Der Große Garten in Dresden

Von oben betrachtet erinnern die 1,8 Quadratkilometer des Großen Garten an den New Yorker Central Park: rechteckig, von einem Häusermeer umschlossen und mit einer reizvollen Mischung aus Wald, Teichen und Wiesen. Obwohl ich einige Jahre meines Lebens in Dresden gelebt habe, bin ich in all der Zeit nie auf die Idee gekommen, dass inmitten der sächsischen Landeshauptstadt ein kleines Vogelparadies liegt.

Der Große Garten wird gerne als „Grüne Lunge“ bezeichnet, aber insgesamt ist die Elbmetropole eine recht naturnahe Stadt. Dresden verfügt über zahlreiche innerstädtische Grünflächen, Parks und Flussauen, umschlossen von den bewaldeten Elbhängen und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stadtwald Dresdner Heide. Der Große Garten ist der größte Park im Stadtgebiet.

Der Carolasee mit dem Carolaschlösschen an der Südseite des Parks bildet die größte Wasserfläche. Im See befinden sich mehrere Inseln, die gerne von Wasservögeln als Brutversteck genutzt werden. Am Südende der Querallee gibt es einen Ruderbootverleih.
Der Park

Wie ein Mosaik aus unberührter Wildnis und Landschaftsgarten wechseln sich im Großen Garten auch Natur und Kultur harmonisch ab. Neben uralten Bäumen – sogenannte Habitatbäume, an denen der Zahn der Zeit schon nagt – findet man hier auch Staudengärten, barocke Beetanlagen, Wäldchen, Wiesen, Wasserflächen, Brücken, Dickichte, jede Menge alte Eichen, Linden und Buchen, aber auch Kiefern und Tannen. Totholz darf unter einer gewissen Kontrolle, da sich doch einiges Volk im Park bewegt, sein Dasein bis zum Ende fristen. Dazwischen Brunnen, Skulpturen, die Parkeisenbahn, das Gebäudeensemble rund um das zentral gelegene Palais, sowie die Torhäuser und die Pikardie an den Enden der Hauptmagistrale.
Im Osten liegt die Freilichtbühne „Junge Garde“, eine  Open-Air-Bühne für Pop-, Rock- und Klassische Musik – aus ornithologischer Sicht vermutlich kein unbedingter Vorteil.

Doch man darf den innerstädtisch lebenden Vögeln durchaus zutrauen, dass sie sich mit dieser Situation arrangiert haben. Ebenso wie mit der Futterquelle Zoo und dem immer präsenten Menschen. Es muss wohl so sein, denn anders ist die Artenvielfalt auf diesem begrenzten Raum kaum zu erklären. Der Verein Sächsischer Ornithologen e.V. spricht auf seiner Homepage von 158 beobachteten Arten seit 1885.

Die Herkulesallee ist eine der beiden Parallelmagistralen zur Hauptallee. Sie führt im nördlichen Teil des Parks vorbei am Hauptbahnhof der Parkeisenbahn, dem Botanischen Garten und der kleinen Puppentheaterbühne „Sonnenhäusel“, dem Stauden- und dem Dahliengarten sowie dem Neuteich bis zur Karcherallee im Osten.

Tatsächlich gibt es im Großen Garten ganz unterschiedliche Biotope, wenn auch eher im Miniaturformat. Die Mischung aus Wald und Wiesenflächen (die sichtbar von Maulwürfen und Schermäusen bevölkert sind) bieten Greifvögeln und Eulen einen idealen Lebensraum. Mäusebussard und Waldkauz gehören daher zu den ganzjährigen Bewohnern des Parks.

Die Südallee, hier der Bereich zwischen Carolasee und Palaisteich, mündet weiter westlich in die Hauptallee und führt somit nicht vollständig durch den Park. Der mittlere Teil ist umgeben von lichten, hohen Baumbeständen und dichteren Wäldchen.
Der Mäusebussard lässt sich hier beobachten.

Die beiden Teiche, Carolasee und Neuteich, die durch einen Kanal miteinander verbunden sind und vom Kaitzbach gespeist werden, bieten Wasservögeln einen Lebensraum. Im Frühjahr tritt der Kaitzbach mitunter über die Ufer und flutet die niedriger gelegenen Wald- und Wiesenflächen. Dann verwandeln sich Teile des Parks in einen Auwald. Es wird für einige Tage menschenleer darin. Vor einigen Jahren erlebte ich den überfluteten Südostteil des Parks, in dessen Senken sich bis zur Hauptmagistrale das Wasser angestaut hatte. Enten zogen in den Wäldchen ihre stillen Bahnen – ein märchenhafter und auch heilsamer Anblick, wie schnell wir als Menschen mitunter weichen müssen und die Natur sich ihren Teil zurückholt.

Die Parkeisenbahn dreht ihre Runden südlich der Hauptmagistrale. Das rund sechs Kilometer lange Streckennetz verfügt über diverse Haltepunkte und Bahnhöfe, von denen aus sich der Park erkunden lässt. Die halbstündige Rundfahrt der seit 1950 bestehenden Liliputbahn ist von April bis Oktober möglich.
Vogelbeobachtung

Wochentags, wenn rings um den Park die Stadt lärmt und ihr Brausen bis in die Magistralen in der Parkmitte durchsickert, ist es im Großen Garten recht leer. Ein paar Jogger, ein paar Kita-Gruppen, ein paar Senioren. Es ist zwar auch immer jemand da, der fegt, sägt, säubert oder restauriert, aber es ist nun mal ein Stadtpark. Dafür erlebt man eine grandiose Akustik aus den Baumwipfeln. Wer Vogelstimmen studieren und trainieren möchte, kommt hier vor allem im Frühjahr ganz bestimmt auf seine Kosten und wird in der Regel auch mit der Sichtung des Sängers belohnt. Besonders gut empfinde ich das akustische Erlebnis im Nordteil des Großen Garten zwischen Botanischem Garten und Neuteich bis hin zur Hauptallee weiter südlich. Hier besteht der Park aus Wald von Eichen, Buchen und Ahorn.

Laut Besucherordnung des Großen Gartens dürfen Wege nicht verlassen und die Grünflächen mit Ausnahme einer Liegewiese nicht betreten werden. Aber es kommt schon vor, dass an Sommerwochenenden halb Dresden im Park ist und auf den großen Wiesen sitzt, picknickt, liest, spielt, entspannt. Es wird Musik gehört (was auch nicht gestattet ist) und Hunde tollen über den Rasen (was sie eigentlich ausschließlich an der kurzen Leine dürften). Es soll hier aber keinen Aufruf zum Boykott der Parkordnung geben. Alle Vogelbeobachtungen können mit einfacher Ausrüstung (Fernglas, Kamera mit Teleobjektiv) problemlos von den Wegen aus erfolgen. Selbst ein Spektiv ist nicht wirklich notwendig.

Von den meisten Barockanlagen aus dem 17. Jahrhundert ist heute nichts mehr zu sehen. Immer wieder wurde der Garten durch Kriege verwüstet, zerstört und im Zuge des Wiederaufbaus umgestaltet. Auch aus Kostengründen, und weil es in Mode kam, rückten zunehmend Elemente der englischen Landschaftsparks in den Fokus der Gärtner. Weite Wiesen, wie hier am Zoo, wechseln sich mit Hainen und Baumgruppen.
Mosaikbrunnen
Vogelbeobachtungen im Winter

Häufige Arten sind Buntspecht, Grünspecht, Buchfink, Kohlmeise, Blaumeise und Kleiber, aber auch Misteldrossel, Eichelhäher, Wald- und Gartenbaumläufer, Kernbeißer und Gimpel sind mit etwas mehr Geduld zu finden. Rund um das Palais hat der Mäusebussard sein Revier. Neben Höckerschwan und Stockente lassen sich Graureiher, Mandarinenten, Lachmöwen oder im Winter die Gänsesäger an den Teichen beobachten. Auch Rotkehlchen, Tannenmeisen und Buchfinken sind dauerhafte Anwohner der Parklandschaft.
Es gibt Mitmenschen, die während der kalten Jahreszeit an verschiedenen Stellen im Park Futterstellen pflegen. Leider bestehen diese sehr oft aus Meisenknödeln in Plastiknetzen, welche an Bäumen aufgehängt werden. Dort versammeln sich regelmäßig unterschiedliche Vogelarten und bedienen sich wenig schüchtern am Futter. Aber auch Eichhörnchen sind hier zum Teil sehr zutraulich und holen sich zur Freude der Kinder auch schon mal eine Haselnuss persönlich ab, um sie irgendwo in der Umgebung zu vergraben.

Eine der populärsten Futterstellen befindet sich in der Staudenanlage nordwestlich vom Sommerpalais. Umgeben von Hecken und Rhododendren bietet der Platz zu jeder Jahreszeit einen geschützten Ort und ist bei Mensch und Tier bekannt.
Vogelbeobachtungen im Frühjahr und Sommer

Mit zunehmender Belaubung wird die Beobachtung schwieriger. Nun aber kehren auch die Sommervögel zurück. Hat man die Stadt mental erst einmal hinter sich gelassen und ist eingetaucht in die Abgeschiedenheit des Parks, kann man ab Januar bereits die ersten Revierrufe von Kleiber, Grünspecht und Buntspecht hören. Der helle Ruf des Mäusebussards vermischt sich mit den Krächzern der Nebelkrähen, dem Schwatzen der Eichelhäher und dem unermüdlichen Schnalzen der Kohlmeisen. Einige Wochen später erklingt dann der Gesang der Buchfinken, Waldbaumläufer und der Mönchsgrasmücke. Bewohner wie Bachstelzen, Grauschnäpper und Klappergrasmücke ziehen in die Brutreviere. In den Dickichten, besonders in Palaisnähe kann man das Sirren der Sommergoldhähnchen hören und mit etwas Glück die kleinen, unglaublich flinken Vögelchen entdecken.

Bei einem Rundgang durch den Großen Garten lohnt es sich, die breiten Alleen zu verlassen und kleine Wege und Pfade zu beschreiten. Dabei entdeckt man nicht nur so manch lauschiges Plätzchen, sondern auch seine heimlicheren Bewohner wie die Baumläufer.

Viele Vögel sind nicht scheu. Oft erlebe ich, dass Kleiber, Meisen und sogar Rotkehlchen und Buntspechte auf mich zukommen, sich vor mich stellen und mich von unten herauf anschauen. Einer Mönchsgrasmücke konnte ich mich auf drei Meter nähern, während sie mir ihre Sangeskünste demonstrierte. Enten und Gänse watscheln recht unbekümmert über die Gehwege. Die Grünspechte lassen sich in ihrer emsigen Tätigkeit nur selten stören und so kann man sie recht nah dabei beobachten, wie sie Ameisennester ausgraben oder energisch die Rinde der Bäume bearbeiten. Die Buchfinken schnüren über die Wege, picken hier und da und dort etwas und flattern nur kurz auf, um gleich darauf zurückzukehren und ihre Dinge zu verrichten. Ab April tuckern auch die schillernden Stare wieder in unruhigen Trupps über die Wiesen.

Dennoch gibt es auch einige sehr heimliche Bewohner des Parks wie der Waldkauz, die sich nur schwer finden lassen ohne fachkundigen Rat. Eine Exkursion durch den Park, bei der die Vogelarten des Großen Garten im Mittelpunkt stehen, bietet die Fachgruppe Ornithologie des NABU immer im Mai an.

Den Neuteich und den Carolasee verbindet ein befestigter Kanal. Verschiedene Entenarten, Graugänse, aber auch Graureiher lassen sich hier beobachten. Es gilt ein Fütterungsverbot, worauf durch ausführliche Hinweisschilder aufmerksam gemacht wird, um Fehlernährung der Tiere und Eutrophierung der Gewässer zu verhindern.
Freizeit im und um den Großen Garten

Der Große Garten bietet hervorragende Bedingungen für eigenständige ornithologische Erkundungen. Das Areal lässt sich im Verlauf von drei bis vier Stunden einmal gemütlich durchschreiten und bietet dabei zahlreiche Beobachtungsmöglichkeiten. Wer intensiver beobachtet wird aber schnell feststellen, dass der Große Garten auch nach vielen Stunden noch aufregend ist.

Es ist kein Problem, einen ganzen Tag im Park zu verbringen, auch weil es genügend Möglichkeiten für Zerstreuung und Verpflegung gibt.
Ein Abstecher in den Botanischen Garten im Nordosten des Geländes ist lohnenswert, allein wegen der Zwergwachteln im Großen Tropenhaus.
Im Carolaschlösschen oder der Torwirtschaft im Torhaus am Westende der Hauptmagistrale kann man (nicht ganz so preiswert) speisen. Eine Alternative bietet das Sommercafé am Palaisteich. Im Sommer laden die Parkeisenbahn sowie das Puppentheater an der Herkulesallee zum Zeitvertreib ein.
Schließlich wäre da noch der Zoo am südwestlichen Rand des Gebietes auf der Tiergartenstraße, allerdings muss man für dessen Besuch schon ein paar Stunden einplanen.

Parken und Öffentlicher Nahverkehr

Parkmöglichkeiten bieten sich auf der südlich vom Park gelegenen Tiergartenstraße, entweder auf dem kostenpflichtigen Zooparkplatz, oder etwas weiter östlich Richtung Karcherallee am Straßenrand. Auch westlich vom Park, am Hygienemuseum ist ein kostenpflichtiger Parkplatz. Auf der Nordseite, etwa in Höhe des Botanischen Gartens, hat man wochentags auf der Comeniusstraße (einer Parallelstraße der Stübelallee am Großen Garten) recht gute  Chancen auf einen kostenfreien Parkplatz.

Die Tramlinien 1, 2, 9, 10 und 13 halten unmittelbar rings um den Großen Garten, an insgesamt acht Stationen. Günstige Haltestellen sind Georg-Arnhold-Bad  (Linien 10 und 13), Querallee  (Linien 9 und 13) sowie Lipsiusstraße (Linien 1 und 2).

Die weiten, offenen Wiesenflächen (hier an der Tiergartenstraße östlich vom Carolasee) bieten die für Landschaftsgärten typischen Sichtachsen. In diesem Winkel des Großen Garten kann man den markanten Ruf des Grünspechts hören. Die großen Spechte sind mit etwas Übung recht leicht zu beobachten.
Die Karte enthält Informationen zum Großen Garten und bietet einen Vorschlag für einen Rundgang. Die aufgelisteten Vogelarten beziehen sich auf meine persönlichen Beobachtungen. Andere Menschen werden mehr oder weniger Arten bei einem Rundgang entdecken, auch in Abhängigkeit von Tages- und Jahreszeit. Eine Sichtungsgarantie gibt es naturgemäß nicht.

Hier als PDF zum Download: Karte – Großer Garten Dresden (4,25MB)

Eine Fotogalerie auf meiner Facebook-Seite zeigt meine bisherigen Sichtungen im Großen Garten.

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Homepage des Großen Garten (Schlösserland Sachsen)
Informationen zur Geschichte und der Ornithologie des Großen Garten (Homepage des Vereins Sächsischer Ornithologen e.V. )

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