weitgehend zurückdrängte. Was sich anhört wie der langsame Tod eines Sterbenskranken, bewegte die Ungarn tatsächlich erst in den 1970er Jahren zu groß angelegten Renaturierungsmaßnahmen.

Lachmoewe
Lachmöwe (Chroicocephalus ridibundus)
Graureiher_und_Seidenreiher
Graureiher (Ardea cinerea) und Seidenreiher (Egretta garzetta)

Die sahen die erneute Überflutung des Gebiets vor, welche seither schrittweise umgesetzt wurde. Zunächst konzentrierte man sich auf den westlichen Teil, das Hidvég-Becken, welches inzwischen mit Wassertiefen zwischen anderthalb und zwei Metern wieder dauerhaft überflutet ist. Seit 1997 gehört der Kis-Balaton zum Nationalpark Balaton-Oberland, welcher einen großen Teil des Balaton-Nordufers und des Hinterlandes umfasst. Der Kleine Balaton, was Kis-Balaton übersetzt bedeutet, sind heute 18.000 Hektar unter Schutz gestellte Fläche, 1.400 als Kernzone, welche nur mit Genehmigung oder Führung betreten werden darf. Und das ist der Grund für verbeulte Schilder: tilos!

Am Hidvég-tó

Kolbenente_
Kolbenente (Netta rufina)

Der verbotene Weg reizt noch immer. Unter dem Argument, die Kolbenenten in einer ufernahen Schilfinsel besser beobachten zu können, wage ich mich schließlich ein paar Dutzend Meter hinaus auf den Damm.
Den Vormittag verbringe ich überwiegend an den Schleusen und Wehren des Zala-Überlaufs vom Hidvég-tó zum Fenéki-tó. Die Zala fließt hier an mehreren Stellen in einen kleinen, üppig mit Schilfdickichten bewachsenen See. An seinem Ende ist eine Brücke, die man überquert, wenn man auf der Landstraße von Zalavár nach Balatonmagyaród fährt. Und hinter der Brücke beginnen die Schilfsümpfe des Fenéki-tó.

Es ist wie so oft bei der Tierbeobachtung, dass sich das mehrstündige Verbleiben an einem Ort auszahlt. So sind es die Vögel ringsum, die in Bewegung sind und an mir vorbeiziehen, statt von mir während des Laufens übersehen zu werden.

Purpurreiher_
Purpurreiher (Ardea purpurea)

Von dem kleinen See zwischen der Zala-Brücke und den Überläufen fliegen Graureiher und Purpurreiher über den Damm. Scheinbar ziellos kurven sie über den flachen Buchten, als hätte der Tag noch viel zu bieten und Eile, Eile ist ganz und gar nicht nötig. Eine Rohrweihe schwebt über dem Schilfdickicht, kreist weiter auf das Wasser hinaus und verschwindet irgendwo zwischen Baumwipfeln am Ufer. Eine Zwergscharbe hockt einsam mit ausgebreiteten Flügeln auf einem kahlen Baum, der aus einer Schilfinsel ragt, in der es von Zeit zu Zeit heftig platscht und kreischt. Aber außer besagten Kolbenenten, die ebenfalls keine Vorstellung von Hast und Eile zu haben scheinen, ist dort nichts zu sehen. Ein bisschen wundere ich mich über die Zwergscharbe, denn für gewöhnlich begegnet man dieser Spezies nicht als einsamem Vagabunden. Aber gut, ein Star hockt neben ihr im Baum. So ganz allein ist sie also doch nicht.

Regelmäßig ziehen Graugänse über mich hinweg. In kleinen Trupps fliegen sie tief mit ihren weithin hörbaren, trillernd-gurrenden Rufen über meinen Kopf. Obwohl Graugänse zu den eher alltäglichen Beobachtungen gehören, wirken sie hier auf mich ganz neu und überwältigend. Die Freiheit und Sicherheit, die ihnen dieser See mit Schutz und Nahrung bietet, kann man ihnen anmerken. Das hier ist ihr Revier, ihre Heimat, der perfekte Lebensraum. Mich macht dieser Gedanke, so schlicht er auch sein mag, glücklich.

Graugaense
Graugänse (Anser anser)

Aus dem Dickicht der Schilfgürtel dringt das typische Trillern und Krächzen der Rohrsänger, die wie heimliche Schatten in den Rohrstengeln rascheln. Verstohlen beobachten sie mich, versuchen mich wie Irrlichter davon zu locken. Aber das Schilf hat noch mehr Geister. Einmal sehe ich kurz einen tiefbraunen Körper auf langen Beinen, der erstarrt, als er mich sieht, und dann lautlos in die Dunkelheit des Riedwaldes zurück weicht. Die Art, wie das Schilf lebt, fasziniert mich. Wie es zetert und schnarrt, wenn es sich unbeobachtet fühlt. Doch mehr noch wie es schweigt, wenn da scheinbar niemand ist.  Wenn ich spüre, wie aufmerksame Augen von allen Seiten jede meiner Bewegungen genauestens registrieren, und ich denke: ihr da drin, eines Tages, werde ich euch schon noch entdecken!

Zwergscharbe_
Eine Zwergscharbe (Phalocrocorax pygmeus) breitet das Gefieder zum Trocknen aus. Zwergscharben sitzen gerne in Trupps auf abgestorbenen Bäumen, was auf der Kányavári-Insel sehr gut zu beobachten ist. Hier nimmt das einzelne Exemplar mit einem Star (Sturnus vulgaris) vorlieb.

Im Schatten der Beton- und Stahlkonstruktion eines Schleusentores lauere ich vor dem Schilf und warte auf den langbeinigen, braunen Vogel. Frösche hocken reglos im matschigen Ufersaum. Hin und wieder schwirrt eine Libelle vorbei. Sperlinge tschilpen in den Baumwipfeln über der Schleuse. Die Zeit löst sich auf und die unfassbare Ruhe ringsum nimmt allmählich auch von mir Besitz, wenn…
Ja, wenn es nicht plötzlich neben mir eine unerwartete Bewegung geben würde. Den Blick noch immer ins Schilfdickicht gerichtet, nehme ich sie aus den Augenwinkeln wahr. Ein winziges, schokoladenbraunes Tierchen taucht unter dem Betonsaum der Schleuse auf und schnürt durch das Gras auf das Schilf zu. Es hält inne, macht kehrt und saust blitzschnell unter die Betonplatte der Schleusenkammer zurück. Kurz darauf erscheint es wieder und schafft es diesmal auch bis in den Schilfrand, wo es auf einen Artgenossen trifft. Mit lautem Gezeter gehen sie aufeinander los, balgen sich in den Sumpfgrasbüscheln am Ufer, dass das Wasser nur so spritzt. Es sind Mauswiesel, mit durchschnittlich fünfzehn Zentimetern Körperlänge die kleinsten Raubtiere der Welt, und wie es hier den Anschein hat, wahre Kämpfernaturen.
Prima, denke ich und schaue den Wieseln nach, wie sie im Galopp den Radweg hinunter sausen und im Gras verschwinden. Jetzt wird der langbeinige Vogel ganz gewiss nicht so schnell auftauchen. Ich mache mich zurück auf den Weg zum Parkplatz. Hinter der Schleuse bildet die Zala einen schmalen Weiher mit braungrünem Wasser, bevor sie sich zu dem See weitet, der bis an die Brücke vorne an der Straße reicht. Ein Bachlauf wurde hier angelegt mit steinigen Uferböschungen. Bachstelzen hüpfen über die Felsbrocken.
Im Jahr 2003 haben an dieser Stelle Studenten einer Züricher Universität aus Akazienholz eine Beobachtungshütte errichtet. Sie besteht aus mehreren kreisrunden, miteinander verbundenen Räumen, deren Wände und Dächer komplett aus aufgestapelten Holzscheiten bestehen. Über die Jahre ist das Holz silbrig-schwarz geworden, fast wie Holzkohle. Drinnen wimmelt es von Mücken und durch die Beobachtungsschlitze lässt sich nicht mehr allzu viel entdecken, denn der Baumbestand ist natürlich hochgewachsen, seit die Hütten damals errichtet wurden.
Naturschutz hin oder her. Es macht wenig Sinn, wenn die zur Beobachtung vorgesehenen Orte nicht mehr genutzt werden können, weil sich niemand traut, die Vegetation ringsum etwas einzudämmen. In der Folge suchen die Leute dann eben wieder Orte auf, die eigentlich tilos sind, und verursachen dadurch Störungen in den Naturräumen, die nicht entstünden, wären die Beobachtungsstationen nutzbar. Ein Phänomen, das ich auch aus Deutschland kenne.

Am Ufer unter den Weiden steht ein Graureiher auf einem über den Weiher ragenden Ast und starrt konzentriert ins Wasser.  Weiter oben im Baum hockt ein Seidenreiher. Seine gelben Füße mit den langen Zehen leuchten auffällig. Über der angrenzenden Wiese kreist eine Rohrweihe. Ein Schwarm Bienenfresser flattert eine Weile zwischen den Baumkronen umher und hoch oben am Himmel taucht die Silhouette eines Seeadlers auf.

Der Kis-Balaton ist bekannt für sein eigentümliches Licht. Über dem Wasser leuchtet es, macht alles ganz scharf und sauber. Auch an diesem Tag ist es weiß und klar. Alles strahlt in Überfluss und Lebendigkeit. Das schien einige Tage zuvor noch anders…

Kanyavari-Sziget_
Von der Holzbrücke zur Kányavári-Sziget aus bietet sich ein weiter Blick über einen Seitenarm des Hidvég-tó. Im Dickicht aus Seerosen und Laichkraut ist das Gewimmel der Wasservögel nicht gleich zu erkennen.

Kányavári-Sziget

Über dem Balaton ziehen bleigraue Wolken. In der Nacht hatte es heftig geregnet. Die Hoffnung, dass es im Tagesverlauf aufklart, zerschlägt sich, als wir mit Ephraim und Jane im Schlepptau an der Zala-Schleuse ankommen. Die ersten Tropfen klatschen auf den Weg, kaum dass wir das Auto verlassen haben. Der Wind geht heftig und wirbelt das Wasser und die Schilfdickichte durcheinander. Wellenkämme schieben sich wie in einem Ostseebodden über den Hidvég-tó. Flüchtig sehe ich einen Purpurreiher über den Baumkronen. Bachstelzen am Schleusentor.

Eigentlich wollten wir zur Kányavári-Insel, etwas weiter südlich, doch die fehlende Ortskenntnis hat uns hierher verschlagen. Am Parkplatz ist eine Infotafel mit einer Karte des Kis-Balaton. Wir packen die Kinder in den Wagen zurück und korrigieren unsere Position in der Landschaft. Ein Stück weiter die Landstraße hinunter Richtung Balatonmagyaród dann der richtige Abzweig. Der Parkplatz an der Insel ist gebührenpflichtig. Gezahlt wird pro Stunde (400 Ft), ab drei Stunden gilt der Tagestarif, wobei ich mich frage, was man wohl einen ganzen Tag hier anstellen sollte.

Es hat in Strömen zu regnen begonnen. Wir machen uns trotzdem auf den Weg. Die bekannte Holzbrücke mit den drei hohen Bögen ist so etwas wie das Markenzeichen der Kányavári-Insel. Sie führt über einen breiten Seitenarm des Hidvég-Sees auf die Insel. Von der Brücke überblicke ich die schier endlose Seelandschaft, in der sich Blässhühner, Zwergscharben, allerlei Enten und Höckerschwäne tummeln. Das braune Wasser scheint unter dem Regen zu brodeln. Im Sepialicht des Wolkenhimmels sieht dieses Meer von Seerosen aus wie eine betagte Fotografie, eine Landschaft aus dem letzten Jahrhundert, eine Erinnerung an die guten, alten Zeiten…

Auf der Insel kann man dem Haubentaucher-Lehrpfad folgen. Der zwei Kilometer lange Weg führt einmal rund um die langgestreckte Insel mit ihren sehr unterschiedlichen Lebensräumen: Schilfflächen, hoher Buchenwald, Weiden am Ufersaum, Wiesen und eben der See ringsum. Zwei Beobachtungstürme bieten einen guten Rundumblick, der bei weniger unwirtlichem Wetter sicher aufregend ist. Jetzt aber sind wir froh, für einen Augenblick ein Dach über dem Kopf zu haben. Der Regen lässt etwas nach und unter dem Blätterdach des Waldes ist er gar kaum noch zu spüren.

Sehr viel Aufregendes haben wir an diesem Tag nicht mehr gesehen. Der Rundweg auf der Insel ist aber für Kinder sehr gut geeignet und Ephraim und Jane hatten definitiv ihren Spaß, trotz oder gerade wegen des Regens. Neben den Türmen, von denen der südlichere ein vierstöckiges, pagodenartiges Ungetüm ist, in dessen oberstem Stockwerk uns der Wind gehörig durchpustet, gibt es auf der Insel noch einen kleinen Spielplatz mit einem Kletterboot für fantasievolle Piraten. Auf zahlreichen Tafeln wird die Vogelwelt auf der und um die Insel herum erklärt, und zwar auf Ungarisch, Deutsch und Englisch.

Wir strolchen auf schmalen, matschigen Pfaden durch den Nordteil der Insel, wo mir dann mit schalem Beigeschmack klar wird, warum manch einer das Tagesticket benötigt. In den vielen kleinen Buchten am Ufer hocken Angler. Der Ungar scheint gerne zu angeln, verständlich bei so viel Wasser überall. Die Angelplätze sehen aus wie Räuberlager. Aus einem Radio dröhnt Musik. Den Song kenne ich sogar… „Come with me now“ von den KONGOS. Kleine Feuerstellen lassen vermuten, dass manch einer die Insel womöglich abends gar nicht verlässt. Manchmal riecht es nach Urin. Alles wirkt wenig wie Camping-Idylle und Angler-Romantik. Eher wie Wilderei.

Doch in Ungarn ist das Thema Naturschutz noch immer so eine Sache. Obwohl es viele Naturschutzgebiete gibt, wundert man sich als Deutscher doch, wie lax man in Ungarn mit dem Schutzstatus umgeht. Wie oft man Ecken voller Müll entdeckt. Wie selbstverständlich die Menschen in die Naturräume vor- und eindringen. Wie unbekümmert sie verbeulte tilos-Schilder ignorieren. Mir liegt ein mulmiges Gefühl im Magen und ich frage mich für einen Augenblick, ob ich nicht am falschen Ort bin, und dass hier nicht am Ende doch das Ninive der ungarischen Angelszene ist und kein Naturschutzgebiet. Mir ist klar, dass Angeln und Naturschutz sich nicht ausschließen müssen. Aber die Grenze zur Wilderei ist schmal und eines der großen Probleme des ungarischen Naturschutzes ist der Mangel an Personal, an Rangern und Mitarbeitern in den Nationalparks.

Der Regen macht mich melancholisch. Vielleicht sehe ich das Problem mit dem Naturschutz zu schwarz, oder zumindest sepiabraun wie das Licht an diesem Tage. Vielleicht ist den Menschen hier längst klar, welchen Schatz sie vor der Haustür haben und vielleicht genießen und schützen sie ihn auch weit mehr, als es mit den angelnden Burschen den Anschein hat.

Wasserbad_der_Wasserbueffel
Wasserbad der Wasserbüffel (Bubalus arnee)

Wasserbüffelreservat am Fenéki-tó

Das Licht, wie gesagt, hat hier an der Zala nichts gemein mit dem Regengrau über der Kányavári-Insel. Der Himmel ist wolkenlos blau, die Luft klar und selbst die flirrende Hitze scheint sie nicht trüben zu können.

Die Landstraße nach Balatonmagyaród ist schnurgerade und zerteilt den Kis-Balaton in einen westlichen, wasserreichen und lichten Teil und einen östlichen, sumpfigen, üppig bewachsenen und schattigen Teil. Die Opulenz der Pflanzen- und Tierwelt hier ergibt sich aus dem nährstoffreichen Wasser. Während der dreißigtägigen Durchlaufzeit des Zalawassers im Kis-Balaton wird ein Großteil dieser Nährstoffe insbesondere von den Pflanzen verstoffwechselt und gelangt dadurch auch in die Nahrungskette. Deutlich nährstoffärmeres Wasser erreicht danach die Bucht von Keszthely, wo es lange verbleibt. Die Strömungen im Balaton verhindern einen raschen Austausch des Wassers vom Westen nach Osten, weshalb das Wasser im Westteil trüber ist und verschiedene Laichkrautarten gut gedeihen. Östlich der Halbinsel Tihany dagegen ist das Wasser sehr klar und die Vegetation mit Schilf und Laichkraut nimmt ab.

Aber zurück in den Kis-Balaton! Ganz im Süden des Fenéki-tó und den ihn umgebenden Feuchtgebieten liegt das Wasserbüffelreservat von Kápolnapuszta. Auf der schmalen Straße zwischen abgeernteten Feldern wieder betagte Schilder mit Warnhinweisen. Ein Piktogramm zeigt Hunde. Daneben verdeutlicht ein weiteres Symbol mit einem Männlein, welches von einem dieser Hunde gebissen wird, das Problem, mit dem Eindringlinge nach neunzehn Uhr konfrontiert werden. Ich schüttele den Kopf und denke: was für ein eigenartiges Land dieses Ungarn doch ist.

Von dem Wasserbüffelreservat erwarte ich mir nicht besonders viel, das muss ich gestehen. Doch der Nachmittag wird mich eines Besseren belehren. Durch eine kleine Ausstellung gleich hinter der Kasse über Flora, Fauna und Kultur des Reservats gelange ich ins Freigelände. Ein Lehrpfad über verschiede Stationen ergänzt die Ausstellung und führt in einer halben Stunde einmal durch die Anlage. Ich werde etwas länger brauchen…

Der Pfad beginnt unmittelbar hinter einem Streichelgehege mit Ziegen – eindeutiges Indiz für die absolute Kindertauglichkeit des Reservats. Den Ziegen schließt sich in diesem Zusammenhang noch ein Spielplatz und die Möglichkeit einer Kutschfahrt an. Doch auch ohne diese Bonuskärtchen der Zivilisation bietet das Reservat Aufregendes.

Das Gelände ähnelt auf den ersten Blick einem Golfplatz. Über sanfte Hügel zieht sich ein ratzekurzer, sattgrüner Rasen. Dazwischen kleine Wasserlöcher und etwas, das aussieht wie ein Sandbunker. Von einem schattigen Hügel aus lässt sich der Parcour wunderbar überschauen. Schwarze Wasserbüffel trotten in beneidenswerter Gemütlichkeit über die Weide. Ihnen ist es auch zu verdanken, dass das Gras so extrem kurz ist. Diese Art der Kulturlandschaft zieht einen anderen Bewohner geradezu magisch an, weshalb es auch nicht lange dauert, bis ich ihn zu Gesicht bekommen.

Im Schatten des Baumes auf dem Hügel befindet sich die erste Station des Lehrpfades und eine Handvoll Menschen, die sich offenbar der Makrofotografie der Grasnarbe widmet. Sie hocken und knien fasziniert vor dem Stromzaun, als gäbe es Gras nur hier. Beim Näherkommen sehe ich die kleinen, pelzigen Wesen dann allerdings auch, die aus fast unsichtbaren Erdlöchern auftauchen und mit wackelnden Hinterteilen über die Wiese huschen. Sie pfeifen laut und knurren leise, stehen reglos vor ihren Löchern, blinzeln mit ihren unfassbar schwarzen Kulleraugen oder wedeln nervös mit ihren eigenartigen, haarigen Schwänzchen. Eine Art meerschweinchengroßes Murmeltier huscht da in dutzendfacher Ausfertigung um den Hügel, über die Wiesen und eigentlich in jedem Winkel des Büffelreservats umher.

Europaeischer Ziesel
Europäischer Ziesel (Spermophilus citellus)

Ziesel sind es und sie erinnern mich augenblicklich an Snöfrid, jenen kleinen, pelzigen Helden aus dem Wiesental, der immer nur „hm..“ sagt und dessen Geschichte wir auf der Fahrt nach Ungarn im Auto anhörten. Snöfrid ist in meiner Vorstellung zweifelsfrei ein Ziesel. Ziesel brauchen exakt diese Art von Lebensraum und sind daher so etwas wie die heimlichen Herrscher der Büffelpuszta. Durch die Haltung der Rinder wird hier eine prärieartige Landschaft gepflegt, die ohne die Beweidung innerhalb weniger Jahre verbuschen würde.

Seeadler
Seeadler (Haliaeetus albicilla) kreisen über der Büffelwiese.

Wasserbueffel

Das offene Gelände mit den putzigen Nagetieren in Hülle und Fülle zieht natürlich nicht nur das Interesse von Fotojägern auf sich. Hoch über dem Reservat kreisen zwei Seeadler. Sie mausern und sehen dadurch ziemlich zerrupft aus. Ob sie tatsächlich wegen der Ziesel hier sind, oder ob sie nur einen Abstecher aus dem weiter nördlich gelegenen Féneki-tó gemacht haben, bleibt ihr Geheimnis. Die Ziesel jedenfalls sind wachsam.

Am Ende der Wiese ragt eine Abbruchkante aus dem Sandbunker auf. Erst jetzt bemerke ich die Vögel, die aus den kleinen Löchern in der sandigen Wand schauen oder darin verschwinden. Ich hätte es wohl auch so irgendwann bemerkt, doch die Infotafel auf dem Hügel verrät es gleich, dass in der Abbruchkante Bienenfresser nisten. Die Luft ist erfüllt von ihrem melodischen Trillern und Zwitschern. Ihr Ruf erinnert mich aus unerfindlichen Gründen an warme Milch. Er klingt weich und irgendwie „cremig“, dick und homogen. Und er ist überall in der Ebene zu hören. Einige der umstehenden toten Bäume dienen als „Plauderbäume“, wo die äußerst geselligen Bienenfresser zusammenhocken und… nun ja, eben plaudern.

Brutkolonie_der_Bienenfresser
Brutkolonie der Bienenfresser. Kein Platz für die Ewigkeit. Erosion und Fressfeinde wie Füchse zwingen die Vögel, ihre Brutplätze zu wechseln. An mehreren Stellen im Reservat sind solche Brutkolonien zu finden.

Der Lehrpfad führt weiter zu einem Wasserloch, in dem ein gutes Dutzend schwarzer Leiber hin und her schaukelt. Die Büffel blubbern laut durch die Nasenlöcher, während ihre Köpfe unter Wasser verschwinden. Es wirkt fast widerwillig, wie sie zum Weiteratmen wieder auftauchen. Von der Wiese her trotten noch mehr Büffel zum Wasserloch. Ihre mächtigen Körper taumeln den Wall von der Wiese in den Schlamm hinunter. Wie wankende Schiffe auf wogender See schlingern sie in das kühle Nass, wo sie augenblicklich Schlagseite bekommen und versinken. Sie brummen und schnaufen, während sie sich abkühlen, und in der Luft liegt so etwas wie Seufzen und Erleichterung. Bloß keinen Neid aufkommen lassen…

Zwischen Koppeln mit weißen Pferden und silbergrauen Eseln gehe ich durch einen lichten Hain zu einem Beobachtungsturm. Der vierstöckige Bau lässt weit in die Landschaft blicken, die unmittelbar hinter den Büffelweiden zu Buschland wird. Aus einem Meer gelber Wiesenblumen ragen in einiger Entfernung weitere Sandhügel auf, in denen deutlich die schwarzen Eingänge zu den Bruthöhlen der Bienenfresser erkennbar sind.

Bienenfresser_
Bienenfresser (Merops apiaster)
Bruthoehlen_der_Bienenfresser
In sandigen Abbruchkanten finden Bienenfresser einen geeigneten Ort ihre Bruthöhlen anzulegen.

Auf dem letzten Abschnitt des Lehrpfades passiere ich einige traditionelle Arbeitsgeräte wie einen Gémeskút, einen Ziehbrunnen, mit dem Wasser in eine Viehtränke geschöpft wurde. In großen Holzscheunen verbringen die Wasserbüffel den kurzen, aber eisigen Winter und vielleicht auch die lauen Sommernächte, denn die dunkle Erde rings um die Scheune ist aufgewühlt von den großen Hufen massiger Körper.
Und dann ist der Lehrpfad zu Ende und ich befinde mich wieder am Streichelgehege. Eine der Ziegen ist aus der Anlage ausgebüxt und steht nun meckernd auf der falschen Seite des Zauns. Ihre Kollegen drinnen schauen ratlos zu ihr hinaus.

Der Nachmittag ist nicht mehr ganz so jung. Das Licht wird goldener. Ich habe die Zeit aus den Augen verloren. Zurück am Auto stelle ich fest, dass ich sage und schreibe drei Stunden im Wasserbüffelreservat verbracht habe – mehr als ich diesem Ort zugetraut hatte.
Es gäbe noch einige Ecken hier im Kis-Balaton, die zu besuchen sich lohnen würde. Das Besucherzentrum in Zalavár ganz im Norden des Hidvég-tó,  welches beispielsweise auf einer Tour über den Radweg entlang des Sees von der Kányavári-Insel aus zu erreichen ist. Oder die nordöstliche Ecke um Fenékpuszta, dem Mündungsgebiet der Zala in den Balaton, von wo aus (kostenpflichtige) Führungen zur Diás-Insel starten. Die Insel bietet ausgezeichnete Möglichkeiten für Vogelbeobachtungen am Fenéki-tó.
Doch das sind erst einmal Zukunftspläne, die mir flüchtig in den Sinn kommen, während ich über die Feldstraße zurückfahre. Ich bin angefüllt mit Eindrücken und Emotionen. Von der morgendlichen Enttäuschung über das zerbeulte Schild und dem weiten, stillen Weg dahinter, ist nichts geblieben. Stattdessen bin ich zufrieden, glücklich und um die Erkenntnis reicher, dass es im Kis-Balaton mehr als genug erlebnisreiche Orte gibt – ganz ohne Schild, aber dafür engedélyezett.

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Informationen zu seiner Geschichte und ökologischen Funktion auf der Homepage des Kis-Balaton
Informationen zum Kis-Balaton auf der Nationalpark-Seite
Wikipedia-Eintrag zum Kis-Balaton

Wer ist Snöfrid?
Snöfrid aus dem Wiesental – Die ganz und gar unglaubliche Rettung von Nordland
Ein wenig erinnert die Geschichte von Snöfrid an den „Hobbit“, nur ohne Orks. Weil ja ein Kinderbuch. Aber ansonsten hat es Snöfrid, der eigentlich am liebsten im Wiesental ist, ganz und gar nicht einfach. Es geht schließlich um die Rettung von Nordland und ein Snöfrid ist nun mal das einzige Geschöpf, was dies zu vollbringen vermag. Ein Snöfrid… wer hätte das gedacht!

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