Naturlehrpfad Guttauer Teiche

Zur Belohnung gibt es Hechtboulette.  In der Lausitz sagt man das so… Boulette: bu-let-te. Das ist feines Französisch, welches man sich hierzulande aneignete, als Napoleon im Mai des Jahres 1813 mit den Sachsen als Verbündete gegen Preußen die Schlacht bei Bautzen gewann. Der Kampf kostete beide Seiten mehr als zehntausend Gefallene und noch im selben Jahr musste Napoleon sich nach der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen geben. Doch die Boulette (zu deutsch: Kügelchen) blieb und ersetzte fortan den profanen Bratklops.

Der Hecht in der Boulette stammt aus der hiesigen Teichwirtschaft und bevor wir es uns schmecken lassen wollen, folgen wir mehrere Stunden und Kilometer dem Naturlehrpfad Guttauer Teiche, um uns einen Eindruck von der Heimat des Hechts zu verschaffen.

Auszug der Übersichtskarte am Haus der tausend Teiche, dem Besucherzentrum des Biosphärenreservats.

Das Gebiet liegt zwischen Wartha, Lömischau und Guttau im südlichen Teil des UNESCO Biosphärenreservats Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft.
Vom Besucherzentrum „Haus der Tausend Teiche“ in Wartha aus führt der Weg über drei Routen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten durch die Teichwirtschaft, entlang an Wiesen und Feldrainen, vorbei an ehemaligen Gruben und Abraumhalden.
Der Lehrpfad hält viele Informationstafeln, Mitmachspiele und Beobachtungsplattformen und -türme für die Besucher bereit. Die größte Runde umfasst etwa acht Kilometer und damit jeden der drei Themenschwerpunkte.
Chloé bekommt wieder die Karte mit der Wanderstrecke überreicht und schon geht es los!

Drosselrohrsänger (Acrocephalus arundinaceus)

Vom Besucherzentrum aus führt die Route „Vom Erspüren der Natur“ zunächst entlang von Feldern und Wäldchen. Ein Schwarzmilan dreht seine Kreise über dem Acker. Durch einen kleinen Wald mit hohen Buchen, deren Kronen mächtig im frischen Wind rauschen, geht es weiter zu den Teichen.

Biber (Castor fiber) im Schilfteich, wo ein großer Steg den „Wasserweltenblick“ ermöglicht

Schon auf der Fahrt von Guttau nach Lömischau passierten wir den Bassaker Teich und den Altdubinteich, auf denen sich solche Mengen an Schwänen tummeln, dass man augenblicklich weiß, im Schutzgebiet angekommen zu sein. Schnell wird auf unserem Weg durch die Teichlandschaft klar, dass Höckerschwäne nur der offensichtlichste Teil der Fauna sind. Aus dem dichten Röhricht klingen seltsame, unbekannte Stimmen.

Beobachtungsturm Großteich
Beobachtungsturm am Großteich

Was sich im ersten Moment anhört wie das Zirpen von Grillen oder Quaken von Fröschen, ist in Wirklichkeit das Schnarren und Pfeifen eines Drosselrohrsängers oder das Knattern eines Haubentauchers. Das Rufen eines Blässhuhns ist zwischen diesen fremden Vogelstimmen noch am bekanntesten. Und das ist nur die Geräuschkulisse aus dem Röhrichtdschungel. Über uns in den Bäumen trällert und zwitschert es, Flussseeschwalben schnarren und keckern zwischen den kehlig-schnatternden Rufen der Graugänse und ja, selbst der Kuckuck hat hier etwas zu erzählen, ferne über den Wiesen. Für dieses akustische Spektakel gibt es auf der Naturerlebnis-Route so genannte Stille Strecken. Unter dem Motto „Atmet! Seht! Lauscht!“ werden wir angehalten, schweigend und mit geschärften Sinnen die kleinen Pfade entlang der Teiche zu gehen. Eine äußerst anspruchsvolle Übung für die Kinder.

Blaesshuhn

Sie haben nämlich in der Zwischenzeit in den sonnendurchfluteten, warmen Uferzonen Unmengen von Kaulquappen entdeckt. Die Entwicklung der Froschkinder ist schon gut voran geschritten. Ihre großen Köpfe ähneln zwar immer noch Fischen und außer dem langen, flatterigen Schwanz ist von Gliedmaßen noch nichts zu sehen, aber die Kiemenbüschel sind schon verschwunden und mit ihren Mäulern schnappen sie nach Luft an der Wasseroberfläche, wodurch sie sich bestens beobachten lassen. Am Dorfteich, dem südlichsten der Teichgruppe nahe Guttau, hängt Ephraim einen Fuß ins Wasser und lässt sich von den Kaulquappen anknabbern. Er kichert, denn es kitzelt. Ich dagegen staune über die beneidenswerte Mischung aus kindlicher Neugier und Mut. Aber Ephraim weiß auch nichts von Etymologie. Die jagt einem bei dem Wort Kaulquappe Schauer über den Rücken. „Quappe“ geht vermutlich auf das Mitteldeutsche zurück und meint schwabbelig, schleimig, während der Wortteil „Kaul“ (der auch im Quarkkäulchen vorkommt) dicker Kopf oder Kugel bedeutet.

Im Dorfteich machen wir noch andere Entdeckungen. Neben zahlreichen Teichfröschen sehen wir Spitzschlammschnecken und Posthornschnecken. Sogar eine Ringelnatter schlängelt sich mit gerecktem Kopf durchs Wasser und verschwindet im Schilfdickicht.

Eichenallee
Der Hohlweg zwischen Großteich und Dorfteich. Auch hier gibt es zwei Beobachtungsplattformen und am Ende des Weges eine kleine Hütte mit Blick über den Dorfteich.

Rund um den Dorfteich führt die zweite Route des Naturlehrpfads unter dem Thema „Vom Fischer und vom Karpfen“ entlang, die sich mit der Teichwirtschaft befasst.
Der Begriff „Lausitz“ geht auf das slawische luzicy zurück und bedeutet Sumpf. Bereits vor tausend Jahren war die Region als Sumpfland mit ausgedehnten Feuchtwiesen, Moor- und Auwäldern bekannt. Zur Entwässerung wurden Teiche angelegt, die Weide- und Ackerland ermöglichten. Gleichzeitig nutzte man die neu entstandenen Gewässer für die Fischzucht. Auf diese Weise entstand eine einzigartige naturnahe Kulturlandschaft. Um Guttau befinden sich dreizehn Teiche, die alle durch Überläufe und Gräben miteinander verbunden sind. Somit kann der Wasserstand gut reguliert werden.
Die Teiche haben keinen Zufluss. Das einzige Fließgewässer in der Nähe ist das Löbauer Wasser, welches in einem westlichen und einem östlichen Arm das Teichgebiet umfließt und sich unweit von Lömischau mit der Spree vereint.

Warthsche Wiesen
Überschaubar: Die Warthschen Wiesen vom Beobachtungsturm am Brösaer Teich. Ende August kann man mit etwas Glück hier auch Bienenfresser beobachten.

Der östliche Arm, das so genannte Alte Fließ, speist die Warthschen Wiesen, eine ausgedehnte Nasswiese zwischen den Teichen und dem Olbasee bei Wartha. Vom Dorfteich aus führt die dritte Route „Vom Umgestalten der Landschaft“ zuerst durch Wald und später vorbei an Erbsenfeldern zu den Wiesen. Zwei Rehe flüchten in in ein nahes Wäldchen. Wir passieren wieder eine Stille Strecke durch Laubwald und gelangen an den Brösaer See. Dort gibt es einen wunderbaren Aussichtsturm über den See auf der einen und die Warthschen Wiesen auf der anderen Seite. Auf dem See befindet sich eine große, quadratische Holzplattform. Flussseeschwalben tummeln sich dort in einer Brutkolonie, während sich Graugänse im Ufersaum auf der anderen Seeseite den Nachmittag vertreiben.

Broesaer Teich
Künstliche Brutinsel der Flussseeschwalben auf dem Brösaer Teich

Auch hier dringen von allen Seiten zumeist unbekannte Stimmen zu uns. Klar ist, dass ein einziger Ausflug auf dem Naturlehrpfad nicht ausreicht, um wenigsten zwei oder drei dieser fremden Geschöpfe zu Gesicht zu bekommen. Auch ist meine Ausrüstung für diese Art von Vorhaben nicht gemacht, es fehlen ein Fernglas und ein vernünftiges Teleobjektiv. Und natürlich Zeit… Obwohl wir vier Stunden brauchen, um zu unserem Ausgangspunkt am „Haus der Tausend Teiche“ zurückzukehren, haben wir doch überall nur wenige Minuten verbracht. Dem Artenreichtum in der Teichlandschaft ist es zu verdanken, dass dennoch kein Augenblick ohne eine Entdeckung verstrichen ist. Von den gelben Sumpf-Schwertlilien an den Teichufern, über die Haubentaucher auf dem Großteich, dem lila blühenden Silberblatt in der Hecke zu den Bauerngärten oder dem immer wieder schönen Weißstorch über den Dorfwiesen bot der Besuch in der Guttauer Teichlandschaft durchweg erlebbare Natur. Vieles von dem, was in den Broschüren beschrieben wurde, haben wir auch tatsächlich gesehen oder gehört.
Ein paar Sichtungseinträge mehr in meiner Ausgabe von „Was fliegt denn da?“

Ach ja… und die Hechtboulette! Absolut empfehlenswert, äußerst schmackhaft und ein Genuss ohne Reue, denn bei schlanken 90 Kilokalorien je 100g Hechtfleisch kann man es sich ordentlich schmecken lassen. Dazu haben wir auch noch die Karpfenboulette probiert und ein Paar Wiener vom Galloway. Man bekommt die leckeren, regionalen Speisen im Besucherzentrum.
Hinter dem Gebäude befindet sich ein Abenteuerspielplatz, der seinesgleichen sucht. Eine Wasser- und Sandlandschaft lädt mit Pumpe, Wasserrad und Blecheimer dazu ein, Teiche anzustauen, Kanäle und Überläufe zu schaffen und vor allem ordentlich zu planschen. Das lässt selbst „große Kinder“ nicht kalt.

Wasserspiele
Wasserspielplatz am Besucherzentrum
Links

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Über die Heide- und Teichlandschaft
UNESCO Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft
Naturerlebnispfad Guttauer Teichlandschaft
Besucherzentrum „Haus der Tausend Teiche“

Über Vögel
Webseite zur Bestimmung heimischer Vogelarten durch ihre Rufe (www.deutsche-vogelstimme.de)
Vogelbestimmungsbuch „Was fliegt denn da?“ (Thalia.de-Portal)

Zur Geschichte
Schlacht bei Bautzen 1813 (Wikipedia)


Vierflecklibelle (Libellula quadrimaculata) am Schiedesteich.

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