„Schräge Vögel“ von Uwe Westphal

Bereits 2015 erschienen, ist das Buch, welches den Untertitel „Begegnungen mit Rohrdommel, Ziegenmelker, Wiedehopf und anderen heimischen Vogelarten“ trägt, nicht mehr brandneu, wohl aber brandaktuell. Denn seither hat sich kaum etwas an den Charakteristiken der vorgestellten Vogelarten geändert, oder an der zum Teil prekären Situation ihrer Lebensbedingungen. Schon allein das macht es wert, das Buch einmal mehr vorzustellen.

Liebe auf den ersten Blick

Es ist ein rundherum schönes Buch, informativ, liebevoll illustriert, kurzweilig und mit einem sehr angenehmen Layout und Format. Ich hatte selten ein Buch, das so gut in der Hand lag wie dieses. Es bewegt sich mit 22,5cm x 15,5cm etwa bei A5-Format. Das glatte, feste Papier ist zu 100% recycelt und hat eine cremeweiße Farbe. Die Schrift ist zwar recht klein, doch insgesamt wirkt der Text durch die breiten Seitenränder übersichtlich, ja sogar luftig. Das Buch ist farbig und reich illustriert, im Durchschnitt etwa auf jeder zweiten Seite.

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Der Buntspecht. Illustration: Christopher Schmidt. Aus: Schräge Vögel (Seite 156)
Inhalt und Autor

Der inhaltliche Aufbau des Buches ist recht konsequent: jede Art wird hinsichtlich Vorkommen und Verhaltensweise vorgestellt. Ein Aspekt liegt dabei auf der Erläuterung des Namens, der dem Buchtitel folgend meist etwas „schräg“ klingt und auf das Verhalten (Lautäußerungen, Lebensraum, Nahrung etc.) zurückzuführen ist. Oft kann Westphal auch die regional verschiedenen Bezeichnungen einzelner Arten erläutern sowie deren mythologische Hintergründe oder Ableitungen aus dem Volksglauben aufzeigen.

Volkstümlich ist auch das Wort „kiebitzen“ im Sinne von „jemandem in die Karten schauen“. Es soll zwar von „kibitschen“ (beobachten) abgeleitet sein, einem Begriff aus der Gaunersprache früherer Zeiten, doch könnte beides auf das Verhalten des Kiebitzes bei der Nahrungssuche zurückgehen: Die Vögel ernähren sich von Regenwürmern und Insekten, die sie am Boden oder in niedriger Vegetation finden. Dabei Trippeln sie ein Stück, um dann unvermittelt zu stoppen und mit häufig leicht schief geneigtem Kopf den Boden zu taxieren. Das mag Beobachter an die Kopfhaltung erinnert haben, mit der ein Mensch einem anderen unauffällig in die Karten (oder das Schulheft) zu schauen versucht.

Seite 59/60

In dieser und ähnlicher Weise beschreibt Westphal im Laufe seines Buches 59 Arten ausführlich und streift dabei noch ein gutes Dutzend weitere.

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Knutts. Illustration: Christopher Schmidt. Aus: Schräge Vögel (Seite 23)

Westphal gliedert das Buch nach Lebensräumen von Inseln und Küsten über Binnengewässer, Moore und Feuchtwiesen, Trockenbiotope, naturnahes Kulturland, Hecken, Gebüsche und Wald bis hin zu Felsen und Gebäuden. Dass diese Einteilung nicht ganz unproblematisch ist, erklärt Westphal so:

Die jeweiligen Oberbegriffe der Lebensraumtypen umfassen teilweise ein recht breites Spektrum unterschiedlicher Ausprägungen. So sind etwa die „Binnengewässer“ ein Sammelbegriff für Weiher, Teiche und Seen, Bäche und Flüsse […] – Lebensräume die teilweise sehr unterschiedlich aussehen  können, aber doch in prägenden ökologischen Parametern übereinstimmen.

Seite 8

Dementsprechend sind nicht alle unter dem Abschnitt „Binnengewässer“ aufgeführten Arten an jedem beliebigen Binnengewässer zu finden, weil sich der Lebensraum Teich vom Lebensraum Fluss grundlegend unterscheidet.
Aber es geht dem Buch auch nicht um taxonomische Fragen. Es widmet sich dagegen ausführlich den teils kuriosen, teils erstaunlichen Verhaltensweisen heimischer Vögel.

Damit der federleichte Vogel überhaupt unter Wasser bleiben kann, macht er sich die Gesetzmäßigkeiten der Strömungsphysik zunutze: Er taucht stets gegen die Strömung, beugt den Kopf schräg vornüber, breitet die Flügel halb aus und stellt den kurzen Schwanz steil nach oben. In dieser Haltung drückt die Strömung den Vogel automatisch nach unten. Zur Fortbewegung unter Wasser nutzt die Wasseramsel ihre Füße, vor allem aber die biegsamen Handschwingen der halb angelegten Flügel, denn die Zehen haben keine Schwimmhäute wie etwa bei einer Ente. In ganz flachem Wasser streckt sie nur ihren Kopf unter Wasser. Auch das Stoßtauchen von einer Ansitzwarte nach Art des Eisvogels soll die Wasseramsel beherrschen – diese Jagdtechnik konnte ich selbst allerdings noch nie beobachten.

Seite 33/34

Uwe Westphal ist Biologe. Sein Studium absolvierte er in Marburg an der Philipps-Universität und war danach hauptamtlich für die Naturschutz-Akademie in Wetzlar und den NABU Landesverband Hamburg tätig. Sein Aufgabenrepertoire reichte von Umweltpädagogik über Öffentlichkeitsarbeit und Beratung hin zu redaktioneller Tätigkeit. Seit 2003 leitet er freiberuflich Naturexkursionen, verfasst Bücher oder schreibt für Fachzeitschriften. Neben Peter Berthold dürfte er hierzulande zu den bekanntesten Ornithologen zählen, da er sich seit einigen medienwirksamen Fernsehauftritten einen Namen als Tierstimmen-Imitator gemacht hat.

Seine Exkursionen (überwiegend in und um Hamburg) kann man über seine Homepage oder über birdingtours buchen. Dort finden sich auch Erfahrungsberichte von Teilnehmern.

Ein wichtiger Aspekt, mit dem Westphal sein Buch auch abschließen lässt, ist der Artenschutz. Nahezu jede der vorgestellten Vogelarten ist in unterschiedlich starkem Ausmaß in ihrem Fortbestand bedroht. Westphal nennt während seines Streifzugs durch die heimische Vogelwelt drei wesentliche Faktoren, die Vögel und ihren Nachwuchs gefährden: die intensive Landwirtschaft, der Klimawandel und die Zerstörung natürlicher Lebensräume. Ein weltbekanntes Trio…

Doch es geht Westphal auch um die Erfolge im Artenschutz, etwa bei Kranichen, Uhus oder dem Waldrapp. Entsprechende Schutzmaßnahmen und –projekte haben zu einer Erholung und Stabilisierung der Bestände geführt. Beim Waldrapp gar zur ersten Wiederansiedlung seit über dreihundertfünfzig Jahren. Westphal plädiert aber nicht für einen Schutz um jeden Preis, denn Wandel und Veränderung gehören zur Natur und ermöglichen auch neuen Arten wie dem Bienenfresser, sich zu etablieren.

Trotzdem stellen sich – bei allem Respekt vor dem Einsatz der Trappenschützer und im Wissen um die weltweite Gefährdung der Großtrappe – grundsätzliche Fragen: Ist der enorme Aufwand gerechtfertigt, um in Deutschland eine Vogelart, die in der heutigen Agrarlandschaft keinerlei Überlebenschance hat und die es ohne den landschaftsprägenden Einfluss des Menschen hierzulande ursprünglich nie gegeben hätte, quasi in einer Art Freilandzoo zu erhalten? Wäre es nicht sinnvoller, die hierfür investierten erheblichen Finanzmittel effektiver einzusetzen, etwa zur Errichtung gut organisierter Schutzgebiete in den heutigen Kernzonen ihrer Verbreitung, zum Beispiel in Spanien, wo mit aktuell 23 000 Vögeln die weltweit größte Großtrappenpopulation lebt, oder in den weiten Steppen Russlands, Kasachstans oder der Ukraine?

Seite 85

Illustrationen

Die über fünfzig detailreichen Zeichnungen verdankt das Buch dem Naturmaler Christopher Schmidt. Der Biologie- und Englischlehrer ist ebenfalls Reiseleiter bei birdingtours (Litauen) und publizierte selbst einige Bücher. Dazu gibt es seine detailreichen und vitalen Zeichnungen auch als Karten und Drucke oder im jährlich erscheinenden Naturkalender. Schmidt führt außerdem einen Blog über seine Reisen und Arbeiten.

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Die Rohrdommel. Illustration: Christopher Schmidt. Aus: Schräge Vögel (Seite 47)

Ohne Vögel in freier Natur zu beobachten, um ihr typisches Erscheinungsbild und Verhalten kennenzulernen, wird man sie kaum überzeugend malen können.

-Christopher Schmidt

Fazit

Es ist Westphals langjährige – vielleicht lebenslange – Erfahrung, welche die vielen bildhaften Beschreibungen der Lebensweisen und Rufe der Vögel ermöglicht. Sie resultieren aus Erlebtem, sind authentisch und durchweg persönlich. Dies gibt dem Buch einen ganz entscheidenden Charakter jenseits von Nachschlagewerken. Es hält zu den gewählten Vogelarten weit mehr Wissenswertes bereit als der Svensson (der natürlich auch ein ganz anderes Anliegen verfolgt). Es mag kein Buch für alteingesessene Ornithologen sein, aber sehr gut geeignet für alle Neulinge in der faszinierenden Welt der Vogelbeobachtung. Und ist man am Ende angelangt – beim Waldrapp übrigens – seufzt man innerlich ein wenig, denn es war ein echtes Lesevergnügen und man hätte direkt Lust, noch ein bisschen weiter zu schmökern. Vogelarten jedenfalls gäbe es noch zur Genüge.

Datenblatt

Titel: Schräge Vögel. Begegnungen mit Rohrdommel, Ziegenmelker, Wiedehopf und anderen heimischen Vogelarten
Autor: Uwe Westphal
Illustrator: Christopher Schmidt
Einband: gebundene Ausgabe, 192 Seiten
Auflage: 2., Ersterscheinung: 15.04.2015
Verlag: pala-verlag
ISBN: 978-3-89566-342-0

Alle Abbildungen und Zitate aus: „Schräge Vögel“ von Uwe Westphal. Mit Genehmigung des pala-verlag.

Links

Schräge Vögel. Begegnungen mit Rohrdommel, Ziegenmelker, Wiedehopf und anderen heimischen Vogelarten
Mit Leseprobe (bei Thalia.de)

Homepages von Autor und Illustrator
www.westphal-naturerleben.de
www.naturillustrationen.de

Verlag
www.pala-verlag.de

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