Naturerlebnis in der Guttauer Teichlandschaft

Natur ganz nah erleben – das ist der Gedanke hinter Naturlehr- oder -erlebnispfaden. Doch schnell merkt man dabei auch, dass dem pädagogischen Gedanken oft mehr gedient ist, als einer tatsächlichen Begegnung mit der Natur. Nicht so an den Guttauer Teichen. Auf dem Naturlehrpfad lässt sich tatsächlich für aufmerksame Beobachter eine erstaunliche Artenvielfalt auf kleinem Raum erleben.

Das Gebiet liegt zwischen Wartha, Lömischau und Guttau im südlichen Teil des UNESCO Biosphärenreservats Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft, etwa 20 Kilometer von Bautzen entfernt.
In Wartha befindet sich das Besucherzentrum „Haus der Tausend Teiche“ mit großem Parkplatz. Das Gebäudeensemble beherbergt auch die Verwaltung des Biosphärenreservats. In der Hofmitte ist ein kleiner Teich, in dem im Spätsommer die Rotbauchunken in der Dämmerung ihre hupenden Rufe hören lassen. Aber auch Ringelnattern, kleine Vögel, Teichfrösche und Mäuse haben wir schon in diesem kleinen Biotop entdecken.

Auszug der Übersichtskarte am Haus der tausend Teiche, dem Besucherzentrum des Biosphärenreservats.

Vom Besucherzentrum aus führt der Weg über drei Routen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten durch die Teichlandschaft, vorbei an Wiesen und Feldrainen und durch Auwaldhaine.
Der Lehrpfad hält einiges für die Besucher bereit: eine ganze Reihe von Informationstafeln zu den Lebensräumen, zur Teichwirtschaft und ihrer zahlreichen Bewohner, Mitmachspiele sowie mehrere Beobachtungsplattformen und -türme. Die größte Runde umfasst etwa acht Kilometer und damit jeden der drei Themenschwerpunkte.

Vom „Haus der tausend Teiche“ startet der Rundgang zunächst entlang von Feldern und durch einen Auwald zu den Teichen. Über dem extensiv bewirtschafteten Ackerland, das mit einer lila blühenden Mohnsorte und Urgetreide bepflanzt ist, drehen Rot- und Schwarzmilane ihre Kreise.

Eine Nutria (Myocastor coypus) im Schilfteich,
wo ein großer Steg den „Wasserweltenblick“ ermöglicht

Ende April, Anfang Mai ist ein Rundgang durch die Teichlandschaft besonders schön. Unter das Quaken von Fröschen mischt sich das Schnarren und Pfeifen der Drosselrohrsänger oder das Knattern der balzenden Haubentaucher. Wer genau hinhört, erkennt Blässhuhn, Flussseeschwalbe, Graugans, Wendehals, Rohrschwirl, Höckerschwan, Kuckuck und sogar Nachtigall und Rohrdommel. Für dieses akustische Spektakel gibt es auf der Naturerlebnis-Route so genannte Stille Strecken. Unter dem Motto „Atmet! Seht! Lauscht!“ werden Besucher angehalten, schweigend und mit geschärften Sinnen die kleinen Pfade entlang der Teiche zu gehen. Eine äußerst anspruchsvolle Übung nicht nur für Kinder. Dahinter steckt aber auch die Absicht, bestimmte Wegstrecken ruhig zu halten, da sie an Gebieten mit störungsempfindlichen Arten besiedelt sind, insbesondere während der Brutsaison. Schon aus diesem Grund sollte man Stille Strecken auch mit der gebotenen Ruhe passieren.


Was ist eigentlich ein Biosphärenreservat?

Der Begriff setzt sich zusammen aus „Biosphäre“ (Lebensraum) und „Reservat“ (Bewahrtes) – also ein Bewahrter Lebensraum. Dieser schließt Menschen, Nutz- und Wildtiere ein und besteht sowohl aus Natur- als auch Kulturlandschaften. Im Gegensatz zu reinen Naturschutzgebieten vereint ein Biosphärenreservat Kulturraum und Naturraum miteinander und will beides erhalten und fördern.

Nachhaltigkeit, Naturschutz, Forschung und Bildung

Ziel dabei ist, das Naturschutz mit und durch die Menschen vor Ort umgesetzt wird. Um Natur und Menschen zu berücksichtigen, gibt es verschiedenen Zonen. In der Oberlausitzer Region sind es vier.

In der Kernzone (Totalreservate mit Betretungsverbot) und der Pflegezone (naturverträgliches Wirtschaften) befinden sich die Naturschutzgebiete.

Die Entwicklungszone stellt den Hauptbereich menschlichen Lebens und Wirtschaftens dar.

Eine Besonderheit in der Lausitz ist die Regenerierungszone, in der die ehemaligen Tagebauareale liegen. Hier findet durch eigenständige Entwicklung eine Renaturierung statt.

Die ländlich geprägte Oberlausitz ist auf nachhaltige, naturschonende Lebens- und Wirtschaftsformen angewiesen. In der Verbindung zwischen dem Erhalt der Naturlandschaft und der historisch gewachsenen Kulturlandschaft ist auch qualitativ hochwertiger Tourismus angesiedelt.

Teil des von der UNESCO initiierten Konzeptes ist aber auch die Kooperation und Vernetzung der weltweit 741 Biosphärenreservate, um erfolgreiche Ansätze über die nachhaltige Entwicklung von Naturschutz und Wirtschaft zu teilen.


Am Schilfteich wurde 2019 eine neue Beobachtungsplattform eingerichtet. Vom Besucherzentrum kommend ist er der erste Teich, den man erblickt. Er ist von Schilf umstanden und bietet zahlreichen Amphibien, Vögeln und Säugetieren Lebensraum. Der Blick geht zwar Richtung Süden, was an sonnigen Tagen etwas stört, zumal es keine Überdachung auf der Plattform gibt. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und etwas Geduld mitbringt, kann hier unter anderem Rohrsänger, Fischadler, Flussseeschwalben, Biber und im Spätsommer sogar Zwergdommeln beobachten.

  • Blaesshuhn

In den sonnendurchfluteten, warmen Uferzonen tummeln sich im Frühling Unmengen von Kaulquappen. Die Entwicklung der Froschkinder ist Mitte Mai schon gut voran geschritten. Ihre großen Köpfe ähneln zwar immer noch Fischen und außer dem langen, flatterigen Schwanz ist von Gliedmaßen noch nichts zu sehen, aber die Kiemenbüschel sind schon verschwunden und mit ihren Mäulern schnappen sie nach Luft an der Wasseroberfläche, wodurch sie sich bestens beobachten lassen. Am Dorfteich, dem südlichsten der Teichgruppe nahe Guttau, hängt mein Sohn einen Fuß ins Wasser und lässt sich von den Kaulquappen anknabbern. Er kichert, denn es kitzelt. Ich dagegen staune über die beneidenswerte Mischung aus kindlicher Neugier und Mut. Aber der Junge weiß auch nichts von Etymologie. Die jagt einem bei dem Wort Kaulquappe Schauer über den Rücken. „Quappe“ geht vermutlich auf das Mitteldeutsche zurück und meint schwabbelig, schleimig, während der Wortteil „Kaul“ (der auch im Quarkkäulchen vorkommt) dicker Kopf oder Kugel bedeutet.

Im Dorfteich machen wir noch andere Entdeckungen. Neben zahlreichen Teichfröschen sehen wir Spitzschlammschnecken und Posthornschnecken. Überhaupt lassen sich im Jahresverlauf zahlreiche Libellenarten und Schmetterlinge in der Teichlandschaft beobachten. Eine Ringelnatter schlängelt sich mit gerecktem Kopf durchs Wasser und verschwindet im Schilfdickicht. Beobachten kann man das aus einer winzigen Holzhütte, die über einen schmalen Steg zu erreichen ist. Knifflig für Erwachsene, aber ein großer Spaß für Kinder.

Rund um den Dorfteich führt die zweite Route des Naturlehrpfads unter dem Thema „Vom Fischer und vom Karpfen“ entlang, die sich mit der Teichwirtschaft befasst.
Der Begriff „Lausitz“ geht auf das slawische luzicy zurück und bedeutet Sumpf. Bereits vor tausend Jahren war die Region als Sumpfland mit ausgedehnten Feuchtwiesen, Moor- und Auwäldern bekannt. Zur Entwässerung wurden Teiche angelegt, die Weide- und Ackerland ermöglichten. Gleichzeitig nutzte man die neu entstandenen Gewässer für die Fischzucht. Auf diese Weise entstand eine einzigartige naturnahe Kulturlandschaft. Um Guttau befinden sich dreizehn Teiche, die alle durch Überläufe und Gräben miteinander verbunden sind. Somit kann der Wasserstand gut reguliert werden.
Die Teiche haben keinen Zufluss. Das einzige Fließgewässer in der Nähe ist das Löbauer Wasser, welches in einem westlichen und einem östlichen Arm das Teichgebiet umfließt und sich unweit von Lömischau mit der Spree vereint.

Warthsche Wiesen

Die Warthschen Wiesen vom Beobachtungsturm am Brösaer Teich.

Der östliche Arm, das so genannte Alte Fließ, speist die Warthschen Wiesen, eine ausgedehnte Nasswiese zwischen dem Brösaer Teich und dem Olbasee bei Wartha. Vom Dorfteich aus führt die dritte Route „Vom Umgestalten der Landschaft“ durch Wald und später entlang von Feldern und Wiesen. Wir passieren wieder eine Stille Strecke durch Laubwald und gelangen an den Brösaer Teich. Dort gibt es einen Beobachtungssturm über den See auf der einen und die Warthschen Wiesen auf der anderen Seite.

  • Broesaer Teich

Die Nasswiese ist Brutgebiet für Bekassine, Wachtelkönig, Rohrammer, Neuntöter und Schwarzkehlchen. Regelmäßig lassen sich hier Rehe beobachten. Im Spätsommer ziehen sogar Bienenfresser durch und rasten an der Wiese. Auf dem See befindet sich eine große, quadratische Holzplattform. Flussseeschwalben tummeln sich dort in einer Brutkolonie, während sich Graugänse im Ufersaum auf der anderen Seeseite den Nachmittag vertreiben. Mit etwas Geduld lassen sich hier auch Nutria, Eisvögel und Wasserrallen beobachten.

Im September, wenn der Hopfen reif ist, sammeln sich die geschickten Grünfinken (Carduelis chloris) in luftiger Höhe, um die Samen aus den Dolden zu knabbern.

Dem Artenreichtum in der Teichlandschaft ist es zu verdanken, dass kein Augenblick ohne eine Entdeckung zu verstreichen scheint. Ein Besuch in der Guttauer Teichlandschaft bietet durchweg erlebbare Natur. Vieles von dem, was in den Broschüren beschrieben wird, lässt sich für aufmerksame Beobachter auch tatsächlich sehen oder hören.

Im Besucherzentrum erwartet den Besucher eine Ausstellung zur Geschichte und Ökologie der Teiche. Es gibt einen kleinen Shop und ein Bistro. Als Imbiss kann man zum Beispiel Hecht- und Karpfenbouletten aus der Teichwirtschaft, Wiener vom Galloway aus Biohaltung oder Kuchen aus regionalen Bäckereien probieren, die übrigens mit dem Korn und Mohn backen, der auf dem Ackerland neben dem Besucherzentrum gedeiht.
Hinter dem Gebäude befindet sich ein Abenteuerspielplatz, der seinesgleichen sucht. Eine Wasser- und Sandlandschaft lädt mit Pumpe, Wasserrad und Blecheimer dazu ein, Teiche anzustauen, Kanäle und Überläufe zu schaffen und vor allem ordentlich zu planschen. Das lässt selbst „große Kinder“ nicht kalt.

Wasserspiele

Wasserspielplatz am Besucherzentrum

Wie oft auch in anderen Naturregionen empfiehlt es sich, unter der Woche vorbei zu schauen, nicht nur der ungestörten Beobachtung wegen, sondern auch der Natur zuliebe. Als Kernstück des Biosphärenreservats ist das Teichgebiet natürlich Besuchermagnet. Obendrein ist die Teichgruppe für Radfahrer zugänglich – was ich nicht überall gutheißen kann, insbesondere auf den Stillen Strecken.

Auch wenn die Teiche so etwas wie ein naturpädagogisches Schauobjekt sind, zeigt doch ihre enorme Artenvielfalt, dass es vor allem ein Stück Natur ist und als solche auch wahrgenommen und respektiert werden muss.

Links

Zum GURKENGLAS


Über die Heide- und Teichlandschaft
Homepage des UNESCO Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft mit Beitrag zum Naturerlebnispfad Guttauer Teichlandschaft
Homepage des Besucherzentrum „Haus der Tausend Teiche“
Zur Zonierung des Biosphärenreservats mit einer Übersichtskarte

Zum Thema Biosphärenreservat
Beiträge der Deutschen UNESCO-Kommision: Biosphärenreservate in Deutschland und Jahrhunderte alte Teichwirtschaft und Deutschlands schönste Wiese

Vierflecklibelle (Libellula quadrimaculata) am Schiedesteich.

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