„Wawra’s Naturbuch“ von Ursula und Johannes Wawra

„Wir brauchen Menschen mit Wissen und Erfahrung! Denn Artenkenntnisse und ein Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur sind eine Voraussetzung dafür, sich für die Natur und ihre wundervolle Vielfalt  einsetzen zu können.“

Dieser Satz aus der Feder von Ursula Wawra im Vorwort (Seite 7) drückt nicht nur aus, worum es der Autorin und ihrem Naturbuch geht, sondern auch welches Ziel die noch recht junge Disziplin der Naturpädagogik überhaupt verfolgt.
In einer Zeit, in der Menschen ihre biologische Umwelt zunehmend nur noch durch Medien und Schulbank kennen lernen, fehlt vielen das praktische Erleben von Natur. Genau darin unterscheidet sich die Naturpädagogik aber von allen anderen Ansätzen. Dementsprechend belässt es  Wawra nicht auf der bloßen Weitergabe von Informationen, sondern regt durch Aktionsvorschläge zum eigenen Ausprobieren in der Natur an, denn darin liegt das Wesen der Naturpädagogik.

Ursula Wawra ist seit über dreißig Jahren als studierte Pädagogin in der Natur unterwegs, führt Schulklassen auf Exkursionen durch Wald und Feld und erarbeitete dabei nach und nach ihre einzigartigen Unterrichtsmittel. Gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Grafiker Johannes Wawra, entwickelte sie eine ganze Palette an didaktischem Material: die drei immerwährenden Naturkalender samt Lernheften, 36 Naturtafeln in A3-Format sowie vierzig Lernpostkarten bilden einen hervorragenden Grundstock an vielfältig miteinander kombinierbaren Lehrmaterialien für Vor- und Grundschule. Das 2018 erschienene Naturbuch stellt eine sehr gelungene, kompakte Zusammenstellung dieser zahlreichen Einzelstücke dar. In Planung ist bereits ein zweiter Band über Pflanzen, Pilze und Insekten.

Aber kann ein Buch es leisten, seine Leser zu praktischem Erleben zu führen? Kann es „neugierig machen auf die Natur vor der eigenen Haustür“  und „nach draußen locken“ (Seite 7)?

Inhalt

Das Buch hat eine sehr übersichtliche und einfache Struktur. Es behandelt die heimischen Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien, wobei es sich auf die Arten konzentriert, die bei Beobachtungen in der Natur auch entdeckt werden können.

Auf den griffigen, weißen Seiten sind Text und Illustrationen luftig angeordnet, die Seiten wirken weder leer noch gedrungen, was es besonders Kindern leicht macht, den Überblick zu bewahren, denn mitunter halten die Doppelseiten echte Kraftpakete an Wissenswertem bereit.

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Über den Dachs. Aus: Wawra’s Naturbuch. Seite 46/47

Neben den altersgerechten Informationen zu einzelnen Tierarten, werden auch andere Aspekte der Naturbeobachtung ausführlich dargestellt. So geht es beispielsweise um Spuren, Federn, Losungen, Fraßspuren oder Tierbauten, die sich bei Erkundungen entdecken lassen.

Schon alleine das macht ungemein Lust, das Gelesene in der Natur selbst zu entdecken, doch das Buch bietet darüber hinaus durch insgesamt 37 Aktionsvorschläge weitere Anreize: Anleitungen zum Bau von Nistkästen, zum Anfertigen von Gipsabdrücken im Wald, zum Erkunden von Bauen und Aushubhügeln, das Ausgießen von Schalenresten von Vogeleiern oder das stille Beobachten des sommerlichen Abendhimmels, in den die Mauersegler hoch hinauf steigen. Je mehr man davon liest, umso klarer wird, dass dieses Buch wirklich Zeit in der Natur abverlangt. Naturbeobachtungen brauchen Zeit. Und genau diese investierte Zeit bringt unseren Kindern die Wildnis da draußen wieder nahe und tut ihnen so gut.

Weil auch Naturschutz zur Naturpädagogik gehört, hat Wawra auf den letzten fünf Seiten die wichtigsten Gesetze, Verhaltensregeln und Gedanken zum Naturschutz aufgeführt. Bei all der Ermutigung, Berührungsängste abzubauen, soll das oberste Gebot die respektvolle Zurückhaltung gegenüber der Natur sein.

Ein interessanter Teil des Konzepts ist die Einbindung von Tierstimmen im Buch. Zwar gibt es hier schon diverse Stift-Systeme, die es ermöglichen, während des Blätterns im Buch die Geräusche abzuhören. Der Natur-Verlag Wawra bietet aber auf seiner Webseite alle Tierstimmen als Audios an und das in wirklich exzellenter Qualität.

Zu den Vögeln im Buch

Das Naturbuch widmet sich auf fünfzig Seiten der heimischen Vogelwelt und diese gehören für mich natürlich zum Spannendsten, was es zu bieten hat. Es geht um Singvögel, Krähen und Rabenvögel, Spechte, Schwalben und Mauersegler, Greifvögel und Eulen.

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Darstellungen von häufig zu findenden Federn. Aus: Wawra’s Naturbuch. Seite 108/109

Die Singvögel werden auf acht Seiten dargestellt, ihr Nistplatz erwähnt und der Gesang beschrieben. Und hier bewährt sich auch das Zusammenspiel mit der Webseite und den Vogelstimmen dort. Das Lauschen auf den Gesang der heimischen Vögel ist eine Praxis, der sich fast das ganze Jahr über gewidmet werden kann, denn die musikalische Naturuhr beginnt bereits im Januar zu spielen.

Krähen und Rabenvögel sind auch für Kinder (besonders im Spätherbst und Winter) sehr gut zu beobachten, sowohl auf den Feldern als auch in der Stadt. Auch die großen Krähennester lassen sich dann gut in den kahlen Bäumen erkennen.

Sommervögel sind dagegen die Schwalben und Mauersegler, die sich besonders gut in den Abendstunden beobachten lassen. Spannende Momente sind der Beginn des Vogelzugs in die Wintergebiete, die sich bei Schwalben und Mauerseglern sehr unterschiedlich gestalten. Während man Schwalben in immer größer werdenden Schwärmen auf Stromleitungen und Hausdächern beobachten kann, sind die Mauersegler quasi über Nacht einfach weg.

Verwundert hat mich in diesem Zusammenhang, dass das Buch nichts über Störche und Reiher erwähnt, die für Naturerkundungen mit Kindern prima geeignet sind. Dafür – und das ist wiederum ebenso ungewöhnlich – widmet es sich Spechten, die nun ganz und gar nicht leicht zu beobachten sind. Aber es muss ja auch nicht immer einfach sein. Spechte hinterlassen jede Menge Spuren an Bäumen und um sie herum und ihr Trommeln ist fast das ganze Jahr über zu hören. Für die Spechtspuren, insbesondere die Spechtschmieden, kann man einige Seiten im Buch zurückblättern, denn diese werden bei den Fraßspuren (Zapfen und Haselnüsse) vorgestellt.

Unter den Greifvögeln werden die häufigsten – Rotmilan, Mäusebussard, Turmfalke, Habicht – gezeigt. Aber auch weniger häufige Arten wie See- und Steinadler, Wespenbussard oder Wanderfalke haben einen Platz auf den sechs Seiten gefunden. Interessant ist hier der Aktionsvorschlag, sich nach einer Webcam in der Umgebung zu erkundigen und dann die Jungvögel beim Verlassen des Nestes vor Ort zu beobachten.

Ebenfalls sechs Seiten sind den Eulen gewidmet – ungemein spannend, weil die nachtaktiven Tiere sich nicht leicht beobachten lassen und zudem sehr selten geworden sind. Schön ist daher,  dass die Lebensräume vorgestellt werden, sodass man sich gezielt auf die Suche machen kann.

Auf weiteren acht Seiten dreht sich alles um Nester und Gelege, Nisthilfen und Lieblingsbrutplätze. Hier gibt es nicht nur viel zu lernen, sondern durch zahlreiche, kreative Aktionsvorschläge auch jede Menge Betätigungsraum.

Einen schönen Abschluss des Vogelteils bildet das Kapitel um die Glücksfeder. Neben Wissenswertem rund um Federn und wie Vogel sie pflegt und mitunter auch verliert, sind einige der häufig zu entdeckenden Federn dargestellt. Was nun genau die Glücksfeder ist, muss aber jeder selbst herausfinden.

Ein Wort zu den Illustrationen

Johannes Wawras Anteil an dem Buch sind die Zeichnungen von Tieren, Vögeln und Pflanzen.
Der studierte Kommunikationsdesigner und freiberufliche Grafik-Designer gründete 1997 den Natur-Verlag Wawra und steuert seitdem alle Illustrationen für die oben bereits erwähnten Publikationen bei. Er gestaltet Pastellzeichnungen auf höchstem Niveau. Bei den Vogeldarstellungen im Buch zeigt sich sein sensationelles Talent von seiner schönsten Seite. Für mich rangiert sein schöpferisches Werk ganz oben unter den Naturzeichnern mit, zwischen Una Jacobs Aquarellzeichnungen, Christopher Schmidts Naturillustrationen oder Joris De Raedts Naturalismus.

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Heimische Eulenarten im Überbick. Aus: Wawra’s Naturbuch. Seite 94/95
Fazit

Ich bin begeistert, dass dieses Buch so ausdrücklich an Kinder gerichtet ist, um ihre Neugier zu wecken und ihren Forscher- und Entdeckerdrang wach zu kitzeln. Die Buchform lädt im Gegensatz zu den zahlreichen anderen Materialien zu ganz selbstständigem Schmökern ein, was Kinder auf ihren Abenteuern an Bach und Feldrand dann auch ganz eigenständig erinnern und anwenden können (zumindest ist das die Erfahrung mit meinen Kindern).

Das Buch macht aber auch Erwachsenen Lust auf Natur. Es ist so klug und behutsam erarbeitet, so schön und liebevoll gestaltet, dass der Funke auf den Leser überspringen wird. Und das ist wichtig. Das ist es, was das Buch will. Es will nicht selbst geliebt werden, sondern zur Natur überleiten, nach draußen locken und ihr die letzte Überzeugungsarbeit überlassen.
Das Buch klingt mit einer beispielhaften Frühlingsexkursion aus, bei der Hummel, Erdkröte, Zitronenfalter, Frühlingsblüher und Zilpzalp die Hauptrollen spielen. Erlebnisreiche Nachahmungen sind erwünscht.

Datenblatt

Titel: Wawra’s Naturbuch. Band 1: Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien
Autor: Ursula Wawra
Illustrator: Johannes Wawra
Einband: gebundene Ausgabe, 152 Seiten
Auflage: 1., erschienen im: Juni 2018
Verlag: Natur-Verlag Wawra
ISBN: 978-3-9815485-5-6

Alle Abbildungen und Zitate mit Genehmigung des Verlags.

Links

Wawra’s Naturbuch, Band 1: Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien
(Thalia.de-Portal)
Tierstimmen auf der Seite des Natur-Verlag Wawra

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